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Schmerz ist eine menschliche Ur-Erfahrung und das Symptom, das Menschen am häufigsten zum Arzt treibt. Mehr als 16 Millionen Deutsche leiden unter andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Doch die Schmerzmittel, die ihnen verordnet werden, haben mitunter schwere Nebenwirkungen und helfen nicht immer. Die Lösungsvorschläge der Pharmaindustrie und der Biomedizin erweisen sich zunehmend als Sackgasse. An ihre Stelle sind Neurobiologen, Psychologen und Soziologen getreten, die einen neuen Blick auf das Phänomen Schmerz erlauben. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist Dr. med. Harro Albrecht, Jahrgang 1961, führt ebenso spannend wie erkenntnisreich durch die Welt des Schmerzes. Er spricht mit Medizinern, mit Natur- und Geisteswissenschaftlern, mit Leidenden, mit Hoffnungsvollen, mit lustvollen Schmerzgenießern und mit Verzweifelten. Sein Resümee: Schmerz ist weit mehr als eine körperliche Empfindung. Schmerz besitzt auch eine gesellschaftliche Dimension und erzählt von unserem Geist-Körper-Verhältnis ebenso wie von kulturellen Prägungen und religiösen Wertorientierungen. Diese Erkenntnis macht Mut: Linderung ist möglich. Aber wir müssen lernen, anders mit Schmerzen umzugehen.
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Autor Harro Albrecht hat aufgrund seiner eigenen Gesundheitsgeschichte Erfahrungen mit intensiven Schmerzen gemacht. Er sieht in Schmerz nicht nur einen Feind des Menschen, sondern auch einen Lehrmeister. Deutlich wird das bei denjenigen, die aufgrund eines Gendefektes keine Schmerzen empfinden können. Die Auswirkungen sind so extrem, dass ein gesellschaftliches Leben nicht mehr möglich ist.
Die Bekämpfung von Schmerz auf Basis eines rein materiellen Konzeptes führt in die Sackgasse. "Werden Schmerzmittel zu oft eingenommen, lösen sie selbst Schmerz aus." Gegen chronische Schmerzen helfen auf Dauer nur die wenigsten Medikamente. Dagegen besteht die Gefahr, an einer Überdosis legaler Schmerzmittel zu sterben, wie statistische Analysen nahe legen.
Albrecht erläutert ausführlich die historische Entwicklung der Schmerzforschung. Mit der Trennung von Körper und Geist durch Descartes und dem Vergleich des Menschen mit einer Maschine durch La Mettrie und Regius wurde der Schmerz entmystifiziert und als rein physisches Phänomen betrachtet. Die Einheit von Leib und Seele, wie sie noch der griechische Arzt Galenos von Pergamon zugrunde gelegt hat, trat in den Hintergrund.
"Wer ohne erkennbaren Grund körperlich leidet, muss verrückt sein." Albrecht erläutert die Entwicklung von Schmerzmitteln und Narkoseverfahren im 19. Jahrhundert. Kaum vorstellbar, dass früher ohne Narkose operiert wurde. Diese Entwicklung bedeutete einen Quantensprung in der Schmerzbehandlung.
Die Aufbruchstimmung in der Medizin verflog in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als immer deutlicher wurde, dass die etablierten Konzepte zur Schmerzbehandlung auf falschen Annahmen beruhen. Ronald Melzack bringt die Situation auf den Punkt: "In diesem Moment habe ich begriffen, dass ich keine Ahnung hatte, was Schmerz wirklich ist."
Die Antwort bestand in der Gate-Control-Theorie, die dem Gehirn einen aktiveren Part zuschreibt, in dem eingehende Impulse gefiltert, ausgewählt und moduliert werden. Damit haben Gedanken, soziale Umwelt und Kultur Einfluss auf die physische Komponente des Schmerzreizes.
Dieser ganzheitliche Ansatz führte in den 1970er Jahren zur Eröffnung interdisziplinärer Kliniken für die Schmerzbehandlung. Dort wird vermittelt, dass sich Schmerz aus biologischen, psychischen und sozialen Komponenten zusammensetzt. Der Aufwand für die Behandlung ist hoch, aber er rechnet sich, wie der Autor deutlich macht.
Auf der einen Seite gibt es die Erwartung, dass es eine Pille gegen Schmerz geben muss, auf der anderen Seite reift die Einsicht, dass Schmerz ein ganzheitliches Phänomen ist. Albrecht klärt verständlich über die Zusammenhänge und Einsichten im (wechselhaften) historischen und gesellschaftlichen Kontext auf und lässt keinen Zweifel daran, dass die materielle Sicht unvollständig ist.
Das Buch ist kein Ratgeber, sondern dient eher der allgemeinen Aufklärung. Der Aufbau ist chronologisch, aber teilweise auch thematisch. Dadurch ergeben sich Wiederholungen. Die Ausführungen zur Psychologie und Hirnforschung hätten im Verhältnis zum Umfang des Gesamtwerkes ausführlicher sein können. Fallbeispiele lockern die Beschreibungen auf. Für ein typisches Fachbuch fehlen Fachsprache und Struktur, für ein typisches populärwissenschaftliches Buch ist es zu umfassend, sodass sich die Frage nach dem potenziellen Leserkreis stellt. Die Leser sollten an einer interdisziplinären Betrachtungsweise interessiert sein. Diesem Anspruch wird das Buch gerecht.
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