Wie sollten wir mit Menschen umgehen, deren politische Ansichten uns fremd oder sogar gefährlich erscheinen? Sympathisanten der extremen Rechten sind Kolleginnen, Vereinsfreunde, Nachbarn – und damit Teil unseres engsten Umfelds. Die Soziologin und Journalistin Jana Glaese lotet aus, wie jenseits öffentlicher Empörung und moralischer Eindeutigkeit alltägliches Zusammenleben möglich ist – und wann nicht. Ein kluger Beitrag, der davon erzählt, wie wir in einer polarisierten Gesellschaft zugleich kritisch und verbunden bleiben.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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„Nähe ist nie politisch unbedeutsam. Das zeigt sich in den Momenten, in denen sie verweigert wird.“
Mit Rechten leben beschäftigt sich mit einer Frage, die für viele Menschen immer drängender wird: Wie geht man damit um, wenn im Arbeitsalltag, in der Nachbarschaft, oder im persönlichen Umfeld zunehmen rechte Positionen geäußert werden?
Die Autorin arbeitet Begriffe zunächst sorgfältig heraus, ordnet sie sprachlich, historisch, teilweise philosophisch ein und schafft so eine gemeinsame Grundlage für die weiteren Überlegungen. Hier, wie im gesamten Buch, schafft sie es ohne die Texte dabei unnötig akademisch daherkommen zu lassen. Im Gegenteil: das Buch ist ausgesprochen zugänglich und büßt zugleich nichts an Substanz ein.
Viel trägt auch die Struktur dazu bei. Das Buch wirkt durchdacht und begegnet vielen möglichen Einwänden oder Unsicherheiten gezielt, aber organisch im Verlauf des Lesens. Mehrfach hatte ich einen „ja, aber-„ Gedanken, der ein paar Seiten später aufgegriffen wurde.
Wie der Titel auch andeutet steht im Mittelpunkt nicht die reine Ursachenanalyse, sondern widmet sich nicht nur der Frage wie ein konstruktiver Umgang mit rechten Einstellungen aussehen kann, sondern ob und wann dieser überhaupt eingegangen werden sollte. Ausdrücklich in dem Bewusstsein, dass es keine Patentlösung gibt, aber mit dem Wunsch diese zwischenmenschliche Ebene etwas auszuleuchten.
Interessanterweise könnte ich abschließend sagen, dass ich nicht unbedingt neue Erkenntnisse gewonnen habe. Die große Stärke aber des Buches ist es das intuitiv Wahrgenommene, das Halbwissen und Bekannte systematisch einzuordnen und mit Studien, Forschung und nachvollziehbaren Argumenten zu untermauern.
Ein fundiertes, gut strukturiertes, zugängliches Sachbuch, das ein akut zeitgenössisches Thema differenziert beleuchtet und Orientierung anbietet, ohne einfache Antworten zu liefern.
Vielen Dank an netgalley und Gutkind für ein Rezensionsexemplar. Alle Meinungen sind meine eigenen.
„Was uns in der Tat skeptisch machen sollte, ist ein Zuviel der Stille. Wo der unpolitische Raum keine Gemeinsamkeit stiftet, wo die Ruhe nicht eine bewusst gewählte Verschnaufpause vom politischen Streit darstellt, sondern dazu führt, dass uns die Kenntnis über die Meinung des Gegenübers abhandenkommt – dort ist es an der Zeit, mehr zu diskutieren, mehr zu fragen und mehr verstehen zu wollen.“
Bewertung
4/5
30.06.2026
Buch (Taschenbuch)
Zwischen Dialog und Grenze – ein differenzierter, aber nicht widerspruchsfreier Beitrag
„Mit Rechten leben“ von Jana Glaese widmet sich einem hochaktuellen und gesellschaftlich brisanten Thema: dem Umgang mit Menschen, deren politische Ansichten als fremd oder sogar gefährlich wahrgenommen werden. Das Buch überzeugt zunächst durch seine fundierte Herangehensweise, zahlreiche Gespräche sowie die Einbettung in soziologische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Die Autorin liefert damit wichtige Denkanstöße und eröffnet Perspektiven auf ein Zusammenleben in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.
