Marc Serafin analysiert auf Grundlage einer qualitativen empirischen Studie delinquente Biografie-Verläufe Jugendlicher. In den Mittelpunkt stellt er dabei die subjektiven Sichtweisen der Jugendlichen selbst über ihre biografische Entwicklung und ihre interaktiven Erfahrungen mit sozialen Regelsetzungen in der Familie, der Schule, im Wohnumfeld und mit Akteuren der Jugendhilfe. Durch die sensible Erschließung und systematische Analyse des Erzählmaterials der Jugendlichen füllt der Autor eine bedeutsame Lücke in der Erforschung jugendlicher Delinquenz. Ganz im Sinne einer engagierten Sozialforschung gelingt ihm zudem ein kluger Theorie-Praxis-Transfer durch die Überführung der Befunde in Schlussfolgerungen für die Prävention von Delinquenz im Jugendalter.
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Marc Serafin, Jugendamtsleiter und Mitglied im wissenschaftlichen Fachbeirat „Kindeswohl und Umgangsrecht“, untersucht in einer empirischen Studie delinquente Biografie-Verläufe Jugendlicher, deren subjektive Sichtweisen (biografische Entwicklung, Erfahrungen mit sozialen Regelsetzungen in Familie, Schule, Wohnumfeld und Jugendhilfe) sensibel beschrieben und systematisch analysiert werden. Daraus zieht er Schlussfolgerungen für die Prävention von Delinquenz im Jugendalter.
1. Problem- und Risikoverhalten Jugendlicher:
Zum Delinquenz- und Problemverhalten Jugendlicher zählen Aggressivität, Weglaufen, Schulverweigerung, Vandalismus, Selbst- und Fremdverletzung, Suchtdelikte, Diebstahl, Raub, gefährliche Drohung etc. Die Definition der Delinquenz spiegelt zwar die Werthaltungen einer bestimmten Gesellschaft, die sich z.B. in der Beurteilung des Suchtverhaltens auch ändern können, gibt aber den derzeitigen Konsens über unerwünschtes Verhalten von Jugendlichen treffend wieder.
2. Sozialer Raum und Jugenddelinquenz:
Wohnquartiere mit erhöhter Armut und sozialer Benachteiligung korrelieren mit erhöhter Jugenddelinquenz. Dies ist von der Chicago School of Soziology bereits vor 80 Jahren hinreichend dokumentiert worden. In städtischen Räumen führt die residenzielle Segregation zur Verdichtung sozialer Belastung und zu sozialer Desorganisation, abhängig von niedrigem ökonomischem Status, ethnischer Heterogenität und residentieller Mobilität. Seit 20 Jahren betont Sampson die ursächliche Wirkung von familiären Störungen in Kombination mit sozialer Benachteiligung.
3. Jugenddelinquenz im Lebensverlauf:
Individualisierung und Pluralität in modernen Gesellschaften erhöhen die Risiken von Fehlentwicklungen, da auf die Jugendlichen weniger Außensteuerung einwirkt und sich Fehlverhalten in der Peer-group hochschaukeln kann. Entscheidender Auslöser ist die Abschwächung der sozialen Einbindung in konforme soziale Bezüge, während frühkindliche Erfahrungen keine wesentliche Rolle spielen.
4. Biografische Wendepunkte:
Die Selbstdeutung der Jugendlichen in der vorliegenden Untersuchung zeigt folgende Risikofaktoren auf: Toleranz früher Regelüberschreitungen, familiäre Belastungssituationen wie Scheidung, sozialer Absturz oder Todesfälle, fehlende familiäre Routinen und Regeln, unsichere Bindung, missachtendes Elternverhalten, fehlende Väter, Normabweichungen der Peer-Group. Dies ist aber nicht deterministisch, sondern die bewussten Entscheidungen der Jugendlichen für die Delinquenz oder zum Ausstieg aus dieser bestimmen den Verlauf.
5. Pädagogische Interventionen:
Die Konsequenzen für Jugendhilfe und Pädagogik sind folgende:
Vermeidung von Stigmatisierung und sozialer Exklusion aus Betreuungseinrichtungen und Schulsystem (sic!): Leider macht man als Helfer hier immer noch gegenteilige negative Erfahrungen. Oft gewinnt man den Eindruck, dass es den zugegebenermaßen belasteten Betreuern mehr darum geht, Problemkinder loszuwerden als ihnen zu helfen, wodurch ein Teufelskreis aus Überforderung, fehlender Kontinuität, Abbrüchen und Unwirksamkeit selbst teurer Maßnahmen entsteht.
Stärkere Einbindung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Maßnahmen-Entscheidungen und Evaluation der Wirksamkeit von Jugendhilfe-Maßnahmen.
Förderung von Inklusion und Selbstwirksamkeitserfahrungen.
Integrierende Schulen
Familienunterstützende soziale Arbeit
Soziale Stadtteilpolitik und Gemeinwesenarbeit
Zusammenfassend zeigt diese Studie die Bedeutung sozialer Integrationsmaßnahmen in allen sozialen Umwelten der Jugendlichen sowie die bislang subeffiziente Treffsicherheit von Jugendhilfe-Maßnahmen auf Grund insuffizienter Evaluation derselben, speziell das Fehlen langfristiger katamnestischer Beobachtungen auf.
Das Buch richtet sich an Dozierende und Studierende der Sozialen Arbeit, Soziologie und Erziehungswissenschaften, sowie an PraktikerInnen in sozialer Arbeit, Jugendhilfe und Schuldienst. Für mich als jahrzehntelang mit Problemjugendlichen befasstem Psychotherapeuten ist der Autor sowohl in der Diagnose als auch in den Konsequenzen ausgesprochen klar, man merkt seine
Jugendamtserfahrung in jeder Zeile des Buches, dem möglichst viele Leser aus dem Jugendhilfe- und Schulbereich zu wünschen sind.
Dr. Rüdiger Opelt, Psychologe, Autor von „Das Glück der Kinder“
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