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Jérôme Wiedenhaupt Buchhandlung: Thalia Hildesheim
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Meine letzte Rezension Träume aus Feuer von Florian Illies
Ach ich komme mal wieder ins Schwärmen. Jedes gute Buch, so denke ich, ist eine leise Verabredung mit einem fremden Leben, doch manche sind mehr als das: Sie öffnen eine Tür, durch die Licht fällt, obwohl sie von Vergänglichkeit erzählen. Sie führen uns in Zeiten, die längst verstummt sind, und lassen Herzen schlagen, die seit Jahrhunderten aufgehört haben zu schlagen. Wenn Literatur ihre schönste Gestalt erreicht, verwandelt sie Staub in Gegenwart, Namen in Gesichter und Geschichte in Empfindung. Ja ich bin begeistert, geradezu elektrisiert von diesem Werk. Als ich Träume aus Feuer aufschlug, hielt ich zunächst nur ein schmales kleines Buch in den Händen. Ich hatte dieses schmale Buch erstaunlich lange aufgeschoben. Immer wieder griff ich nach einem anderen Roman, als müsse "Träume aus Feuer" noch warten. Vielleicht, weil wir oft glauben, große Leseerlebnisse müssten in großen Büchern stecken. Wie sehr ich mich irrte, wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst. Wenige Stunden später bereits hatte ich das Gefühl, einen Menschen verloren und zugleich gefunden zu haben. Selten hat mich ein so kleines Werk mit einer derart stillen Wucht erfüllt. Florian Illies gelingt hier etwas, das nur wenigen Schriftstellern gelingt: Er schreibt nicht über die Vergangenheit. Er lässt sie atmen wie ich finde. Im Mittelpunkt steht Johann Kunckel, Alchemist, Forscher, Glasmacher, Visionär – und vor allem ein Mensch, dessen Sehnsucht größer ist als die Welt, in der er lebt. Schon dieser Gedanke trägt eine kaum auszuhaltende Schönheit in sich. Kunckel glaubt an Möglichkeiten, die seinen Zeitgenossen wie Zauberei erscheinen. Er sucht das vollkommene Glas, experimentiert mit Farben, mit Feuer, mit Stoffen, die sich jeder Berechenbarkeit widersetzen. Er arbeitet in einer Epoche, in der Wissenschaft und Magie noch dieselbe Sprache sprechen. Zwischen Rauch und Schmelzöfen, zwischen Hoffnungen und Fehlschlägen verfolgt er einen Traum, der weit über das Materielle hinausweist. Denn eigentlich sucht Kunckel nicht bloß eine Formel. Er sucht den Augenblick, in dem der Mensch die Welt berührt und sie für einen flüchtigen Moment schöner macht. Gerade darin liegt die tiefe Tragik seiner Geschichte. Kunckel ist einer jener Menschen, die stets einen Schritt zu früh geboren werden. Die Welt braucht ihre Ideen, erkennt aber ihre Größe erst, wenn ihre Stimmen längst verklungen sind. Während andere sich mit dem Möglichen zufriedengeben, lebt Kunckel von dem, was noch nicht existiert. Seine Beharrlichkeit ist bewundernswert und schmerzhaft zugleich. Denn jeder Erfolg scheint bereits den Keim des nächsten Verlustes in sich zu tragen. Höfe wechseln ihre Gunst, Mächtige verlieren ihr Interesse, Feuer vernichtet, was Feuer hervorgebracht hat. Immer wieder muss Kunckel neu beginnen. Und doch bleibt da dieser unerschütterliche Glaube an das Gelingen. Vielleicht ist genau das die größte Form menschlicher Würde: nicht der Erfolg, sondern die Weigerung, den Traum aufzugeben. Florian Illies erzählt diese Geschichte mit einer Eleganz, die sich jeder Übertreibung verweigert. Seine Sprache drängt sich nie auf, und gerade deshalb entfaltet sie einen solchen Zauber. Jeder Satz wirkt sorgfältig geschliffen, als wäre auch er durch Feuer gegangen. Illies besitzt die seltene Fähigkeit, historische Genauigkeit mit poetischer Leichtigkeit zu verbinden. Seine Bilder entstehen nicht aus opulenten Ausschmückungen, sondern aus präzisen Beobachtungen. Ein Funke im Ofen, das Schimmern geschmolzenen Glases, der Rauch über einer Werkstatt – plötzlich werden solche Details zu Symbolen einer ganzen Existenz. Man liest nicht bloß über Kunckel. Man steht neben ihm, spürt die Hitze auf der Haut und die Hoffnung in seinen Händen. Dabei liegt die eigentliche Größe dieses Buches vielleicht gerade in seiner Zartheit. Es schreit niemals nach Bedeutung. Es vertraut darauf, dass Schönheit leise sein darf. In einer Zeit, in der viele Romane ihre Leser mit dramatischen Wendungen und spektakulären Effekten überwältigen wollen, erinnert Träume aus Feuer daran, dass die größte Erschütterung oft aus der Stille entsteht. Dieses Buch kennt den Wert der Andeutung. Es lässt Lücken, in denen sich das eigene Mitgefühl entfalten kann. Man beginnt unmerklich, Kunckels Hoffnungen zu teilen, seine Niederlagen als eigene zu empfinden und sich über kleinste Erfolge zu freuen, als hinge das eigene Herz an ihnen. Besonders berührt hat mich die Art, wie Illies den Traum selbst zum eigentlichen Protagonisten macht. Feuer wird hier nicht nur zur Naturgewalt oder zum Werkzeug, sondern zum Sinnbild menschlicher Sehnsucht. Es wärmt und zerstört, erschafft und verschlingt, spendet Licht und hinterlässt Asche. In diesem Feuer erkennt man das Leben selbst. Jeder Mensch trägt einen solchen inneren Brand in sich, einen Wunsch, der größer ist als Vernunft, Bequemlichkeit oder Sicherheit. Kunckel lebt für diesen Wunsch. Vielleicht ist seine Geschichte deshalb so zeitlos. Sie erzählt von einem Forscher des Barock und handelt doch von jedem Menschen, der jemals an etwas geglaubt hat, das anderen unmöglich erschien. Dass Illies all dies in einem so schmalen Band unterbringt, grenzt an ein kleines Wunder. Kaum eine Seite wirkt zufällig, kaum ein Satz überflüssig. Dieses Buch besitzt jene kostbare Dichte, die man sonst eher aus der Lyrik kennt. Es verlangt nicht nach Hast, sondern nach Hingabe. Man möchte innehalten, einzelne Formulierungen noch einmal lesen, weil sie mehr nachklingen, als sie zunächst preisgeben. Nach der letzten Seite bleibt kein Gefühl der Vollendung zurück, sondern jenes seltene, kostbare Schweigen, das nur große Literatur hervorzurufen vermag. Es ist das Schweigen, in dem man das Buch langsam schließt und noch einen Moment auf dem Umschlag verweilt, als könne man den Zauber dadurch festhalten. Vielleicht ist genau das das größte Geschenk dieses wunderbaren kleinen Werkes: Es erzählt nicht nur die Geschichte Johann Kunckels. Es erinnert uns daran, dass die Menschheit immer von jenen gelebt hat, die gegen alle Wahrscheinlichkeit träumten. Von Menschen, die im Feuer nicht bloß Gefahr sahen, sondern die Möglichkeit von Schönheit. Florian Illies hat ihnen mit "Träume aus Feuer" ein Denkmal gesetzt, das weder aus Stein noch aus Bronze besteht, sondern aus Sprache. Und Sprache ist, wenn sie so glüht wie hier, vielleicht das dauerhafteste Material überhaupt. Dieses Buch verlässt einen nicht, wenn man es beendet hat. Es glimmt weiter, leise und unaufhörlich, wie eine Glut, die tief unter der Asche verborgen liegt und deren Wärme noch lange zu spüren ist.
ab 20,00 €
Produktbild Träume aus Feuer
5/5
  • Jérôme Wiedenhaupt
  • Buchhändler/-in

