»Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat.«
Es ist eine »Welt von Gestern«, die Stefan Zweig heraufbeschwört: das Wien der 1920er Jahre, das »goldene Zeitalter der Sicherheit«, das von einer Stimmung des Aufbruchs und der kulturellen Freiheit beflügelt war. Diese Zeit endete, als sich in den 1930er Jahren die Schatten des Faschismus über Europa legten. Zweig ging ins Exil, doch seine Erinnerung an die »Welt von Gestern« blieb.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Autobiographie, die Casanova mit biblischer Exegese verbindet In drei Abschnitte kann man Zweigs Leben einteilen: Die Zeit vor dem 1.Weltkrieg, also vor 1914 eine „Welt in Sicherheit“, in der Zweig in Wien im Habsburger-Reich unter dem alten Kaiser Franz Josef aufwächst. Da seine Eltern Industrielle waren und sein Bruder das Unternehmen übernimmt, braucht er sich um finanzielle Dinge nicht zu kümmern, sondern kann sich schon als Schüler der Literatur widmen, ja er verfasst bereits erste Gedichte, da er den Schulstoff für dilettantisch, also wirklichkeitsfremd hält. Das Liebesleben ist vor dem Krieg auch ein anderes. Nach der Schule kommt das Studium, das er als lockeres Philosophiestudium schildert, in dem er erste Reisen unternimmt und dank Veröffentlichung in der „Neuen Freien Presse“ schon berühmt wird, so dass die Professoren bei der Abschlussprüfung ihm schon gnädig gestimmt sind. In diesem Buch werden ausführlich die anderen Personen geschildert, denen Zweig in seinem Leben begegnet ist, also hier Hugo von Hofmannsthal, der als Dichter sein Vorbild war und Theodor Herz, der als Zeitungsredakteur sich für Zweig stark machte, der auch Zionist war und sich Zweig mit in der Bewegung gewünscht hätte, was er aber ablehnte. Persönliches von Zweig, seine Ehefrauen kommen fast gar nicht vor, nur der Tod der Mutter wird gegen Ende knapp thematisiert. Das Besondere an diesem Buch ist der zweite Teil, der den Text von Stefan Zweig ausführlich kommentiert. Da hat sich jemand wirklich die Mühe zu überprüfen, ob das, was er so schreibt, auch tatsächlich stimmt. Manches lässt sich nicht mehr klären, aber gerade dort, etwa beim Abriss des Sterbehaus von Beethoven, wo Zweig klar schreibt, dass er dabei gewesen ist, stellt sich heraus, dass er in Paris war und kein Augenzeuge sein kann. Bei der Bibel ist das Aufgabe der Exegese. Der zweite Abschnitt in Zweigs Leben beginnt mit 1914 und endet mit Beginn der Nazi-Zeit. Allerdings muss erwähnt werden, dass vor 1914 Zweig ständig in Europa unterwegs war und das erinnert mich an Casanova. Mit Rathenau kommt auch die Politik nicht zu kurz, im Gegenteil ich fand es beeindruckend wie plastisch er die Auswirkungen der Inflation erst in Österreich und dann in Deutschland schildert. Weil Geld keine Rolle mehr spielt, Vergnügen sich die Menschen mehr. Neu für mich war auch, dass die Österreicher den ermordeten Thronfolger in Sarajevo gar nicht geliebt haben und irgendwie schon dachten, dass auch diese Krise ohne Krieg abgewendet werde. Ich greife vor, das macht der Autor aber auch. Zweig arbeitet anfangs vorwiegend als Übersetzer und freundet sich mit dem Belgier Emile Verhaeren und Romain Rolland an. Die Autobiographie soll den Eindruck erwecken, dass die drei eine pazifistische Bewegung gegründet hätten, aber außer Rolland liessen sich, wie der Kommentar sagt, die anderen beiden von der Kriegsbegeisterung 1914 anstecken. Erst nach einem drastisch geschilderten Frontbesuch in Galizien wird Zweig zum Kriegsgegner. Im zweiten Abschnitt seines Lebens wird Zweig der am häufigsten übersetzte Autor, was nach Zweig daran liegt, dass er seine Bücher immer aufs Wesentliche kürzt. Wie bei jedem guten Buch, kann ich noch kurz zur Nazi-Zeit sagen, dass Zweig schreibt, dass die Bücherverbrennungen 1934 ein Versuch von Studenten mit Unterstützung der Nazis waren, wie weit sie gehen konnten. Erst 1936 wurden seine Bücher in Deutschland verboten. Zweig kritisiert Europa (England, Frankreich, Italien), dass sie den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nicht verhindert haben und das Münchener Abkommen, das Hitler dann aber auch bricht und das Buch endet mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Zweigs Sprache verdient die Bestnote, ebenso aber auch der Kommentar, wenn auch zweimal das erklärte Wort im Kommentar früher als im Text erschien. Fußnoten hätten das Lesen etwas erleichtert. 5 Sterne
Ein bewegendes Selbstportrait
Bewertung aus Wien am 31.05.2021
Bewertungsnummer: 1058850
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mich hat das Buch - diese quasi Autobiographie - von Anfang an gefesselt und auch etwas erschreckt, wie viele Parallelen zur heutigen Entwicklung / Tendenz gezogen werden können.
