Meine letzte RezensionGood Girl Exitvon Silvi Carlsson
„Good Girl Exit“ beschäftigt sich mit dem sogenannten „Good Girl“: dem Wunsch, es allen recht zu machen, Erwartungen zu erfüllen, nicht anzuecken und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Silvi Carlsson verbindet persönliche Erfahrungen mit feministischen und gesellschaftlichen Perspektiven und zeigt, wie tief solche Verhaltensmuster sitzen können.
Was mich dabei sehr berührt hat, war nicht die Feststellung, dass ich ein „Good Girl“ war und es allen recht machen wollte. Das war mir schon lange bewusst. Aber aus der Perspektive einer neurodivergenten Frau löste diese Wahrnehmung ein neues Gefühl aus. Man fühlt sich auf eine unbeschreibliche Weise verstanden und gleichzeitig nicht mehr so allein mit diesem Problem.
Ich finde es sehr wertvoll, wenn Menschen sich schonungslos verletzlich zeigen. Es braucht viel Mut, sich so offen mit den eigenen Erfahrungen zu zeigen. Genau das hat mich an Silvi Carlssons Art zu erzählen besonders berührt. Ihre Verletzlichkeit inspiriert mich und gibt mir innere Stärke, selbst zu meiner Verletzlichkeit zu stehen. Sie schenkt den verletzten Teilen in einem viel Aufmerksamkeit, und das empfand ich als sehr tröstlich und heilend.
Besonders wachgerüttelt hat mich die Darstellung von toxischer Scham und Schuld. Ich habe mich sowohl verstanden als auch ertappt gefühlt. Gleichzeitig konnte ich dieses sehr persönliche Thema durch die Perspektive der Autorin aus einer gewissen Distanz betrachten und dadurch ganz nüchtern wahrnehmen, wovon sie spricht. Infolgedessen löste das Buch einen wichtigen inneren Prozess in mir aus.
Gerade die Perspektive auf neurodivergente Frauen finde ich besonders wichtig. Viele führen einen lebenslangen Kampf mit sich selbst, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt. Eine späte Diagnose kann viel Einsicht und Klarheit bringen und gleichzeitig Verwirrung und Trauer auslösen. „Good Girl Exit“ hat mir hier das Gefühl gegeben, mit manchen dieser Erfahrungen nicht allein zu sein.
Das Buch ist leicht zu lesen, persönlich und direkt, ohne dabei oberflächlich zu bleiben. Für mich ist es eine wichtige feministische Lektüre, die dazu anregt, gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen und den eigenen Umgang mit Scham, Schuld und Verletzlichkeit neu zu betrachten.