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5/5

Träume aus Feuer

Ach ich komme mal wieder ins Schwärmen. Jedes gute Buch, so denke ich, ist eine leise Verabredung mit einem fremden Leben, doch manche sind mehr als das: Sie öffnen eine Tür, durch die Licht fällt, obwohl sie von Vergänglichkeit erzählen. Sie führen uns in Zeiten, die längst verstummt sind, und lassen Herzen schlagen, die seit Jahrhunderten aufgehört haben zu schlagen. Wenn Literatur ihre schönste Gestalt erreicht, verwandelt sie Staub in Gegenwart, Namen in Gesichter und Geschichte in Empfindung. Ja ich bin begeistert, geradezu elektrisiert von diesem Werk. Als ich Träume aus Feuer aufschlug, hielt ich zunächst nur ein schmales kleines Buch in den Händen. Ich hatte dieses schmale Buch erstaunlich lange aufgeschoben. Immer wieder griff ich nach einem anderen Roman, als müsse "Träume aus Feuer" noch warten. Vielleicht, weil wir oft glauben, große Leseerlebnisse müssten in großen Büchern stecken. Wie sehr ich mich irrte, wurde mir schon nach den ersten Seiten bewusst. Wenige Stunden später bereits hatte ich das Gefühl, einen Menschen verloren und zugleich gefunden zu haben. Selten hat mich ein so kleines Werk mit einer derart stillen Wucht erfüllt. Florian Illies gelingt hier etwas, das nur wenigen Schriftstellern gelingt: Er schreibt nicht über die Vergangenheit. Er lässt sie atmen wie ich finde. Im Mittelpunkt steht Johann Kunckel, Alchemist, Forscher, Glasmacher, Visionär – und vor allem ein Mensch, dessen Sehnsucht größer ist als die Welt, in der er lebt. Schon dieser Gedanke trägt eine kaum auszuhaltende Schönheit in sich. Kunckel glaubt an Möglichkeiten, die seinen Zeitgenossen wie Zauberei erscheinen. Er sucht das vollkommene Glas, experimentiert mit Farben, mit Feuer, mit Stoffen, die sich jeder Berechenbarkeit widersetzen. Er arbeitet in einer Epoche, in der Wissenschaft und Magie noch dieselbe Sprache sprechen. Zwischen Rauch und Schmelzöfen, zwischen Hoffnungen und Fehlschlägen verfolgt er einen Traum, der weit über das Materielle hinausweist. Denn eigentlich sucht Kunckel nicht bloß eine Formel. Er sucht den Augenblick, in dem der Mensch die Welt berührt und sie für einen flüchtigen Moment schöner macht. Gerade darin liegt die tiefe Tragik seiner Geschichte. Kunckel ist einer jener Menschen, die stets einen Schritt zu früh geboren werden. Die Welt braucht ihre Ideen, erkennt aber ihre Größe erst, wenn ihre Stimmen längst verklungen sind. Während andere sich mit dem Möglichen zufriedengeben, lebt Kunckel von dem, was noch nicht existiert. Seine Beharrlichkeit ist bewundernswert und schmerzhaft zugleich. Denn jeder Erfolg scheint bereits den Keim des nächsten Verlustes in sich zu tragen. Höfe wechseln ihre Gunst, Mächtige verlieren ihr Interesse, Feuer vernichtet, was Feuer hervorgebracht hat. Immer wieder muss Kunckel neu beginnen. Und doch bleibt da dieser unerschütterliche Glaube an das Gelingen. Vielleicht ist genau das die größte Form menschlicher Würde: nicht der Erfolg, sondern die Weigerung, den Traum aufzugeben. Florian Illies erzählt diese Geschichte mit einer Eleganz, die sich jeder Übertreibung verweigert. Seine Sprache drängt sich nie auf, und gerade deshalb entfaltet sie einen solchen Zauber. Jeder Satz wirkt sorgfältig geschliffen, als wäre auch er durch Feuer gegangen. Illies besitzt die seltene Fähigkeit, historische Genauigkeit mit poetischer Leichtigkeit zu verbinden. Seine Bilder entstehen nicht aus opulenten Ausschmückungen, sondern aus präzisen Beobachtungen. Ein Funke im Ofen, das Schimmern geschmolzenen Glases, der Rauch über einer Werkstatt – plötzlich werden solche Details zu Symbolen einer ganzen Existenz. Man liest nicht bloß über Kunckel. Man steht neben ihm, spürt die Hitze auf der Haut und die Hoffnung in seinen Händen. Dabei liegt die eigentliche Größe dieses Buches vielleicht gerade in seiner Zartheit. Es schreit niemals nach Bedeutung. Es vertraut darauf, dass Schönheit leise sein darf. In einer Zeit, in der viele Romane ihre Leser mit dramatischen Wendungen und spektakulären Effekten überwältigen wollen, erinnert Träume aus Feuer daran, dass die größte Erschütterung oft aus der Stille entsteht. Dieses Buch kennt den Wert der Andeutung. Es lässt Lücken, in denen sich das eigene Mitgefühl entfalten kann. Man beginnt unmerklich, Kunckels Hoffnungen zu teilen, seine Niederlagen als eigene zu empfinden und sich über kleinste Erfolge zu freuen, als hinge das eigene Herz an ihnen. Besonders berührt hat mich die Art, wie Illies den Traum selbst zum eigentlichen Protagonisten macht. Feuer wird hier nicht nur zur Naturgewalt oder zum Werkzeug, sondern zum Sinnbild menschlicher Sehnsucht. Es wärmt und zerstört, erschafft und verschlingt, spendet Licht und hinterlässt Asche. In diesem Feuer erkennt man das Leben selbst. Jeder Mensch trägt einen solchen inneren Brand in sich, einen Wunsch, der größer ist als Vernunft, Bequemlichkeit oder Sicherheit. Kunckel lebt für diesen Wunsch. Vielleicht ist seine Geschichte deshalb so zeitlos. Sie erzählt von einem Forscher des Barock und handelt doch von jedem Menschen, der jemals an etwas geglaubt hat, das anderen unmöglich erschien. Dass Illies all dies in einem so schmalen Band unterbringt, grenzt an ein kleines Wunder. Kaum eine Seite wirkt zufällig, kaum ein Satz überflüssig. Dieses Buch besitzt jene kostbare Dichte, die man sonst eher aus der Lyrik kennt. Es verlangt nicht nach Hast, sondern nach Hingabe. Man möchte innehalten, einzelne Formulierungen noch einmal lesen, weil sie mehr nachklingen, als sie zunächst preisgeben. Nach der letzten Seite bleibt kein Gefühl der Vollendung zurück, sondern jenes seltene, kostbare Schweigen, das nur große Literatur hervorzurufen vermag. Es ist das Schweigen, in dem man das Buch langsam schließt und noch einen Moment auf dem Umschlag verweilt, als könne man den Zauber dadurch festhalten. Vielleicht ist genau das das größte Geschenk dieses wunderbaren kleinen Werkes: Es erzählt nicht nur die Geschichte Johann Kunckels. Es erinnert uns daran, dass die Menschheit immer von jenen gelebt hat, die gegen alle Wahrscheinlichkeit träumten. Von Menschen, die im Feuer nicht bloß Gefahr sahen, sondern die Möglichkeit von Schönheit. Florian Illies hat ihnen mit "Träume aus Feuer" ein Denkmal gesetzt, das weder aus Stein noch aus Bronze besteht, sondern aus Sprache. Und Sprache ist, wenn sie so glüht wie hier, vielleicht das dauerhafteste Material überhaupt. Dieses Buch verlässt einen nicht, wenn man es beendet hat. Es glimmt weiter, leise und unaufhörlich, wie eine Glut, die tief unter der Asche verborgen liegt und deren Wärme noch lange zu spüren ist.

Meine Lieblingswerke

  • Produktbild Die Frau in den Dünen
    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Die Frau in den Dünen

    Was Literatur ist? Nun, nachdem ich dieses Buch gelesen habe weiß ich, dass die hier vorgefundene Vortrefflichkeit, zweifelsohne unwahrscheinlich einzigartig ist. Kōbō Abes Die Frau in den Dünen ist kein Roman, den man liest, er ist ein Zustand, eine erstickende Erfahrung, ein metaphysischer Schlund aus Sand und Schweigen. Schon nach wenigen Seiten versteht man, dass hier nicht einfach eine Geschichte erzählt wird, sondern dass man in eine Versuchsanordnung gerät, in der die Begriffe Freiheit, Identität und Sinn bis zur letzten Konsequenz auseinandergenommen werden. Es ist, als öffne sich der Text selbst wie eine Grube, die man anfangs nur neugierig betrachtet, deren Ränder man tastend erkundet, bis man plötzlich spürt, dass der Boden nachgibt, dass man längst hineingeraten ist in diese ewige Bewegung aus Fallen, Schaufeln, Sich-Wieder-Finden und Sich-Wieder-Verlieren. In Abes Werk gibt es keine Rettung durch Erkenntnis, keine Katharsis, kein erlösendes „Verstehen“ – nur das immer dichtere Gefühl, dass der Sand, der scheinbar bloßes Naturphänomen ist, in Wahrheit das unausweichliche Medium des Daseins selbst darstellt. Der Sand in diesem Buch ist kein Hintergrund, er ist Substanz, Metapher, Atem und Gegner zugleich. Er ist ein Element, das weder Form noch Richtung kennt, das sich jedem Versuch der Ordnung entzieht und dennoch alles ordnet, indem es verschlingt. So wie das Dasein im existentialistischen Sinne nicht fest, sondern fließend, absurd und unhaltbar ist, so rinnt auch der Sand unaufhörlich, legt sich auf die Haut, in die Lungen, in die Sprache selbst. Man spürt beim Lesen die Trockenheit, das rieselnde Unaufhörliche, das niemals zur Ruhe kommt – der Sand als Metapher für die Absurdität der menschlichen Existenz, für das, was Camus in Der Mythos des Sisyphos das „ewige Rollen des Steins“ nennt. Doch Abe geht weiter: Er zeigt nicht nur den Menschen, der gezwungen ist, den Sand zu schaufeln, sondern auch den Sand selbst als eigentliche Bedingung des Seins. Es ist nicht nur der Mensch, der in der Welt gefangen ist – die Welt selbst scheint in sich gefangen, gefangen in ihrer endlosen Selbstproduktion aus Körnern, Bewegungen, Wind. Die Geschichte eines Lehrers, der in ein abgelegenes Dorf reist, um Insekten zu sammeln, der dann in einer Sandgrube festgehalten und gezwungen wird, mit einer Frau unaufhörlich Sand zu schaufeln, ist auf der Oberfläche eine Parabel der Gefangenschaft. Doch diese Gefangenschaft ist kein bloßes Narrativ. Sie ist die Offenlegung eines ontologischen Zustands: die Unmöglichkeit, sich von der Welt zu trennen, in der man sich befindet. Das Loch im Sand, in dem die Frau lebt, ist nicht anders als die Welt, in der jeder Mensch lebt, nur dass Abe die metaphysische Architektur sichtbar macht, die sonst durch Gewohnheit und Sprache verschleiert wird. Der Protagonist ist kein Held, kein Märtyrer, kein Rebell. Er ist ein Versuch, ein Gedanke, der sich selbst denkt. In seiner Hoffnung auf Flucht, in seinem Wiederstand, in seiner allmählichen Anpassung, in der paradoxen Akzeptanz seiner Lage zeigt sich das volle Panorama der existentiellen Erfahrung: das Aufbegehren gegen die Absurdität und das gleichzeitige Verstricktsein in sie. Abe, wie Beckett, schreibt über das Menschliche nicht aus Pathos, sondern aus der Logik des Absurden heraus. Wo bei Beckett das Warten die Struktur des Sinnverlusts darstellt, ist es bei Abe das Schaufeln. Das ewige, sinnlose, notwendige Schaufeln. Der Sand, der immer wieder hereinfällt, der nie gänzlich beseitigt werden kann, ist nichts anderes als die Wiederholung selbst, der Versuch, Bedeutung zu schaffen, wo keine ist. Und in dieser Wiederholung zeigt sich das eigentliche Drama: dass der Mensch nicht leben kann, ohne Sinn zu erzeugen, auch wenn jeder Sinn sofort wieder vom Sand zugeschüttet wird. Der Sand ist das Nichts, das sich materialisiert, das uns umgibt, das in uns eindringt, das uns formt, während wir glauben, es bekämpfen zu müssen. In dieser Hinsicht ist Die Frau in den Dünen eine metaphysische Topografie. Der Sand ist das Abbild einer Welt, in der die Unterscheidung zwischen Natur und Bewusstsein, zwischen Innen und Außen, längst aufgehoben ist. Das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, ist in Abes Erzählung nichts anderes als ein rieselndes Gleichgewicht zwischen Auflösung und Beharrung. Die Frau, die in dieser Grube lebt, ist nicht bloß Gefährtin oder Gegenfigur, sondern Verkörperung dieser Ordnung des Unausweichlichen. Sie stellt keine Fragen nach Freiheit oder Sinn, sie existiert innerhalb einer Ordnung, die jenseits des Fragens liegt. Ihre Ruhe, ihre Gewöhnung, ihre pragmatische Haltung zur Aufgabe des Schaufelns sind nicht Ausdruck von Resignation, sondern von Eingewobenheit. Der Mann dagegen, aus der Stadt kommend, mit seiner Idee von Freiheit, Fortschritt, Individualität, verkörpert das tragikomische Streben nach Selbstbehauptung in einer Welt, die keine Grenzen für das Selbst kennt. Abes Stil ist zugleich klinisch und traumartig, präzise wie ein wissenschaftlicher Bericht und doch durchtränkt von einer Poesie des Absurden. Seine Sprache ist die Sprache des Bewusstseins, das sich selbst beim Denken beobachtet, das zwischen Ratio und Halluzination schwankt. Nichts in diesem Roman geschieht im Modus des Realismus, obwohl alles real erscheint. Jeder Satz hat die Dichte eines Gedankens, der sich zu Ende denkt und gerade darin ins Bodenlose fällt. Man liest, und es ist, als würde man selbst im Sand versinken – nicht durch äußere Gewalt, sondern durch die Schwerkraft der Bedeutungslosigkeit, die das Denken selbst erzeugt. Dass Die Frau in den Dünen so perfekt in den Kontext des Existentialismus passt, liegt nicht allein an seiner Thematik, sondern an seiner Struktur. Der Roman selbst ist wie ein Sandloch gebaut: jede Bewegung des Lesers, jedes interpretative Schaufeln führt tiefer hinein, nie hinaus. Es gibt keinen festen Boden. Wie Sartres Geschlossene Gesellschaft oder Camus’ Der Fremde operiert Abes Werk in einer Welt, in der die Transzendenz fehlt – aber während Sartre und Camus noch einen Rest von moralischem oder metaphysischem Widerstand aufrechterhalten, entzieht Abe selbst diesen letzten Halt. Hier gibt es kein Urteil, keine Schuld, keine „falsche“ Entscheidung. Es gibt nur Dasein, das sich in endloser Tätigkeit selbst erhält. Das Schaufeln wird zur Metapher des Lebens als Tätigkeit ohne Ziel, aber mit Struktur; der Mensch ist nicht frei trotz seiner Gefangenschaft, sondern in ihr. So wird der Sand zum dialektischen Gegenüber des Bewusstseins. Er ist der Beweis, dass das Unfassbare die Form des Materiellen annehmen kann. Er verschlingt, aber er trägt auch; er löscht aus, aber er konserviert zugleich. Er ist die absolute Gleichzeitigkeit von Sein und Vergehen. Wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, bleibt nichts als dieses Bild: ein Mensch, der schaufelt, obwohl der Sand zurückkehrt, der bleibt, obwohl nichts bleibt, der lebt, obwohl das Leben nichts anderes ist als ein rieselndes Wiederholen. Und genau darin liegt das Erschütternde – dass in dieser Bewegung des Sinnlosen ein seltsamer Friede aufscheint. Denn am Ende, wenn der Protagonist seinen Fluchtversuch aufgibt, wenn er die Arbeit nicht mehr als Strafe, sondern als Rhythmus begreift, da offenbart sich das eigentliche Paradox des Existentialismus: Die Akzeptanz des Absurden ist die einzige Form von Freiheit. Der Sand hört nicht auf, aber die Angst vor ihm verliert ihre Gewalt. Was bleibt, ist eine Art stilles Einverständnis mit der Welt, nicht aus Erleuchtung, sondern aus Erschöpfung. Doch diese Erschöpfung ist kein Scheitern. Sie ist das Aufhören der Illusion, dass Sinn von außen kommen müsse. Die Frau in den Dünen ist somit weniger eine Erzählung als eine Erfahrung des Bewusstseins im Zustand seiner äußersten Entblößung. Es ist ein Werk, das den Menschen bis auf das Skelett seiner Existenz zurückführt, bis nichts mehr übrig bleibt als das Atmen, das Schaufeln, das Staunen über die Tatsache, dass es den Sand überhaupt gibt.

