Produktbild: Der blinde Fluss

Der blinde Fluss Roman

6

24,00 €

inkl. gesetzl. MwSt., Versandkostenfrei


Beschreibung

Produktdetails

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

09.07.2026

Verlag

Unionsverlag

Seitenzahl

256

Maße (L/B/H)

20,5/12,6/2,9 cm

Gewicht

375 g

Farbe

Seidengrau / Anthrazit

Auflage

1

Originaltitel

A Cegueira do Rio

Übersetzt von

Barbara Mesquita

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-293-00640-9

Beschreibung

Rezension

»Mia Couto nimmt die afrikanischen Mythen beim Wort. Vielstimmig und sprachmagisch erzählt er von Gewalt und Widerstand – und lässt Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen.« ("Deutschlandfunk Kultur")
»Magie gegen den Schmerz: Der weiße Afrikaner Couto ist Chronist Mosambiks. Sein einzigartiger Stil verleiht seinem Narrativ einen soghaften Charakter: Realität, Traum, Legende, Magie werden verwoben und der Text beginnt zu pulsieren. Traditionelle Kolonialismuskritik ist das eine. Coutos Werk geht weit darüber hinaus.« ("Buchkultur")
»Verschüttete Kolonialgeschichte – diesen wortgewaltigen Roman lesend, wird man ihr nachgehen wollen. Coutos Schreiben lebt von verwickelten, verborgenen Zusammenhängen. Magischer Realismus, der sich aus afrikanischen Quellen speist.« ("Junge Welt")
»Ein Roman von außergewöhnlicher literarischer Kraft.
»Ein Leseerlebnis voller Symbolik, Metaphern, Einblicke in die afrikanische Kultur und mit skurrilen Figuren, die in der Ich-Perspektive zu Wort kommen.« ("ekz Bibliotheksservice")
»Mia Coutos meisterhafter Roman ist bei Weitem keine traditionelle Kolonialismuskritik. Es geht nicht nur darum, was die europäischen Mächte genommen haben, sondern auch darum, was sie in einem gesunden Austausch hätten lernen können.« ("Visão")
»Schnell befreit sich Mia Couto von den Fesseln der Geschichtsschreibung und wagt sich auf die Pfade der Fantasie, gesäumt von fiktiven und historischen Figuren. Von der ersten Seite an in seinen Bann ziehend, lädt der Roman uns zu einem Tanz ein, um dem Anderen und uns selbst zu begegnen.« ("Jornal de Letras")
»Mia Couto findet in Der blinde Fluss eine neue Sprache, geformt durch viele verschiedene Sprachen, gesprochene wie geschriebene. Ausgehend von einer unbekannten Episode der Geschichte erforscht Couto die Möglichkeit, einen Ort, eine Erinnerung, eine Kultur zu erzählen – und eine andere Art, die Welt zu begreifen.« ("Jornal de Letras")
»Zeitlos und vielschichtig, ist Der blinde Fluss mehr als ein historischer Roman: Er zeugt von der transformativen Kraft von Erinnerung und Kultur.« ("Livronews")
»Mia Couto hat ein einzigartiges literarisches Universum geschaffen, das westliche Konventionen und die Idee einer einzigen, autoritären Erzählung und Geschichtsschreibung infrage stellt. Der Roman übt scharfe Kritik nicht nur an der physischen Gewalt des Kolonialismus, sondern auch an dessen Verzerrung von Identität und Geschichte. Ein in heutigen Zeiten hoch relevanter Roman, der zur kritischen Reflexion historischer Narrative einlädt, die Bedeutung des Zuhörens auch der zum Schweigen gebrachten Stimmen unterstreicht und so zu einem differenzierten Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart beiträgt.« ("Sprio Mais")

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Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

09.07.2026

Verlag

Unionsverlag

Seitenzahl

256

Maße (L/B/H)

20,5/12,6/2,9 cm

Gewicht

375 g

Farbe

Seidengrau / Anthrazit

Auflage

1

Originaltitel

A Cegueira do Rio

Übersetzt von

Barbara Mesquita

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-293-00640-9

EU-Ansprechpartner

Unionsverlag AG
Siemensstr. 16
35463 Fernwald
DE
mail@unionsverlag.ch

Herstelleradresse

Verlag C.H.Beck oHG
Neptunstraße 20
8032 Zürich
CH
produktsicherheit@beck.de

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  • Eva

    5/5

    11.07.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Geschichtsschreibung entkolonialisieren

