Essays und Publizistik Band 1
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Sprache:Deutsch, Französisch
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Auflage:1. Auflage
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178,00 €
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Beschreibung
Produktdetails
Einband
Gebundene Ausgabe
Erscheinungsdatum
10.09.2013
Herausgeber
Peter SteinVerlag
AisthesisSeitenzahl
912
Maße (L/B/H)
22,3/15,1/7,3 cm
Gewicht
1083 g
Auflage
1. Auflage
Sprache
Deutsch, Französisch
ISBN
978-3-89528-935-4
In Reiseskizzen kommt es Heinrich Mann „auf die Stimmungen an, die aus Landschaften und Kunstwerken gezogen werden“ können. In Besprechungen neuer Stücke und Romane von Maurice Maeterlinck, Paul Bourget, Jules Amédée Barbey d'Aurevilly und zahlreichen weiteren Zeitgenossen wird deutlich, wie intensiv er die neueste Literatur verfolgt – in Deutschland, aber schon damals fast mehr noch in Frankreich –, wie genau er liest und wie er für das eigene Schreiben daraus zu gewinnen sucht. Ein Auftritt Isadora Duncans in München wird 1902 mit ebenso viel einfühlender Begeisterung beschrieben wie – noch nie gedruckt – eine fast gleichzeitige Aufführung des mit Frank Wedekind verbundenen Kabaretts Die Elf Scharfrichter, und der „große Moderne“ Heinrich Heine wird schon 1891 beobachtet, wie er sein Gedicht „Enfant perdu“ schreibt: „Das war es: begreifen, daß die Zeit niemals reif ist für die Zukunftsritter.“ Auch die modernen Naturwissenschaften beschäftigen ihn, und die psychophysiologischen Versuche, Genie und Wahnsinn der Künstler zu begreifen, finden ihn auf der Höhe.
Nachzulesen ist außerdem, dass Heinrich Mann schon seit Ende 1892 Artikel zur aktuellen Politik verfasst und wie er dann vor allem in der von ihm 1895/96 herausgegebenen Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert als Reaktionär agiert (zum Einstieg titelt er programmatisch: „Reaction!“). Über die 36 bereits bibliographisch verzeichneten Beiträge zu diesem Blatt hinaus konnten ihm weitere siebzehn zugeordnet werden (darunter z. B. eine ausführliche Besprechung von Theodor Herzls Buch Der Judenstaat), und in den Kommentaren wird zudem das Umfeld erstmals umfassend ausgeleuchtet, in dem diese Texte erscheinen. Der Antisemitismus zeigt sich dabei als Teil eines Kampfes um die Behauptung der politisch-kulturellen Identität des Deutschen und des Abendländischen – gegen das Judentum, aber auch gegen „Asien“ –, die schon damals angestrebte Verständigung mit Frankreich gewinnt ihr erstes Motiv aus diesem Ziel, und auch die erste Ausgabe der nachgelassenen Fragmente Nietzsches wird aus diesem Blickwinkel gelesen. Hinzu treten die Auffassung, dass kriegerische Gewalt zur Durchsetzung politisch-kultureller Ziele notwendig, legitim und mit positiven Folgen für den Stärkeren verbunden sei, und die Überzeugung, dass sich im Kampf ums Dasein menschliche Merkmale (Rassen) und Kulturen als Stärkere herausbilden, die das Recht haben, zum eigenen Schutz Schwächere als Minderwertige zu eliminieren – typische Gedanken des zeitgenössischen Konservatismus, die im 20. Jahrhundert tatsächlich (da stimmte der Titel der Zeitschrift) Wirklichkeit bilden sollten: mit zeitweise katastrophalen Folgen und noch immer virulent.
Aus Heinrich Manns Texten verschwindet dieses Denken im Sommer 1896. Als er sich mehr als sieben Jahre später wieder politisch äußert, ist der Bruch deutlich. Der Band enthält am Schluß die frühesten schriftlichen Zeugnisse, die dazu verfügbar sind: den bisher unveröffentlichten Entwurf einer Rezension zu den Erinnerungen des französischen Radikalliberalen Henri Rochefort und – als Anlage – die noch nicht vollständig bzw. überhaupt noch nicht bekannten Entwürfe zu zwei langen Briefen, in denen Heinrich Mann im Dezember 1903 und Januar 1904 auf die vernichtend gemeinte Kritik erwiderte, die der Bruder Thomas an seinem kurz zuvor erschienenen Roman Die Jagd nach Liebe geübt hatte. Aus dem ersten stammt das oben zitierte Wort vom „Blödsinn“, dem er mit Mühe entgangen sei. Am Schluss des zweiten heißt es: „Mit den – gebrochenen, verkümmerten – Instinkten des herrschsüchtigen Sinnlichen unter ein Volk verbannt, das alle Herrschaft demüthig einer Kaste abtritt; das geringe sinnliche Bedürfnisse hat und von dem der sinnliche Künstler nicht eine Steigerung ist (wie bei den Romanen), sondern unter denen er als Ausgestoßener herumlungert; ich empfinde das als widerwärtiges Geschick; ich fühle, daß alles Verrenkte, alles Peinigende in mir aus dieser Quelle kommt. [.] Ich leide fortwährend unter Dingen, die mich nichts angehn. Wenn ich eine Zeitung lese, muß ich mir immerfort ins Gedächtniß rufen, daß ich keine Beziehungen zu all den Ungeheuerlichkeiten habe, daß ich ein alleinstehender“ – mit diesem bezeichnenden Wort endet der nicht vollständig überlieferte Entwurf (die letzten Seiten des Notizbuches, in dem er sich findet, fehlen).
Der jetzt vorliegende Band läßt begreifen, welche Menge und welche Bewegung von Gedanken Heinrich Mann an diesen Punkt führten. Sein Konservatismus war einer der kulturellen Fülle. Auch später hat er, wie Volker Riedel in einer längeren Untersuchung gezeigt hat, die ebenfalls im Aisthesis Verlag erschienen ist, an wesentlichen Gedanken aus dieser Zeit festgehalten. Aber kurz darauf wurde er zum erbittert idealistischen Intellektuellen: er kritisierte von nun an radikal die ungeheuerlichen Dingen, die ihm begegneten. Dass und wie unmittelbare Volksherrschaft und Freiheit zu Leitbegriffen wurden und wie das Wissen um Literatur und Kultur darin wirkte, ist dem bereits erschienenen zweiten Band der Edition mit den Schriften vom Herbst 1904 bis zum Oktober 1918 zu entnehmen.
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