»Vielleicht ist es nicht völlig falsch, wenn sich ein Jude darum kümmert, Eichmann zur Fiktion zu verurteilen.«
Mit beißendem Spott zeigt uns Ariel Magnus in diesem Roman einen unbelehrbaren Menschen, dessen antisemitischer Irrglauben auch im argentinischen Versteck ungebrochen war und der dort bar jeder Reue und völlig unbehelligt von einer Rückkehr nach Deutschland träumen konnte – bis zu seiner Verhaftung 1960.
Buenos Aires, 1952: Ricardo Klement alias Adolf Eichmann hat Pech, denn ausgerechnet an dem Tag, an dem seine Frau Vera mit den Söhnen endlich aus Deutschland in Buenos Aires eintreffen werden, sind alle Blumen ausverkauft. Offiziell gibt sich Klement als der Onkel seiner Söhne aus, um unerkannt zu bleiben. Der einstige Cheforganisator der Deportationszüge nach Auschwitz führt im argentinischen Exil ein bescheidenes Leben und trifft bisweilen im Restaurant »Zur Eiche« zahlreiche SS-Angehörige und NSDAP-Funktionäre zum gemütlichen Plausch. Diese werden nicht nur vom deutschen Botschafter gedeckt, sondern auch von der argentinischen Regierung und Juan Perón unterstützt. Nur wenn sich an den Nachbartischen emigrierte jüdische Familien zum Abendessen niederlassen, wird es für die Nazigrößen ungemütlich – was, wenn jemand sie erkennt?
Nach seiner Verurteilung bestand Eichmann darauf, ein kleines Rad im Getriebe gewesen zu sein. Ariel Magnus führt uns ins Innere dieses unbelehrbaren Nazis und seiner menschenverachtenden Ideologie.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Ach du je, schon wieder was zum III. Reich und den Nazis – das kennt man doch schon Alles! So oder ähnlich mögen nicht Wenige denken, wenn sie diesen Buchtitel und den Klappentext lesen. Doch egal, wer wann wieviel schon zu diesem Thema gelesen, gesehen und/oder gehört hat – diese Lektüre lohnt sich in jedem Fall!
Adolf Eichmann leitete im III. Reich die zentrale Stelle, die für die Organisation der Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden verantwortlich war und somit für die Ermordung von ca. sechs Millionen Menschen. Nachdem er nach Kriegsende fünf Jahre untergetaucht war, gelang ihm die Flucht nach Argentinien, wo er bis zu seiner Entführung nach Israel im Jahr 1960 unbehelligt mit seiner Familie leben konnte.
Über diese Zeit hat Ariel Magnus eine fiktive Teilbiographie geschrieben, wobei er sich nah an die wenig bekannten tatsächlichen Begebenheiten sowie an den Sprech- bzw. Schreibstil Eichmanns gehalten hat, wie man an dessen schriftlichen Ergüssen wie beispielsweise Götzen feststellen kann. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es liest sich nicht einfach. Eichmann neigte zu ausufernden, schwadronierenden Sätzen gespickt mit Fremdworten, vermutlich um seine scheinbare Überlegenheit darzustellen.
Magnus übernimmt dies in die Sprech- und Denkweise seiner fiktiven Figur Eichmann, die sich in Argentinien den Namen Ricardo Klement gab und stellt somit dar, was er tatsächlich war: ein armseliges Würstchen ohne Rückgrat, der vermutlich auch bei den Stalinisten oder Pol Pot Karriere gemacht hätte. Ohne ihn allzu sehr ins Lächerliche zu ziehen (sieht man mal von der Möhre ab ;-)), entblößt sich dieser fiktive Eichmann allein durch seine Gedankenwelt, die von der der realen Person möglicherweise gar nicht allzu sehr abweicht. Dennoch gibt es nicht allzuviel zum Lächeln: Sobald er eines seiner irrwitzigen Hirngespinste entwirft, um sich selbst etwas vorzumachen (beispielsweise hätten die Juden es ihm zu verdanken, dass sie einen eigenen Staat bekommen hätten), werden wie eine Selbstverständlichkeit die unvorstellbaren Grausamkeiten und Barbareien des III. Reiches erwähnt – ein eventuelles Lächeln bleibt einem im Halse stecken.