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhob sich die afrikanische Bevölkerung im Süden Deutsch-Ostafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Die Aufständischen des sogenannten Maji-Maji-Aufstands verbündeten sich ungeachtet ethnischer Herkunft und wandten sich gegen die Repressionen der Kolonialmacht. 1914 überfielen deutsche Kolonialisten den portugiesischen Militärposten am Ufer des Rovuma. Nataniel ist afrikanischer Hilfssoldat und gerät infolge der Ereignisse mitten in den Interessenskonflikt der Kolonialmächte. Der blinde Fluss ist ein fiktiver Roman, der sich um eben jene realen Ereignisse rankt. Er lässt Vergessenes im Dunst über dem Fluss Konturen annehmen und spielt von Anfang an mit den Trugbildern der Erinnerung und der Interpretation. Er hinterfragt die westlich dominierte Geschichtsschreibung, die das Monopol über die Erinnerung einfordert und hält aus allen Blickwinkeln einen Finger auf die dramatischen Auswirkungen des Kolonialismus. Er seziert die Gewalt, die Auslöschung von Identitäten, die maximale Beeinflussung von Kultur. Der Roman fordert heraus. Fragmente und Bruchstücke der Geschichte werden zu einem multiperspektiven Erinnerungsbild geschichtet, das den Kolonialmächten das Narrativ Stück für Stück entzieht und es allen zurückgibt, deren Kultur sich von einer Festschreibung lossagt. Feinsinnig transferiert Mia Couto den Inhalt in die Form. Gerade als das historische Gedächtnis sich als unzuverlässig erweist, bricht eine Pandemie aus, infolge derer weltweit die Schrift verschwindet. Dabei bleibt die Erzählstimme kritisch gegenüber jeglichen patriarchalen Strukturen und öffnet den Blick für die Missstände innerhalb jeglicher Gesellschaften, die marginalisieren, unterdrücken, Gewalt rechtfertigen, in Rollen zwingen. Der blinde Fluss gibt den Unterdrückten eine Stimme, gibt der Sprache eine allgegenwärtige Macht und entlarvt das Wort als kulturstiftendes Element. Was für eine Sprache! Wie das Tosen eines Wsasserfalls sprühen und sprudeln die Bilder, verdichten sich zum Grenzland des Flusses und der Kulturen. Bräuche, Dialoge, Mythen, Träume, Geister, Haupt- und Nebenfiguren und persönliche Geschichten verschränken sich mit politischen Interessen und zeichnen das Bild eines zerrissenen Kontinents, dessen Geschichte umgeschrieben werden muss, damit es eine Zukunft geben kann. Der blinde Fluss ist der Inbegriff dessen, was Literatur zu leisten vermag: sie wirkt als Vermittlerin zwischen der Erinnerung und dem Vergessenen, der Vergangenheit und der Zukunft, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren und schreibt Geschichte. Mia Couto ist eine Klasse für sich.

  • galaxaura

    Thalia Book Circle Community

    4/5

    04.08.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Der zweite Blick lohnt sich

