Das Sola-Busca-Tarot entstand 1491. Es handelt sich um das älteste vollständig erhaltene Tarotdeck mit 78 Karten. Besonders außergewöhnlich ist, dass auch die Zahlenkarten der Kleinen Arkana figürliche Szenen zeigen. Zeitgenössische Tarotkarten enthielten dort gewöhnlich nur die entsprechende Anzahl der Farbsymbole. Das Sola Busca nimmt damit ein Prinzip vorweg, das erst durch das Waite-Smith-Tarot von 1909 allgemein bekannt wurde.ISBN. 9783696729639
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Dieses Buch hat meinen Kelch verdächtig angesehen - Sola Busca Band II
Ich wollte nur ein wenig über alte Tarotkarten lesen. Stattdessen saß ich plötzlich zwischen Renaissancefürsten, Alchemisten, Saturn, Alexander dem Großen und einer beunruhigenden Anzahl von Menschen, die mit Schwertern, Stäben, Kelchen und Münzen Dinge tun, die man heute vermutlich der Arbeitsschutzbehörde melden müsste.
Band II über die Kleinen Arcana des Sola Busca ist kein gewöhnliches Tarotbuch. Es sagt nicht: „Diese Karte bedeutet Erfolg, jene kündigt eine neue Liebe an.“ Das wäre auch schwierig, denn die Figuren auf diesen Karten wirken nicht, als interessierten sie sich besonders für unser Liebesleben. Sie tragen schwere Gegenstände, hantieren mit seltsamen Geräten, bewachen Gefäße oder blicken so ernst, als hätten sie gerade entdeckt, dass die Renaissance weder Zentralheizung noch Wochenende kennt.
Das Buch nimmt diese merkwürdige Bilderwelt ausgesprochen ernst. Jede der 56 Karten wird genau betrachtet und in historische, mythologische, astrologische und hermetische Zusammenhänge gestellt. Dabei erfährt man unter anderem, dass ein Kelch mehr sein kann als ein Trinkgefäß, eine Münze nicht zwangsläufig Geld bedeutet und ein Schwert geistige Klarheit ebenso verkörpern kann wie die unangenehmen Folgen übertriebener Entschlossenheit.
Besonders sympathisch ist, dass der Autor nicht hinter jedem Busch sofort einen Geheimorden hervorspringen lässt. Er unterscheidet meist sorgfältig zwischen sichtbaren Bilddetails, historischen Anhaltspunkten und weiterführenden Deutungen. Das ist wichtig, denn das Sola Busca besitzt eine natürliche Begabung dafür, selbst vernünftige Menschen innerhalb weniger Seiten an kosmische Verschwörungen denken zu lassen.
Leicht ist die Lektüre allerdings nicht. Das Buch hat nahezu 600 Seiten und nähert sich seinem Gegenstand mit der Ausdauer eines Renaissancegelehrten, der noch nie von einer Kurzfassung gehört hat. Begriffe wie Hermetik, Neuplatonismus, Theurgie und Saturnsymbolik erscheinen nicht nur zu einem kurzen Höflichkeitsbesuch. Sie ziehen ein, stellen ihre Möbel auf und bleiben.
Manche Deutungen fand ich faszinierend, andere gewagt und einige so verschlungen, dass ich gedanklich Brotkrumen auslegen wollte, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzufinden. Kürzere Zusammenfassungen hätten gelegentlich geholfen. Wer lediglich wissen möchte, ob die Sieben der Münzen einen günstigen Dienstag ankündigt, wird mit diesem Band vermutlich nicht glücklich.
Wer dagegen Freude an rätselhaften Bildern, historischen Seitenwegen und klugen Spekulationen hat, bekommt ein ungewöhnlich reichhaltiges Buch. Es verwandelt die Kleinen Arcana von vermeintlichen Nebenkarten in ein seltsames Theater menschlicher Arbeit, Macht, Begierde, Überforderung und Verwandlung.
Nach der Lektüre weiß ich noch immer nicht endgültig, was sämtliche Figuren des Sola Busca vorhaben. Ich bin mir inzwischen aber ziemlich sicher, dass sie einen Plan besitzen – und dass Saturn darin keine unwichtige Rolle spielt. Seitdem behandle ich meinen Kelch mit mehr Respekt.