  • Produktbild Der Goldene Pavillon
    • Jérôme Wiedenhaupt
    • Buchhändler/-in

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    5/5

    Der Goldene Pavillon

    Welch ein Buch, welch ein grandioses Werk, das für mich unbestreitbar zu den herausragendsten literarischen Erzeugnissen des 20. Jahrhunderts gehört. „Der goldene Pavillon“ von Yukio Mishima gehört zu jenen seltenen Büchern, die in ihrer Sprachkunst ebenso bestechend wie in ihrer moralischen und psychologischen Tiefe unerschöpflich sind. Der Roman, 1956 erschienen, erzählt die Geschichte des jungen Novizen Mizoguchi, der von körperlicher Schwäche, Sprachfehlern und tiefem Selbsthass gezeichnet ist und sich in obsessiver Weise am Bild des Kinkaku-ji, des berühmten Goldenen Pavillons in Kyōto, abarbeitet. Ausgehend von einer historischen Begebenheit – der tatsächlichen Brandstiftung des Pavillons im Jahr 1950 – entfaltet Mishima ein vielschichtiges Drama von Schönheit, Zerstörung, Eros und Thanatos. Es ist nicht allein eine historische Rekonstruktion, sondern eine seelische Anatomie: Mishima macht aus der Tat des Protagonisten ein philosophisches Gleichnis über das Verhältnis des Menschen zur Schönheit und über die zerstörerische Dialektik von Begehren und Ohnmacht. Michima entfaltet in diesem Roman eine paradoxe Dialektik: Das Schöne erhebt den Menschen, indem es ihm einen Maßstab gibt, und zerstört ihn zugleich, weil es ihn auf seine Endlichkeit zurückwirft. Diese Spannung zwischen Ideal und Realität durchzieht das gesamte Werk. Mizoguchis Verhältnis zum Pavillon wird mit zunehmender Intensität von Hass durchdrungen. Es ist nicht der Hass auf das Hässliche, sondern der Hass auf das Übermaß des Schönen, das seine Existenz überstrahlt. Schönheit, so suggeriert Mishima, kann zur tyrannischen Macht werden: Sie wirft den Betrachter auf sich selbst zurück, zwingt ihn zu einer schmerzhaften Erkenntnis seiner Grenzen. Der Protagonist fühlt sich von der Vollkommenheit des Tempels so überwältigt, dass er nur einen Ausweg sieht: die Zerstörung dieses Ideals, um sich selbst von dessen Herrschaft zu befreien. So wird der Brand des Goldenen Pavillons zur radikalen Geste eines Menschen, der im Akt der Zerstörung zugleich seine Freiheit und seine Identität behauptet. Doch Mishima belässt es nicht bei einer ästhetischen Tragödie, er führt den Leser tiefer in die moralischen Dimensionen. Die Tat Mizoguchis ist nicht nur ein ästhetischer Protest, sondern auch eine moralische Frage: Darf man das, was allen als unantastbares Kulturerbe gilt, vernichten, nur weil es für einen Einzelnen unerträglich ist? Mishima zeigt, dass Moral und Ästhetik hier in einen unauflösbaren Konflikt geraten. Mizoguchi weiß um die Schuld seiner Handlung, doch er empfindet sie zugleich als Notwendigkeit, fast als Akt der Selbstbehauptung gegen die Tyrannei des Schönen. Damit stellt Mishima die Frage nach dem Verhältnis von individueller Freiheit und gesellschaftlichem Wert, nach der Legitimität einer Tat, die aus subjektiver Wahrheit geboren wird, aber objektiv ein Sakrileg ist. Eine der zentralen philosophischen Strömungen im Werk liegt in der Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Erkenntnis und Tat. Mishima lässt seinen Protagonisten lange Zeit in einer Welt der Reflexion, des Nachdenkens, des Grübelns verharren. Mizoguchi erkennt die Schönheit, analysiert sie, leidet an ihr, philosophiert über ihre Bedeutung – doch nichts davon verändert seine Lage. Erst im Moment der Tat, im Entzünden des Feuers, tritt eine Wendung ein: Die Erkenntnis wird in Handlung überführt, und in dieser Handlung wird sie zugleich bestätigt wie auch negiert. Mishima legt nahe, dass Erkenntnis allein nicht ausreicht, um das Leben zu ertragen. Der Mensch benötigt die Tat, um seine Erkenntnisse zu verifizieren, sie zu verkörpern, ihnen eine Realität zu geben. Erkenntnis, so zeigt das Buch, ist ohne Handlung leer, während Handlung ohne Erkenntnis blind wäre. Der Mensch ist auf die Wechselwirkung beider angewiesen. Die Frage, ob der Mensch Erkenntnis zum Leben benötigt, wird in Der goldene Pavillon nicht eindeutig beantwortet, sondern ambivalent entfaltet. Einerseits zeigt Mizoguchis obsessives Nachdenken über Schönheit, dass Erkenntnis selbst quälend sein kann, dass sie den Menschen lähmt und ihn von der unmittelbaren Lebendigkeit entfremdet. Mizoguchi ist ein Denker, ein Grübler, der in seiner Reflexion fast erstickt. In dieser Hinsicht könnte man sagen: Zu viel Erkenntnis hindert am Leben. Andererseits ist die Tat des Tempelbrands ohne die vorausgehende Erkenntnis gar nicht denkbar. Es ist gerade die Intensität seiner Reflexion, die Mizoguchi zur Konsequenz führt. Er muss erkennen, bevor er handeln kann. Hier offenbart sich die Dialektik: Erkenntnis ist Voraussetzung des Handelns, und das Handeln wiederum ist die Erfüllung, manchmal auch die Überwindung der Erkenntnis. Mishima bindet diese philosophische Konstellation an eine existentielle Dimension. Das Leben des Menschen besteht nicht im bloßen Dasein, sondern in der ständigen Auseinandersetzung mit Bedeutungen, Werten, Idealen. Ohne Erkenntnis würde der Mensch in der bloßen Faktizität verhaften, er wäre wie ein Tier, das lediglich seinen Trieben folgt. Doch gerade die Erkenntnis entfremdet ihn von der Welt und zwingt ihn, eine Stellung zu ihr einzunehmen. Die Tat ist dann die Rückkehr in die Welt, der Versuch, die Kluft zwischen Bewusstsein und Wirklichkeit zu überbrücken. Mizoguchis Brand des Pavillons ist Ausdruck dieser Logik: Er will das Gefälle zwischen dem Ideal der Schönheit und seiner eigenen Existenz nicht länger ertragen und schafft durch die Tat eine neue Realität, die ihn von dieser Kluft befreit – wenn auch um den Preis der Zerstörung. Der ästhetische Gehalt des Romans liegt nicht allein in der Darstellung des Pavillons, sondern auch in Mishimas Sprache, die stets zwischen nüchterner Präzision und poetischer Verdichtung schwankt. Die Bilder des Tempels, die Reflexionen über das Licht, das Wasser, die Jahreszeiten, wirken wie eine literarische Beschwörung des Schönen. Doch Mishima bricht diese Schönheit durch die dunkle Innensicht Mizoguchis, durch dessen Zynismus, seine Ängste, seine unstillbare Sehnsucht nach Reinheit. So entsteht ein ästhetisches Spannungsfeld zwischen äußerer Schönheit und innerer Zerrissenheit, das den Leser unmittelbar in den Bann zieht. Das moralische Anliegen des Buches lässt sich schließlich auch als Kritik an einer Gesellschaft verstehen, die das Schöne verehrt, aber die Dunkelheit des Einzelnen übersieht. Mishima zeigt, dass Schönheit nicht nur beglückt, sondern auch zerstören kann, wenn sie zum Maßstab wird, an dem sich der Einzelne vergeblich misst. Damit fordert das Werk auf, die Ambivalenz der Ästhetik ernst zu nehmen und sie nicht als bloße Harmonie zu verklären. Schönheit, so legt Mishima nahe, ist immer auch eine Herausforderung für die Moral, weil sie Macht über den Menschen ausübt und dessen Freiheit bedroht. Der goldene Pavillon ist also nicht nur ein Roman über einen historischen Tempelbrand, sondern eine universelle Parabel über die Macht des Schönen, die Dialektik von Erkenntnis und Tat und die fragile Balance zwischen individueller Freiheit und moralischer Ordnung. Mishima gelingt es, aus einer konkreten Begebenheit eine philosophische Reflexion von universaler Gültigkeit zu formen. Sein Werk zwingt den Leser, sich zu fragen, ob wir die Schönheit ertragen können, ohne von ihr überwältigt zu werden, und ob Erkenntnis uns wirklich näher zum Leben bringt – oder uns erst im Akt der Tat erlöst. So steht am Ende die Einsicht, dass der Mensch nicht ohne Erkenntnis leben kann, weil sie sein Bewusstsein und seine Würde begründet. Doch Erkenntnis allein genügt nicht; sie muss in Handlung überführt werden, um ihre Wahrheit zu zeigen. Mishima hat mit Der goldene Pavillon ein Meisterwerk geschaffen, das diese Dialektik in erschütternder Klarheit vor Augen führt – ein Werk von großer ästhetischer Strahlkraft und moralischer Tiefenschärfe, das uns noch lange nach der Lektüre nicht loslässt.

