Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt.
Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten. »Weit über das Land« ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Warum nicht? Auch in dem Roman «Weit über das Land» greift der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erneut seine Thematik des spontanen Ausbruchs aus der Normalität des Alltags auf. Anders aber als in der inflationären Aussteiger-Literatur geht es bei ihm nicht um den Traum von der einsamen Südseeinsel oder der Holzhütte in Alaska, seine Helden entfliehen dem Alltagstrott und dem sozialen Geflecht, in dem sie sich gefangen fühlen. Es geht also nicht um ein Paradies an fernen Horizonten, der Autor widmet sich vielmehr der Frage, ob ein einmal eingeschlagener Lebensweg mit all den gesellschaftlich als erstrebenswert angesehenen Ausformungen letztendlich wirklich das ist, was zählt im Leben, was der menschlichen Existenz einen Sinn zu geben vermag. Ein hochinteressantes Thema also, dem literarisch beizukommen jedoch äußerst schwierig ist. Nach der Rückkehr von einer Urlaubsreise mit den Kindern, die Koffer sind noch nicht ausgepackt, sitzt Thomas auf der Holzbank vor dem Haus und trinkt mit seiner Frau ein Glas Wein auf den schönen Urlaub. Nachdem Astrid ins Haus gegangen ist, erhebt sich Thomas, läuft durch den Garten, öffnet leise das Tor und spaziert die Straße entlang Richtung Dorfausgang, - und er kommt nicht mehr wieder. Aus wechselnder Perspektive von Thomas oder Astrid erzählt Stamm stimmig und nachvollziehbar von den ersten Stunden, Tagen, schließlich Wochen und Monaten dieses wortlosen Verschwindens. Es gab keinen Streit, man führt ein gutbürgerliches Leben ohne finanzielle Sorgen, die beiden Kinder sind wohlgeraten und absolvieren ihre Schule ohne Probleme. Astrid informiert nach einigen Tagen vergeblichen Wartens die Polizei, und tatsächlich gibt es ein Lebenszeichen von Thomas, er hat Geld abgehoben und mit seiner Bankkarte in einem Sportartikelladen eingekauft. Doch weder Astrid noch der Polizei gelingt es, diese Spur aufzunehmen und Thomas zu finden. Während die Frau sich erstaunlich gut und irgendwie auch recht gelassen in ihr neues Leben fügt, zieht der ehemalige Steuerberater wie ein fahrender Geselle «Weit über das Land», schläft im Wald oder findet Unterschlupf in Heuschobern und Almhütten. Als sein Geld schließlich verbraucht ist, verdingt er sich immer wieder mal für einige Zeit als Gelegenheitsarbeiter. Er bleibt uns, wahrscheinlich aber auch sich selbst, in seinen Motiven bis zum Schluss ein Rätsel, das zu klären der Autor nicht bereit ist, - oder vielleicht auch gar nicht imstande ist. «Das kann doch alles nicht wahr sein» ist immer wieder Astrids einziger Gedanke. In lakonisch kurzen Sätzen ohne Ironie erzählt Stamm seine völlig unromantische Geschichte eines rigorosen Selbstfindungstrips. Wobei er das Innenleben seiner beiden Protagonisten, die hier so abrupt und endgültig auseinander gerissen werden, psychologisch feinfühlig auslotet und dabei ein dichtes Netz von Möglichkeiten aufzeigt. Realität und Imagination geraten zunehmend durcheinander, der Leser ist gefordert, sich im Labyrinth der angedeuteten Optionen zu bewegen und dabei all seine Intuition kreativ einzusetzen. Wo soll das hinführen, fragt man sich da immer wieder, während man der durchaus stimmigen und anschaulichen Schilderung des zunehmend zeitgerafft erzählten, weiteren Lebensweges der beiden Romanfiguren folgt. Erschreckende Erkenntnis dieses ungewöhnlichen Ausbruchs aber dürfte dessen Folgenlosigkeit sein, der banale Alltag erweist sich als doppelbödig, die Realitätsebenen verschieben sich zu unplausiblen Traumbildern. Außerdem stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, die Moral als Instanz spielt nämlich bei alledem überhaupt keine Rolle, dementsprechend werden die Charaktere als weitgehend emotionslos beschrieben. Während Thomas von der schieren Freude an die Zukunft beseelt ist, führt Astrid ein Doppelleben als angepasste Witwe und Mutter, während sie innerlich komplizenhaft zu Thomas steht, an dessen Tod sie partout nicht glauben will. Und der Frage nach dem «Warum» steht hier die Frage entgegen: «Warum nicht?»