    „Der blinde Fluss“, ein Roman von Mia Couto, erschienen 2026 im Unionsverlag, ist auf knapp 250n Seiten ein überraschend komplexes Werk, bei dem sich ein sehr genaues oder zweites Lesen auf jeden Fall lohnt, da sich viele Zusammenhänge erst auf den zweiten Blick offenbaren. Zunächst ein Shout-Out an das Buchdesign – die Gestaltung unter dem Schutzumschlag hat mein Herz höherschlagen lassen, wunderschön, auch haptisch betrachtet. Und auch die Innengestaltung mit den vielen Zitaten und Abdrucken von Bildern zur Initiationszeremonie der Yao ist wundervoll durchgeführt, viel Stoff zum poetischen Denken. Mia Couto ist ein Autor mit respektablem ŒUVRE, bei mir bisher eine Bildungslücke, sicher ein Autor, bei dem es sich lohnt, noch mehr von ihm zu lesen.   Worum es geht, ist nicht leicht zusammenzufassen. Das Buch ist inspiriert von real-geschichtlichen Ereignissen am Rovuma, dem Fluss, der zwischen Mosambik und Tansania fließt, dem Maji-Maji-Aufstand sowie dem deutschen Überfall auf den portugiesischen Militärposten Madziwa am Beginn des 1. Weltkrieges. Damit ordnet sich die Handlung zwischen grob 1905-1915 ein und im kolonialen Zeitalter. Die Brüder Nataniel, der als Hilfsoldat den portugiesischen Besatzern dient, und seinem Bruder Matias, der als Askari für die deutsche Gegenseite unterwegs ist. Die beiden Brüder teilen eine komplexe Familiengeschichte und Schuld, die durch die Familie zieht, weshalb es auch zu ihrer Trennung kam. Im Aufeinandertreffen wird die unglaublich schwierige Lage der indigenen Bevölkerung zu der Zeit sichtbar, die zunehmend ihre Identität verliert. Dieser Verlust offenbart sich in einem kollektiv um sich greifenden Vergessen, das auch zu einer ganz realen Auslöschung der Schrift führt, die nicht mehr aufhaltbar scheint. Mit dem Verschwinden der Schrift wird aber auch die Macht der Europäer angegriffen, die, anders als die indigene Bevölkerung, auf diese angewiesen sind, während die mündliche Tradition die Ursprungsbevölkerung vor dem Vergessen bewahrt und handlungsfähig lässt.   Formal wechselt Couto zwischen Erzählform und Ich-Perspektiven ganz verschiedener Akteur:innen. Das ist sehr gut gemacht und zeitgleich herausfordernd in der Zuordnung. Durch die verschiedenen Perspektiven der Redner entstehen immer mehr Versatzstücke, aber erst am Ende erkennt man ein Bild. Die Sprache ist besonders, sehr poetisch und die vielen Zitate nehmen einen in einen ganz eigenen Kosmos, der eine große Gedankenkraft entfaltet. Insgesamt bleibe ich aber zwiespältig zurück. Die Themen sind sehr interessant, ich mag auch Bücher sehr gern, die sich mit Kolonialismus und Rassismus, mit Glaubensmission und Identität beschäftigen. Der Verlust dieser, das wird für mich sehr gut beschrieben, und die Ebene des Vergessens und der Auslöschung der Schrift und somit des kulturellen Gedächtnisses, das ist richtig gut. Aber irgendwas ist zu sehr verzweigt, und die Figuren sind hermetisch, dass ich gar nicht berührt werde - aber der reine Beobachterinnenstatus macht auch nichts mit mir. Das Problem ist die große Komplexität des Gewebes, die sich beim ersten Lesen nicht erschließt. So entstehen viele Fragezeichen und Lücken – und erst ein zweites Lesen offenbart, wie genial dieses Buch zusammengefügt und ausgedacht ist. Aber kann jede lesende Person diese Zeit investieren? Eigentlich braucht mensch für das Verstehen fast ein Literaturseminar.   Inhaltlich stark: Für mich ist es ein Buch, das letztlich darauf hinweist, dass die ganze Geschichte “des schwarzen Kontinents” (ich benutze diesen kolonialen Begriff hier bewusst) neu geschrieben werden muss, damit Gerechtigkeit geschieht. Am Ende wird das sehr deutlich, die Auslöschung der Schrift, nur noch die indigene Bevölkerung ist nun der Schrift mächtig, sie soll den Europäern/Portugiesen die Schrift erneut beibringen und diese sollen nur ein Wort schreiben “Entschuldigung” und heimkehren, um dann das nächste Mal bei der Anreise anzuklopfen und das schon bewohnte Land mit Achtsamkeit zu betreten. Das war für mich auch ein wirklich starkes Finale des Buches. Ebenso führt Couto sehr gut durch die vielen kleinen Wunden, die der Kolonialismus schlägt, und, was ich richtig gut fand, es wird auch gezeigt, dass Rassismus leider kein weißes Problem ist, denn auch unter der indigenen Bevölkerung gibt es ihn in Hinblick auf “Mischlinge”. Das Buch ist sehr klug konstruiert, literarisch ist das hochwertig, ebenso die Durchführung der Motive, der Fluss und die Blindheit. Abstrakt gesprochen ist das richtig gut. Emotional gesprochen hat es mich nicht mitgenommen auf die Reise, vielleicht durch die – wirklich beeindruckende – Überkonstruktion? Ich kam nicht ran an die Figuren und irgendwann wurde es sehr lang. Die einzige Stelle, die mich persönlich wirklich gepackt hat, war eben die von mir hier angesprochene über die Neuschreibung von Geschichte als Rückkehr zur Identität und Überwindung eines kollektiven Traumas. Davon sind die ehemaligen Kolonien noch heute weit entfernt, die Wunde ist offen. Das macht dieses Buch sehr gut spürbar und das finde ich sehr berührend. Aber hier liegt auch ein Werk vor, auf das man sich sehr einlassen muss und das viel Analyse braucht, um seine Wirkung entfalten zu können.  

