Heute bündeln die digitalen Medien mehr Aufmerksamkeit als alle Printmedien, Fernseh- und Radiosender zusammengenommen. Unser Leben wird digitaler, und es gibt Millionen von digitalen Angeboten, Webseiten, Plattformen, Apps. Aber wo halten sich die Leute eigentlich auf? Welchen Aktivitäten gehen sie in der digitalen Welt nach? Wie groß ist die Rolle der Big-Tech-Angebote - und wie schlagen sich die unabhängigen Anbieter im Netz? Die Vermessung des Internets gibt Aufschluss - auf einzigartige Weise übersichtlich, kompakt und zugleich präzise. Sechs Jahre nach Veröffentlichung des wegbereitenden »Atlas der digitalen Welt« gibt es nun neue auf Grundlage von Realnutzungsmessungen erstellte, ausschließlich hier zugängliche und ausgewertete Daten. Sie werden überrascht sein, wie das Internet in Wirklichkeit aussieht. »Martin Andree will Social Media als Funktionierende Kraft in der Demokratie sehen, nicht als deren Totengräber - dafür kämpft er.« ZDF.
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VolkerM
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29.06.2026
Buch (Taschenbuch)
Digitale Vielfalt ist Augenwischerei
Digitale Angebote prägen heute nahezu alle Bereiche des Alltags, doch ihr tatsächlicher Gebrauch bleibt für viele Beobachter überraschend undurchsichtig. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von wenigen globalen Plattformen, deren Dominanz bereits heute das digitale Ökosystem beherrscht.
Martin Andrees Vermessung der digitalen Welt setzt genau hier an und führt sein 2020 erschienenes Werk Atlas der digitalen Welt fort, das als Nullmessung diente. Das Jahr 2025 liefert nun Vergleichsdaten, die zeigen, dass viele frühere Erkenntnisse bestätigt und weiter ausgebaut wurden. Besonders hervorzuheben ist die methodische Besonderheit, dass sämtliche Ergebnisse auf tatsächlichen Messungen beruhen und nicht auf Umfragen oder Selbstauskünften. Dadurch gewinnt das Buch eine empirische Schärfe, die in der digitalen Marktforschung selten ist. Allerdings gibt es einen Wermutstropfen, doch dazu später mehr.
Andree zeigt, dass die reale Nettoreichweite digitaler Angebote seit 2018 von 79 auf 93 Prozent gestiegen ist, wobei vor allem ältere Nutzer diese Dynamik vorantreiben. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark sich die Nutzung auf wenige Tech-Konzerne konzentriert, obwohl die Vielzahl der Angebote im Netz eine größere Vielfalt suggeriert. Jüngere Nutzer bewegen sich fast ausschließlich innerhalb der Plattformmauern großer Anbieter und besitzen oft nur einen schwachen Eindruck davon, welche unabhängigen Inhalte jenseits dieser Ökosysteme existieren.
Das Buch analysiert detailliert, was Menschen im Internet tatsächlich tun – von Video- und Audio-on-Demand über Gaming, Social Media und Kommunikation bis hin zu Nachrichtenkonsum, Websuche, Einkaufen und Banking. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Rolle von YouTube, das sich mit enormer Reichweite und Nutzungszeit zum neuen Supermedium entwickelt und das klassische Fernsehen zunehmend ersetzt. Für Leser, die YouTube selbst nur sporadisch nutzen, wirkt diese Dominanz überraschend, aber die Datenlage ist eindeutig.
Besonders aufschlussreich ist zum Beispiel die Analyse des digitalen Nachrichtennutzungsverhaltens. Ältere Nutzer konsumieren weiterhin Inhalte von BILD, WELT oder FAZ, während jüngere Zielgruppen fast ausschließlich innerhalb von Plattformen wie Facebook oder Instagram sozialisiert werden und unabhängige Anbieter kaum direkt aufsuchen. Andree zeigt zudem, dass reine Reichweitenbetrachtungen irreführend sein können: Bei X etwa hat sich die Nutzerzahl halbiert, während die durchschnittliche Nutzungszeit pro User deutlich gestiegen ist, sodass die Plattform in der Tiefe stärker genutzt wird als zuvor.
Neu hinzugekommen ist die Betrachtung generativer KI, bei der ChatGPT als klarer Platzhirsch erscheint. Mehr als 80 Prozent der Nutzungszeit entfallen auf Textgenerierung, und auch hier dominieren US-Anbieter mit einem Konzentrationsgrad, der den übrigen digitalen Märkten ähnelt.
Die Stärken des Buches liegen aus meiner Sicht in seiner empirischen Vorgehensweise, der klaren Struktur und der Fähigkeit, komplexe digitale Zusammenhänge verständlich zu machen. Schwächen zeigen sich dort, wo neuerliche methodische Änderungen die Aussagekraft der gemessenen Daten verwässern. Technische Restriktionen wie die fehlende Erfassung von Big-Screen-Nutzung oder das nicht mehr mögliche Tracking von Apple-Endgeräten führen zu fehlenden Daten, wodurch der Vergleich zur Nullmessung erschwert wird.
„Vermessung der digitalen Welt“ bietet eine klare, datenbasierte Sicht auf die (mit Einschränkungen) tatsächliche digitale Nutzung und zeigt eindrucksvoll die fortschreitende Konzentration auf wenige Plattformen. Das Buch ist ein wichtiger Referenzpunkt, um die digitale Realität jenseits subjektiver Eindrücke zu verstehen.
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