Unter den europäischen Expressionisten, die vor dem großen Krieg 1914/18 ihr Werk entfalteten, kommt dem Norweger Edvard Munch eine Sattelstellung zu. Seine Radierungen, Lithographien und Holzschnitte gaben wohl noch stärkere Impulse auf jüngere Künstler als seine Ölstudien und Gemälde. Zu denken ist dabei an die Architekturstudenten in Dresden, die sich 1905 zu einer Gruppe vereinten, die sie im Anschluss an Friedrich Nietzsches Texte im berühmten Buch „Also sprach Zarathustra“ mit dem Begriff BRÜCKE tauften.
Durch die negativen Kritiken, welche Munch in seiner Heimat hinnehmen musste, und die Spannungen innerhalb der Christiania-Bohème begann er zunehmend nach Frankreich, Nizza und Paris, wo er bei der Gruppe der „Unabhängigen“ seine Werke zeigte, und nach Deutschland zu reisen und auszustellen. In Berlin führte 1892 seine Ausstellung im Verein Berliner Künstler wegen des Skandals, den seine Gemälde auslösten, sogar zur Gründung der „Berliner Secession“. Durch die Kontakte mit Harry Graf Kessler in Weimar, dem Augenarzt Dr. Linde in Lübeck, dem Hamburger Juristen Gustav Schiefler, der ein erstes Verzeichnis seiner Radierungen bis 1907 erstellte, und dem Fabrikanten Herbert Esche in Chemnitz erhielt das Schaffen Munchs kreative Impulse. Eine desaströse Beziehung zu der reichen bürgerlichen Tulla Larssen, die mit einem Revolver hantierte, erschütterte den sensiblen Maler nachhaltig, verstärkte seine Melancholie, ließ ihn zu viel Alkohol trinken, so dass er zwischen 1903 und 1907 in eine gravierende Krise geriet. In diesen Jahren suchte er Erholung in Thüringen, und zwar in Elgersburg, in Weimar und in Bad Kösen/Saale. Trotz seiner Situation malte er intensiv Menschen, Landschaften und zahlreiche Selbstporträts, so auch das herausragende als einsamer Weintrinker im Sommer 1906. Dieses monologische Werk steht hier im Zentrum der Erörterungen; Munch stellte es zwar aus, so besonders 1912 in Köln in der Sonderbund-Ausstellung, die ihn neben Vincent van Gogh als Vorreiter des Expressionismus feierte, verkaufte es jedoch nicht.
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Intro
Expressiv gemacht und qualitätvoll gestaltet erscheint das Werk von Prof. Dr. Dietrich Schubert (Jg. 1941) über Edvard Munch im Michael Imhof Verlag (Petersberg).
Der Autor, der sich beruflich u.a. mit der Wirkung Nietzsches, Otto Dix, Max Beckmann und Vincent van Gogh an der Universität Heidelberg befasst hat, geht nun in seinem Alters-werk feinfühlig und behutsam auf Edvard Munch als den Vorreiter des Expressionismus ein.
Es ist ein kluges kunsthistorisches Buch, das die vielen Biographien über den genialen norwegischen Maler bereichert und für interessierte Kunstliebhaber einen guten Zugang zu den wichtigsten Bildern und zum Charakter der Person von Edvard Munch liefert.
Zum Inhalt
Das 124-seitige, großformatige Buch beinhaltet einen Prolog, 11 inhaltliche Kapitel, Literaturhin-weise und Angaben zum Autor sowie ein Register mit gut 180 Verweisen auf die im Text ange-führten Personen. Die vielen wissenschaftlichen Anmerkungen zum Text (insgesamt 210) sind relevant und leserfreundlich dem Textteil zugeordnet und belegen die hohe Quellenintensität der Äußerungen.
Professor Schubert gelingt es sehr gut, die geniale Kunst von Edvard Munch einzuordnen und den Umgang mit ihr auch kritisch zu bewerten. So erwähnt er schon im Prolog die Ausstellung „Munch im Dialog“ (2022 in Wien), die nach seiner Meinung – zu Recht – „Dialoge mit Edvard Munch“ heißen müsste, weil Munch niemals mit der extravertierten britischen Künstlerin Tracey Emin (Jg. 1963) in einen Dialog getreten wäre. Auch kritisiert er die Ausstellung „Edvard Munch. Angst“ (2025 in Chemnitz) mit der aus seiner Sicht misslungenen Gegenüberstellung z.B. mit Andy Warhol und Birgit Brenner. Hierzu vermerkt er ganz im Stil von Botho Graef (s.u.):
„Die Qualität Munchs (wird) durch solches Gegenüber nur deutlich für die Betrachter, die etwas von bildnerischer Qualität verstehen, historisch denken und sich nicht von Moden des kapitalistischen Kunsthandels bevormunden lassen.“ (Anmerkung 17, S. 14/16).
