Produktbild: Die Lust am Text
Band 19

Die Lust am Text

Aus der Reihe Französische Bibliothek

14,00 €

inkl. gesetzl. MwSt., Versandkostenfrei


Beschreibung

Produktdetails

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

18.10.2017

Verlag

Suhrkamp

Seitenzahl

107

Maße (L/B/H)

21,5/13,5/0,7 cm

Gewicht

156 g

Farbe

Weiß / Ozeanblau

Auflage

1

Originaltitel

Le plaisir du texte

Übersetzt von

Traugott König

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-518-46908-8

Beschreibung

Produktdetails

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

18.10.2017

Verlag

Suhrkamp

Seitenzahl

107

Maße (L/B/H)

21,5/13,5/0,7 cm

Gewicht

156 g

Farbe

Weiß / Ozeanblau

Auflage

1

Originaltitel

Le plaisir du texte

Übersetzt von

Traugott König

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-518-46908-8

Herstelleradresse

Suhrkamp Verlag
Torstraße 44
10119 Berlin
DE

Email: info@suhrkamp.de

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    Jérôme Wiedenhaupt

    Thalia Hildesheim

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    5/5

    09.10.2025

    Buch (Taschenbuch)

    „Das Lesen, das mich verwundet, das mich blendet, das mich zum Schweigen bringt – das ist das Lesen der Wollust.“

