"Der Tod in Rom", aus der Distanz eines ironischen Geistes und zugleich mit der ganzen Kraft des Moralisten geschrieben, ist die Geschichte einer Handvoll Menschen, die nach dem Krieg in Rom zusammentreffen: Opfer, Täter, Vorbereiter und Nachgeborene des Schreckens. Wolfgang Koeppen beschreibt die verborgenen Krankheiten der deutschen Seele: ein Werk voll beklemmender, faszinierender und befreiender Lebenseinsichten.Ulrich Noethen, Werner Wölbern, Jens Harzer und vielen anderen lassen diese Zeit zwischen Trümmern, unverbesserlichen Nazis, Wiederbewaffnung und Wirtschaftsboom wiedererstehen.(Laufzeit: 2h 39)
Kundinnen und Kunden meinen
3.1/5.0
Bories vom Berg
aus München
5/5
20.05.2025
Buch (Taschenbuch)
Epochenroman des literarischen…
Epochenroman des literarischen Kanons «Tauben im Gras» ist der 1951 als erster veröffentlichte Band dreier, von Literaturkritikern als «Trilogie des Scheiterns» bezeichneter, kurz hintereinander erschienener Romane von Wolfgang Koeppen. Alle drei Romane gleichen sich in ihrer Thematik, sie beschäftigen sich mit den Befindlichkeiten und Ereignissen im Nachkriegs-Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei knüpfte «Tauben im Gras» im Gegensatz zur damals noch dominanten ‹Trümmerliteratur› bereits deutlich an die literarische Moderne an. Seinerzeit vom Lesepublikum eher verhalten aufgenommen, war dieser Roman bis in jüngste Zeit hinein Abitur-Pflichtlektüre, zog eine beeindruckende Zahl von Sekundär-Literatur nach sich und gehört heute zweifellos zum Kanon deutscher Literatur. Im Anhang der aktuellen Ausgabe des Suhrkamp-Verlags sind umfangreiche Kommentare und ein editorischer Bericht über die vorliegende Ausgabe des Romans enthalten, von dem weder ein Typoskript noch eine erste Satzvorlage existieren. Völlig überflüssiger Weise ist vor Kurzem erst ein Streit über die angeblich rassistische Sprache bei Koeppen entbrannt. So zum Beispiel hier über die Verwendung des ‹N-Worts› für farbige US-Soldaten, für die Koeppen sogar die abwertende amerikanische Form benutzt, mit der GIs damals verächtlich bezeichnet wurden. Ein geradezu absurder, durch eine selbsternannte Sprachpolizei ausgelöster Hype, der, wie auch beim beflissenen Gendern, die deutsche Sprache regelrecht verhunzt! In mehreren Handlungssträngen wird mit über hundert kurzen, ineinander verwobenen Abschnitten des Plots das Leben der Nachkriegs-Bevölkerung geschildert. Die mehr als dreißig unterschiedlich wichtigen Figuren repräsentieren einen Querschnitt damaliger Normalbürger und vieler als Besatzungsmacht in Deutschland lebender Amerikaner. Dabei gibt es keine einzelnen dominanten Protagonisten, die bestimmend wären für die Handlung. Auffällig ist zudem, dass sie als Charaktere alle wenig markant ausgestaltet sind, man kann sich nach der Lektüre kaum an einen einzelnen von ihnen erinnern. Da gibt es zum Beispiel den frustrierten Schriftsteller, der entfernt an den Autor selbst erinnert, oder dessen alkoholabhängige Frau als reiche Erbin, die mangels anderer Einkünfte im Pfandhaus nach und nach ihre Wertgegenstände zu Geld macht. Es gibt den agilen, farbigen Amerikaner, der eine Kriegerwitwe heiratet und eng mit einem Gepäckträger befreundet ist, einem ehemaligen NS-Mitläufer, und im Verlauf der Handlung wird der GI dann verdächtigt, ihn erschlagen zu haben. Als seine deutsche Frau abtreiben will, weil sie der «Schande» durch ein Mischlingskind nicht gewachsen ist, verhindert er durch ein Gespräch mit dem Arzt diesen Eingriff. Es gibt eine Gruppe von amerikanischen Lehrerinnen, die als Touristinnen die Stadt erkunden. Ein philosophisch veranlagter Dichter, der eine heftig umstrittene Rede hält, stellt sich schließlich als homosexuell aktiv heraus, damals bekanntlich ein Straftatbestand. Die Figuren sind allesamt den titelgebenden «Tauben im Gras» vergleichbar, wie es in einem Gespräch der Lehrerinnen bei einem Spaziergang angesichts einiger im Gras hockender Vögel heißt. «… die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier …». Und weiter: «… vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß, warum wir hier sind, die Vögel werden wieder auffliegen und wir werden weitergehen …». Stilistisch folgen die Szenen des Romans mit harten Schnitten aufeinander, wobei aber stets gewährleistet ist, dass der Zusammenhang mit dem vorher Erzählten durch eine der Figuren oder mit Hilfe von markanten Signalwörtern deutlich wird. Die vorwärts drängende, schnörkellos sachliche Erzählweise ist durch häufig angewandte Parataxe gekennzeichnet. Wegen seiner Gedankenfülle erfordert dieses Werk stets aufmerksame Leser, und als Epochenroman ist es geradezu exemplarisch für ein kurzes, aber wichtiges Kapitel deutscher Geschichte.