Prädikat empfehlenswert!
Meinung aus der Buchhandlung
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„Wir lebten in einer Welt, die sich ihrer Dauer sicher wähnte.“
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wir lesen hier die Erinnerungen eines Europäers, doch in Wahrheit ist es die Erinnerung Europas selbst – verdichtet in der Stimme eines Autors, dessen Leben und Schreiben exemplarisch für die Hoffnungen und Brüche des 20. Jahrhunderts steht.
Bereits im Titel liegt eine leise Trauer, eine Ahnung des unwiderruflichen Verlustes. „Gestern“ bedeutet hier nicht bloß den gestrigen Tag, sondern die Epoche, die unwiederbringlich vergangen ist: das Wien der Jahrhundertwende, das kulturelle Zentrum Mitteleuropas, die scheinbar unerschütterliche Stabilität der Habsburgermonarchie. Zweig zeichnet dieses „Gestern“ nicht mit der Nostalgie eines alten Mannes, der verklärt zurückblickt, sondern mit der Präzision eines Chronisten, der weiß, dass seine Welt nicht nur vergangen, sondern vernichtet wurde.
Von den ersten Seiten an entfaltet das Buch eine außergewöhnliche Sprachmelodie. Zweigs Stil ist weder pathetisch noch nüchtern, sondern von einer einzigartigen Balance geprägt: klar, ruhig, fast transparent – und doch von tiefer Musikalität getragen. Man könnte sagen: Er schreibt, als würde er komponieren. Kein Satz ist überladen, kein Bild aufdringlich, und dennoch entsteht eine Intensität, die den Leser gefangen nimmt. Es ist eine Sprache, die atmet, die Raum lässt, die in ihrer scheinbaren Schlichtheit eine unerhörte Eleganz entfaltet.
Das Wien seiner Jugend beschreibt Zweig als eine Stadt der Sicherheit, des Glaubens an Fortschritt und Bildung. Die Kaffeehäuser erscheinen nicht nur als Orte des Genusses, sondern als geistige Laboratorien, in denen Zeitungen, Bücher und Gespräche ineinanderflossen. Das Bürgertum lebte in der Gewissheit einer immerwährenden Stabilität, und der junge Zweig wuchs in einer Atmosphäre auf, in der Kunst und Kultur den Rang einer Religion hatten. Seine Kindheitserinnerungen sind erfüllt von dieser Atmosphäre der Geborgenheit, und doch liegt bereits in ihrer Schilderung ein Unterton der Melancholie: Die „heile Welt“ war eine Illusion, deren Zerbrechlichkeit sich erst später offenbaren sollte.
Eine der Besonderheiten des Werkes liegt darin, wie Zweig persönliche Erfahrungen mit der großen Geschichte verknüpft. Er schildert Begegnungen mit Künstlern und Denkern – Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler –, doch nie, um sich selbst zu erhöhen. Die Porträts, die er zeichnet, sind fein und lebendig, nie zu Denkmälern erstarrt. So entsteht ein Panorama einer kulturellen Epoche, die heute als legendär gilt: jenes Wien um 1900, das eine einzigartige Synthese von Musik, Literatur, Philosophie und Psychologie hervorbrachte.
Doch gerade in dieser Fülle kündigt sich der Bruch an. Mit dem Ersten Weltkrieg zerfällt die alte Ordnung, und das Buch verändert seinen Ton. Aus den hellen Farben der Erinnerung werden dunklere Schattierungen. Zweig beschreibt, wie aus dem Selbstverständnis eines sicheren Bürgertums die Erfahrung der Unsicherheit und der Angst wird. Die Illusion des unerschütterlichen Fortschritts bricht in sich zusammen. In den Schilderungen dieser Jahre entfaltet sich eine erschütternde Intensität. Man spürt, wie der Erzähler selbst den Halt verliert, wie er Zeuge einer Katastrophe wird, die nicht nur politisch, sondern auch geistig und kulturell das Fundament Europas zerstört.
Bemerkenswert ist, dass Zweig in dieser Zeit der Umbrüche nie den Ton der Anklage wählt. Er hätte allen Grund, denn er war Jude, er war Intellektueller, er wurde von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts aus seiner Heimat vertrieben. Doch statt Bitterkeit spricht aus seinen Erinnerungen ein tiefer Humanismus. Er urteilt nicht mit Hass, sondern mit einem Bemühen um Verständnis – nicht, um die Verbrechen zu entschuldigen, sondern um ihre Ursachen zu begreifen. In dieser Haltung liegt die moralische Größe des Werkes.