Ein anspruchsvolles, eigensinniges und erfreulich sonderbares Buch für Leser, die ihr Tarot lieber als Renaissance-Labyrinth denn als kosmischen Getränkeautomaten mögen.
Bewertung
5/5
29.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Gegenbuch zur schnellen Antwort – Sola Busca Band II
Ein Gegenbuch zur schnellen Antwort – und gerade deshalb erstaunlich gegenwärtig - Die Kleinen Arcana des Sola Busca Tarot.
Wir leben in einer Zeit, in der jedes Bild augenblicklich erklärt, bewertet und weitergewischt wird. Algorithmen sortieren unsere Aufmerksamkeit, Ratgeber liefern eindeutige Botschaften, und selbst Tarot wird häufig auf handliche Stichwörter für Liebe, Erfolg oder die nächste Entscheidung reduziert. Band II über die Kleinen Arcana des Sola Busca verweigert sich dieser Beschleunigung radikal. Das macht ihn anstrengend – und bemerkenswert aktuell.
Die 56 Karten dieses Renaissance-Decks geben keine leicht konsumierbaren Antworten. Ihre Menschen tragen, kämpfen, arbeiten, stürzen, bewachen, empfangen und verwandeln. Schwerter, Stäbe, Kelche und Münzen erscheinen dabei nicht als festgelegte Symbole mit einer einzigen Bedeutung. Sie werden zu Werkzeugen, Lasten, Gefäßen, Waffen und Wertträgern. Die Bilder stellen Fragen, die auch unsere moderne Lebenswelt betreffen: Wann wird klares Denken zur Kälte? Wann verwandelt sich Tatkraft in Selbstausbeutung? Was lassen wir ungeprüft in uns hinein? Und woran messen wir den Wert eines Menschen?
Gerade darin liegt für mich die Stärke dieses umfangreichen Bandes. Er benutzt die Renaissance nicht als dekorative Kulisse für moderne Lebenshilfe. Stattdessen zwingt er den Leser, die eigene Art des Sehens zu überprüfen. In einer Gegenwart voller manipulativ erzeugter Bilder, künstlicher Intelligenz, politischer Inszenierungen und vorschneller Gewissheiten ist das keine nebensächliche Übung. Wer unterscheiden lernen will zwischen dem, was tatsächlich zu sehen ist, dem historisch Belegbaren und der eigenen Projektion, findet hier ein anspruchsvolles Trainingsfeld.
Die vier Kartenreihen lassen sich dabei fast wie ein unbequemer Spiegel unserer Gegenwart lesen. Die Schwerter konfrontieren uns mit einer Kultur, die ständig urteilt und trennt. Die Stäbe erinnern an Leistungsdruck, rastlose Aktivität und den Zwang, immer produktiv zu sein. Die Kelche fragen, womit wir unser Bewusstsein füllen – mit echter Erfahrung oder nur mit dem nächsten emotionalen Reiz. Die Münzen führen mitten in eine Welt, in der Wert, Besitz, Status und Sichtbarkeit kaum noch auseinanderzuhalten sind. Das Buch behauptet nicht, dass diese modernen Fragen die einzig richtigen Bedeutungen der Karten seien. Es schafft jedoch einen Denkraum, in dem solche Verbindungen möglich werden.
Wer ein praktisches Kartenlegebuch mit kurzen Deutungen sucht, wird vermutlich enttäuscht sein. Der Text ist dicht, wiederholt gelegentlich Grundgedanken und verlangt Interesse an Geschichte, Mythologie, Hermetik, Astrologie und Renaissancephilosophie. Die Fülle kann überwältigen. Manchmal hätte eine strengere Auswahl dem Buch gutgetan, und nicht jede weitreichende Interpretation besitzt dieselbe historische Überzeugungskraft.
Doch vielleicht gehört gerade dieser Widerstand zum Wert des Bandes. Er behandelt seine Leser nicht wie Konsumenten, die möglichst schnell mit einer fertigen Bedeutung versorgt werden müssen. Er fordert Geduld, Urteilskraft und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Das ist heute fast schon eine kulturelle Provokation.
