Es ist nicht die Heizung, wenn es im Haus «zum Eisernen Zeit» im schweizerischen Münsterburg in den Wänden klopft. Die drei jungen Rechtsanwälte, die als «Trockenwohner» in die nicht geheuere Dachwohnung ziehen, scheinen die Wiedergänger eher anzuziehen, als sie zu vertreiben. Das beginnt mit dem Freiherrn von Sax und seiner tödlichen Schädelwunde ¿ sie ist bis heute an der erhaltenen Mumie zu besichtigen ¿, aber mit ihm endet es nicht, und nicht einmal mit dem «Gespenst des Kommunismus» und den bösen Geistern des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine Mitgift des Herrn von Sax spukt freilich durch alle Kapitel dieses Romans: die berühmteste Minnehandschrift des Mittelalters, die er als Kriegsbeute mitgehen ließ. Diese Handschrift lebt. Wer sie öffnet, wird mit Haut und Haar hineingezogen. Das gilt auch für dieses Buch.Mit Figuren wie von Fellini und einer labyrinthischen Architektur bereitet uns der Roman ein aufregendes, mitunter abgründiges Leseerlebnis. Wer den Sehnsüchten, Liebesgeschichten, Plänen und Karrieren von Muschgs Figuren nachforscht und dabei die dünne Wand zwischen den Lebenden und Toten durchstößt, begegnet der Frage, die beide Seiten umtreibt: die nach dem gelebten und dem ungelebten Leben. Spannend, hoch erotisch und visionär: das Leseabenteuer einer Geisterbeschwörung.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Sarnen
5/5
08.08.2021
eBook (ePUB)
sax
1tes muschg-buch gelesen.....bin total begeistert vom Autor!!!
habe schon lange kein so gutes Buch mehr gelesen!!!
Athanasius Pernath
4/5
30.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Muschg ist ein großer Meister!
Dies ist ein ungeheures Buch. Ein vielschichtiges, hintergründiges, auch ein verwirrendes Buch um die Lebensgeschichten dreier Anwälte, ihrer Frauen und um ihr "Spukhaus". Sehr schweizerisch, doch ebenso weltumspannend, historisch und glänzend visionär. Nicht wirklich leicht zu lesen, erinnert es in seinem Aufbau und seinen Stärken manchmal an Mulischs "Entdeckung des Himmels".
Susanne Pichler
aus Linz Lentia
3/5
02.01.2013
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kontrollierter Wahnsinn
Adolf Muschg baut seinen Roman "Sax" aus Elementen der verschiedensten Literaturrichtungen auf. Den Deckmantel bildet das Genre Roman, doch werden auch Krimi und historischer Roman bemüht, und manche Kapitel umweht ein Hauch von Science Fiction.
Hauptfiguren des Buches sind das Spukhaus "Zum Eisernen Zeit" in Münsterburg, Schweiz oder jene drei jungen Anwälte, die 1970 als Trockenwohner dort einziehen und mehr oder weniger bis September 2013, dem Ende des Romans, dort wohnen bleiben.
Jacques Schinz, Hubert Achermann und Moritz Asser sind jene drei Anwälte, die den Dreh- und Angelpunkt der Handlung bilden. In den ersten Kapiteln kommt diese Rolle noch Peter Leu, dem Besitzer des Spukhauses zu, doch dient er den drei Freunden nur als Wegbereiter in einen Roman, der reich an handelnden Personen und überlappenden Handlungen ist. Die Anwälte sind 1970 naive Idealisten, die an ihre Überzeugungen glauben und davon ausgehen, dass sie die Welt verändern können. Nichtsdestotrotz sind sie beruflich so erfolgreich, dass sie zu einer festen Konstante in der internationalen Finanzwirtschaft werden und beträchtlichen Reichtum anhäufen, der auch diverse Krisen überdauert. Parallel zum beruflichen Aufstieg sind sie auf der Suche nach Glück und Liebe und scheitern dabei kolossal. Die Frauen, die über Jahrzehnte in ihrem Leben eine Rolle spielen, verfolgen eigene Ziele, haben ihre eigenen Geschichten und sind samt und sonders rätselhafte Wesen. Eltern, Nachbarn, Klienten und Freunde kommen und gehen, erfüllen ähnlich dem echten Leben den ihnen zugedachten Part der Geschichte und verschwinden wieder.
Nachhaltiger sind da schon die Auswirkungen der Geister, die das Spukhaus immer wieder heimsuchen. Beginnend mit dem Freiherrn von Sax und einer gestohlenen historischen Handschrift bis hin zu einem Forscher des 19. Jahrhunderts, werden die Bewohner des Spukhauses von jenen in den Wahnsinn und ins Unglück getrieben.
Betrug, Inzest, eine Geschlechtsumwandlung, fremdenfeindliche Schweizer Politik und erotische Phantasien kommen durch die reale Welt noch hinzu.
Schwierig sind die letzten rund 100 Seiten des Buches, denn dort greift der blanke Wahnsinn so richtig um sich. Die Welten der Lebenden und der Toten sind nicht mehr klar voneinander getrennt, die Zeitalter lösen sich auf und werden eines, Menschen verschwinden, Personen handeln gemeinsam, obwohl es keine Veranlassung dazu gibt und jedwede Handlung löst sich auf.
Das Ende eines Buches muss keineswegs zu hundert Prozent durchbuchstabiert werden, doch kann ich mit diesem Ende zu wenig anfangen, zu seltsam verhalten sich die darin agierenden Personen. Einige Szenen sind abartig und widerwärtig und haben mir dadurch ein durchaus einzigartiges Buch ziemlich vergällt.
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