  • Produktbild Der Nachsommer
    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Der Nachsommer

    Adalbert Stifters „Der Nachsommer“ gehört zu jenen Werken, welches zu rezensieren ich bislang vermied, aufgrund meiner kaum in Worte zu fassenden Erfurcht und Demut vor einem solchen literarischen Meisterwerk. Dieses Buch hat mich nachhaltig tief beeindruckt und inspiriert, weswegen ich meine Faszination gerne erläuteren will. In diesem Werk erreicht die literarische Beschreibung der Natur eine bis dahin unerreichte, ja bis heute kaum übertroffene Intensität, Präzision und zugleich metaphysische Durchdringung. Stifter gelingt es, eine Sprache zu schaffen, die sich der flüchtigen Erscheinung der Dinge nicht nur nähert, sondern sie in eine Dauer überführt, die dem Leser erlaubt, Natur nicht als bloße Kulisse, sondern als selbsttragende Sphäre des Sinns zu erfahren. Die scheinbar minutiösen, fast mikroskopischen Schilderungen von Pflanzen, Gesteinsformationen, Lichtverhältnissen oder jahreszeitlichen Übergängen sind nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck einer tiefen ästhetischen Ethik, die Natur als den Raum begreift, in dem sich das gelingende Leben vollzieht. Gerade im „Nachsommer“ tritt die naturbeschreibende Kunst Stifters in ihrer höchsten Vollendung zutage, weil sie nicht wie in den Erzählungen einer dramatischen Handlung untergeordnet ist, sondern den gleichsam architektonischen Rahmen der ganzen Dichtung bildet. Die langsame, fast kontemplative Bewegung des Textes, die von vielen als Schwerfälligkeit missverstanden wurde, ist in Wahrheit ein genuiner Ausdruck dieser poetischen Haltung: Nur in der beharrlichen, geduldigen Betrachtung eröffnet sich die wahre Gestalt der Welt. Es ist ein Sehen, das sich weigert, die Oberfläche rasch zu durchdringen oder in symbolische Kurzschlüsse zu verfallen; vielmehr erhebt Stifter die genaueste Beobachtung zur moralischen Pflicht. Darin liegt etwas zutiefst Kantisches: die Anerkennung der Dinge in ihrer Eigengesetzlichkeit, ohne sie vorschnell in anthropozentrische Bedeutungen aufzulösen. Die Naturdarstellungen im „Nachsommer“ sind von einer doppelten Struktur getragen: einerseits die exakte, fast naturwissenschaftliche Präzision, andererseits eine unverkennbare ästhetische Transfiguration. Wenn Stifter etwa den Garten des Rosenhauses beschreibt, die Anlage von Wegen, die Anordnung der Bäume, die Pflege der Blumen, so verweilt er auf jedem Detail, auf den Nuancen der Farbigkeit, den Lichtbrechungen in den Blättern, den jahreszeitlichen Veränderungen. Diese Exaktheit zeugt von einer tieferen Überzeugung: dass die Schönheit nicht in der willkürlichen Projektion des Subjekts liegt, sondern in der Ordnung der Welt selbst. Und doch ist diese Ordnung nie bloß faktisch, sie ist durch den Tonfall, durch die Rhythmik des Satzes, durch die zarte Klangfarbe der Sprache erhoben in eine Sphäre des Erhabenen. Die Beschreibungen erscheinen nicht kalt, sondern von einer warmen, beinahe liebevollen Aufmerksamkeit getragen. Man könnte sagen, Stifter hat eine Ethik der Beschreibung entwickelt, in der der Respekt vor dem Einzelnen zur literarischen Form wird. Das Bedeutende an diesen Naturdarstellungen ist, dass sie den Leser nicht nur belehren, sondern verwandeln. Der Text wirkt nicht durch dramatische Effekte, sondern durch die Einübung in eine neue Wahrnehmungsweise. Wer Stifter liest, lernt zu sehen, und zwar in einem umfassenderen Sinn: nicht nur die Farben, Formen und Strukturen der Natur, sondern deren innere Gesetzlichkeit, deren rhythmische Wiederkehr, deren stille Majestät. Darin liegt eine tiefe Verwandtschaft zu Goethes naturwissenschaftlichem Projekt, insbesondere seiner Morphologie: auch dort ist die Natur kein Chaos, sondern ein sich selbst ordnender Kosmos, dessen Gesetz in den Formen selbst liegt. Doch während Goethe oft den Typus, die Idee über der Erscheinung sucht, bleibt Stifter beharrlich bei der Erscheinung selbst, im Vertrauen darauf, dass die Wahrheit nicht hinter, sondern in den Dingen zu finden ist. In dieser Haltung ist er zugleich Naturforscher und Mystiker, der durch die unendliche Genauigkeit hindurch zum Absoluten gelangt. Dass gerade die Naturdarstellungen im „Nachsommer“ als die besten der gesamten Literatur gelten dürfen, liegt nicht allein an ihrer technischen Virtuosität, sondern an dieser metaphysischen Dimension. Während viele große Schriftsteller die Natur metaphorisch gebrauchen, sie als Spiegel des Inneren oder als Bühne des Handelns behandeln, verweigert sich Stifter konsequent dieser Instrumentalisierung. Natur ist für ihn weder Symbol noch Allegorie, sondern eine souveräne Größe. Das macht seine Schilderungen so einzigartig: Sie sind nicht Ausdruck eines Subjekts, sondern Begegnung mit einem Gegenüber. Diese Haltung verleiht seinen Texten eine heute seltene, fast heilige Ruhe. Der „Nachsommer“ ist ein Buch, das nicht gelesen, sondern in seiner Langsamkeit gelebt werden muss; nur so erschließt sich die Größe seiner Kunst. Stifter erreicht diese Wirkung nicht zuletzt durch eine Sprache, die eine fast kristalline Klarheit besitzt. Seine Sätze sind von einer kunstvollen Schichtung, die weder barocke Überfülle noch nüchterne Kargheit kennt, sondern eine Balance zwischen Fülle und Strenge wahrt. Die syntaktische Ruhe spiegelt die Ruhe der beschriebenen Welt; die Wortwahl vermeidet das Sensationelle und sucht stets das präzis Notwendige. In der Wiederholung, im leisen Variationston, entfaltet sich eine Musik der Wahrnehmung, die in ihrer Rhythmik selbst Natur nachahmt. Es ist, als ob die Prosa den Kreislauf der Jahreszeiten, das langsame Reifen einer Frucht oder das stille Wachstum einer Pflanze nachzeichnet. Dadurch verschmilzt Form und Inhalt, Sprache und Gegenstand zu einer Einheit, die den ästhetischen Anspruch dieses Werkes ausmacht. Auch im größeren Kontext der Literaturgeschichte bleibt der „Nachsommer“ einzigartig. Die großen Romane des 19. Jahrhunderts – von Balzac bis Fontane, von Tolstoi bis Flaubert – leben von der Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft, vom dramatischen Konflikt, von der psychologischen Entwicklung. Stifter hingegen verlegt das Zentrum seines Romans in die Darstellung eines gelungenen Lebens, dessen Harmonie sich gerade aus der Einfügung in die Natur ergibt. Es ist ein Gegenentwurf zum modernen Roman, eine Art antimoderne Modernität: Statt Zerrissenheit zu zeigen, führt er vor, wie Kontemplation, Bildung und die Pflege des Schönen zur inneren Einheit führen können. Der Roman wird damit zu einem Manifest der ästhetischen Lebensführung, in dem die Naturbeschreibungen den zentralen Beweis liefern. Sie zeigen, dass die Welt, richtig betrachtet, nicht Fragment, sondern Kosmos ist. Der Vorwurf, Stifter sei langweilig oder episch breit, verkennt gerade diesen Kern. Seine Weitläufigkeit ist Methode, nicht Schwäche. Sie ist das literarische Äquivalent zur langsamen Betrachtung eines Gemäldes, bei dem man erst nach längerem Verweilen die Feinheiten der Farbnuancen erkennt. Der „Nachsommer“ verlangt eine Lektüre, die nicht konsumiert, sondern meditiert; er ist weniger ein Roman im herkömmlichen Sinn als eine ästhetische Schule der Wahrnehmung. Darin liegt auch seine zeitlose Bedeutung: In einer Epoche der Beschleunigung, der Informationsflut und der ständigen Ablenkung bietet Stifters Kunst ein Modell der Aufmerksamkeit, das zugleich ethisch und ästhetisch ist. So ist der „Nachsommer“ nicht nur literarisch, sondern auch philosophisch von größter Bedeutung. Er formuliert eine Ästhetik der Welt, in der die Natur nicht hinterfragt, sondern gefeiert wird. Diese Feier ist kein naives Loblied, sondern das Ergebnis strengster Beobachtung und tiefster Demut. Die Naturdarstellungen dieses Romans sind deshalb die besten der Literatur, weil sie eine einmalige Verbindung von Genauigkeit und Transzendenz darstellen: Sie zeigen die Dinge, wie sie sind, und lassen zugleich das Höhere durchscheinen, das sich in ihnen manifestiert. Stifters Kunst ist eine Kunst der Versöhnung, die uns lehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen – mit Augen, die nicht herrschen, sondern bewahren.