Die zweite Katastrophe, der Aufstieg des Nationalsozialismus, treibt den Autor endgültig ins Exil. In Brasilien, fern von Wien, fern von Europa, vollendet er Die Welt von Gestern. Und man spürt in jeder Zeile, dass dieses Buch nicht bloß eine Rückschau ist, sondern ein Akt der Selbstrettung. In dem Moment, da er schreibt, versucht Zweig, das Verlorene durch Sprache zu bewahren. Erinnerung wird hier zur letzten Form der Heimat.
Das macht den Text so besonders: Er ist nicht nur Dokument, sondern auch Schöpfung. Er ist Literatur in höchster Form, weil er das Verschwundene nicht nur beschreibt, sondern es noch einmal lebendig macht. Leserinnen und Leser finden sich in einer Welt wieder, die es nicht mehr gibt, und erleben sie mit einer Intensität, als wäre sie noch gegenwärtig. Zweigs Sprache wirkt dabei wie eine Arche, die die Fragmente einer versunkenen Kultur bewahrt.
Vergleicht man Zweigs Werk mit anderen Memoiren des 20. Jahrhunderts – etwa mit Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ oder Elias Canettis „Die gerettete Zunge“ –, so wird deutlich, wie einzigartig sein Ton ist. Mann argumentiert, Canetti analysiert; Zweig hingegen erzählt. Er erhebt sich nicht über die Ereignisse, sondern führt mitten hinein. Diese Nähe, gepaart mit der Musikalität seiner Sprache, macht das Werk zu einem unvergleichlichen Leseerlebnis.
Zweigs Haltung zum eigenen Ruhm ist dabei bemerkenswert. Obwohl er in den 1920er- und 1930er-Jahren einer der meistgelesenen Autoren der Welt war, tritt er in seinen Erinnerungen nicht als Held auf. Er beschreibt sich eher als Beobachter, als stillen Zeugen einer Epoche, die größer war als er selbst. Gerade diese Bescheidenheit verleiht dem Buch seine Würde und Authentizität.
Die letzten Kapitel tragen die stille Tragik eines endgültigen Abschieds. Man weiß, dass Zweig kurz nach der Vollendung des Manuskripts zusammen mit seiner Frau den Freitod wählte – aus Verzweiflung über den Zustand Europas, aus Hoffnungslosigkeit im Angesicht der Diktatur. Dieses Wissen legt sich wie ein Schleier über die Lektüre, macht sie noch ergreifender. Jede Seite wirkt wie ein Vermächtnis.
Doch bei aller Trauer ist Die Welt von Gestern kein düsteres Buch. Es ist erfüllt von Schönheit: der Schönheit einer untergegangenen Epoche, der Schönheit einer Sprache, die Klarheit und Eleganz vereint, und der Schönheit einer Haltung, die auch im Angesicht des Untergangs den Glauben an den Menschen nicht verliert. Zweig gelingt es, Erinnerung als eine Form der Kunst zu gestalten – und gerade dadurch gewinnt das Werk seine zeitlose Kraft.
Heute, im 21. Jahrhundert, lässt sich das Buch nicht lesen, ohne die eigene Gegenwart mitzudenken. Wieder spürt Europa Unsicherheit, wieder drohen nationale Egoismen, wieder scheint die Errungenschaft einer offenen, friedlichen Kultur fragil. Zweigs Buch wird so zu einem Spiegel: Es erinnert daran, wie schnell Gewissheiten zerbrechen können, wie notwendig es ist, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.
In der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts nimmt Die Welt von Gestern damit einen singulären Platz ein. Es ist zugleich Memoir, Geschichtsbuch, Literatur und Vermächtnis. Es gehört zu den wenigen Texten, die sich nicht in eine Gattung pressen lassen, weil sie über Gattungsgrenzen hinauswachsen. Es ist ein Buch, das gelesen werden will – nicht aus Pflicht, sondern aus innerem Bedürfnis.
Wer dieses Werk aufschlägt, betritt eine versunkene Welt und erkennt darin zugleich die eigene. Zweig gelingt es, das Private und das Politische, das Individuelle und das Allgemeine, das Gestern und das Heute so zu verweben, dass ein Text entsteht, der weder altert noch verstaubt. In seiner Klarheit und Eleganz bleibt er lebendig – ein Leuchten aus einer untergegangenen Zeit, das bis in unsere Gegenwart hineinreicht.
Die Welt von Gestern ist nicht nur das bedeutendste Prosawerk Stefan Zweigs. Es ist eine der großen Erinnerungsbücher Europas. Ein literarisches Denkmal, das uns mahnt, das uns tröstet, das uns die Zerbrechlichkeit der Zivilisation vor Augen führt und zugleich die unzerstörbare Kraft der Sprache.
Stefan Zweig hat seine Welt gerettet, indem er sie erzählte. Und solange dieses Buch gelesen wird, ist sie nicht verloren.
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