Maryam ist 13 Jahre alt. Die Teenagerjahre durchlebt sie in Wut, Wut auf die Langeweile im Pariser Vorort Drancy, wo sich ihre aus dem Iran stammenden Eltern mit ihr niedergelassen haben. Wut auf die Angriffe gegen ihren widerspenstigen Körper, den sie gern eintauschen würde. In inneren Auseinandersetzungen spielt sie Möglichkeiten durch, auszureißen. Sich einer der großen Schulen anzuschließen, die eine Zukunft ermöglichen, und somit den »Königsweg« der Bildung einzuschlagen, wie ihr Onkel Massoud es ihr rät. Das Pariser Edelgymnasium Lycée Fénelon ist die Eintrittskarte zu einer Ecole Normale Supérieure. Wird das Gras dort wirklich grüner sein?
Maryam steht als Figur stellvertretend für eine Grenzgängerin. Für ihr Bemühen, sich zu verändern und sich dabei gleichzeitig die Treue zu halten, hat die Autorin eine bezaubernde Sprache gefunden, die Witz und Ironie nicht entbehrt, aber dabei keine Krise auf die leichte Schulter nimmt.
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Wow - grandioses Buch der Prix Goncourt Preisträgerin 2017!
„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, war das Dazwischensein. Das Versteckspiel mit Etiketten, Identitäten, Rollen.
Eine gute Schülerin, aber befreundet mit den Versagern.
Ein Banlieue Mädchen, aber ständig in Paris unterwegs.
Eine sich entwickelnde Frau, aber in Jungsklamotten. […]
Dort sein, wo man mich nicht erwartet. Nicht dort sein, wo ich erwartet werde. Nie festgelegt , immer knapp daneben, ein treibendes Boot, das nicht weiß, wo es anlegen soll, das vergeblich dem Gesang der Sirenen folgt, den ich irgendwo in meinem Kopf selbst komponiert habe. […]
Odysseus ist wieder da. Zwischen Abreise und Anreise bin ich im Glauben, der Ödnis zu entfliehen, lediglich mir selbst entflohen.“
Einen autofiktionalen Roman hat Maryam Madjidi mit „Eine feine Linie“ verfasst, der von dem Aufwachsen einer Figur namens Maryam (wie der Name der Autorin) und des Tücken des elitären Bildungssystems erzählt, durch das sie sich als Migrantin mehr schlecht als recht kämpfen muss, denn bereits ihr Wohnort Drancy in Frankreich ist mit Vorurteilen behaftet, da er sich inmitten der Banlieue befindet. Geboren wurde die Autorin im Iran, in Teheran, und als Sechsjährige flüchtete sie gemeinsam mit ihrer Familie zunächst nach Paris.
Unsere Ich-Erzählerin Maryam hadert nicht nur mit ihrer Identität und ihrer gesellschaftlichen Rolle als Ausländerin, sondern auch mit ihrem Aussehen. Vor allem ihre Haare bereiten ihr Kopfzerbrechen und sie kämpft mit deren Struktur.
„Es war eine Qual, der ich mich freiwillig unterzog. Warum? Weil ich 13 war und aussehen wollte wie Brenda in Beverly Hills. Weil ich diese Kanakenwolle verabscheute, die meine ferne Herkunft verriet. Alle Rauheiten, Unebenheiten, jede Art von Rumpeligkeit der Ausländerin, für die dieses Haar der Inbegriff war, wollte ich abschleifen, glätten, polieren.“
Aber nicht nur das, auch der vermehrte Haarwuchs an Stellen, die sie sich als Frau lieber unbehaart wünscht tritt nun in der Pubertät vermehrt zu Tage.
„Auf einen Mund wie meinen Lippenstift aufzutragen war völlig undenkbar. Wie würde das aussehen? Wie ein Mann, der sich als Frau ausgibt? Beides zugleich? Wie eine missratene orientalische Androgyne? Dieser Damenbart konterkarierte meine entstehende, noch scheue Weiblichkeit, war ein Hemmschuh für meine sexuelle Entfaltung. Er musste weg. Ich war inzwischen fast 14 und wollte eine Frau sein.“
Mit der folgenden Rasur entdeckt sie sich selbst ganz neu, erlebt sie als Erweckungserlebnis und sieht sie als eine Art Neugeburt an, die ihre Libido wachsen lässt.
Nun kommen wir zu der Passage bzw. dem Umstand, auf den der Romantitel „Eine feine Linie“ zurückzuführen ist.
„So, wie ich gleichzeitig Französin und Iranerin war, und im Grunde keines von beiden. Dieses Dazwischen, dieser changierende, wabernde, unentschiedene Zustand machte mich verrückt. Ich war 16 und brauchte eine klare Trennlinie.“
Maryam struggelt mit ihrer eigenen Identität und Kultur, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig und ersehnt sich eine klarere Abgrenzung - aber eine feine Linie ist das, was sie abgrenzt von einer Französin zur Iranerin, denn sie vereint beide Kulturen in sich.
