Thomas Manns Der Zauberberg entfaltet im abgeschlossenen Mikrokosmos eines Davoser Sanatoriums die geistige und politische Vorkriegskrise Europas. Der junge Hans Castorp besucht seinen Vetter nur für drei Wochen und bleibt sieben Jahre, während Krankheit, Zeitdehnung, Eros, Tod und ideologische Versuchung seine Bildung prägen. In ironisch-reflexiver Prosa verbindet Mann Entwicklungsroman, Zeitroman und philosophischen Diskurs; die Gespräche zwischen Settembrini, Naphta und anderen Figuren machen das Werk zu einer vielstimmigen Diagnose der Moderne. Thomas Mann, 1875 in Lübeck geboren, schrieb den Roman vor dem Hintergrund eigener Sanatoriumserfahrungen seiner Frau Katia und der Erschütterungen des Ersten Weltkriegs. Als Autor zwischen bürgerlicher Herkunft, künstlerischer Selbstbefragung und europäischer Geistesgeschichte erkundete er hier die Gefährdungen einer Kultur, die zwischen Aufklärung, Ästhetizismus, Nihilismus und autoritären Verlockungen schwankt. Der Zauberberg wurde so zum Ausdruck seiner Wandlung vom unpolitischen Künstler zum wachsamen Analytiker der Zeit. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Literatur als intellektuelles Abenteuer begreifen. Wer bereit ist, Manns Genauigkeit, Ironie und gedankliche Tiefe zu folgen, begegnet einem der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts: anspruchsvoll, sinnlich, komisch und beunruhigend aktuell.
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Doppelter Zauber
Wenn es einen Text Thomas Manns gibt, mit dem er sich den Beinamen „Zauberer“ verdient hat, dann ist dies zuvorderst seine Novelle „Der Tod in Venedig“. Der Zauber wirkt hier doppelt: auf den Helden und auf den Leser.
Die Verwandlung Gustav von Aschenbachs vom pflichtbesessenen, an Ruhm, Ehre und Willensstärke orientierten Großkünstler, steif, unnahbar, auf Etikette bedacht, allem Sinnlichen abhold, zum pflichtvergessenen, willenlos-triebgesteuerten Lüstling, der sich schminken und die Haare färben lässt, und der seine Tage damit verbringt, dem Objekt seiner Begierde durch Venedig nachzusteigen - diese Wandlung ist Ergebnis einer Verzauberung. Verzaubert wird er von Tadzio, einem Knaben, der „vollkommen schön“ ist, „von so einmalig persönlichem Reiz“, dass er überzeugt ist, „weder in Natur noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben“. (S. 42)
Und es ist ganz große Kunst, wie der Zauber geschildert wird, der von diesem Knaben auf den älteren Herrn ausgeht, wie ein anfänglich scheinbar „interesseloses Wohlgefallen“, eine „fachmännisch kühle(n) Billigung“ (S. 48) des reinen Schönen schrittweise umschlagen in Verzücken, Verliebtheit, Besessenheit; wie eine anfänglich harmlos-heitere Stimmung zunehmend ins Bedrohlich-Düstere umschlägt.
Wie das im Einzelnen dramaturgisch und sprachlich subtil gemacht ist, wie es Thomas Mann gelingt, auch den Leser in einen erzählerischen Zauberbann zu schlagen, dazu sind extrem hilfreich die erläuternden Anmerkungen und das kluge Nachwort des Herausgebers dieser Ausgabe, Hanns Frericks.
Aber das ausführliche Nachwort hilft nicht nur beim Erkennen, Verstehen und Genießen der Novelle als Kunstwerk, ihrem Bau und reichen Motivgeflecht, ihrer Rhetorik, Symbolik und Semantik. Es gibt auch ergiebig Antwort auf die Frage, was den Autor zu dieser Novelle bewogen hat, wie erfahrungsgesättigt der Text ist und wie es ihm gelingt, immerhin zur Endzeit des deutschen Kaiserreichs, einen Text, der von homoerotischer Liebe, ja, von Pädophilie handelt, zu publizieren, ohne einen literarischen Skandal zu provozieren.
Vor allem aber öffnet das Nachwort die Augen des Lesers für all jene Facetten der Novelle jenseits der Geschichte einer unglücklichen, verbotenen Liebe. Denn es geht auch hier um die Dialektik von Künstler und Bürger, um den Umschlag vom Sokratischen zum Dionysischen, um eine Theorie des unbedingten Schönen, um Theorie und Praxis der Ästhetik und der Moral. Es geht, wie stets in großer Literatur, um Eros und Thanatos. Und schließlich spielt im Hintergrund selbst das Politisch-Ökonomische eine Rolle, wenn die administrative Verschleierung der sich ausbreitenden Seuche aus kommerziellen Gründen im wahrsten Wortsinn über Leichen geht.
Diese Ausgabe der Novelle „Der Tod in Venedig“ ist nicht zuletzt besonders zu empfehlen, weil sie handwerklich schön gemacht ist: mit Leineneinband, Titelvignette, Bildern und einer erhellenden Zeittafel.
Wow!
Beat (also schnon Ü55) aus Meilen am 25.08.2025
Bewertungsnummer: 2576580
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich verstehe nicht, wieso Thomas Mann den Nobelpreis nicht für dieses Buch bekommen hat, sondern für Buddenbrooks. Denn dieses Buch ist ein Meisterwerk. Ich habe es auf meiner Neuseeland-Reise gelesen, in einsamen Berghütten fünfzehn Seiten gelesen und danach zwei Stunden meinen Gedanken nachgehangen. Und das mit einem Buch, das vor hundert Jahren erschienen ist!
Meinung aus der Buchhandlung
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2025 ist das Thomas- Mann- Jahr. "Der Zauberberg" wurde vor 100 Jahren veröffentlicht und sein Schöpfer vor 150 Jahren geborgen. Nutzen Sie die Gelegenheit, eines der größten Werke der deutschen Literatur neu zu entdecken und erfreuen Sie sich an der einzigartigen Kunst seiner Sprache. Trauen Sie sich, es ist gar nicht so schwer!
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Für mich das Buch, das ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde. Gehört definitiv nicht zu den Büchern, die man im Leben einmal gelesen haben sollte.. Sondern mehrmals!
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