Der alte Tanabai ist mit seinem Hengst Gülsary auf dem nächtlichen Heimweg in die kirgisischen Berge. Nach einem stürmischen Leben wird dies ihr letzter Gang. Beide sind müde geworden. Wie an Stationen eines Kreuzwegs brechen die Bilder der Vergangenheit hervor, die hitzigen Jahre des Aufbaus und des Weltkriegs, als die Steppe urbar gemacht und aus den Trümmern eine neue Welt aufgebaut wurde. Erinnerungen an ihre Feste, an die Reiterspiele, in denen sie gemeinsam siegten, an ihre großen und kleinen Romanzen. Und dann die Stationen des Abstiegs, der Enttäuschungen, der verständnislosen Funktionäre, die den Prachthengst an die Leine legten und seinen Reiter in die Berge schickten. Aitmatow hat in diesem Roman der Kraft, der Klage und Sehnsucht des Individuums Sprache verliehen, das den Gang der Geschichte in seine Hand nimmt und wieder ihr Opfer wird.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Wunderbar geschrieben, voll poetischer Kraft auch (oder gerade weil) die Geschichte zwischen dem Hengst Gülsary und dem Hirten Tanabai so voll Traurigkeit und Schmerz über die Bitterkeit der Welt ist, ist dies mein liebstes Buch von Aitmatow.
Ein Buch, das mein Innerstes berührt hat, ohne je kitschig zu sein.
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5/5
16.08.2026
Buch (Taschenbuch)
"Man liest es mit den Augen – und beendet es mit Tränen“
Wie lässt sich ein Werk schreiben, das so voll schmerzhafter Schönheit, so durchtränkt von tiefem Bedauern, unbeirrbarem Glauben und unermesslichem Leid ist, dass es den Leser mit einer atemlosen, fast schon ehrfürchtigen Erschütterung zurücklässt? Dschingis Aitmatows „Abschied von Gülsary“ ist ein gewaltiges, atmosphärisch dichtes Monument der Weltliteratur, ein Werk von so elementarer Wucht, dass man sich ihm nicht entziehen kann, selbst wenn es einem das Herz bricht. Ja, dies ist ein Werk, welches einen so richtig trifft. Als ich die letzte Seite gelesen hatte, blieb ich regelrecht erschlagen zurück – gefangen in einer Sprachlosigkeit, die mich mitten ins Herz traf, und einer tiefen Melancholie, die wie der eisige Wind der kirgisischen Steppe durch meine Seele zog. Ich habe dieses Buch fast in einem einzigen, atemlosen Rutsch durchgelesen, weil jede Pause wie ein Verrat an seiner gewaltigen Wucht gewirkt hätte – ich wollte und konnte mich dieser unerbittlichen Intensität keine Sekunde entziehen. Doch worum geht es denn hier eigentlich?
Es ist die Lebensgeschichte des alten Hirten Tanabei und seines legendären Hengstes Gülsary, des stolzen Passgängers, deren Schicksale in einer schicksalhaften Symbiose miteinander verwoben sind. Man begleitet den alten Tanabei auf dem letzten, beschwerlichen Weg an der Seite seines sterbenden Pferdes, und in dieser einen Nacht zieht sein gesamtes Leben an ihm vorbei – ein Leben, das von einer unfassbaren Hoffnungslosigkeit gezeichnet ist, die ihn nach all den zerbrochenen Träumen immer wieder wie eine finstere Welle überrollen musste. Tanabei war ein Mann des reinen Herzens, ein unbeirrbahrer Idealist, der alles geben wollte für den Kolchos, für die Partei, für die Verwirklichung einer besseren, gerechteren Zukunft. Er war bereit, seinen Schweiß, sein Blut und seine ganze Lebenskraft auf dem Altar dieser großen Ideale zu opfern, getrieben von dem glühenden Wunsch, einer gequälten Welt das Licht des Fortschritts zu bringen. Doch was blieb ihm am Ende von all diesen verzehrenden Opfern? Mit blutendem Herzen musste er zeitlebens mit ansehen, wie sich nichts zum Besseren wendete, wie die Verheißungen der Revolution in Bürokratie, Herzlosigkeit, Neid und zynischer Machtgier erstickten. Seine einstigen kommunistischen Ideale, an die er mit der ganzen Inbrunst seiner Seele geglaubt hatte, wurden in ihrer praktischen Umsetzung für ihn zu einer Quelle ständigen Leids, zu einem Werkzeug der Erniedrigung, geschmiedet von opportunistischen Funktionären, die nie die Steppe gerochen und nie das echte Leben gekannt hatten. Man muss sich nur einmal die unermessliche Trauer vorstellen, das stumme Entsetzen, das diesen Mann befallen haben muss, als jene Partei, der er sein Leben geweiht hatte, von ihm verlangte, Gülsary abzugeben. Gülsary war nicht nur ein Pferd, er war Tanabeis geliebter Passgänger, sein treuester Freund, das Symbol seiner eigenen Freiheit, seines Stolzes und seiner tiefsten Lebendigkeit. Welcher Grausamkeit bedurfte es, diesen beiden Seelen das Herz herauszureißen, ihnen das Einzige zu nehmen, was im Schlamm der Kolchos-Realität noch rein und erhaben war? Vielleicht gibt es kaum eine innigere, schmerzhaftere Beziehung zwischen Mensch und Tier in der Literatur. Gülsary ist nicht einfach ein Pferd. Er ist Gefährte, Spiegel, Freund