Auch gesellschaftlich fällt es ihr schwer sich zu positionieren, bzw. sich mit ihrer sozialen Rolle zu identifizieren und so macht sie ihren Vater in Gesprächen gerne vom Bauarbeiter, der er ist, gerne mal zum prestigeträchtigeren Innenarchitekten und ihre Mutter, eine Pflegehelferin, zur studierten Krankenschwester.
Maryam ist besonders intelligent und so darf sie auf eine Schule für speziell Begabte wechseln, allerdings auch nur aufgrund einer Quote, für die sie die Kriterien als Migrantin erfüllt, eigentlich ist diese Art Bildung den finanziell besser gestellten vorbehalten. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal angekommen, denn hier verspürt sie Dank feinfühliger Lehrer, die sich ihr annehmen, Lust aufs Lernen und Weiterkommen, trotz ihrer sozialen Herkunft. Noten sieht sie lediglich als Mittel zum Zweck um irgendwann auf die andere Seite der Pariser Ringautobahn zu gelangen und teilt somit freigiebig ihre Lösungen und Hausaufgaben mit anderen Schülern.
„Ich war eine Robin Hood des Schulwesens. Eine Kommunistin des Wissens. Ich gab großzügig ab, verteilte es an jene, die es nötig hatten.“
Sie flüchtet sich gerne in Literatur, lebt in ihren Büchern und überträgt die Geschichten in Situationen ihres Lebens.
„Es war, als wäre ich in Zolas Totschläger oder in Hugos Elenden gelandet. Damals verschlang ich gerade die realistischen und naturalistischen Romane des 19. Jahrhunderts, und dies hier vor mir war die lebendig gewordene Lektüre.“
Ich könnte noch lange so weiterschreiben, noch viel mehr Zitate in meine Rezension einfügen, denn es gibt in diesem Buch unglaublich viele zitierungswürdige Stellen. Aber nun mache ich Schluss und kann Euch nur raten: Lest es, denn sowohl das Werk, als auch die Autorin haben viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Für ihr Debüt „Du springst, ich falle“ bekam Maryam Madjidi 2017 den Prix Goncourt für den besten französischen Debütroman - ist klar, dass ich das Buch nun unbedingt lesen muss, oder?! Die Prix Goncourt Gewinner-Bücher haben mich bisher noch nie enttäuscht, ich freue mich drauf!
nil_liest
aus RheinMain Gebiet
5/5
27.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Linie, die Maryam nie übertreten wird.
Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, denn es geht um die jugendliche Maryam. Nicht nur der Name gleicht der Autorin, hier sind scheinbar viele sehr persönliche Elemente.
Die Jugendliche Maryam, lebt in einem Banlieue außerhalb von Paris, in Drancy. Fühlt sich aber weder heimisch noch verloren. Ein Zwischen-den-Stühlen-sitzen und ihre Eltern, auch fremd hier in Frankreich sind keine Hilfe die sozialen Codes zu knacken. Ihr wird der Wunsch eingepflanzt sich um einen Studienplatz an einer der Elite-Universitäten zu bemühen, heißt also erst einmal bewerben um die Vorbereitungsklasse. Und es klappt! Aber wie es schon hinten der Buchrücken verrät: Ein Quotenplatz, da sie aus den Banlieues kommt. Hart, aber wahr.
Die Wut kocht aus mehreren Gründen und sie schwimmt sich frei und findet sich selbst.
Auch wenn der Stoff hart klingt und eine Realität abbildet, die es genauso in Frankreich gibt, sind die etwas mehr als 200 Seiten eine unterhaltsame und gute Lektüre. Sogar witzig ist sie an manchen Stellen! Wirklich gelungen und lesenswert!
nil_liest
aus Frankfurt
5/5
27.02.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Linie, die Maryam nie…
Eine Linie, die Maryam nie übertreten wird. Maryam Madjidi hat mit ihrem Debüt, dass ich leider noch nicht gelesen habe, „Du springst, ich falle“ den renommierten Prix Goncourt gewonnen. „Eine feine Linie“ ist wohl der Folgeroman dieser Fluchtgeschichte, denn es geht um die jugendliche Maryam. Nicht nur der Name gleicht der Autorin, hier sind scheinbar viele sehr persönliche Elemente. Die Jugendliche Maryam, lebt in einem Banlieue außerhalb von Paris, in Drancy. Fühlt sich aber weder heimisch noch verloren. Ein Zwischen-den-Stühlen-sitzen und ihre Eltern, auch fremd hier in Frankreich sind keine Hilfe die sozialen Codes zu knacken. Ihr wird der Wunsch eingepflanzt sich um einen Studienplatz an einer der Elite-Universitäten zu bemühen, heißt also erst einmal bewerben um die Vorbereitungsklasse. Und es klappt! Aber wie es schon hinten der Buchrücken verrät: Ein Quotenplatz, da sie aus den Banlieues kommt. Hart, aber wahr. Die Wut kocht aus mehreren Gründen und sie schwimmt sich frei und findet sich selbst. Auch wenn der Stoff hart klingt und eine Realität abbildet, die es genauso in Frankreich gibt, sind die etwas mehr als 200 Seiten eine unterhaltsame und gute Lektüre. Sogar witzig ist sie an manchen Stellen! Wirklich gelungen und lesenswert!
yellowdog
5/5
30.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
starkes Buch
Wie schon ihr erster, preisgekrönter Roman Du springst, ich falle ist auch Eine feine Linie ein starkes Buch. Es ist offensichtlich stark autobiografisch gefärbt.