Ein wichtiges Buch, ein Buch gegen das Vergessen – auf eine andere Art.
Xirxe
aus Bad Pyrmont
5/5
30.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ach du je, schon wieder was…
Ach du je, schon wieder was zum III. Reich und den Nazis – das kennt man doch schon Alles! So oder ähnlich mögen nicht Wenige denken, wenn sie diesen Buchtitel und den Klappentext lesen. Doch egal, wer wann wieviel schon zu diesem Thema gelesen, gesehen und/oder gehört hat – diese Lektüre lohnt sich in jedem Fall! Adolf Eichmann leitete im III. Reich die zentrale Stelle, die für die Organisation der Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden verantwortlich war und somit für die Ermordung von ca. sechs Millionen Menschen. Nachdem er nach Kriegsende fünf Jahre untergetaucht war, gelang ihm die Flucht nach Argentinien, wo er bis zu seiner Entführung nach Israel im Jahr 1960 unbehelligt mit seiner Familie leben konnte. Über diese Zeit hat Ariel Magnus eine fiktive Teilbiographie geschrieben, wobei er sich nah an die wenig bekannten tatsächlichen Begebenheiten sowie an den Sprech- bzw. Schreibstil Eichmanns gehalten hat, wie man an dessen schriftlichen Ergüssen wie beispielsweise Götzen feststellen kann. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es liest sich nicht einfach. Eichmann neigte zu ausufernden, schwadronierenden Sätzen gespickt mit Fremdworten, vermutlich um seine scheinbare Überlegenheit darzustellen. Magnus übernimmt dies in die Sprech- und Denkweise seiner fiktiven Figur Eichmann, die sich in Argentinien den Namen Ricardo Klement gab und stellt somit dar, was er tatsächlich war: ein armseliges Würstchen ohne Rückgrat, der vermutlich auch bei den Stalinisten oder Pol Pot Karriere gemacht hätte. Ohne ihn allzu sehr ins Lächerliche zu ziehen (sieht man mal von der Möhre ab ;-)), entblößt sich dieser fiktive Eichmann allein durch seine Gedankenwelt, die von der der realen Person möglicherweise gar nicht allzu sehr abweicht. Dennoch gibt es nicht allzuviel zum Lächeln: Sobald er eines seiner irrwitzigen Hirngespinste entwirft, um sich selbst etwas vorzumachen (beispielsweise hätten die Juden es ihm zu verdanken, dass sie einen eigenen Staat bekommen hätten), werden wie eine Selbstverständlichkeit die unvorstellbaren Grausamkeiten und Barbareien des III. Reiches erwähnt – ein eventuelles Lächeln bleibt einem im Halse stecken. Ein wichtiges Buch, ein Buch gegen das Vergessen – auf eine andere Art.