    Roland Barthes’ Die Lust am Text (Le plaisir du texte, 1973) markiert einen der entscheidenden Punkte der literaturwissenschaftlichen Theorieentwicklung des 20. Jahrhunderts – den Moment, in dem sich der Strukturalismus in den Poststrukturalismus hinein auflöst. Es ist ein Buch, das keine Theorie in konventionellem Sinne entwickelt, keine Methode anbietet, kein System begründet, und doch – oder gerade deshalb – einen radikal neuen Begriff von Text, Lesen und Subjekt formuliert. Barthes unternimmt darin den Versuch, das Verhältnis zwischen Sprache, Bedeutung und Körper zu befreien von den ideologischen Zwängen, die aus der Literaturwissenschaft eine Disziplin der Kontrolle gemacht haben: Kontrolle über Sinn, über Autorschaft, über Interpretation. Die Lust am Text ist daher kein theoretischer Leitfaden, sondern ein Manifest einer neuen Wahrnehmung. In der Sprache selbst, in ihrem rhythmischen, phonetischen, syntaktischen Material, soll eine Lust erfahrbar werden, die nicht durch Bedeutung, sondern durch Bewegung, Differenz und Begehren konstituiert ist. Diese Idee entspringt einem semiotischen Denken, das Barthes in den 1960er Jahren mitgeprägt hat – doch er kehrt es gegen sich selbst, um die Zeichen nicht länger als starr codierte Träger von Bedeutung, sondern als vibrierende, offene, instabile Körper zu begreifen. Die semiotische Voraussetzung von Barthes’ Denken ist die Einsicht, dass jedes Zeichen ein Differenzial ist: Bedeutung entsteht nicht aus der Substanz der Wörter, sondern aus ihrer Relation innerhalb eines Systems. Dieses Saussuresche Erbe bildet den Boden, auf dem Barthes’ früherer Strukturalismus aufbaut. Aber während der Strukturalismus diese Differenz zur Grundlage eines Systems macht, das Bedeutung stabilisiert, treibt Barthes in Die Lust am Text die gleiche Differenzialität in Richtung Entgrenzung. Das Zeichen wird nicht mehr als Element eines geschlossenen Systems verstanden, sondern als Ort der Verschiebung, der Lust, der unabschließbaren Bewegung zwischen Signifikant und Signifikat. Wo der Strukturalismus nach Ordnung suchte, sucht Barthes nach Erregung. Wo er einst die Sprache als System analysierte, interessiert ihn nun die Sprache als Körper. Diese Wendung ins Körperliche, ins Erotische, ins Haptische ist der Kern der poststrukturalistischen Geste Barthes’: die Ablösung der Idee, dass Bedeutung die letzte Instanz der Literatur sei. Stattdessen wird das Begehren des Lesers, das Begehren der Sprache selbst, zum zentralen semiotischen Prinzip. Wenn Barthes von der „Lust am Text“ spricht, so meint er eine doppelte Bewegung: einerseits die Lust des Lesers, die sich aus der Erfahrung der Differenz, des Spiels, der rhythmischen Reibung ergibt; andererseits die Lust des Textes selbst – die Sprache als ein Ort, der begehrt, der nicht neutral ist, sondern aufgeladen, exzessiv, eigenwillig. Die semantische Ebene tritt zurück zugunsten einer semiotischen Oberfläche, die nicht mehr auf das verweist, was sie bedeutet, sondern auf das, was sie hervorruft. Damit wird Lesen zu einem Ereignis, zu einem Akt der Inkorporation. Das Zeichen ist kein Vehikel des Sinns mehr, sondern ein Sensorium, das Affekte, Klänge, Intensitäten transportiert. Barthes schreibt gegen die Ideologie der Signifikation, die Literatur in den Dienst der Bedeutung stellt. Er befreit den Signifikanten aus seiner dienenden Funktion und lässt ihn zum Träger der Lust werden. Der Text ist in diesem Sinn ein Körper – ein Körper aus Sprache, der gelesen, berührt, genossen, verletzt werden kann. Diese Entkörperlichung und Rekörperlichung des Zeichens hat eine doppelte semiotische Konsequenz. Zum einen verliert der Autor seine Autorität, denn der Sinn entsteht nicht mehr im Akt des Schreibens, sondern im Akt des Lesens, in der Berührung zwischen Leser und Text. Zum anderen verliert das Subjekt des Lesers seine Identität, weil es sich im Prozess der Lektüre auflöst, weil es sich nicht mehr als Zentrum, sondern als Passage des Sinns erfährt. Barthes nennt diesen Zustand jouissance – ein Begriff, der über das bloße Vergnügen (plaisir) hinausgeht. Jouissance ist der Moment, in dem der Leser durch den Text affiziert, ja verwundet wird, in dem Sprache zu einem ekstatischen Ort der Erfahrung wird, an dem das Ich seine Grenzen verliert. Diese Erfahrung ist nicht einfach positiv; sie kann schmerzhaft, verstörend, desorientierend sein. Doch gerade darin liegt ihre Wahrheit: Der Text der jouissance bricht mit der Stabilität des Zeichensystems, mit der Linearität der Bedeutung, mit der Logik der Interpretation. Barthes entwickelt dafür die berühmte Unterscheidung zwischen dem „lesbaren“ (texte lisible) und dem „schreibbaren“ Text (texte scriptible). Der lesbare Text ist jener, der konsumiert wird, der dem Leser eine kohärente Welt bietet, in der Bedeutung transparent und berechenbar bleibt – der klassische bürgerliche Roman, der ideologisch geordnete Text. Der schreibbare Text dagegen ist jener, der sich dieser Konsumierbarkeit entzieht, der gelesen werden will, wie man ein Rätsel, ein Gewebe, ein Körper erforscht. Er fordert den Leser heraus, mitzuarbeiten, zu produzieren, mitzuschreiben. Semiologisch gesprochen: Der lesbare Text stabilisiert die Zeichenrelation, der schreibbare Text destabilisiert sie. Der eine führt zu Bedeutung, der andere zu Differenz. Barthes’ politische Radikalität liegt in dieser Geste: die Aufhebung der stabilen Zeichenordnung zugunsten einer offenen, anarchischen Semiose, in der kein Zentrum, keine Autorität, keine letzte Bedeutung mehr existiert. Die Lust am Text ist also auch ein Akt der Entideologisierung. Wenn Barthes schreibt, dass der Text nur existiert, wenn er Lust erzeugt, dann ist das nicht hedonistische Pose, sondern epistemologische Provokation. Denn Lust wird hier zur semiotischen Kategorie: Sie ist das, was Zeichen zum Leben bringt, was sie bewegt, was sie entzieht. Ein Text, der keine Lust erzeugt, ist tot – nicht weil er schlecht geschrieben wäre, sondern weil er keine Bewegung in der Sprache hervorruft, keine Differenz. Barthes wendet sich damit gegen jede Form von akademischer Hermeneutik, die Texte auf Botschaften, Funktionen, Strukturen reduziert. Die Literaturwissenschaft, so seine implizite Anklage, hat das Begehren am Text vergessen, hat Sprache in einen Code verwandelt, der entschlüsselt werden muss. Barthes will den Leser befreien von dieser Pflicht zur Entschlüsselung. Lesen soll wieder ein Akt des Begehrens werden, nicht des Wissens. Seine semiotische Brillanz zeigt sich in der Weise, wie er den Begriff des Textes selbst transformiert. Der Text ist bei Barthes kein geschlossenes Werk, sondern eine Struktur von Differenzen, ein Feld von Relationen, das sich nur in der Bewegung des Lesens realisiert. Diese Auffassung hat weitreichende Konsequenzen für die Literaturtheorie: Der Text ist nicht länger Objekt der Interpretation, sondern Ort der Produktion; der Leser ist kein Empfänger, sondern Ko-Autor. Der Text wird zum Raum, in dem Signifikanten zirkulieren, ohne sich zu fixieren, in dem Bedeutung immer wieder neu verschoben wird. Das entspricht dem, was Derrida „différance“ nennt – jene unendliche Verschiebung, die Bedeutung nie zur Ruhe kommen lässt. Barthes’ Text ist die literarische Entsprechung dieser différance: eine semiotische Maschine, die sich selbst verzehrt, indem sie das Begehren immer wieder anstachelt, aber nie befriedigt. In dieser Perspektive ist Die Lust am Text auch eine Selbstreflexion der Sprache auf ihr eigenes Begehren. Der Text, so Barthes, „will“ gelesen werden; er produziert Zeichen, die verführen, reizen, locken. Das Lesen wird zur erotischen Beziehung zwischen Subjekt und Sprache, in der beide ihre Grenzen verlieren. Der Leser wird nicht Herr über den Text, sondern sein Komplize. Das Zeichen wird nicht mehr zum Werkzeug des Sinns, sondern zum Ort der Berührung. So verbindet Barthes Semiotik mit Erotik, Struktur mit Affekt, Theorie mit Sinnlichkeit – eine Verbindung, die bis heute unerreicht bleibt

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