Besonders gelungen sind die persönlichen Einblicke und Beobachtungen, die das Thema greifbar machen. Glaese zeigt auf, wie unterschiedlich Menschen im Alltag mit politischen Spannungen umgehen und wo Dialog möglich sein kann. Dabei wird deutlich, dass der Anspruch, sowohl kritisch zu bleiben als auch Verbindungen aufrechtzuerhalten, ein schwieriger Balanceakt ist.
Gleichzeitig wirkt die Argumentation stellenweise etwas einseitig. Der wiederkehrende Appell, den Kontakt zur „anderen Seite“ möglichst nicht abzubrechen, erscheint nicht immer realistisch – insbesondere für Menschen, die selbst von diskriminierenden oder abwertenden Haltungen betroffen sind. Hier stellt sich berechtigterweise die Frage, wie sinnvoll und zumutbar ein Dialog ist, wenn grundlegende Gleichwertigkeit infrage gestellt wird.
Auch bleibt der Blickwinkel teilweise begrenzt, da vor allem Perspektiven aus der Mehrheitsgesellschaft im Fokus stehen.
Trotz dieser Kritikpunkte bietet „Mit Rechten leben“ einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte. Das Buch regt zum Nachdenken an, fordert zur Auseinandersetzung heraus und liefert wertvolle Impulse – auch dort, wo man nicht mit allen Schlussfolgerungen übereinstimmt.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
26.06.2026
Buch (Taschenbuch)
Kluge Denkanstöße zum Umgang mit Rechten im Alltag
In Ihrem Sachbuch „Mit Rechten leben. Widerstand und Nähe im Alltag“ geht die Soziologin und Journalistin Jana Glaese der Frage nach, sie man in der aktuellen gesellschaftlichen Lage im Alltag mit Menschen umgehen soll, die rechtspopulistische oder rechtsextreme Ansichten teilen.
Sei es auf der Arbeit, im Verein, in der Nachbarschaft oder in der eigenen Familie: Rechte oder sogar rechtsextreme Positionen sind mittlerweile nicht mehr nur am Rande, sondern überall mitten in unserer Gesellschaft zu finden.
Die Autorin untersucht in ihrem Buch verschiedene Alltagssituationen z.B. unter Arbeitskolleg*innen, in der Schule, beim Ehrenamt wie Feuerwehr, im Vereinsleben, in der dörflichen Nachbarschaft.
Wie ist ein alltägliches Zusammenleben bei so unterschiedlichen politischen Ansichten möglich– und wann nicht?
Sie lotet das Spannungsfeld aus zwischen dem notwendigen demokratischen Widerstand („Haltung zeigen“) und dem Erhalt sozialer Beziehungen im engsten Umfeld aus.
Dabei legt sie dar, unter welchen Bedingungen ein Diskurs noch fruchtbar ist und wo die Reißleine gezogen werden muss, um die eigenen demokratischen Prinzipien zu schützen.
Sie stellt die Frage, ob man seine Haltung verrät, wenn man sie nicht zeigt bzw. erörtert, wann es vielleicht sinnvoller ist, sie nicht offenzulegen.
„In etwa so lauten oft die Worte jener, die vor der radikalen und extremen Rechten warnen und vor ihren Versuchen, den Begriff der Neutralität für sich zu vereinnahmen. Wer Neutralität als ‚Anything goes‘, ‚Du darfst keine Position haben‘ oder ‚Jegliche Kritik ist verboten‘ missversteht, ist der rechten List auf den Leim gegangen. Weil das häufig geschieht, ist es notwendig, zu klären, was Neutralität tatsächlich bedeutet und was nicht. Ebenso will ich diskutieren, was das beste Gegenprogramm zur falschen Neutralität ist. Heißt das immer ‚Haltung zeigen‘?“
„Und trotzdem kann man an dem Grundimpuls festhalten, dass Politisches und Privates nicht zu sehr vermengt werden sollten – einmal, um den Raum des Politischen lebendig zu halten, und weil das, was uns in der Politik anleitet, nicht zum alleinigen Prinzip unseres Miteinanders werden sollte. Schließlich gibt es so viel anderes, woran man sich orientieren und dem man sich verpflichtet fühlen kann: einer Freundin aus Loyalität; den eigenen Schülern oder Patienten aus einem Berufsethos heraus; der Familie aus Liebe. Offen bleibt jedoch, wie weit man dafür politische Kritik zurücktreten lässt.“
„Wenn man den Gedanken vom Osten als Vorreiter – keineswegs neu, hier aber präzisiert – aufnimmt, dann bedeutet das: Nicht nur die Sitzverteilung in Parlamenten wird sich verändern und zu den Rändern hin verschieben; auch im Alltag werden wir überall häufiger auf Mitmenschen treffen, die politisch anders wählen – auch radikal anders – als wir selbst. Sehr wahrscheinlich ist, dass damit eine Stille, wie sie mir teils noch begegnet ist, seltener werden wird. Da, wo Nicht-Rechte derzeit in einer klaren Mehrheit sind, wären sie gut beraten, aus ebendieser Position heraus auf andere zuzugehen und die Diskussion zu eröffnen – anstatt abzuwarten, dass sich ganz andere Dynamiken durchsetzen.