Elke Seifried
aus Gundelfingen
5/5
08.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein neuer Blick auf Adolf Eichmann
Als Leser bekommt man Adolf Eichmanns Leben in Argentinien von 1952, dem Jahr der Ankunft seiner Frau und seiner drei Söhne, bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1960 in Romanform erzählt und darf dabei immer wieder auf seine Vergangenheit blicken, besonders intensiv natürlich auf seine Naziverbrechen. Der jüdische Autor geht mit seinem Roman, der Eichmann nicht als bloßes Monster oder einen völligen Idioten darstellt, wie das bisher geschah, einen neuen Weg. Er verwebt gekonnt ein Stück Fiktion mit gründlich recherchierten Fakten und portraitiert damit mit spitzer Feder einen Eichmann, derart, wie es seine eigene Aussage, wen er darstellen möchte, perfekt trifft. »Ein mittelmäßiger Typ, der es weit gebracht hat. Ein ziemlich gerissener Trottel. Ein Rachsüchtiger mit Komplexen. Ein Antisemit, wie er im Buche steht, aber ohne Bedienungsanleitung. Ein Kackhaufen, der es gelernt hat, seinen Geruch zu verschleiern. Ein vom Egoismus überwältigter Fanatiker. Ein zynischer Sentimentalist. Ein Mutiger im Feigesein. Ein armer Typ, reich an Bosheit. Ein zurückhaltender Mörder. Ein Pechvogel, dem das Glück zu lange hold war.«
Man verfolgt Adolf Eichmanns Leben in Argentinien, das der Autor Klement stets kommentieren lässt, bei seinen Jobs und Geschäftsideen, die er entwickelt, angefangen, bis hin zu alltäglichen Dingen wie z.B. das überall dazugehörende, lästige Grillen, dessen Geruch er nicht mag, vielleicht weil es ihn zu sehr an den Geruch der Krematorien erinnert oder seinen Eindrücken beim Schlendern durch die Straßen. Dabei erfährt man auch vom Verhältnis zu seiner Frau und seinen Söhnen, davon, wie er sich zunächst als deren Onkel ausgibt, um unentdeckt zu bleiben, später diese Vorsicht aber über Bord wirft und welche „Fehler“ er macht, die zu seiner Ergreifung führen. Ebenfalls wird man Zeuge davon, wie Klement von seinen Erlebnissen, seit seiner Flucht zu Kriegsende, natürlich schöngefärbt für seine Familie, erzählt, von der Geburt seines vierten Sohnes oder auch vom gemeinsamen Haus- bzw. Bunkerbau. Man ist zudem dabei, wenn er sich mit anderen untergetauchten Nazigrößen zum Plausch trifft, hi und da einigen imponieren will, wie z.B. einem Josef Mengele, „Gregor kennenzulernen? Eigentlich wollte er, wenn er ehrlich mit sich war, dass Gregor ihn kennenlernte. Und nicht nur das: Er wollte einen guten Eindruck auf ihn machen, ihm gefallen.“ oder wie er genau abwägt, was der Journalist Sassen im Interview erzählt. Der Roman endet mit der Gefangennahme durch den Mossad und dem Abflug nach Israel.
Der Autor vermag sich gekonnt auszudrücken, brilliert mit seinen Formulierungen, die man sich teilweise auf der Zunge zergehen lassen kann, und hat mir damit nicht nur eine neue Sicht auf Adolf Eichmann eröffnet, sondern auch ganz wunderbar unterhalten. Er schreibt mit spitzer Feder, pointiert und mit einer gehörigen Portion Ironie und Sarkasmus. Äußerst gelungen empfand ich so z.B., wie er Eichmann stets über seinen gesellschaftlichen Abstieg reflektieren lässt, „Jetzt, als arbeitsloser Deportologe, hätte er nirgendwo als im Mittleren Osten echte Arbeit finden können, sofern die Araber sich endlich entschließen würden, die Region zu entjuden, und dafür seine Expertise benötigten. Bis es so weit wäre, musste er sich den Umständen anpassen. Und dasselbe galt für fast alle seine Kollegen.