Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf. Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch vermisst er das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinter lassen - und Nachkommen, die seine Hinterlassenschaft schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Flieder - den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel - wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und eine Familie ernährt hatte ... Trotzdem entfaltet die Flut der Fragen, die sich dem Enkel plötzlich aufdrängen, eine ungeahnte Wucht.
Getrieben von der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben voller Bestimmung, begibt sich ein Mann auf die Spuren seiner Familie - und muss sich fragen, wie zuverlässig die Geschichten sind, die man sich über sich selbst erzählt, und wie zufällig die Quellen und Überlieferungen, derer man sich dafür bedient. Und mitten in der biografischen Sinnsuche, die der Autor virtuos mit deutschen Schicksalen vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart verknüpft, führt die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen zu einer ganz neuen Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
sofie
5/5
05.03.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Sollte sich mein Enkelkind…
"Sollte sich mein Enkelkind auf die Spuren meiner Arbeit begeben, würde es nirgendwo etwas finden, weil die digitale Entwicklung darüber hinweggegangen sein würde. Das Pflaster, das mein Großvater vor der Christuskirche gelegt hatte, würde dasselbe Enkelkind hingegen noch betrachten können.“ (S. 56) „Neringa oder die andere Art der Heimkehr“ von Stefan Moster ist ein Roman über eine Reise in die Vergangenheit. Ausgelöst durch einen Film im Kino begibt sich der Ich-Erzähler in seine eigenen Vergangenheit und in die seines Großvaters. Gleichzeitig bringt ihn eine junge Frau dazu, auch die Gegenwart wieder stärker wahrzunehmen. Besonders sprachlich hat mir der Roman sehr gut gefallen, da sitzt jedes Wort und keines ist zu viel. Auch die Komposition ist toll, der Wechsel zwischen Gegenwart, Vergangenheit und (vielleicht) konstruierter Vergangenheit lässt die Charaktere in verschiedenen Blickwinkeln erscheinen. Und auch die Beschreibungen der Orte haben mich sehr beeindruckt und direkt etwas Fernweh ausgelöst. Das Buch kreist um Themen wie Identität, Heimat, Herkunft. Was bedeutet Identität in einer Welt, in der wir ständig an anderen Orten und in anderen Ländern leben? Welchen Wert hat Heimat noch? Und vor allem wie beeinflusst uns unsere eigenen Vergangenheit, aber eben auch die unserer Vorfahren? Wenn ich etwas an „Neringa“ bemängeln müsste, dann wäre es nur die Liebesgeschichte, die auf mich irgendwie nicht ganz glaubwürdig wirkte. Insgesamt habe ich das Buch aber regelrecht verschlungen und werde sicher bald noch mehr von Stefan Moster lesen. 5 von 5 Sternen.
Buchlieberin
aus Köln
5/5
21.02.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was bleibt von uns?
Hauptfigur ist ein namenloser Protagonist. Er hat viel Erfolg im Job, lebt jetzt in London, kommt ursprünglich aus Deutschland.
Doch nur die Fassade ist perfekt. Dahinter trifft man einen einsamen Mann mit suizidalen Anwandlungen. Ihn treibt vor allem die Frage um: Was bleibt von mir? Was hinterlasse ich der Nachwelt?
Als eine Art Vergleich dient ihm sein Großvater. Dieser war Pflasterer. Viele seiner Werke haben ihn lange überlebt und sind immer noch im Gebrauch.
Der Protagonist lässt seine spärlichen Erinnerungen an den Großvater und die Erzählungen die sich um ihn ranken, in seinem Kopf detaillierte Filmszenen entstehen. Sehr bildhaft stellt er sich vor, wie er gearbeitet hat, wie er den Krieg verbracht hat, wie er wieder nach Hause gekommen ist und sein Leben wieder aufgenommen hat.
In einer anderen Erzählebene erlebt der Protagonist seine Studienzeit wieder. Und dort vor allem die einzige ernsthafte Beziehung und die folgende Psychotherapie. So erfährt der Leser viel von der Vergangenheit und dem Gefühlsleben der Hauptperson.
Jetzt, in London, lernt er seine eigene Putzhilfe kennen. Er versucht ihr finanziell zu helfen, was sie als unmoralisches Angebot auffasst, woraufhin er ihr kündigt um sie auf einer unabhängigen Ebene kennen zu lernen. Diese Frau, Neringa, ihre Art zu leben und zu genießen fasziniert ihn sehr.
Trotz der Unterschiede in Herkunft, Sozialstatus und Alter kommen sich die beiden näher. Ich muss sagen, das ist der Handlungspunkt, den ich irgendwie als unwahrscheinlich angesehen habe.
Aber Neringa hilft dem Protagonisten den Fragen, die ihn umtreiben stärker auf den Grund zu gehen. Er erkennt, dass es noch mehr im Leben als Erfolg und Geld gibt. Auch sein Großvater hätte ihn dies lehren können.
