Alice kommt als Tochter chinesisch-kambodschanischer Einwanderer kurz nach deren Ankunft in Melbourne zur Welt und wächst dort zwischen zwei Kulturen auf, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: hier die strenge Tradition der chinesischen Enklave, Hausgötter, Aberglauben und Alltagszeremonien, dort die Freiheit des westlichen Wunderlands, in dem alles möglich scheint. Schon bald kommt ihr die Welt der Eltern exotischer vor als die neue Heimat, wo der Vater einen Elektrohandel betreibt und sich in Arbeit stürzt, während die Mutter Goldschmuck fertigt und an der neuen Sprache scheitert. Irgendwann gehen Alice die Worte aus, um sich mit ihrer Mutter zu verständigen. Mal ernst und verzweifelt, dann wieder leichtfüßig ironisch entfaltet dieses erzählerische Juwel seinen unwiderstehlichen Charme.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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nämlich in Australien, ist die junge Alice, wohin ihre Eltern und ihre chinesisch-stämmige Großmutter, der Großvater sowie Tanten und Cousinen vor dem Pol Pot-Regime flohen. Zu Fuß ging es von Kambodscha über Vietnam in ein thailändisches Flüchtlingslager und schließlich nach Melbourne ins von Asiaten bevölkerte Viertel Footscray.
Das Leben wird fortgeführt, wie man es aus der Heimat kennt. Ein Teil des Tagesgeschäfts besteht aus dem Markthandel. Man lebt von der Anerkennung, die jenem gebührt, der den frischesten Fisch und das lebendigste Geflügel zum günstigsten Preis ersteht. Lesen und Schreiben oder Englisch zu erlernen, ist zweitrangig bis unwichtig.
Alices Eltern arbeiten und sparen, um ein Elektrogeschäft eröffnen zu können. Die Mutter stellt zuhause unter Verwendung hochgiftiger Chemikalien Goldschmuck her, der Großvater bestellt den Garten, in dem er Gemüse und chinesische Kräuter zieht.
Die Betreuung von Alice und ihren jüngeren Schwestern obliegt der Großmutter, die Mao-Anzüge für sie näht und ihnen im Dialekt ihrer chinesischen Heimatprovinz Geschichten erzählt. Das Verhältnis zwischen Mutter und Großmutter ist allerdings nicht besonders gut, sie reden kaum miteinander, buhlen um die Zuneigung der Kinder und benutzen Alice dazu, sich gegenseitig auszuspionieren.
Als die Großmutter stirbt, ist Alice ein junges Mädchen. Sie geht zur Schule, kümmert sich um ihre Schwestern, hilft im Haushalt und im Geschäft des Vaters und näht westliche Markenkleidung nach. Eingezwängt in diese Pflichten hat sie kaum Freundinnen und Freizeit, was sie sehr unglücklich macht. Asiatische Jungs erlebten Abenteuer, indem sie Geheimclubs gründeten und über Eisenbahnschienen liefen, Mädchen blieben daheim, hatten ein hübsches Gesicht, waren fruchtbar und konnten Reis kochen.
Zwischen Mutter, die noch immer beharrlich ausschließlich Teochew spricht, und Tochter wird es immer stiller. Anfangs versucht Alice noch, ihr Englisch beizubringen, überredet sie sogar zu einem Kursus, den diese allerdings bereits nach den ersten Unterrichtsstunden wieder abbricht. Zu fremd ist der Mutter diese andere Sprache, die nur Wörter bereithält für eine Welt, die sie sich nie erschlossen hat und an die sie ihre Tochter zu verlieren droht. Doch die Mutter bleibt stur in ihren Traditionen verhaftet, versucht bereits schwerkrank von den Chemikalien den äußeren Schein zu wahren und weiter zu arbeiten, scheitert jedoch an sich selbst und den Zwängen, die sie sich auferlegt, und wird darüber depressiv.
Alice, die in einem Land aufwächst, in dem ihr theoretisch alle Türen offenstehen, traut sich weil seit frühester Kindheit zu Dankbarkeit verpflichtet und klein gehalten von Mutter und Großmutter nicht wirklich etwas zu. Dabei sind ihre Leistungen in der Schule überragend und sie erhält problemlos ein Stipendium. Als sie das australische Gespenst Michael kennenlernt und höchst zögerlich eine Liebesbeziehung mit ihm eingeht, offenbart sich ihre ganze Zerrissenheit.
Alice Pungs Sprache ist präzise und unverblümt, dennoch liebevoll und von einem wunderbaren Humor durchzogen und macht aus dem Ungeschliffenen Diamanten ein echtes Juwel, das der Verlag edition fünf auch äußerlich gebunden in leuchtend rotes Leinen und versehen mit einer Banderole aus feinem zartlilafarbenen Papier in ein echtes Schmuckstück verwandelt hat. Ein Buch zum Ver- und sich selber- schenken und immer wieder lesen.
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