und schließlich Erinnerung. Sein Passgang, seine Kraft, seine Schönheit – all das verbindet sich mit Tanabais eigenem Leben. In Gülsary erkennt Tanabai etwas von sich selbst: die Kraft, vorwärts zu gehen, die Lust an der Bewegung, den Stolz, aber auch die Erfahrung, von anderen benutzt und schließlich verbraucht zu werden. Gülsary wird damit zu weit mehr als einer Figur. Er wird zum stillen Gegenüber eines ganzen Menschenlebens. Der Schmerz dieses Verrats brennt wie Feuer, und doch erträgt Tanabei ihn mit einer ergreifenden, stummen Würde, die einen beschämt. Dieses Buch verlangt viel von seinem Leser, es fordert ihm womöglich so manche heiße Träne ab, denn Aitmatow spart nichts aus, er schönt nichts, er führt uns an die Abgründe der menschlichen Existenz. Und dennoch ist "Abschied von Gülsary" eine Geschichte, die einem die Augen öffnet – doch wofür genau? Das lässt sich nicht einmal in Worte fassen. Es ist eine Erleuchtung, die tief im Inneren stattfindet, eine Ahnung von der Unerschütterlichkeit der menschlichen Seele angesichts des schrecklichsten Unrechts. Es lässt sich nicht einmal genau erklären, warum Tanabeis Schmerz auch heute noch, Jahrzehnte später und in einer völlig anderen Welt, solche Wogen aus Tränen, Wut und tiefster Erschütterung in uns hervorrufen kann. Vielleicht liegt es daran, dass Tanabeis Schicksal das Schicksal all jener Menschen ist, die ehrlich lieben, ehrlich hoffen und von den kalten Mühlen der Geschichte zermahlen werden. Und dennoch ist „Abschied von Gülsary“ kein nihilistisches Buch. Vielleicht ist das sein größtes Wunder. Trotz all des Schmerzes, trotz aller Enttäuschung, trotz des Alters, der Verluste und des Scheiterns bleibt da etwas im Menschen, das sich nicht vollständig zerstören lässt. Aitmatow verachtet Tanabai nicht für seine Irrtümer. Er macht ihn nicht klein, weil seine politischen Hoffnungen enttäuscht wurden. Im Gegenteil: Er verleiht seinem Glauben Würde, gerade indem er dessen Scheitern zeigt. Denn es ist etwas zutiefst Menschliches, an einer besseren Welt festhalten zu wollen, selbst wenn die Wirklichkeit einem immer wieder beweist, wie naiv dieser Glaube sein kann. Aitmatow schreibt mit einer Sprache von unvergleichlicher Poesie und visueller Kraft; man spürt die brennende Hitze des Sommers, die unerbittliche Kälte des Steppenwinters, man hört das keuchende Atmen des treuen Hengstes und fühlt das Zittern in Tanabeis schwach gewordenen Händen. Dieses Werk ist ein Appell an unsere Menschlichkeit, ein Denkmal für die stummen Helden der Erde und eine Hymne auf die unzerbrechliche Freundschaft zwischen Mensch und Tier. Wer sich dieser Lektüre stellt, wird verändert aus ihr hervorgehen. Man kann nicht mehr derselbe sein, wenn man an der Seite Tanabeis durch die Nacht gewacht und das Sterben Gülsarys beweint hat. Wenn Tanabai am Ende zurückblickt, ist da so viel verlorene Zeit, so viel ungelebte Hoffnung, so viel Schmerz. Und doch bleibt Gülsary. Bleibt die Erinnerung. Bleibt die Liebe. Bleibt die Würde eines Menschen, der trotz allem versucht hat, ein guter Mensch zu sein. Vielleicht ist das Aitmatows eigentliche Antwort auf all die Hoffnungslosigkeit: Nicht, dass am Ende alles gut wird. Sondern dass es trotz des Scheiterns einen Sinn darin geben kann, überhaupt geglaubt, geliebt und gekämpft zu haben.
„Abschied von Gülsary“ hat mich tief getroffen. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man nach der letzten Seite nicht sofort aufstehen möchte. Man sitzt da, vielleicht ein wenig fassungslos, vielleicht mit Tränen in den Augen, und fragt sich, wie ein so schmales Buch einen derart schweren Nachhall hinterlassen konnte. Und vielleicht versteht man genau in diesem Moment, was große Literatur ist. Sie gibt einem nicht unbedingt Antworten. Manchmal nimmt sie einem vielmehr die Gewissheit, dass es einfache Antworten gibt. Sie öffnet eine Tür, hinter der Schmerz, Schönheit, Erinnerung und Hoffnung zugleich liegen.
Und wenn man sie wieder schließt, ist man nicht mehr ganz derselbe Mensch.
Lest dieses Buch. Schenkt es jemandem. Redet darüber. Aber vor allem: Lasst euch auf Tanabai und Gülsary ein. Ihr werdet vielleicht weinen. Vielleicht werdet ihr wütend sein. Vielleicht werdet ihr danach lange schweigen. Aber ihr werdet dieses Buch nicht vergessen. Und vielleicht ist das die höchste Auszeichnung, die man einem Werk der Literatur überhaupt geben kann.Wer dieses Meisterwerk nicht liest, verpasst eine der tiefsten, ehrlichsten und ergreifendsten Erfahrungen, die die Literatur je hervorgebracht hat. Es ist ein Buch, das sofort in jedes Regal, vor allem aber in jedes Fühlen und Denken gehört.
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