Inhaltlich sieht Schubert Munch als „exzellenten Porträtist“ und als „wichtigen Landschaftsmaler“ (S. 11). Er hebt dabei die „Intensität von Munchs Interesse an der Erfassung der Psyche im Antlitz“ hervor (S. 12) und geht beim Thema Landschaft/Natur auf die sogenannte „Erdleben-Bildkunst“ (C. G. Carus) von Munch ein.
Bemerkenswert ist der detailreiche Umgang mit Informationen zum vorliegenden Bildmaterial, das Schubert geschickt ausgewählt und das der Verlag sehr prägnant in Szene gesetzt hat.
Neben den 80 hervorragenden Abbildungen im Buch muss noch angemerkt werden, dass die neue Munch-Biographie des norwegischen Historikers Ivo de Figueiredo, die seit August 2025 in deutscher Fassung im Hatje Cantz Verlag in Berlin vorliegt, leider nicht berücksichtigt wurde.
Das gleiche gilt auch für das Buch „Edvard Munch in Thüringen“, das 2023 im Verlag Vopelius in Jena veröffentlicht wurde. Darin geht Prof. Dr. Volker Wahl (Jg. 1943) auf seine Recherchen zu den drei wichtigen Munch-Jahren in Thüringen profund ein und präzisiert sogar den genauen Ort, wo das Munch-Bild „Selbstporträt beim Wein“ (er nennt es „Selbstbildnis mit Weinflasche“) im August 1906 entstanden ist. Diese Informationen hätten den vorliegenden Prachtband noch stärker abgerundet. Im Unterschied zu Volker Wahl setzt Schubert zwei Schwerpunkte, die erheblich sind: 1. die vier Frauen (Dagny, Tupsy, Tulla und Eva) und ihr Verhältnis zu Munch und 2. die Wirkung der Ideen Nietzsches in der Zeit.
In der Sache kann man Dietrich Schubert nur zustimmen: Er erwähnt, dass die Farbe bei Munch eine zentrale Rolle spielt. Auf Seite 30 heißt es: „Der Maler Munch (…) ist ganz Kolorist.“ und ein Kapitel im Buch trägt den Titel „Munchs vitaler Kolorismus“ (S. 102 ff). D.h. Munch betreibt keine „Farb-Ekstase“ (S. 36), sondern einen eigenen „modernen Kolorismus“ (S. 60) in Richtung Expressionismus.
Und zum Schluss fasst er die („Existenz-“)Kunst von Edvard Munch kompakt und kompromisslos in dem Satz „Damit ist sie genuin und unableitbar original.“ (S. 114) bestens zusammen.
Fazit
Professor Dietrich Schubert hat ein beeindruckendes Buch über Edvard Munch vorgelegt. Es überzeugt sowohl formal mit einer vorzüglichen Bild- und Gestaltungsqualität, als auch inhaltlich mit vielen Details und originellen Interpretationen. Es lohnt sich, mit dem Buch intensiv zu beschäftigen. Man erfährt dabei (frei nach Pablo Picasso): Kunst ist kein Suchprozess, sondern ein Findungserlebnis!
Für Munch-Fans gehört diese Studie ohne Zweifel zum bibliophilen Highlight. Die Lektüre ist empfehlenswert, weil sie die kunsthistorische Einordnung von Munch weiter verfeinert.
Dietrich Schubert: Edvard Munch. Selbstporträt beim Wein (1906) im Kontext von Leben und Schaffen. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2026, ISBN 978-3-7319-1620-8 (24,95 €)
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„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.“
Pablo Picasso (1881-1973)
Spanischer Maler, Grafiker und Bildhauer
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„Vielleicht wird das große Publikum noch eine Weile verständnislos an den Werken Munchs vorübergehen; unter den Einsichtigen ist seine echte Künstlerschaft und seine große Bedeutung eine anerkannte Tatsache.“
Botho Graef (1857-1917)
Archäologe und Kunsthistoriker in Jena sowie Förderer des deutschen Expressionismus
Edmund A. Spindler, Hamm/Westf. (15.06.2026)
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