Das wunderbar offene Ende des Buches überlässt es der Phantasie des Lesers, ob der Protagonist auf seiner Suche nach dem, was bleibt und dem was wirklich wichtig für ihn ist erfolgreich sein wird.
In einer wunderbaren Sprache verpackt der Autor eine Suche nach dem Sinn des Lebens.
Bewertung
aus Altenmarkt
5/5
16.02.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was bleibt?
Der Roman erzählt die Geschichte des 50jährigen Protagonisten (der bis zuletzt ohne Namen bleibt) und in Rückblenden das Leben seines Großvaters. Die Familiengeschichten rund um den Großvater fabulieren über eine Affekthandlung, der beinahe seine Ehefrau zum Opfer gefallen wäre genauso, wie über dessen Gewerbe im Pflastern und das Verlegen von Holzpflastersteinen in der Großen Bleiche sowie ein wunderbares Kirchenmosaik.
Eine Einstellung in einem Kinofilm über den Mont-Saint-Michel lässt den Protagonisten in seine Kindheits- und Jugenderinnerungen zurückblicken und gibt ihm den Anstoß, seine Vergangenheit (oder vielmehr die seines Großvaters) zu rekonstruieren.
Das Einzige, womit wir die Toten beschenken können, sind liebevolle Legenden.
Parallel dazu beginnt der Protagonist sein derzeitiges Leben zu hinterfragen. Er ist in der IT-Branche sehr erfolgreich, verdient eine Menge Geld fragt sich jedoch am Ende des Tages was von ihm wohl übrig bleiben wird, was er seiner Nachwelt hinterlässt. Immerhin hat er weder Frau noch Kinder und seine Arbeit ist nicht wie die Pflasterarbeit seines Großvaters, die noch weit über den Tod hinaus von allen bewundert wird.
Als er die junge Litauerin Neringa kennenlernt, lernt er auch einen anderen Zugang zum Leben kennen. Sie arbeitet als Putzfrau weil sie Geld verdienen muss, ihre wirkliche Bestimmung findet sie jedoch in einer ganz anderen Branche der Kunst und dem Puppentheater. Sie lehrt ihn die Gelassenheit, die man zum Leben braucht und wird so einem wichtigen Teil seines Alltags.
Es durfte sein, musste aber nicht, und mit der Zeit lernte ich, die tiefe Bedeutung der Hilfsverben zu verstehen: Wo das Dürfen das Müssen ersetzte, bekam die Freiheit ihre Chance.
Der Schreibstil des Autors, Stefan Moster hat mich sehr schnell gefangen. Sprachlich sehr gekonnt nimmt er den Leser mit auf eine Entdeckungsreise zu sich selbst, lässt vieles im Raum stehen und fordert den Leser auf, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Die Fragen des Protagonisten lassen sich auch auf das Hier und Jetzt jedes Einzelnen übertragen Wer bin ich? Was bleibt von mir? Wofür lebe ich?
Eine sehr lesenswerte Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst.
Bewertung
aus Köln
4/5
16.02.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Braucht das Leben ein Fundament?
Der Protagonist in Stefan Mosters neuem Roman ist ein Deutscher, lebt in London, ist beruflich erfolgreich und fragt sich, was er im Leben erreicht hat. Er lebt alleine, hat keine Kinder und er arbeitet im IT-Bereich. Dies alles wirkt wenig bodenständig und trotz beruflichem Erfolg wenig nachhaltig. Der Protagonist beginnt daher im Alter von 50 Jahren, über sein Leben und über seine Familie nachzudenken.
Besonders viel denkt er über seinen Großvater nach, der als Pflasterer viele Fundamente gelegt, eine Familie versorgt und ein einfaches, bodenständiges Leben geführt hat. Dieses Nachdenken wird in vielen Rückblenden erzählt und reicht vom Anfang des letzten Jahrhunderts über die Kriegszeiten bis in die heutige Zeit. Krieg und der Verlust eines Kindes waren für die Großeltern traumatisch. Und es wird klar, dass es auch im Leben des Protagonisten einige schmerzliche Erlebnisse gegeben haben muss.
Allerdings wird vieles nur angedeutet, man muss sehr zwischen den Zeilen lesen - und manche Geschichten entpuppen sich im Nachhinein als bloße Phantasie. Und auch eine Reise an die kurische Nehrung (Neringa) in Litauen verläuft irgendwie im Sande - die Beziehung zu der Litauerin mit Namen Neringa scheint jedoch vielversprechend - aber weiß man es?
Dieser Roman ist ein großer sprachlicher Wurf - das Lesen war schön und eine gewisse Spannung wurde aufgebaut. Und auch wenn viele Geschichten sich als Phantasie herausstellten, so waren sie doch schön zu lesen.