  • Eternal-Hope

    aus Österreich

    4/5

    30.07.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Mysteriös und anspruchsvoll

    Der Unionsverlag ist dafür bekannt, kulturell vielfältige und anspruchsvolle Bücher aus den verschiedensten Ländern und Kulturkreisen zu verlegen und damit die Literaturlandschaft um einiges bunter zu machen. Auch „Der blinde Fluss“, das neueste auf Deutsch erschienene Werk des portugiesischen, in Mosambik geborenen, Autors Mia Couto gehört dazu. Es ist ein äußerlich wunderschön gestaltetes Buch, mit kurzen Kapiteln, die jeweils von mysteriösen Zitaten eingeleitet werden, und damit schon äußerlich eine sehr ansprechende Lektüre. Wer sich aber auf dieses Buch wirklich einlassen will, dem rate ich, dafür genügend Zeit einzuplanen und sich Schreibmaterial für Lesenotizen zurecht zu legen. Denn der erste Eindruck, mit den kurzen, übersichtlich wirkenden Kapiteln, täuscht. Es handelt sich um ein sehr interessantes und literarisch wertvolles, aber auch äußerst anspruchsvolles Werk, das uns in eine völlig fremde Welt entführt, die aus vielen unterschiedlichen einzelnen Perspektiven geschildert wird: mal spricht ein deutscher oder ein portugiesischer Hauptmann, mal eine Seherin, mal ein Jäger, ein afrikanischer Sipaio und so einige mehr. Vordergründig geht es um ein Grenzdorf in Ostafrika im Vorfeld eines großen Krieges in Europa, aber dahinter entfaltet sich eine magische Welt voll von einem mysteriösen Fluss mit geheimnisvoller Macht, Metaphern und Symbolen, einer Seherin und Magierin und vielem mehr. Fast scheinen sich dabei die Machtverhältnisse an der Oberfläche umzukehren, denn die scheinbar so mächtigen portugiesischen und deutschen Kolonialherren verstehen kaum einen winzigen Teil dieser magisch-mystischen Welt, ähnlich wie ich als europäisch sozialisierte Leserin. Dieses Gefühl vermag dieses Buch erstklassig zu vermitteln. Es ist kein Buch, das die Lesenden an der Hand nimmt und sie behutsam in die fremde Welt einführt. Wer diese wirklich verstehen will, der hat am besten schon einiges an kulturellem Vorwissen oder ist zumindest bereit, sich tief in dieses einzuarbeiten, parallel zu recherchieren, viele Notizen zu machen oder das Buch mehrmals zu lesen. Denn es sind so viele Symbole und Querverbindungen in diesem Buch versteckt – zwischen Zitaten und Kapiteln und auch zwischen den verschiedenen Perspektiven und Personen – dass es Zeit und Freude am Entschlüsseln braucht, um auch nur einige davon zu entdecken. Auch spielt das Buch damit, dass nicht immer ganz klar ist, was überhaupt wahr und wirklich ist; wenn es diese Dimensionen in dem Raum, in dem dieses Buch sich befindet, überhaupt gibt. Für jene, die einfach nur schnell ein unterhaltsames Buch lesen möchten, könnte es eine verwirrende und frustrierende Leseerfahrung werden, diesen rate ich eher zu anderen Werken. Ich selbst habe durchaus von der Lektüre profitiert und es bleibt ein magisch-mystisch-bezaubertes Gefühl nach dieser Leseerfahrung zurück, allerdings vermute ich, dass ich aufgrund meiner mangelnden Kenntnisse dieser spezifischen Kultur mir nur Bruchstücke der Tiefe, die in diesem Werk sicherlich enthalten ist, erschließen konnte.