Wie sehr die unterschiedlichen Formen der Nähe und des Widerstands dazu führen, dass Menschen ihre Positionen verändern, mehr Verständnis füreinander gewinnen oder, noch hehrer, die Demokratie stärken, ist schwer vorauszusagen. Sicher ist, dass sie tiefgreifende politische Konflikte nicht aus der Welt schaffen werden. Solch ein Anspruch wäre nicht nur zu hoch gegriffen, sondern würde dieses Buch auch falsch verstehen: Es stellt kein Plädoyer dar, den Einsatz für ein besseres demokratisches Miteinander allein dem Individuum zu überlassen und damit gemeinsames Handeln – in der Politik, in Gewerkschaften, in sozialen Bewegungen, in Institutionen wie Schulen und Universitäten – zu ersetzen.
Der Anspruch ist vielmehr, Antworten zu formulieren, die neben den institutionellen und kollektiven existieren und den von Gewohnheit, Unmittelbarkeit und oft auch Wärme geprägten Lebensalltag von Menschen ernst nehmen. Das Buch formuliert keinen Ersatz, sondern Ergänzungen. Denn im Privaten und Alltäglichen vermengen sich politische Fragen unweigerlich mit anderem – dem Bedürfnis nach Zusammenhalt, der Liebe zur Familie, der Verpflichtung für eine Aufgabe. Wäre es nicht klug, wir lernten, uns diese Realität und die ihr innewohnende, oft unvermeidbare Nähe zunutze zu machen? Denn dort, wo sie beides zu sein vermag – zugewandt und kritisch, verbindend und fragend –, sind Beziehungen zwischen Rechten und Nicht-Rechten nicht Ausdruck von Billigung und Komplizenschaft, sondern Zeichen einer wachen Auseinandersetzung.“
„Mit Rechten leben“ ist ein kluges Buch, das gute Denkanstöße bietet, wie man in einer polarisierten Gesellschaft zugleich kritisch und dennoch respektvoll miteinander bleiben kann.
Vielen Dank an den Gutkind Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!
Bewertung
aus Dortmund
5/5
09.07.2026
eBook (ePUB)
Ein wichtiges Buch!
Wie sollten wir mit Menschen umgehen, deren politische Ansichten uns fremd oder sogar gefährlich erscheinen? Sympathisanten der extremen Rechten sind Kolleginnen, Vereinsfreunde, Nachbarn – und damit Teil unseres engsten Umfelds. Die Soziologin und Journalistin Jana Glaese lotet aus, wie jenseits öffentlicher Empörung und moralischer Eindeutigkeit alltägliches Zusammenleben möglich ist – und wann nicht.
Ein gutes und wichtiges Buch, daß durch die Erfahrungsberichte einiger Menschen, die beruflich oder privat gezwungen sind, mit Rechtsextremisten zu kommunizieren, authentisch ist.
Es zeigt auch den Zwiespalt auf, in dem die meisten der Menschen stecken: kann man Stellung beziehen, oder sollte man lieber schweigen. Ist letzteres klug oder feige?
So haben mir viele der Erzählenden sehr Leid getan.
Andererseits sehe ich es als ziemlich ambivalent an, den Ultra-Rechten zuviel Aufmerksamkeit zu schenken. Da müssen wir vermutlich sehr genau hinschauen, wo eine sachliche Auseinandersetzung Sinn hat und sich lohnt.
Ich bin noch zu keinem Schluß gekommen.
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