Bewertung
4/5
22.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Deutlich einseitiger als der Vorgänger...
Deutlich einseitiger als der Vorgänger und mit Hauptaugenmerk auf der Politik und weniger auf Gesellschaft und Alltag. Trotzdem interessant und aufschlussreich.
speedy208
Book Circle Community
4/5
09.04.2023
Buch (Taschenbuch)
Scheitern gehört zum Leben?
Ein neuerer Klassiker - wohlbemerkt aus den 1950ern! - für deutsche Maturanten. Darauf stiess ich, weil sich eine schwarze deutsche Lehrerin negativ dazu äusserte und damit das Buch zu einer Art negativer PR verhalf. Also war ich gespannt, was dieser Frau so negativ aufschlug. Konnte ich nicht entdecken; für mich war das die Retrospektive des Nachkriegsdeutschland, das noch in Trümmern lag. Ein Tag im Leben von unterschiedlichen Personen. Auf der einen Seite die Deutschen, die aus dem schreibmüden (oder -faule) Schriftsteller Philip und seiner naiven, weltfremden, hochwohlgeborenen, vom Vermögen ihrer Vorfahren lebenden Frau Emilia besteht, dann aus der Familie Behrend, wo der Vater schon früh Frau und Tochter Carla verliess, um im Ausland bei einer Jüngeren sein Glück zu finden. Carla blieb vom verschollenem Mann nur der 10jährige Sohn Heinz, der sich herumtreibt. Dazu gesellen sich ein Psychiater, ein Hausarzt, ein Chemiker und einfache Leute bis zum Dienstmann, der am Ende zum tragischen Helden wird. Schliesslich kommt noch ein Schauspielerpaar mit Töchterchen und Nanny (alter Schule) vor, die sich ein neues Drehbuch vom Schriftsteller erhoffen. Auf der anderen Seite stehen die Amerikaner, Besatzer, Touristen. Diese werden unterteilt einerseits in weisse Familienangehörige und Intellektuelle, andererseits in schwarze Besatzer, mit denen sich die Deutschen arrangieren müssen. Diese fallen negativ auf mit ihrer Musik und ihrer Körperlichkeit, der auch Carla verfällt. Diese realisiert zu spät, dass sie schwanger ist und will das Baby loswerden, wird von Nachbarn und Mutter verachtet deswegen. Dann ist da noch ein anderer sanfter Schwarzer, der einen Dienstmann sein Kofferradio tragen lässt und fast von einem Mob gelyncht wird und von einer Prostituierten gerettet wird. Den Amis ist Deutschland zu kalt, zu intolerant, zu lieblos, zu grau; sie sehnen sich nach dem toleranteren bunten Paris, Frankreich. Die Erzählweise ist/war etwas gewöhnungsbedürftig: Jede Seite besteht aus mehreren Sätzen, die wiederum mit Semikola (Punktstrich) noch und nöcher abgetrennt werden (eine neue Art Schachtelsatz), so dass man hin und wieder den Faden verliert. Hat man sich daran gewöhnt, wächst die Spannung, wie es weitergeht. Gemäss Literaturlexikon sei das, “eine Art filmische Technik, Szenen, Menschen und Nachkriegsschicksale darzustellen” an einem Tag in München. Es fehlen auch richtige Kapitel; grössere Absätze lassen Luft holen und darauf gespannt sein, wie das Schicksal des einen oder anderen Protagonisten weitergeht. Das Nachkriegsdeutschland kenne ich aus den Erzählungen meiner Eltern; also war für mich nichts neu. Aber ich frage mich, was die Experten damit von den Maturanten wollen. Wollen Sie die Konsumgesellschaft anprangern, die Igno- und die Arroganz oder die jungen Leute für die Wirklichkeit vorbereiten? Oder den Bezug zur Migration und den Kriegen der Neuzeit? Oder einfach, dass Scheitern zum Leben gehört? Schliesslich gehört der Roman zur “Trilogie des Scheiterns”. Eine schwer verdauliche Lektüre also. Der Titel ist der Mäzenin und Schriftstellerin Gertrude Stein entlehnt, warum auch immer. Aber Tauben kommen bei Koeppen kaum vor, eher Spatzen.