Mein Fazit: Band II ist kein Orakelautomat und kein Wohlfühlratgeber. Er ist ein großes, streitbares Bilderlabor über Macht, Arbeit, Wahrnehmung, Begehren und Wert. Wer bereit ist, sich von diesen fast 600 Seiten nicht bestätigen, sondern herausfordern zu lassen, begegnet nicht nur einem rätselhaften Kartenspiel der Renaissance. Er begegnet auch den blinden Flecken der eigenen Gegenwart.
Bewertung
5/5
29.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
78 Karten, unzählige Rätsel: Warum das Sola Busca Tarot anders ist als jedes Tarot auf TikTok
Kein Wohlfühl-Tarot: 56 Karten aus einer Welt voller Rätsel, Feuer und Macht
Wer Tarot nur von Social Media kennt, erwartet vielleicht Karten über Liebe, Zukunft, Selbstfindung oder Glück. Das Sola Busca Tarot sieht dagegen aus, als wäre es aus einem düsteren Fantasy-Spiel der Renaissance gefallen. Männer schleppen schwere Lasten, Körper werden von Waffen bedrängt, seltsame Gefäße bleiben verschlossen, Vögel sitzen auf Thronen, und überall tauchen Feuer, Münzen, Werkzeuge und rätselhafte Figuren auf.
Das Sola Busca Tarot – Band II: Die Kleinen Arcana beschäftigt sich mit den 56 Karten der vier Farben: Stäbe, Schwerter, Kelche und Münzen. „Klein“ sind diese Arcana allerdings nur dem Namen nach. Anders als in vielen alten Tarotspielen zeigen sie nicht bloß mehrere gleiche Zeichen. Fast jede Karte ist eine kleine Szene mit Menschen, Tieren, Gegenständen und einer eigenen Stimmung.
Das Buch macht deutlich, dass diese Karten nicht einfach mit heutigen Tarotbedeutungen erklärt werden können. Eine Drei der Schwerter ist hier nicht nur ein Symbol für Liebeskummer. Eine Zehn der Münzen bedeutet nicht automatisch Reichtum oder Familienglück. Wer das Sola Busca verstehen will, muss genauer hinsehen: Wer ist auf dem Bild? Was trägt die Figur? Warum erscheint ein Gefäß geschlossen? Wieso liegt eine Münze neben einem Schädel? Und warum sind manche Karten voller Bewegung, andere dagegen fast unbeweglich?
Gerade das macht Band II spannend. Er behandelt die Kleinen Arcana nicht als Nebensache, sondern als eigene Bildwelt. Die Stäbe zeigen häufig Arbeit, Kraft, Belastung und Wachstum. Menschen tragen Bündel, arbeiten mit Werkzeugen oder stehen vor Entscheidungen. Energie wirkt hier nicht immer befreiend. Sie kann auch schwer werden. Wer etwas schaffen will, muss mit den Folgen leben und die Last des eigenen Handelns tragen.
Die Schwerter wirken noch härter. Sie stehen für Trennung, Entscheidung und Gefahr. Aber sie werden nicht immer benutzt. Oft sind sie gebündelt, angeordnet oder zurückgehalten. Das Buch liest sie deshalb nicht nur als Waffen, sondern auch als Bilder für Gedanken, Urteile und Grenzen. Ein Schwert kann Klarheit schaffen – aber es kann ebenso verletzen. Das ist eine erstaunlich moderne Frage: Wann hilft es, eine klare Entscheidung zu treffen? Und wann wird das Bedürfnis nach Kontrolle zerstörerisch?
Bei den Kelchen wird es nicht unbedingt freundlicher. Viele Gefäße sind verschlossen. Man sieht nicht, was sie enthalten. Statt einfacher Gefühle oder romantischer Szenen geht es deshalb oft um Erinnerung, Geheimnisse und Dinge, die bewahrt werden, aber nicht sofort verstanden werden können. Ein geschlossenes Gefäß kann schützen. Es kann aber auch etwas festhalten, das längst verändert werden müsste.
Die Münzen schließlich stehen für Gewicht, Form, Arbeit und Besitz. Sie werden gesammelt, geprüft, getragen, in Kästen verwahrt oder dem Feuer ausgesetzt. Besonders stark sind die Bilder dort, wo Reichtum und Vergänglichkeit aufeinandertreffen: Münzen können wertvoll sein, aber sie überleben ihren Besitzer. Ein Schädel neben einer einzelnen Münze erinnert daran, dass kein Besitz und keine Macht den Menschen vor der Zeit schützen.