  • Jürg K.

    4/5

    20.07.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Sehr empfehlenswertes Buch

    Mich fasziniert, wie dieser Roman die grossen historischen Umwälzungen in eine intime, fast mythische Erzählung verwandelt. Der Überfall am Rovuma und der Schatten des Maji-Maji-Aufstands sind nicht nur historische Eckdaten, sie werden zur Kulisse für ein Land, dessen Sprache, Erinnerung und Würde Stück für Stück ausgehöhlt werden. Nataniel und sein Bruder stehen mitten in diesem Sog: als afrikanische Hilfssoldaten sind sie zugleich Teil der Kolonialmaschinerie und Opfer ihrer Logik. Ihre Versuche, zwischen fremden Mächten zu navigieren, sind von einer bitteren Ironie durchzogen Loyalität wird zur Falle, Überleben zur täglichen Rechnung. Die seltsame Verflüchtigung der Buchstaben ist ein Bild, das lange nachklingt. Wenn Worte aus Berichten und Karten verschwinden, verliert die Kolonialisierung nicht nur Territorium, sondern auch die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und sich selbst zu erinnern. Sprache wird hier zur Waffe und zur Verwundung zugleich. Besonders berührt, wie der Roman Erinnerung und Erfindung ineinander fallen lässt, wie Mythen die Lücken füllen, die die Gewalt gerissen hat. Es ist kein einfacher Rückblick, sondern ein Versuch, die Narben sichtbar zu machen und die Stimmen zu hören, die in offiziellen Chroniken kaum vorkommen. Wer sich auf diese Erzählung einlässt, erlebt ein grosses, melancholisches Epos über Macht, Verlust und die unerschütterliche Notwendigkeit, Namen und Geschichten zurückzufordern.

  • Alrik Gerlach

    Thalia Book Circle Community

    4/5

    14.07.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Wenn plötzlich selbst die Buchstaben Widerstand leisten

    Manchmal öffnet man ein Buch und merkt schon nach wenigen Seiten: Okay, Kumpel, hier kannst du nicht nebenbei lesen und gleichzeitig überlegen, was morgen zum Mittag auf den Tisch kommt. Der blinde Fluss verlangt Aufmerksamkeit. Und ehrlich gesagt hat Mia Couto sie auch verdient. Mitten hinein geht es in ein Ostafrika, das von Kolonialmächten zerrissen wird. Deutsche Soldaten, portugiesische Militärposten und mittendrin Nataniel und sein Bruder, die irgendwie versuchen, nicht zwischen all den Interessen zerquetscht zu werden. Schon diese Perspektive hat mich gepackt, weil Geschichte hier nicht aus der sicheren Entfernung erzählt wird. Man steckt mitten im Staub, in der Angst und in diesem verdammt unguten Gefühl, dass andere über dein Leben bestimmen. Richtig stark fand ich die Sache mit den verschwindenden Buchstaben. Erst dachte ich noch: Was zum Teufel passiert denn jetzt? Doch genau darin steckt für mich die Wucht des Romans. Sprache bedeutet Macht. Karten bedeuten Macht. Berichte bestimmen, wessen Geschichte am Ende übrig bleibt. Und wenn plötzlich die Buchstaben verschwinden, beginnt auch diese scheinbar unerschütterliche Ordnung zu bröckeln. Mia Couto schreibt bildgewaltig und unglaublich poetisch. Barbara Mesquitas Übersetzung fühlt sich dabei lebendig und sprachlich richtig kraftvoll an. Trotzdem musste ich an manchen Stellen einen Gang zurückschalten. Mal eben zwanzig Seiten zwischen Tür und Angel? Vergiss es. Einige Sätze wollten bei mir zweimal gelesen werden, bevor sie richtig saßen. Der blinde Fluss ist kein bequemer Roman und ganz sicher keine leichte historische Unterhaltung. Dafür steckt hier zu viel Schmerz, Erinnerung und Wut zwischen den Seiten. Ein sprachlich besonderer Roman über Kolonialismus und darüber, wer Geschichte schreibt. Und verdammt, manche Bilder daraus bekomme ich so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

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