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    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Die Haut

    Welch ein kolossales Meisterwerk. Schon nach wenigen Seiten des Lesens fragt man sich, was dieses Buch eigentlich mit einem macht und weshalb dessen Bilder einen so verfolgen. Vielleicht liegt genau darin die Kraft großer Literatur, dass sie sich nicht sofort erklärt, sondern nach und nach einen Raum eröffnet, in dem Gedanken überhaupt entstehen können. Während ich las, hatte ich immer wieder das Gefühl, nicht mehr auf einen Roman zu schauen, sondern auf etwas Freigelegtes, etwas Rohes unter der Oberfläche der Welt. Vielleicht meinte Jean-Paul Sartre genau das, wenn er sinngemäß sagte, Literatur müsse Realität sichtbar machen. Curzio Malaparte hat mit "Die Haut" keinen Roman geschrieben, den man schlicht rezensieren könnte. Jede gewöhnliche Form der Kritik scheint an diesem Buch abzugleiten wie Wasser an verbrannter Haut. Man kann über Handlung sprechen, über Stil, über die grotesken Episoden Neapels nach dem Krieg, über die fiebrige Mischung aus Realismus und Halluzination – und dennoch hätte man das Zentrum des Romans verfehlt. Denn „Die Haut“ ist kein Werk, das gelesen werden will wie ein Roman. Es ist eine Wunde, die spricht. Und vielleicht liegt darin seine verstörende Größe: Malaparte zwingt den Leser nicht dazu, etwas zu verstehen, sondern etwas auszuhalten. Das Buch riecht nach Schimmel, nach Blut, nach Armut, nach der Demütigung eines ganzen Kontinents. Europa erscheint hier nicht als moralische Idee, sondern als verwesender Körper, dessen letzte Würde längst verkauft worden ist. Gerade deshalb wirkt dieser Roman heute erschreckend modern. Er zeigt eine Welt, in der Menschen nicht mehr an Wahrheit glauben, nicht mehr an Gott, nicht mehr an Ideale – sondern nur noch an das nackte Überleben. Es gibt Sätze in der Literatur, die sich wie Nägel in das Gedächtnis bohren. Einer davon steht in diesem Roman: „darum, ein ehrbarer Mann zu sein, ein anständiger Mensch, das heißt heutzutage gar nichts. Es geht nicht um persönliche Aufrichtigkeit. Es hat mit der modernen Zivilisation zu tun, dieser Zivilisation ohne Gott, die die Menschen dazu bringt, die eigene Haut so wichtig zu nehmen. Mittlerweile zählt ja allein die Haut. Allein sie ist sicher, greifbar, unleugbar. Sie ist das Einzige, was wir besitzen. Was uns gehört. Das Sterblichste, was es auf der Welt gibt. Nur die Seele ist unsterblich, leider! Aber was zählt heutzutage die Seele? Allein die Haut zählt. Alles besteht aus menschlicher Haut. Auch die Flaggen der Armeen bestehen aus menschlicher Haut.“ Selten wurde die moralische Verwüstung des 20. Jahrhunderts präziser formuliert. Dieser Gedanke ist nicht bloß philosophische Reflexion, sondern das pulsierende Herz des Romans. Malaparte beschreibt eine Welt, in der die Seele ihren Wert verloren hat und die Haut zur letzten Währung geworden ist. Der Mensch reduziert sich auf seine Verletzbarkeit. Auf sein Fleisch. Auf seine Angst. Und genau darin liegt die ungeheure Radikalität des Buches. Es erzählt nicht vom Krieg selbst, sondern von dem, was nach dem Krieg übrig bleibt: die Scham des Überlebens. Die grotesken Szenen, die Malaparte erschafft, wirken dabei oft wie Fieberträume. Kinder werden verkauft, Frauen bieten ihre Körper an wie letzte Handelsware, Offiziere feiern zwischen Ruinen, und überall schleicht eine Form von Erniedrigung durch die Straßen Neapels, die sich kaum in Worte fassen lässt. Doch diese Groteske ist niemals Selbstzweck. Sie ist die einzige Sprache, die einer zerstörten Welt noch angemessen erscheint. Denn Würde existiert in diesem Roman nur noch als Erinnerung. Vielleicht ist genau das die schmerzhafteste Erkenntnis dieses Werkes: Nicht der Tod vernichtet den Menschen zuerst, sondern die langsame Gewöhnung an die Entwürdigung. Malaparte zeigt Figuren, die ihre Menschlichkeit nicht in großen Katastrophen verlieren, sondern in kleinen Gesten der Anpassung. In Blicken. In Geschäften. In schweigend akzeptierter Erniedrigung. Und dennoch bleibt da etwas Merkwürdiges zurück: Gerade indem er die Würde des Menschen so brutal infrage stellt, verteidigt er sie auf paradoxe Weise. Denn die Empörung des Lesers beweist, dass die Idee der Würde noch lebt. Man liest diese Szenen nicht mit kalter Distanz. Man leidet an ihnen. Vielleicht ist das die eigentliche moralische Kraft dieses Romans. Besonders erschütternd ist dabei Malapartes Sprache. Sie besitzt eine eigentümliche Schönheit, die fast unerträglich wird, weil sie das Entsetzliche nicht mildert, sondern noch sichtbarer macht. Wenn er schreibt: „Der Tag war schon angebrochen, auf der Haut der Gesichter, auf dem Putz der Wände und dem grauen Himmel, der hie und da vom scharfen Morgenwind zerrissen wurde, wuchs ein leichter grüner Schimmel: und zwischen den Fetzen zeigte sich etwas Rosiges, ähnlich wie die neue Haut tief in einer Wunde. Die Menge wartete derweil im Hof, unter lauten Gebeten, die ab und zu unterbrochen wurden, um den Tränen freien Lauf zu lassen“, dann entsteht eine Bildkraft, die weit über gewöhnliche Literatur hinausgeht. Dieser grüne Schimmel, der auf den Gesichtern wächst, ist mehr als nur Beschreibung. Es ist das Bild einer Zivilisation in Verwesung. Und zugleich erscheint zwischen den Rissen „etwas Rosiges“, eine neue Haut tief in der Wunde – als gäbe es selbst im völligen moralischen Zusammenbruch noch die Möglichkeit einer Regeneration. Genau in dieser Spannung bewegt sich der gesamte Roman: zwischen Fäulnis und Hoffnung, zwischen Verfall und einer beinahe unmöglichen Form von Erlösung. Vielleicht erklärt das auch, warum das Buch sich jeder eindeutigen Interpretation entzieht. Man kann „Die Haut“ politisch lesen, existenzialistisch, religiös oder historisch – und doch bleibt immer ein Rest, der sich nicht auflösen lässt. Malaparte schreibt nicht aus sicherer moralischer Distanz. Er steht selbst mitten im Schmutz seiner Zeit. Das macht seine Perspektive so verstörend glaubwürdig. Er urteilt nicht wie ein Richter; er beschreibt wie jemand, der selbst beschädigt worden ist. Darin unterscheidet er sich von vielen anderen Autoren der Nachkriegsliteratur. Bei ihm gibt es keine reine Opferrolle und keine makellosen Helden. Jeder trägt Schuld, jeder ist kompromittiert, jeder versucht auf irgendeine Weise, seine eigene Haut zu retten. Und gerade diese Hoffnungslosigkeit macht den Roman so wahr. Florian Illies hat einmal sinngemäß angedeutet, dass große Literatur dort beginnt, wo die Zivilisation ihre Fassade verliert. Genau das geschieht in diesem Buch. „Die Haut“ reißt die höflichen Masken Europas herunter und zeigt darunter das rohe Gesicht der Angst. Vielleicht erschreckt uns der Roman deshalb bis heute so sehr, weil wir erkennen, wie dünn die Schicht der Kultur tatsächlich ist. Ein Krieg, ein Zusammenbruch, ein Hungerwinter – und plötzlich reduziert sich der Mensch wieder auf das Elementarste. Auf die Haut. Auf das nackte Überleben. Und dennoch wäre es falsch, den Roman bloß als düsteres Dokument des Verfalls zu lesen. Denn inmitten all der Entwürdigung existieren Momente von erschütternder Menschlichkeit. Kleine Gesten des Mitgefühls, Blicke voller Scham, Tränen, die nicht mehr zurückgehalten werden können. Gerade weil Malaparte den Menschen so tief erniedrigt zeigt, wirken diese Augenblicke umso kostbarer. Vielleicht ist Würde in diesem Roman nichts Festes mehr, kein moralischer Besitz, sondern etwas Fragiles, das im Elend immer wieder neu verteidigt werden muss. Etwas, das fast verloren geht und gerade deshalb Bedeutung erhält. Am Ende bleibt „Die Haut“ ein Roman, der sich dem Leser einschreibt wie eine Narbe. Er bleibt im Kopf zurück, in Bildern, Gerüchen, Sätzen. Er zwingt einen dazu, über die Zerbrechlichkeit der Zivilisation nachzudenken und über die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn alle Ideale verschwunden sind. Vielleicht kann man dieses Werk deshalb nicht endgültig interpretieren, weil es selbst eine offene Wunde ist. Und Wunden lassen sich nicht erklären. Sie müssen heilen oder sie bleiben für immer sichtbar.