Seine Stärke nimmt der Roman aus der Erzählstimme. Maryam erzählt von ihrem Leben und Empfindungen als 13jährige in Drancy. Sie und ihre Familie stammen aus dem Iran. Sie ist eigentlich inzwischen eine normale, französische Schülerin, und doch gehört sie manchmal irgendwie nicht ganz dazu. Es ist eine feine Linie, die sie trennt. Sie erzählt intensiv. Als Leser kann man sich dem nicht entziehen und ist nah an der Figur dran.
Bei all der Wut, die die Jugendliche manchmal in sich hat, gibt es auch eine Spur Ironie, auch Selbstironie. Daher ist es kein hoffnungsloser oder humorloser Roman.
Maryam Madjidis erzählerische Stärke umfasst auch kleine Porträts von ihren Mitschülern und Verwandten. Das hat mir außerordentlich gut gefallen. Ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann.
Lea
4/5
12.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
So wichtig!
In "Eine feine Linie" begleiten wir die 13-jährige Maryam, die mit ihrer Familie aus dem Iran nach Frankreich geflohen ist. In Drancy, einem trostlosen Vorort von Paris, erlebt sie die Herausforderungen des Aufwachsens zwischen zwei Kulturen. Maryam fühlt sich fremd – ihr Körper, ihre Herkunft und ihre Kleidung unterscheiden sie von ihren französischen Mitschüler:innen. Die Teenagerjahre sind geprägt von Wut, Selbstzweifeln und dem unermüdlichen Wunsch, gesellschaftliche Akzeptanz durch Bildung zu erlangen. Ihr Weg führt sie schließlich auf das Lycée Fénelon, eine angesehene Eliteschule, die sie aus ihrem sozialen Umfeld herauskatapultieren soll – doch auch hier prallen ihre Erwartungen und die Realität schmerzhaft aufeinander. ✏️
Maryam Madjidi erzählt die Geschichte mit einer klaren Sprache, die Witz und Ironie ziemlich gut mit tiefgründigen Themen verknüpft. Die episodenhafte Struktur ermöglicht es, verschiedene Facetten von Maryams Leben einzufangen – von schmerzhaften Momenten bis zu hoffnungsvollen Augenblicken. Besonders eindrucksvoll fand ich die Passagen, in denen die erwachsene Maryam reflektierend zu Wort kommt. Diese Perspektivwechsel verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe und haben mich zum Nachdenken über Themen wie Identität, Integration und gesellschaftliche Ungleichheit gebracht. ️✨
Maryam ist eine vielschichtige Protagonistin, deren Gedankenwelt und innere Konflikte realistisch und berührend dargestellt werden. Ihre Wut, ihr Ehrgeiz und ihre Selbstzweifel machen sie nahbar und glaubwürdig. Einige Charaktere, insbesondere aus ihrem Umfeld an der Eliteschule, bleiben leider etwas blass.
Diese Coming-of-Age-Geschichte setzt sich zentral mit den Themen Migration, Klassismus und Körperbild auseinander. Während der erste Teil des Romans, der Maryams Kindheit und Jugend in Drancy schildert, gut ausgearbeitet ist, wirkte der Übergang zu ihrer Zeit an der Eliteschule etwas gehetzt. Hier hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht, um die Diskrepanz zwischen Maryams Erwartungen und der Realität noch stärker mitfühlen zu können. ️
Der Roman hat mich nachdenklich gestimmt und mir einmal mehr vor Augen geführt, wie prägend Herkunft und soziale Umstände für den Lebensweg eines Menschen sein können. Maryams Kampf um Selbstakzeptanz und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft sind Aspekte, die mich wirklich berührt haben. Besonders die Reflexionen der erwachsenen Maryam haben bei mir nachgeklungen, da sie eine Verbindung zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlichem Kontext herstellen. ❤️
Fazit: Auch wenn einige Passagen etwas oberflächlich bleiben, hinterlässt die Geschichte einen bleibenden Eindruck. Das Buch empfehle ich Leser:innen, die sich für Geschichten über Migration, Identität und gesellschaftliche Ungleichheit interessieren – oder einfach für alle, die einen Blick in die Lebenswelt einer jungen Frau zwischen zwei Kulturen werfen möchten. ⭐⭐⭐⭐
Danke an HarperCollins für das Rezensionsexemplar.
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