Svenja Leiber erzählt in ihrem neuen Roman eine Geschichte, die unter die Haut geht und dort bleibt. Nelka, eine sechzehnjährige Ukrainerin aus Lemberg, wird 1941 von deutschen Soldaten verschleppt und auf einem norddeutschen Gutshof zur Zwangsarbeit gezwungen. Doch Leiber erzählt nicht von Zwangsarbeit als historisches Faktum — sie erzählt von ihr als körperliches und seelisches Trauma, das über Jahrzehnte nachwirkt.
Das Besondere an diesem Roman ist die Balance zwischen Dunkelheit und Leichtigkeit. Leiber schreibt so poetisch und unsentimental zugleich, dass sie der Leserin eine Distanz ermöglicht, die das Buch trotz aller Kriegsgrauels zu einem wunderbaren Leseerlebnis macht. Nelkas Wissen über den Apfelanbau — von ihrem Vater gelernt — wird zur Waffe und zur Überlebensstrategie. Nach dem Krieg wird dieses erpresste Wissen dem Gutsverwalter zu Reichtum, während Nelka mit dem Trauma lebt.
Fünfzig Jahre später kehrt Nelka zurück. Nicht zur Rache, sondern zur Heilung. Sie will sich ihrer Vergangenheit stellen und ihrem Peiniger in die Augen sehen — jetzt als freier Mensch. Leiber zeigt, wie Frauen ihre Würde bewahren: durch das, was sie wissen, durch Freundschaft, durch kleine Akte der Selbstbestimmung. Ein Roman über Weiterleben, über die Kraft, sich selbst endlich befreien zu müssen. Herzzerreißend und federleicht zugleich — eine Leseempfehlung, die nachwirkt.