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    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Senilità

    Italo Svevo hat uns mit „Senilitá“ ein überragendes Meisterwerk der italienischen Literatur hinterlassen, das uns in mühevoller Sezierkunst das eindringliche Psychogramm Emilio Brentanis, einem unscheinbaren Versicherungsangestellten aus Triest, vor Augen führt. Quälende, fieberhafte Eifersucht, dies ist das alles durchdringende Leitmotiv in diesem Roman, der zu Recht mit Marcel Prousts „Eine Liebe Swanns“ und Iwan Gontscharows „Oblomov“ verglichen werden kann. Lange Zeit unbeachtet, geradezu vollständig ignoriert geblieben, schien das Werk verloren, wäre da nicht James Joyce gewesen, sein damaliger Englischlehrer, der nach der Überreichung des Buches verdutzt konstatieren musste, dass ein großes literarisches Werk vorläge. Svevo ist ein Meister der psychologischen Sezierung, der Dekonstruierung von falschen Äußerlichkeiten, gar falscher Ich-Ideale im Sinne Sigmund Freuds, dessen Schriften ihm nicht nur bekannt waren, sondern die er sogar ins Italienische übersetzt hat. Svevo durchleuchtet seine Protagonisten genauestens, zergliedert ihre psychologischen Strukturen bis in die letzte Daseinsfalte hinein, um dann deren diffuse Leere zum Vorschein zu bringen, die die tiefgreifenden Risse einer vermeintlich aufgeklärten Moderne tragisch zum Vorschein zu bringen vermag. Nun, wer ist dieser Emilo Brentani also, dieser selbstgerechte Zauderer, dessen Seinsweise die eines Zusehenden, eines trägen Unbeteiligten ist? Ein gänzlich unerfahrenes Individuum oder um Svevo zu zitieren: „Er wich allen Gefahren aus, aber auch allen Genüssen – dem Glück. Jetzt, da er fünfunddreißig Jahre alt war, entdeckte er plötzlich in sich eine unbefriedigte Sehnsucht nach Freude und Liebe und empfand auch schon die Bitterkeit, sie nicht genossen zu haben.“ Emilo, ein Lebensvermeider, ein Mann des Fin-de-Siècle, jemand der kaum um seine eigene Existenz weiß und sich auf nichts Festes in sich berufen kann. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Titel „Senilitá“ eben auch als Studie der Greisenhaftigkeit charakterisieren, der weniger das Alter Emilios meint als vielmehr dessen passive Haltung dem Leben gegenüber. Kunst und Liebe, sie könnten in nihilistischen Zeiten narkotisieren, überdecken, dem universellen Nichts ein Nichts von heroischer Tragweite verleihen, doch vermögen es diese Zutaten nicht im Leben Bretanis Ruhe und Festigkeit zu verheißen. Svevo schildert uns in diesem Werk mit akribischer Gewissenhaftigkeit die Beziehung Brentanis zu Angiolina, einem triestinischen Mädchen. Genauer, Svevo demonstriert uns das Walten einer zerrütteten Einbildungskraft eines Menschen, der dem einbrechenden Leben nicht gewachsen ist, der durchgängig damit beschäftigt ist, sein Vorstellungsvermögen zu zähmen und es doch nur immer weiter anfacht. Wir wohnen einer krankhaften Überhitzung bei, die uns anhand von Brentani exemplarisch vorführt, das jede noch so raffinierte Selbstreflexion nichts dagegen auszurichten vermag, wenn brennende, unerfüllte Leidenschaften diese Gedanken nur stets von neuem anfachen. Sich selbst überschätzend, glaubt er immun gegen die Verlockungen des Lebens zu sein, denn: „ Wie alle Menschen, die nicht wirklich leben, hielt er sich für stärker als die größten Geister, für gelassener als die eingefleischtesten Pessimisten. Er blickte um sich und betrachtete die Dinge, die zu stummen Zeugen des großen Ereignisses geworden waren.“ Mit der Bekanntschaft Angiolinas erwacht in Folge etwas in ihm, etwas das lange Zeit keine Nahrung fand und sich nun ungebrochen, höchst phantasievoll verwirklichen will. Gleich einem kristallisierten Blatt, bekleidet Emilios expansive Einbildungskraft Angiolina dermaßen, wodurch Bild und Wirklichkeit voneinander abzuweichen beginnen. Er erschafft sich seine eigene Lüge, er weiß darum und folgt dem fieberhaften Sog, in der Hoffnung Liebe zu erlangen. Doch sie zerrinnt in seinen Händen, lässt sich nicht fixieren und so zeigt es sich, dass sein Versuch Angiolina zu lieben zwangsläufig scheitern muss aufgrund des Umstandes, dass er sich in seinen Projektionen nur immer weiter verliert. Svevo dekonstruiert Emilios Selbstverständnis, seine eingebildete Identität bis an den Punkt, an dem läuternde Katharsis schmerzlich den Blick auf die unverstellte Selbstheit zu offenbaren vermag. Am Ende wurde er sich klar darüber: „dass sein ganzes Unglück von seinem tatenarmen Leben herrührte. Wäre ihm nur ein einziges Mal in seinem Leben die Aufgabe zugefallen, ein Tau rechtzeitig loszumachen und wieder zu befestigen, wäre das Schicksal eines Seglers, selbst des allerkleinsten, ihm, seiner Aufmerksamkeit und seiner Energie anvertraut gewesen, hätte er mit seiner Stimme das Lärmen des Windes und des Meeres übertönen müssen, dann hätte er sich nicht so schwach und unglücklich gefühlt.“ Italo Svevo zeigt uns das Porträt des modernen wurzellosen Menschen, der den Bezug zu sich verloren hat, der das eigene Leben nur noch tatenlos beobachten kann. Den äußerlichen Reizen nicht gewachsen, stellt sich Agonie und Überforderung ein.

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    5/5

    Mein Herz so weiß

    Javier Marías’ "Mein Herz so weiß" ist ein Roman von seltener Intelligenz, ein Werk, das sich jeder linearen Deutung entzieht und dennoch von einer geradezu hypnotischen Klarheit ist. Schon der erste Satz – jener gewaltige, schockierende Beginn mit dem Selbstmord einer jungen Frau kurz nach ihrer Hochzeit – öffnet eine Sphäre, in der Sprache, Schweigen und Wissen in einem oszillierenden Verhältnis stehen. Nichts wird je einfach erzählt, nichts wird einfach verstanden, und gerade darin liegt der Zauber, ja die Wahrheit dieses Buches. Marías schreibt mit einer Präzision, die nicht in der Kürze liegt, sondern in der Geduld. Seine Sätze, lang, verschachtelt, rhythmisch wie Atemzüge, sind kein Ornament, sondern die eigentliche Bewegung des Denkens. Sie fließen, halten inne, biegen ab, tasten sich voran, als wollten sie das Unsagbare in Sprache verwandeln, ohne es je ganz zu verraten. Diese Art des Schreibens ist mehr als Stil: Sie ist Methode, Philosophie, Haltung. Man spürt in jeder Zeile, dass Marías die Sprache nicht als Werkzeug begreift, sondern als Medium, das Wirklichkeit erst hervorbringt. Sein Erzähler Juan, Übersetzer von Beruf, ist ein Mann, dessen Leben von der Vermittlung bestimmt ist – er spricht selten aus eigener Stimme, sondern überträgt, vermittelt, wiederholt. Übersetzen bedeutet bei Marías nie bloß den Transfer von Worten, sondern die Erfahrung, dass Bedeutung immer ein Abbild ist, nie das Original. So wird Juans Beruf zu einer Metapher für das menschliche Dasein selbst: Wir sind Übersetzer unserer Erfahrungen, nie deren Urheber. Zwischen uns und der Welt liegt stets die Distanz des Ausdrucks, und vielleicht ist es genau diese Distanz, die uns vor der Unerträglichkeit der Wahrheit schützt. Der Roman entfaltet sich weniger als Handlung denn als Reflexion, als ein permanentes Nachdenken über das Geschehene und das Unausgesprochene. Der Vater Ranz, eine geheimnisvolle Figur, schwebt über der Geschichte wie ein Schatten. Alles, was man über ihn erfährt, ist vermittelt, gefiltert, erzählt über Dritte, über Andeutungen, Schweigen, Andachtsreste der Erinnerung. Es ist, als sei Ranz nicht eine Person, sondern ein Prinzip – das Prinzip der Verdeckung, der Kontrolle, der Macht über Wissen. Und in der Spiegelung zwischen Vater und Sohn, zwischen Ranz und Juan, entsteht eine Doppelstruktur, die den Kern des Romans ausmacht. Denn was Ranz verschweigt, was er mit sich trägt, ist nicht einfach ein Geheimnis, sondern der Ursprung einer bestimmten Art, in der Welt zu sein. Ranz weiß, dass Wissen zerstören kann, dass ein offengelegtes Geheimnis nicht befreit, sondern bindet. Er lebt im Bewusstsein der Notwendigkeit des Schweigens, während Juan zunächst glaubt, die Wahrheit erkennen zu wollen. Doch das Erkennen bei Marías ist kein Triumph, sondern eine Erschütterung: Wer weiß, verliert den Schutz der Unschuld, und das Wissen selbst verwandelt sich in Last. In dieser doppelten Bewegung – zwischen Ranz’ Erfahrung und Juans Suche – zeigt sich die eigentliche Architektur des Romans: eine Struktur der Wiederholung und Spiegelung. Das Leben wiederholt sich, die Worte wiederholen sich, die Handlungen kehren zurück, leicht verschoben, nie identisch, aber immer verbunden. Marías erschafft ein Gewebe, in dem jede Geste, jeder Satz, jedes Schweigen auf ein anderes verweist. Dieses Ineinander von Ebenen, Zeiten und Perspektiven erzeugt eine Tiefe, die nicht analytisch, sondern existentiell ist. Der Leser erkennt, dass das, was erzählt wird, weniger von der äußeren Handlung handelt – Hochzeiten, Gespräche, Reisen – als von der inneren Bewegung der Wahrnehmung. Die Sprache bei Marías ist von einer fast musikalischen Qualität. Die langen Sätze, die sich dehnen und verschlingen, sind keine Manier, sondern das Werkzeug einer höheren Genauigkeit. Er schreibt nicht, um zu beeindrucken, sondern um die schwebende Unsicherheit des Denkens sichtbar zu machen. Jeder Einschub, jede Parenthese, jedes Nachdenken über das eigene Nachdenken öffnet neue Räume der Bedeutung. Marías traut der Sprache, aber er misstraut der Behauptung. So entstehen Passagen von unendlicher Delikatesse, in denen man das Gefühl hat, einem Bewusstsein beim Sehen zuzusehen. Die Wirklichkeit ist in diesem Buch nie einfach gegeben – sie wird entdeckt, nie erkannt, denn das Erkennen wäre eine Fixierung, eine Versteinerung des Lebendigen. Entdecken dagegen ist ein Akt des Tastens, des wiederholten Hinschauens, der Bereitschaft, das Flüchtige anzuerkennen. Der Roman entfaltet sich also wie ein Echo: Das Gesagte trägt immer die Spur des Ungesagten in sich, und was unaussprechlich bleibt, bestimmt das, was ausgesprochen wird. Marías führt diese Dialektik mit einer Souveränität, die an Proust erinnert, aber in ihrer kühlen, analytischen Präzision doch ganz eigen ist. Er besitzt die seltene Fähigkeit, das Unsichtbare zu formulieren, nicht durch Benennung, sondern durch Umkreisung. So werden seine Beschreibungen nie ornamental, sondern notwendig: Die Tiefe entsteht nicht aus dem Gewicht der Worte, sondern aus ihrer Bewegung, aus dem ständigen Versuch, den Moment zu halten, bevor er vergeht. Das Zentrum von Mein Herz so weiß ist die Frage nach der Erkenntnis und ihrer moralischen Last. Was bedeutet es, etwas zu wissen? Was kostet es, zu erfahren, was verborgen war? Die Enthüllung, die den Roman gegen Ende erschüttert, ist weniger eine Wendung als eine Erkenntnis über Erkenntnis selbst: Das Wissen um die Wahrheit verändert nicht die Vergangenheit, sondern nur die Art, in der wir sie erinnern. Ranz und Juan stehen sich darin gegenüber wie zwei Spiegel, die einander reflektieren, bis die Grenzen verschwimmen. Der Vater, der schweigt, weil er weiß; der Sohn, der sucht, weil er nicht weiß – beide sind Gefangene derselben Struktur. Der eine hat erfahren, dass das Wissen tödlich sein kann; der andere muss erfahren, dass das Unwissen keine Rettung ist. Diese doppelte Bewegung – Wissen und Schweigen, Erkenntnis und Verdeckung – ist das moralische Zentrum des Romans. Marías schreibt aus der Überzeugung, dass Wahrheit kein Besitz ist, sondern ein Prozess, und dass jedes Sprechen zugleich ein Verbergen ist. Seine Figuren handeln nicht, sie denken, sie verschieben, sie beobachten. Und doch entsteht aus diesem Denken eine Spannung, die intensiver ist als jede äußere Handlung. Es ist die Spannung zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren, zwischen dem Wunsch, zu wissen, und der Angst, es zu erfahren. Was Marías hier gelingt, ist eine seltene Synthese von Intellekt und Emotion. Sein Roman ist weder kühl noch sentimental; er bewegt sich in jener schmalen Zone, in der Denken zu Fühlen wird. Man liest ihn nicht, um eine Geschichte zu erfahren, sondern um an einem Bewusstseinsprozess teilzunehmen, an einer unaufhörlichen Selbstbefragung. Die Wahrheit, die sich dabei abzeichnet, ist nie endgültig, sondern flüchtig, wie ein Spiegelbild auf bewegtem Wasser. Gerade darin liegt die Schönheit dieses Buches: Es ist kein Roman, der Antworten gibt, sondern einer, der die Fragen veredelt. Am Ende bleibt ein Gefühl von tiefer Bewunderung. Mein Herz so weiß ist kein Roman, den man beendet, sondern einer, der sich fortsetzt, still, im Denken. Marías zeigt, dass Literatur mehr sein kann als Erzählung: Sie kann eine Form des Bewusstseins sein. Er führt uns vor, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, keine feste Größe ist, sondern ein Feld von Perspektiven, Spiegelungen, Annäherungen. Man entdeckt sie, man erkennt sie nie.Es ist dieses Entdecken, das Marías’ Kunst ausmacht: das vorsichtige, feinsinnige Freilegen des Verborgenen, das niemals entblößt, sondern immer behutsam offenbart. Sein Schreiben ist eine Ethik des Hinsehens – präzise, geduldig, respektvoll gegenüber der Komplexität des Lebens. In einer Zeit, die nach schnellen Wahrheiten verlangt, ist Mein Herz so weiß ein Werk des Widerstands: Es feiert das Zögern, das Nachdenken, die Langsamkeit. Es ist, im tiefsten Sinne, ein Meisterwerk – eines, das nicht glänzt, sondern leuchtet.