Bewertung
aus Basel
5/5
13.01.2021
eBook (ePUB 3)
Philosophisch angehauchter Roman
Der Familienvater Thomas verlässt von der einen auf die andere Sekunde seine Frau und seine zwei Kinder und macht sich auf den Weg. Er hat kein bestimmtes Ziel, sondern läuft einfach durch die Wälder, über Berge und möchte für sich sein und die Natur geniessen, denn der routinierte Alltag wurde ihm zu viel er ist ausgebrochen und auf unbestimmte Zeit unterwegs.
Seine Frau erfindet derweil Geschichten, um sein Fernbleiben bei der Arbeit und vor allem bei seinen Kindern zu rechtfertigen. Bis sie nicht mehr lügen kann und zur Polizei geht und eine Vermisstenmeldung aufgibt.
Meine Meinung:
Ich bin verwirrt, denn der Roman wurde zum Schluss sehr 'verschwommen'. Mehr möchte ich nicht verraten, denn sonst gebe ich zu viel Preis.
Bewertung
5/5
29.12.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leise, eigenartig faszinierend...
Leise, eigenartig faszinierend und existenziell!
Bewertung
5/5
28.05.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von der Sehnsucht, noch einmal...
Von der Sehnsucht, noch einmal ganz von vorne zu Beginnen. Und dem Versuch, alles ganz normal erscheinen zu lassen.
Jenny Vogler
5/5
24.10.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der lange Weg zurück auf Null
"Nicht alles, was man tut, hat einen Grund. Es war kein großer Entschluss gewesen, eher eine Reihe kleiner, zielloser Entscheidungen, Nachlässigkeit vielleicht, ein Nachgeben."
Inhalt
Eines Abends, kurz nach der Rückreise aus dem gelungenen Sommerurlaub, beschließt Thomas, nicht nach drinnen ins Bett zu gehen, sondern hinaus in die Welt. Er läuft los, ohne ein Wort des Abschieds und verlässt nicht nur Frau und Kinder sondern auch sein gesamtes bisheriges Leben. Für die Hinterbliebenen bleibt nur Ursachenforschung und gähnende Leere, denn gerade Astrid, seine Frau findet keine Erklärung für sein Verhalten und kann es dennoch tief im Inneren nachvollziehen. Als er offiziell für tot erklärt wird, mag sie nicht daran glauben und behält Thomas auf eigene Art und Weise in ihrem Herzen.
Meinung
Dieses Buch habe ich ohne besondere Erwartungshaltung begonnen, da ich weder den Autor kannte, noch ein Augenmerk auf den Deutschen Buchpreis hatte. Einzig die Geschichte an sich, so wie sie der Klappentext verspricht, reizte mich ungemein. Insbesondere die Aussage "Ein Roman über den einen Moment, der unser Leben in Frage stellt", weckte meine Neugier. Denn ich spekuliere sehr gerne über das Für und Wider einer Entscheidung und genau das, kann man hier tatsächlich.
Auf recht wenigen Seiten entwirft Peter Stamm ein derart greifbares Szenario in einer schockierenden, lebensverändernden Situation, so dass ich zwischen Mitleid, Verzweiflung und Unverständnis hin und herpendelte. Gerade die durchaus banale Entscheidung, einfach aus der Tür zu gehen und niemals wieder zurückzukehren, entfacht eine unmittelbare Kettenreaktion, die gerade die Angehörigen nachhaltig und bitter beeinflusst.