Bewertung
aus Köln
4/5
22.06.2021
Buch (Taschenbuch)
Absolut die Mühe beim Lesen wert!
Scheinbar unzusammenhängende Episoden sind es, die nach und nach im Handlungsverlauf zusammengesetzt werden und das Bild einer deutschen Großstadt der Nachkriegszeit zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder zeichnen. Der Autor verzichtet dabei auf dominierende, tief entwickelte Protagonisten. Weder Leitfigur noch Gegenspieler definieren die Erzählung. Wie mit einer Kamera fängt Koeppen kleine Sequenzen dieses Tages nach dem Krieg ein. Alle Figuren sind in ihren unterschiedlichen Verflechtungen wie Tauben im Gras: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier [...] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind“. Auch das beinahe völlige Fehlen positiver Schwerpunkte ist bezeichnend – bildet das Buch doch einen Querschnitt der gesellschaftlichen, politischen, moralischen und rassistischen Verhältnisse des Nachkriegsdeutschlands in einer Phase der geistigen Erneuerung ab. Kleinbürgerliche Verhältnisse werden säuberlich seziert und vor der Aussichtslosigkeit dieser Jahre ausgebreitet. Durch innere Monologe und plastische Vergleiche wird das Seelenleben dieser Gesellschaft von Isolation und Selbstzweifel bis zur Resignation verfolgt. Brüchige und prekäre Existenz, die hier in eine Lektüre verflochten wird, die ich allen Zeitgeschichte-Interessierten ans Herz legen möchte – denn sie ist auch sprachlich ein Genuss!
Ralf Wopat
aus Berlin
3/5
22.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erlösung in Venedig
Friedrich, der introvertierte junge Mann mit künstlerischen Ambitionen,
wird durch seinen Freund Beck mit einem Mädchen bekannt gemacht,
in dass er sich beim ersten Anblick verliebt. Er ist ihr fortan verfallen.
Obwohl sie viel jünger ist als er, besitzt sie schon viel Erfahrung mit Männern.
Und so ist sie jederzeit in der Lage, den Ansturm von Friedrich in die
geregelten Bahnen einer romantischen Beziehung zu leiten, um nicht auf
ihre Liebhaber verzichten zu müssen.
Die Sprache, die Koeppen verwendet, ist filigran und mächtig.
Der Vergleich zu Thomas Manns Erzählung "Der Tod in Venedig"
drängt sich auf. Aber die Substanz des Romans reicht nur für eine
längere Erzählung. Der Leser braucht Geduld und Nachsicht für die
praktischen Bedürfnisse, die Köppen mit dem Buch befriedigen musste.
Dass Koeppen ist kein Freund von kurzen Sätzen ist,
zeigt folgendes Beispiel:
"Wahrlich, es war die Tat eines Helden wert, gleichzusetzen dem Ikarusflug,
und herrlich war der Wille, sich loszulösen von einer Erde, die in Schrecken
gesetzt zittert, und geradewegs dem Verderben entgegenzusteuern, dem
Fixstern zu, dem Licht, das töten sollte, in die Arme."
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