  • Produktbild Der Augenzeuge
    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Der Augenzeuge

    Der Augenzeuge ist ein bravouröser Experimentalroman von Alain Robbe-Grillet, dessen literaturgeschichtliche Situierung sich zuvörderst der Avantgarde, genauer dem sogenannten „Nouveau Roman“ zurechnen lässt. Vertreter dieser originellen Strömung, zu nennen wären außerdem besonders Claude Simon, Nathalie Sarraute und Michel Butor, konzipierten ein grundlegend neuartiges Verständnis der Roman-Gattung. Sie begannen die Wirklichkeit und damit auch die Literatur wieder an einen Nullpunkt zurückzuführen, wo sich Auswege aber auch neue Perspektiven offenbaren konnten, um der Bedeutungsvorbelastung der Objektwelt zu entkommen. An die Stelle einer entfremdenden Tiefe der Welt sollte die Erfahrung neuer Unmittelbarkeit treten. Eine exakte Oberflächenabtastung der Dinge galt es anzustreben, um der symbolischen und damit immer auch mythologischen Abkürzung, die nur an den Dingen vorbeiführen würde, zu entkommen. Die Aufgabe des sprachlichen Zeichens stellt die Verfügbarmachung der Dinge, nicht ihre Verdeckung dar. Grillets außerordentliche Beschreibungskunst, eine geradezu phänomenologische par excellence, ihr sollten wir uns widmen, um die subtile Radikalität dieses rätselhaften Werkes begreifbar zumachen. Denn wir bekommen, durch die Art und Weise, wie die Objektwelt und das Subjekt in Zusammenhang gebracht werden, Thesen präsentiert, die befremdlich und erhellend zugleich sind. Anhand einer Kriminalhandlung versucht Grillet aufzuzeigen, das die Dinge, wir werden sie im Folgenden nach semiotischer Terminologie Signifikanten nennen und ihre Bedeutung, die wir entsprechend als Signifikat ausweisen werden, in einem dynamischen, offenen, und dies sei herausstreichend genannt, in keiner abschließend determinierenden Korrelation stehen. Ein weiterer Aspekt, und diesen müssen wir auch in seinen literaturgeschichtlichen Kontext eingliedern, stellt jener besonders von Roland Barthes und in Folge von Jacques Lacan herausgearbeitete Umstand dar, wonach die Signifikation, also die Bedeutungs-Stiftung nicht über das Subjekt, sondern über jene Verknüpfung von Signifikanten erfolgt. „Der Augenzeuge“ ist nicht zuletzt auch deswegen von hohem literarischem Wert, weil wir in kontraintuitiver Manier eine Person geschildert bekommen, die dem eigenen Tun keine kohärente Zeugenschaft zu verleihen vermag. Matthias, ein Handelsreisender, begibt sich auf eine kleine Fischerinsel um Armbanduhren zu verkaufen. Mit guter Planung und einem genau kalkulierten Zeitplan gilt es 89 Armbanduhren zu veräußern. Dafür nimmt er sich einen Tag Zeit, denn es gilt mit der letzten Fähre rechtzeitig das Festland wieder zu erreichen. Statt einer guten Erfolgsquote, geschieht jedoch ein ( scheinbares ) Verbrechen an einem jungen Mädchen, dessen Leiche am nächsten Morgen von Fischern aufgelesen wird. Dieser Mord ist ( womöglich ) das Werk von Matthias selber und an diesem Punkt gilt es die raffinierte Verfertigung des Romans zu decodieren. Denn die Tatsache, ob er mit der Tat in Verbindung gebracht wird, ob er überhaupt von den Indizien als Subjekt des Vergehens konstituiert wird, scheint einzig am Wechselspiel der Signifikanten und deren potentiell korrelierenden Signifikaten zu hängen. Die Tat selbst markiert eine Leerstelle, nur ihre Bedeutungs-Ausläufer bevölkern den Roman und lassen erst nach und nach transparent werden, dass ein grausamer Vorfall geschah und dieser von Matthias begangen wurde. Feste, klare und eindeutige Szenen bekommen wir nicht geschildert, denn Grillet möchte aufzeigen, dass die vermeintliche Klarheit der Dinge weniger dem souveränen Willen des Subjekts entspringt, als vielmehr der Macht der Signifikanten, also der Sprache. Matthias ist stets nur insoweit Subjekt des Romans und der Tat, als er vom Prozess der Zeichenkette, der Signifikantenkette, mit Bedeutung versehen wird. Weggeworfene Zigarettenstummel, gegangene Wege, Besuche in einsamen Häusern, dies sind latent wichtige Indizien, und die Frage, ob diese Signifikationseffekte produzieren, hängt einzig und allein von anderen Signifikanten ab. Grillet zeigt uns meisterhaft auf, dass es nicht das Subjekt ist, dass die Verknüpfung beherrscht, sondern umgekehrt, dass es die Signifikantenverbindung ist, die das Subjekt erscheinen lässt. Signifikanten, sie können sich nicht selber repräsentieren, sie besitzen keine inhärente Bedeutung, sie sind ganz und gar undurchsichtig. Stumm ist das Universum und somit bleibt es gänzlich indifferent gegenüber menschlichen Sinnerwartungen. Matthias wird uns als zutiefst fragmentiert beschrieben, sein Vorgehen verbleibt gewissermaßen im von Lacan beschriebenen Spiegelstadium, im Phantasmatischem. Um seine Inkonsistenz scheint er zwar zu wissen, doch er vermag den immerwährenden Fadenrissen keine feste Identität entgegensetzen zu können. Es fehlt jene Instanz, die seinen imaginären Setzungen eine ganz bestimmte Sicherheit, gar Festigkeit vermitteln könnte. Stattdessen wird er von leeren Signifikanten immerzu bestimmt, ohne sie zu verstehen. Nichtsdestotrotz besitzen sie die Macht ihn quer durch das Handlungsgeschehen zu verschieben, ihn machtvoll ohne sein Wissen zu lenken. Der Augenzeuge, ist er womöglich jener Haupt-Signifikant, der die Geschichte in Wahrheit dirigiert...

  • Produktbild Ein fliehendes Pferd
    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Ein fliehendes Pferd

    Helmut Halm verlangt nichts mehr vom Leben und doch umgibt ihn dieses Leben noch und fordert Rituale und Gesten. Er simuliert das erforderte Quäntchen Leben, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass noch Leben in ihm lebt. Er liebt das Inkognito, das Nicht-Erkanntsein. Sobald er für andere ein Objekt der Prädikation geworden ist, möchte er am liebsten fliehen. Er flieht vor jeglicher Feststellung seiner Person, denn er will keine Person sein. Martin Walser entwirft das Portrait eines Menschen, der im Grunde Theater spielt, der zu luzide ist, um sich von seinen charakterlichen Gewohnheiten durch die Verirrungen des Lebens automatisch tragen zu lassen. Helmut spürt jenen zutiefst paralysierenden Möglichkeitssinn, der bereits Ulrich in Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" das Handeln verunmöglichte. Im Urlaub mit seiner Frau sehnt er sich nach dem Inkognito, danach, für niemanden etwas darzustellen, dem Kampf um Anerkennung ausweichen zu können. Nur in der Fremde kann er seine Person in Sicherheit bringen und der Welt gegenüber unerreichbar bleiben. Man fragt sich unweigerlich woher diese Flucht in die Anonymität eigentlich kommt, warum zeigt uns Walser einen leidenden Helmut und darüber hinaus den modernen Menschen, der nicht mehr Ich zu sich sagen möchte? Helmut will vor den Blicken der Gesellschaft nicht nur unsichtbar bleiben, er will täuschen und erlebt besondere Freuden gerade dann, wenn er der Umwelt falsche Signale vermitteln konnte. Helmut möchte identitätslos sein, anders als Klaus Buch, jenem Antipoden, der das Ansinnen Helmuts, einmal in Ruhe die Tagebücher Kierkegaards im Urlaub zu lesen, gehörig durchkreuzt. Der exzentrische Klaus, ein alter Bekannter, liebt das Leben und animiert das Ehepaar Halm fortan gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Der eine flieht vor jeglichen Berührungen mit dem Leben, der andere lebt einzig in der Überholung des Lebens. Helmut wehrt sich gegen die Versuche seines Freundes, kategorisiert zu werden. Mit allen Mitteln möchte er seine Idiosynkrasie bewahren, sie nicht dem Freund zu liebe in Klischees und Anekdoten einordnen. Walser zeigt uns den modernen Menschen, wie er gerade wegen seiner vielen gesellschaftlichen Eigenschaften, das wirklich Besondere seiner selbst, sein Nichtidentisches wie Adorno sagen würde, nicht mehr auszuleben vermag. Walsers Novelle ist ein Meisterwerk deutscher Prosa.