Beim Lesen habe ich immer wieder innegehalten und versucht, die Beweggründe der Protagonisten nachzuvollziehen, doch das ist mir nicht gelungen. Sowohl der entschlossene, doch unzufriedene Thomas als auch die patente, doch zurückgelassene Astrid blieben mir immer recht fremd, dennoch hat mich dieser Abstand nicht gestört, denn die Hauptcharaktere handeln schlüssig und werfen mit ihren Handlungen immer neue Fragen auf, denen man nur zu gern nachgehen würde. Auf Grund dieses Aspektes sehe ich auch eine Berechtigung darin, diesen Roman beispielsweise als Unterrichtslektüre zu wählen, denn kontroverse Diskussionen werden sich fast zwangsläufig ergeben.
Ein kleiner Kritikpunkt meinerseits sind die ausufernden Landschaftsbeschreibungen, die gerade bei der geringen Seitenanzahl des Buches manchmal zu viel Raum einnehmen und den Blick auf die Gefühle und Gedanken der Protagonisten schmälern.
Fazit
Ich vergebe 5 Lesesterne und eine Leseempfehlung, für alle die sich gern mit unliebsamen Entscheidungen, einem aufgezwungenen Schicksal und der Möglichkeit, das eigene Leben radikal zu verändern, beschäftigen möchten.
Es fällt schwer die Situation objektiv zu betrachten, selbst wenn Peter Stamm sehr distanziert und korrekt schreibt. Immer wieder fällt der Leser in eine Rolle hinein - in die des sinnsuchenden Vaters, der verlassenen Ehefrau, der enttäuschten Kinder und letztlich bleibt er hängen an der Tatsache, dass nicht alles im Leben einen Sinn haben muss. Und selbst wenn man keine müde Mark auf diese Aussage setzt, wird man hier gezwungen, darüber nachzudenken, was sein könnte, was wirklich ist und was niemals geschehen wird. Dieses Dilemma verkörpert "Weit über das Land" und wird mir damit lange und nachhaltig in Erinnerung bleiben.
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5/5
26.05.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Jemand geht und kommt einfach...
Jemand geht und kommt einfach nicht wieder. Nie mehr. Eine Was-wäre-wenn-Geschichte, die einen nicht loslässt - bedrückend, aber einfühlsam in der Ich-Perspektive verfasst.
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5/5
18.06.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Warum ?
Thomas entscheidet sich von jetzt auf gleich zu gehen. Er spaziert aus den Gartentor, lässt Frau und Kinder zurück, seine Arbeit. Jahrelang taucht er unter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zieht quer durch Europa. Seine Frau steht von jetzt auf gleich allein da, fassungslos aber nicht hilflos. Stamm erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie in einer bizarren Situation. Manchmal wusste ich nicht ob ich lachen oder weinen oder wütend sein soll. Sehr berührend !
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5/5
13.06.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührend!
Warum verläßt ein Ehemann seine Frau und die Kinder? Um unterwegs zu sein, um dem Alltag zu entkommen, um sich neu zu erfinden. Ein wunderbares und eindringliches, sehr berührendes Buch mit wunderschönen Naturbeobachtungen, geschrieben in einer glasklaren Sprache!
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5/5
28.03.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weit über das Land
Es ist der Traum vieler: sich von heute auf morgen allem entziehen, mit neuer Identität ganz woanders neu anfangen.
In dem neuen Roman von Peter Stamm ist es Thomas, ein Familienvater, er steht einfach auf und geht - ohne Vorbereitung, ohne Plan, anscheinend ohne Gedanken an irgendwas. Über sein Motiv kann man nur mutmaßen.
Er schlägt sich erfolgreich durch. Bald wartet niemand mehr auf ihn.
Auch wenn der Leser am Ende irritiert zurückbleibt, ist es ein Schluss, der noch lange in einem nachhallt.
Tolle Sprache, toller Roman!
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4/5
15.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Thomas,Vater von zwei Kindern,...
Thomas,Vater von zwei Kindern, steht eines Abends auf und geht. Er geht immer weiter und lässt alles hinter sich.Er hinterlässt keine Nachricht und niemand weiß, warum und wohin er gegangen ist. Seine Frau hält die Fassade lange aufrecht,Für alle anspruchsvollen Leser*innen.
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