»Wartete man auf etwas Bestimmtes, so wartete man schon etwas weniger.«
Vielleicht könnte man Warten Vergessen einen Bericht nennen – aber höchstens einen Bericht von etwas, das sich nicht berichten läßt. Er handelt von Paradoxien, von dem Erinnern, das zugleich Vergessen wäre, von der Anwesenheit, die zugleich Abwesenheit ist, von der Vereinigung, die Entzweiung zu werden droht. Dieses extreme Buch, in dem der Handlung kaum noch Platz gelassen wird, versucht, das Stillstehen der Zeit fühlbar, spürbar, nachempfindbar zu machen.
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06.02.2025
Buch (Taschenbuch)
"Nie findest du die Grenzen des Vergessens, so weit du dein Vergessen auch treiben magst"
Eine Handlung wird in diesem Werk vergeblich gesucht, denn dies ist ein Buch, wo nur noch die Sprache selbst spricht, eine Sprache, die niemandem mehr zu gehören scheint. Der französische Literaturtheoretiker Maurice Blanchot, hierzulande weitestgehend unbekannt, lässt uns Literatur in seinen Büchern gänzlich neu erfahren, womöglich sie sogar zum ersten Mal wahrhaftig entdecken. In gewisser, paradox anmutender, Weise bringt er die Literatur gar zum Verschwinden, zeigt ihre Unmöglichkeit, ihr Scheitern, lässt uns erkennen, dass Sprache zwar Sein zu vermitteln vermag, es jedoch einzig als ein seines Seins beraubtes zu bleiben hat. Das Ende der Sprache zu schreiben, jenem Außen diskursiv auf die Spur zu kommen, dies war das unermüdliche Bestreben Blanchots. Mit unnachahmlicher Virtuosität erkundete er, was es bedeutet, dass die Sprache von dem spricht, was sich ihr zwangsläufig entzieht, dass sie das wovon sie gewillt ist zu sprechen, seiner Präsenz gerade beraubt, indem sie es der unhintergehbaren Repräsentation überführt. Die Verwendung von Sprache bringt es mit sich, dass dessen Vollzugscharakter eigens nie in den Lichtstrahl der Aufmerksamkeit gerät. Redend Präsenz und damit Gegenwart einzuholen, gelingt nur unter Bezug des Gesagtseins. Indem die Sprache oder Schrift geschieht, kann diese als Vollziehende nie selber Gegenstand und Intention ihrer Rede sein. Sie kann nie gesagt werden, weil eben jedes Gesagte zuerst gesagt werden muss. Sie ist somit der außersprachliche Rest in der Sprache selbst. Maurice Blanchots Auffassung zufolge besteht die Aufgabe der Literatur nun darin, diesen Rest sprechend zu erreichen.
Paradox ausgedrückt können wir festhalten, dass Literatur immer auf das hin unterwegs ist, von dem sie sich gleichzeitig dadurch entfernt, dass sie stattfindet. Sie findet als die Rede statt, die in dem Maße, als sie möglich wird, verpasst, worum es ihr geht, und die immer schon wieder aufgehört haben müsste, um das zu Sagende zu erreichen, die aber, gerade weil das zu Erreichende gesagt werden muss, nicht aufhören kann. „Warten Vergessen“ ist ein Buch, dass, indem es uns mit Aphorismen und kurzen Textstücken konfrontiert, uns auf ein subjektloses Gemurmel, auf ein diffuses nie versiegendes Sprechen jenseits der Sprache aufmerksam machen möchte. Blanchot ist auf der Suche nach jenem „Denken des Außen“, einem Sein der Sprache wenn man so will, dort wo Literatur ihren Anfang hätte. Hören wir also Blanchots sich selbst vernehmender Sprache einmal zu; „Es war dasselbe Wort, das zu sich selber zurückkam, und doch nicht ganz dasselbe, wie er feststellen musste, es gab einen Unterschied, der vielleicht in diesem Zurückkommen lag und von dem er viel hätte lernen können, wäre er fähig gewesen, ihn zu erkennen. Vielleicht ist der Unterschied zeitlich; vielleicht ist das Wort dasselbe, nur ein wenig verblichen und dadurch ein wenig reicher an einschichtigem Sinn, so als läge in der Antwort stets etwas weniger als in der Frage. (…) Durch die Worte fiel noch ein wenig Tageslicht.“ Das Zitat lässt gut erkennen, dass der sprachliche Vollzug eine Sogwirkung in die Sprache selber zu bewirken vermag. Worte, die sich gegenseitig vernehmen und gerade dadurch eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Blanchot betreibt keine engagierte Literatur im Sinne Jean Paul Sartres, Schreiben galt ihm nicht als Mittel des Aktionismus. Ganz im Gegenteil sollte das Schreiben nach Blanchot gerade keine Spuren hinterlassen, vielmehr alle Spuren löschen. Schreiben bedeutet dann natürlich immer auch sich zum Echo dessen zu machen, was nicht aufhören kann zu sprechen, so dass man mit Blanchot das Ziel der Literatur in der Kunst des Schweigens sehen könnte. Statt einer Sprache, die nur verdeckt, soll „ein Denken des Außen“ treten, welches ahnungsvoll die vor-diskursive Welt in den Fokus rückt. Anstelle von bildgewaltiger Sprache, soll diese vielmehr neutralisiert werden in dem Sinne, dass jenen sprachlichen Bildern innere Transparenz verliehen wird. Das Fiktive hat für Blanchot eine kontraintuitive Bedeutung, soll diese gerade nicht dem Leser die Sichtbarkeit der Welt vor Augen führen, auch nicht das Unsichtbare sichtbar werden lassen, sondern mit Foucault gesprochen, ist die Aufgabe der Fiktion die, zu zeigen, wie unsichtbar die Unsichtbarkeit des Sichtbaren ist. Die innovative Leistung von Blanchot liegt in der Umkehrung der Reflexion, die sich von der Innerlichkeit wegbewegen soll, um gerade nicht im Diesseits der Sprache zu verharren. Er folgt damit unter anderem Mallarmé und Rimbaud, die bereits poetologische Überlegungen hinsichtlich einer subjektlosen Sprache in ihren Gedichten entworfen hatten. Blanchot führt uns in Werken wie „Warten Vergessen oder „Thomas der Dunkle“ immer wieder an jene Grenze, wo die Sprache zu zerfransen, mitunter durchlässig zu werden droht. Statt vertrautes Reden, öffnet Blanchots Sprache Räume für andere Formen, für Dimensionen des Unverständlichen. Hier regiert das Katachresische, denn Katachresen benennen das, wofür es keinen Namen gibt. Literatur, in der sich zeigen soll, was durch dessen Gesagtwerden verpasst oder zerstört wird, ist unaussprechbar, nicht signifizierbar.
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