Ein großes Thema des Bandes ist Saturn. Saturn steht in der historischen Astrologie für Zeit, Grenzen, Alter, Schwere und Melancholie. Das klingt erst einmal ziemlich negativ. Das Buch zeigt jedoch eine zweite Seite: Grenzen können auch helfen. Wer immer sofort alles will, verliert leicht die Kontrolle. Geduld, Konzentration und Durchhalten können dagegen dazu führen, dass etwas wirklich Gestalt gewinnt.
Diese Idee passt gut zu den Karten. Eine Last kann jemanden niederdrücken, aber sie kann auch zeigen, was wichtig ist. Ein Gefäß kann etwas einschließen, aber dadurch überhaupt erst bewahren. Feuer kann zerstören, aber auch verwandeln. Band II liest das Sola Busca deshalb als ein Deck, in dem Entwicklung nie bequem ist. Erkenntnis entsteht nicht durch schnelle Antworten, sondern durch Arbeit, Fehler, Geduld und die Fähigkeit, Grenzen auszuhalten.
Dabei spielt auch die Geschichte um Alexander den Großen eine Rolle. Auf mehreren Hofkarten erscheinen Namen wie Alexander, Olympias, Philipp, Ammon und Natanabo. Sie führen in den Alexanderroman, eine alte Legendenwelt voller Magie, astrologischer Berechnungen, politischer Macht und zweifelhafter göttlicher Herkunft. Historisch war Alexander der Sohn Philipps II. und der Olympias. In der Legende wird seine Geburt jedoch mit dem ägyptischen Magier Nektanebos und dem Gott Ammon verbunden.
Der Band macht daraus keinen billigen Geheimcode. Er sagt nicht: Jede Karte sei eindeutig zu entschlüsseln. Im Gegenteil: Eine seiner besten Seiten ist die Vorsicht. Immer wieder wird unterschieden zwischen dem, was auf einer Karte wirklich sichtbar ist, dem, was historisch plausibel erscheint, und dem, was eine weiterführende Deutung bleibt.
Das ist wichtig, weil das Sola Busca leicht zu wilden Spekulationen verleitet. Wer in jedem Vogel sofort einen Gott, in jedem Gefäß eine geheime alchemistische Formel und in jeder Figur eine verschlüsselte Botschaft sieht, kann sich schnell verrennen. Das Buch versucht, diese Gefahr ernst zu nehmen. Es zeigt viele mögliche Zusammenhänge, erinnert aber zugleich daran, dass die ursprüngliche Bedeutung des Decks nicht vollständig überliefert ist.
Für jüngere Leserinnen und Leser ist das vielleicht die interessanteste Botschaft des Bandes: Rätsel lösen heißt nicht, sofort eine Antwort zu finden. Manchmal bedeutet es, genau zu unterscheiden, was man weiß, was man vermutet und was offenbleiben muss.
Natürlich ist das Buch kein leichter Einstieg. Wer nur kurze Deutungen für eine Kartenlegung sucht, wird enttäuscht sein. Auch manche Abschnitte über Hermetik, Neuplatonismus, Alchemie und Renaissanceastrologie verlangen Geduld. Aber wer sich für alte Bilder, Mythologie, Machtfragen, Kunst oder geheimnisvolle Geschichten interessiert, kann hier viel entdecken.
Das Sola Busca Tarot – Band II: Die Kleinen Arcana zeigt, dass die sogenannten kleinen Karten keine bloßen Ergänzungen zu den berühmten Großen Arcana sind. Sie erzählen von Arbeit, Angst, Besitz, Entscheidungen, Geheimnissen und Veränderung. Gerade weil sie nicht alles erklären, wirken sie so spannend.
Am Ende liest sich das Sola Busca weniger wie ein Kartenset mit festen Antworten als wie ein riesiges Rätselspiel aus der Renaissance. Wer bereit ist, langsam zu schauen und sich nicht mit einfachen Bedeutungen zufriedengibt, entdeckt darin eine Welt, die düster, seltsam und überraschend modern ist.
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