Wozu braucht man Feinde? Umberto Eco beschäftigt sich in seinen kurzen, pointierten Texten mit den aktuellen Fragen unserer Gegenwart – aber auch mit dem Mythos der einsamen Insel und der imaginären Astronomie, mit Themen aus Kunst, Religion, Mythos, Geographie und Geschichte. Und so gelingt es ihm, aus dem weit Auseinanderliegenden etwas ganz anderes zu machen: Stellungnahmen eines leidenschaftlichen Essayisten, dem es gelingt, den Leser genau von dem zu überzeugen, was ihm selbst am allermeisten am Herzen liegt.
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Eco's Buch ist extrem geistreich und spannend - lesen!
Umberto Eco, von vielen als einer der grössten Intellektuellen unserer Zeit angesehen, gibt dem Leser mit diesem Buch spannende Essays über uns Menschen, über Mythen und über wissenschaftliche Themen.
Ausserordentlich spannend finde ich die Abhandlung, die dem Buch ihren Namen gibt: »Die Fabrikation des Feindes«. Das Essay beginnt damit, dass Eco davon berichtet, wie ihn mal ein Taxifahrer gefragt habe, wer denn ihre (den Italienern) Feinde seien. Auf unverständliche Nachfrage, habe der Taxifahrer konkretisiert: »Mit welchen Völkern sie seit Jahrhunderten im Krieg lägen, wegen territorialer Ansprüche, ethnischer Aversionen, ständiger Grenzkonflikte und so weiter.« (S. 8) Auf Ecos Antwort: sie hätten keine Erzfeinde, reagierte der Pakistani mit Unverständnis. »Er war nicht zufrieden. Wie kann es sein, dass ein Volk keine Feinde hat?« (S. 8)
Er erklärt, wieso Politiker und Machthaber eigentlich immer die »Fabrikation des Feindes« anstrebten, wenn keine natürlichen Feinde vorhanden seien. Wieso? Ein äusserer Feind, eine äussere Bedrohung stärkt den Zusammenhalt der eigenen Gruppe und sie lässt sich dann erst noch einfacher lenken. »Mussolini hatte sich den Konsens des Volkes sichern können, indem er es aufrief, Rache für den verstümmelten Sieg zu nehmen, für die in Dogali und bei Adua erlittenen Demütigungen, für die ungerechten Sanktionen, die uns die jüdischen Demoplutokratien auferlegt hatten. Bedenken wir nur, was mit den Vereinigten Staaten geschehen ist, als das Reich des Bösen verschwunden war und der große sowjetische Feind sich aufgelöst hatte. Sie riskierten den Verlust ihrer Identität, bis ihnen Bin Laden, zum Dank für die Wohltaten, die er für seine Hilfe gegen die Sowjetunion empfangen hatte, mitleidig die Hand reichte und Bush die Gelegenheit bot, sich neue Feinde zu schaffen, um das nationale Identitätsgefühl zu stärken und seine Macht zu festigen.« (S. 9)
Einen Feind zu haben, meint Eco, sei nicht nur wichtig, um die eigene Identität zu definieren, sondern auch, um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man den eigenen Wert beweisen kann. »Deshalb muss man, wenn man keinen Feind hat, sich einen fabrizieren.« (S. 9)
Im weiteren bringt Eco Beispiele aus der Geschichte, wie Feindbilder generiert wurden und auch heute noch in vielen Hirnen herumspuken. Von Zigeunern über Juden bis hin zu geborenen Verbrechern oder stinkenden Huren ist alles dabei, was niederste Instinkte freisetzt. Egal ob die Frau als ganzes, als niederes Wesen, oder als Projektionsfläche auf die Hexe reduziert - die Muster sind immer gleich: Der Feind ist niederträchtig, hässlich, böse, gierig, werte-vernichtend, teuflisch, barbarisch, usw.
Wir bräuchten, so Eco, nicht bis zu den Delirien von Orwells 1984 zu gehen, um uns als Wesen zu erkennen, die einen Feind benötigten. »Wir sehen ja, was die Angst vor den neuen Migrationsströmen vermag. Indem man einer ganzen Ethnie die Wesenszüge einiger ihrer in marginalisierter Lage lebenden Angehörigen zuschreibt, fabriziert man heute ( ) das Bild ( ) des Feindes, eines idealen Sündenbocks für eine Gesellschaft, die sich, mitgerissen von einem auch ethnischen Transformationsprozess, nicht mehr wiederzuerkennen vermag.« (S. 31)
Sehr spannendes, erhellendes und nachdenklich machendes Buch.
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