Das einzige, was ich persönlich dann doch schwierig fand, war die Unsicherheit, welche Erinnerungen wirklich wahrhaftig oder relevant waren. Es ist schwierig, wenn man als Leser nicht weiß, was Wirklichkeit und was Phantasie ist. Und wenn man auch nicht genau weiß, wie es weitergeht. Andererseits ist es auch wohl nicht so wichtig. Jeder Mensch muss sein eigenes Fundament in seinem Leben finden - dazu braucht es viel Reflexion und viel Nachdenken - aber wohl keinen Beruf als Pflasterer.
Daher: Sprachlich ausgereift. Inhaltlich hätte ich mir ein ganz klein wenig mehr Aussage gewünscht.
vielleser18
aus Hessen
4/5
10.02.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungewöhnlich und raffiniert
Dies Buch wird aus Sicht eines namenlosen Protagonisten erzählt. Nur einmal wird erwähnt, er trüge den gleichen Namen wie ein gesteinigter Märtyrer, heißt er also Stefan ? Das gesteinigte passt auch zu dieser Geschichte, denn steinige Wege, ein steiniger Beruf und eine steinige Zeit ziehen sich durch die Erzählung.
Aber wieder zum Anfang. Als der 50jähirge Protagonist, der aus Mainz stammt, aber beruflich in London lebt, eines Tages spontan in eine Kinovorstellung geht, sieht er in einer Szene am Mont-Saint-Michel, die in ihm eine Gedanken- und Erinnerungsflut auslöst.
Die Erzählung springt - genau wie seine Gedanken- zwischen seiner einesamen Jetzt-Zeit, seinen Erinnerungen an seinen Großvater Jakob (der jahrelang als Pflasterer gearbeitet hat), aber auch an seine eigene Kindheit und Jugend hin und her.
Man muss manchmal sehr genau lesen, in welcher Zeit man sich gerade befindet.
Unser Protagonist fängt in London auch an seine Umwelt genauer zu betrachten. Allen voran seine Putzfrau, die jeden Dienstag seine Wohnung und seine Wäsche sauber macht. Bisher war er meist an der Arbeit, hat ihr nur das Geld auf den Tisch hinterlassen. Nun aber lernt er Neringa kennen und vor allem fängt er an sich Gedanken um und über sie zu machen.
Diese Geschichte, aus der ich-Perspektive erzählt, ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit, eine Besinnung auf die familären Wurzeln, aber auch auf sich selbst.
Din Geschichte wurde sprachgewaltig erzählt.
"Die Formel lautete vielmehr: Wenn ich etwas wollte, verließ ich die Spähre der Demut und maßte mir an, was mir nicht zustand. Und wenn ich etwas wollte, was den Wünschen eines anderen widersprach, verursachte ich ein Problem. Dann war ich kein guter Mensch mehr und hasste mich deswegen". /Zitat, S. 69
Diese Einstellung, diese Unterdrückung von Wünschen, dieses sich nicht äußern können, staut Aggressionen bei ihm auf, führt ihn zum Therapeuten, lässt ihn bindungslos altern. Nun mit 50 macht er sich Gedanken über sich und seine Wurzeln.
Auch wenn man gerade in der Mitte des Buches ab und an ins Zweifeln gerät, weil man nicht weiß, wohin uns der Autor mit dieser Geschichte führen möchte, klärt es sich, wenn man am Ende angekommen ist, der Autor rundet das Bild ab und schließt den Kreis der Erzählung.
Es ist eine ruhig erzählte Geschichte, die trotz kleiner Längen überzeugend erzählt wurde .
Viele Fragen werden angesprochen, die man sich in der MItte des Lebens wohl alle so selber stellen kann. Ein Blick auf die Vergangenheit, war sie wirklich so glorreich? Hatten unsere Vorfahren ein besseres Leben ? Was ist heute wichtig ?Auf diese Spuren begibt sich der Protagonist, kramt seine Erinnerungen hervor und versucht mehr heraus zu finden. Doch auch die Fragen der Zukunft werden gestellt. Was bleibt von einem selbst ? Gerade dann, wenn man wie der Protagonist keine Kinder in die Welt gesetzt hat ? Wofür lebt man ? Für die teure Uhr am Handgelenk ? Für das finanzielle Polster, angelegt in Aktienpaketen ?
Was bedeutet Heimat ? Was bedeutet der Einzelne ?
Es sind die Fragen nach den Spuren der Vergangenheit und den eigenen Spuren.
Man muss das Buch erst zu Ende lesen um feststellen und beurteilen zu können, auf welche (manchmal steinige) Wege uns der Autor mitgenommen hat. Es ist ihm jedenfalls gelungen diese Geschichte authentisch, präzisse und sprachlich gekonnt zu erzählen.
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