  • Produktbild Malina
    • Jérôme Wiedenhaupt
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    5/5

    Malina

    "Malina" zu lesen bedeutet sich mit der Zwangsläufigkeit einer hermeneutischen Unergründlichkeit abzufinden. Dieser fulminante Roman wehrt sich gegen seine sinnstiftende Aufschlüsselung wie kaum ein anderer deutschsprachige Roman. Es geht darum mit der Sprache gegen die Sprache anzuschreiben und jeglicher Bestimmtheit zu entsagen. Wir, die Lesenden, müssen komplett neue Perspektiven des Lesens konstruieren, die dazu verurteilt sind ungreifbar, geradezu verhangen zu bleiben. „Malina“ zu interpretieren, ihn in adäquate Deutungsmuster einzuteilen ist schwierig, weswegen eine Annäherung an diesen hoch poetischen Roman einzig über seine kunstvolle Verfertigung des Nicht-Verstehens gehen kann. Von der namenlosen Ich-Erzählerin erfahren wir gleich zu Beginn welch Qualen es ihr bereitet die korrekte Zeitangabe zu benennen. Sie kann nicht „Heute“ sagen, weil es ihr vor der eingrenzenden Bestimmtheit graut. Die Verhinderung von Sinn, die utopische Möglichkeit das Sprache enden kann, dass sie angehalten werden kann, nur über diese Maximen können wir uns dem Geschehen dieses Romans nähern. Der westliche Mensch vermag es nicht eine Zügelung der Sprache zu praktizieren, einzig aufgrund eines disproportionalen Verhältnisses zwischen Signifikat und Signifikant. Die Sprache wird verdünnt, sie wird schwatzhaft, einfach aus dem Grund, dass jeglicher Inhalt, mittels Signifikanten unaufhörlich vertieft wird. Bachmanns Ich-Erzählerin erklärt uns nichts, sie zeigt uns stattdessen alles, genauso wie die Handlung lediglich im Ungesagten der Liebenden besteht. Bachmann präsentiert uns ihre virtuose Beschreibungskunst gerade dadurch, dass sie den immerzu im Schwebezustand wartenden Sinn, der auf seine Beschreibung harrt, nicht beschreibt. Sie bricht die Signifikationsketten auf eine Weise ab, dass Beschreibungen immerzu über die Ränder gleiten, wo sie verschlüsselte Geheimnisse andeuten. Der erste Teil des Romans „Glücklich mit Ivan“ beschreibt die Dialektik einer Beziehung nicht, wie so oft, über die Weiterentwicklung und Widersprüchlichkeit von Gefühlen, sondern wählt einen gewissermaßen linguistischen, metasprachlichen Zugang. Überall wartet die Sprache, in sie müssen die Dinge eingehen und wer aufmerksam dem Gedeihen einer Beziehung beiwohnt, versteht die Ich-Erzählerin wenn sie sagt: „Immerhin haben wir uns ein paar erste Gruppen von Sätzen erobert, törichten Satzanfängen, Halbsätzen, Satzenden, von der Gloriole gegenseitiger Nachsicht umgeben, und die meisten Sätze sind bisher unter den Telefonsätzen zu finden.“ Wir bekommen keinen Roman im herkömmlichen Sinne, keine lineare Handlung, nicht einmal die Grammatik verbleibt uns als verlässlicher Wegbegleiter. Alexander Carmele hat in seiner Besprechung des Romans eine Parallele zu Ludwig Wittgensteins „Tractatus“ gezogen und auf dessen berühmten Satz rekurriert, demzufolge die verwendeten Sätze wie eine Leiter fungieren, über die gegangen werden muss, um sie anschließend wegzuwerfen. Bachmanns Ich-Erzählerin, ihr Alter-Ego gibt uns die Möglichkeit, über die Kunst der Chiffre im Satzinnenraum, so etwas wie Katharsis zu finden. Den Sinn in der Schwebe zu lassen, zu verstehen lernen, dass der sprachliche Kreisel angehalten werden kann, dass es nicht um mythische Stille, sondern um Sprachzügelung geht, dies kann uns der Roman lehren. „Malina“ zeigt uns kein zerstörtes Ich, noch weniger sollte er als ein pathologisches Dokument einer in die Brüche gegangener Beziehung gelesen werden. Im Vordergrund bleibt das wohlwollende Verhältnis zur Sprache, zur poetischen Transzendierung. Das Individuum wird nicht eingeschlossen von der Sprache, sondern verbleibt in einem gleichsam musikalischem Verhältnis zu ihr. Dichtung soll jene Wunde verschließen, die die Erfahrung fabriziert hat.

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    • Jérôme Wiedenhaupt
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    Gabriel

    Die Kühnheit dieses Buches ist eine, welche niemals vermittelt werden könnte, wüsste die Gesellschaft um die Geschlechtslosigkeit der Seele. Das eine Geschlechtsidentität sich nicht ausschließlich vom biologischen Geschlecht herleiten lässt, dass personelle Kohärenz gesellschaftlich institutionalisiert sein könnte, dies sind nur zwei Bausteine die die besagte Kühnheit prägen. Dieses frühe Werk von George Sand war ein Wagnis sondergleichen, eine eindringliche intellektuelle Zerstörung eines als unumstößlich gehaltenen Dogmas. Die Metaphysik der Substanz, also der Glaube an die Tragfähigkeit eines Essentialismus der konsistente Selbstidentität verhieß, sollte mit ganzer Kraft niedergerissen werden. Sand wollte jedoch kein leeres Geschlecht heraufbeschwören, sondern zeigen, dass die Geschlechtsidentität mit gesellschaftlichen Regulierungsverfahren zutiefst verwoben ist. Nicht stellt die Geschlechtsidentität jenen Kern dar, der sich seine passenden Attribute gleichsam ringsum anverwandeln lässt, vielmehr stellt diese spezifische Identität gerade etwas Konstruiertes derart da, dass das Konstrukt von keinem festen Fundament mehr getragen wird. Eine gewagte These, die für Gabriel, den titelgebenden Protagonisten, folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen wird. Als Frau zur Welt gekommen, wird Gabriel dessen ungeachtet zum männlichen Subjekt erzogen, um als Erbnachfolger für Jules de Bramante fungieren zu können. Der Schein soll zum Sein für Gabriel werden, allerdings scheint sich ihm dieses Sein eben als unerreichbar zu enthüllen. Alles durchdringende Eigenschaften der Seele fühlt Gabriel nicht, keine Absolutheit was die eigene Prädikation anbelangt. Stattdessen ist er sich der natürlichen Wankelmütigkeit seines Charakters bewusst, seine feine Sensibilität hat ihm entgegen der pädagogischen Lenkung die Offenheit der eigenen Seins-Möglichkeiten gezeigt. Es ist interessant zu sehen, dass Gabriel zutiefst authentisch und ehrlich fühlt, jedoch diesen Gefühlen gegenüber Schuld zu empfinden hat aufgrund einer Logik, nach der Empfindungen geschlechtsspezifisch zu sein haben. Eine Schuld, die sich nicht ausschließlich auf bestimmte Eigenschaften bezieht, sondern sogar auf das Geschlecht als Solches. Folgt man den Auffassungen der feministischen Psychoanalytikerin Luce Irigaray, kommt der Frau im westlichen Repräsentationssystem überhaupt kein konsistentes Subjekt-Sein zu. Die Frau, und das zeigt sich in diesem Roman aus dem Jahre 1839 besonders eindringlich, markiert nur einen Ort der Differenz, eine Räumlichkeit des Ausgeschlossenen. Als Unrepräsentierbares stellt die Frau im Monolog des Männlichen einzig dessen intrinsische Differenz dar, was die Aufhebung des binären Geschlechterverhältnisses bewirkt. Vor diesem Hintergrund scheint ein Fragen nach dem spezifisch Weiblichen ein weitaus komplexeres Problem zu offenbaren. Was vermag das Weibliche jenseits eines hegemonialen phallogozentrisch geführten Diskurses sein? Selbst Sigmund Freud übersah diese Problematik, zeigen seine Weiblichkeitsentwürfe ebenfalls noch männliche Perspektiven. Gabriel begibt sich auf die Suche nach seinem Cousin, der der eigentliche Erbnachfolger wäre, offenbart sich jedoch zunächst nicht als Frau. Astolphe fühlt schnell eine eindringliche Sympathie zu Gabriel, dessen Eigenschaften ihn förmlich in den Bann schlagen. Genau an diesem Punkt durchquert die heterosexuelle Matrix, in ihrer kulturellen Ausprägung, die Möglichkeit Gefühle in den Bereich des Erlaubten vorzulassen. Astolphe darf Gabriel nicht lieben und wir merken wie sein Sehnen verdrängt und unterdrückt wird. Erst ein Zufall offenbart Astolphe das eigentliche Geschlecht Gabriels, welcher die libidinöse Objektbesetzung final als gültig erklärt. Gabriel wird zu Gabrielle, zu einer Figur die feine Sensibilität und kluge Rationalität verkörpert, die weibliche als auch männliche Eigenschaften besitzt. Was ist demnach das Geschlecht? Simone de Beauvoir zufolge ist der Leib nur eine Situation, sodass es keinen Rückgriff auf den Körper geben kann, der nicht immer schon durch kulturelle Bedeutungen geprägt sein würde. Judith Butler verwirft dementsprechend sogar die Dichotomie von Geschlecht ( sex ) und Geschlechtsidentität ( gender ), einfach aufgrund der Unmöglichkeit, dass das Geschlecht als vordiskursive Gegebenheit angesehen werden kann. Der Körper stellt von je her eine Konstruktion dar, wodurch er sich als passives Medium präsentiert, in welches die kulturellen Bedeutungen sowohl eingeschrieben als auch überschrieben werden. Gabriel transformiert sich zu Gabrielle und wechselt damit auch die Lesbarkeit seines Körpers. Irigaray würde sagen, das Männliche entdeckt seine Andersheit in sich, seinen Schatten, jenen Drang nach Selbst-Erweiterung. "Gabriel" ist ein feiner Dialogroman der die Möglichkeit eines Jenseits der Geschlechtsidentität utopisch zu berühren vermag.

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