“, oder dessen selbstverliebten Versuche, seine wahre Größe, gegenüber denen herauszustellen, die er trifft, und die nun besser gestellt sind als er selbst, obwohl sie doch in der Nazihierarchie deutlich unter ihnen standen. Nicht verkehrt empfinde ich auch, dass er ihm hin und wieder auch fast menschliche Gefühle zusteht, „Der Alkohol betäubte die Erinnerungen, die ihm von seinem Vorgesetzten im Reichssicherheitshauptamt aufgezwungen worden waren. Dieser hatte ihm befohlen, vor Ort in Augenschein zu nehmen, wie die Vernichtungsarbeiten vorangingen, obwohl Klement ihn gebeten hatte, ihn von dieser Aufgabe freizustellen. Dem Pech, einen sadistischen Chef wie Heinrich »Gestapo« Müller abbekommen zu haben, verdankte er nun diese Grube voller Leichen in seinem Kopf, die er in Minsk gesehen hatte. Immer noch so nah, dass sein Hirn mit den Hirnstückchen befleckt zu sein schien, die seinen mit Bärenfell gefütterten Ledermantel verdreckt hatten, nachdem ein Soldat einer Sterbenden mitsamt ihrem Säugling den Gnadenschuss gegeben hatte.“ Manche Beschreibungen stecken so voller Zynismus, dass ich beim Lesen fast schockiert innehalten musste, so lässt er Eichmann z.B. ganz nüchtern Berechnungen anstellen, wie sich die »fünf oder sechs Millionen«, die jetzt in aller Munde waren und derentwegen nach seinem Kopf geschrien wurde.“ schönrechnen lassen, „wenn er beschloss, die Ziffer auf eine halbe Million zu senken, mal sehen, ob das auch diesmal irgendeinem Richter zu Ohren kam und sie letztlich einen Durchschnitt errechneten.“. Stellenweise brachte mich der Autor trotz der Schwere der Sache an sich zum Schmunzeln, wenn er sich z.B. so beißendem Spott bedient. „Er schämte sich nur, als ihm einfiel, dass er eine zerschlissene Unterhose trug, eine von denen, die man sich jedes Mal wegzuwerfen vornimmt, wenn man sie heute aber wirklich zum letzten Mal anzieht. Sofort wurde dieses Unbehagen von einem noch größeren übertroffen, als ihm jemand die Hand in den Mund steckte und ihm die falschen Zähne herausnahm.“, ist dafür nur ein Beispiel, bei dem er mein Kopfkino ganz wunderbar zum Laufen gebracht hat.
Erwähnen möchte ich auch noch das letzte Kapitel after office am Ende, das die Beweggründe ausführt und einiges über seine Quellen und den Wahrheitsgehalt seines Romans verrät und sehr aufschlussreich ist.
Alles in allem für mich ein äußerst lesenswertes Portrait, das mit Sicherheit einen neuen Blickwinkel auf den Mann öffnet, der als Obersturmbannführer in Berlin das „Eichmannreferat“ leitete und damit maßgeblich mitverantwortlich für die Deportation und Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen war, und der so unfassbar es sein mag, tatsächlich noch von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt war, »Erstens muss ich Ihnen sagen, mich reut gar nichts«, sagte er, auch wenn er vorgehabt hatte, das am Ende zu sagen. »Es wäre sehr leicht für mich, mich reuig zu zeigen, so zu tun, als wäre aus einem Saulus ein Paulus geworden.« Er bereue nur, fuhr er fort, seine Arbeit nicht abgeschlossen zu haben.“. Ein Roman, der von mit aufgrund des Stils, der neuen Gedankenansätze und dem Beitrag gegen das Vergessen auf jeden Fall fünf Sterne bekommt.
claudi-1963
aus Schwaben
4/5
11.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Gedankenwelt eines Kriegsverbrechers im Exil
"Klement erinnerte sich noch, dass sein Name auf der ersten Kriegsverbrecherliste, die er in der Feindespresse gefunden hatte, einen bescheidenen siebten Platz eingenommen hatte..." (Buchauszug)
Buenos Aires 1952:
Als Ricardo Klement hat sich Alfred Eichmann in seinem Exil Argentinien ein neues Leben aufgebaut. Heute soll seine Familie endlich nach langer Zeit zu ihm kommen. Erst einmal gibt er sich als Onkel aus, damit er sich ja nicht verdächtig macht oder erkannt wird und die Kinder sich nicht verplappern. Leider sind am Ankunftstag seiner Familie alle Blumen auserkauft, den Evita Perón ist verstorben und zu ihren Ehren wurden alle Blumen aufgekauft. Gedanken macht sich Klement außerdem, ob seine Familie mit seinem bescheidenen Leben zurechtkommen wird. Wenigstens erhalten einige SS und NSDAP Funktionäre von Juan Perón Unterstützung und so treffen sie sich gelegentlich zu einem kleinen Plausch. Doch wrd seine Tarnung auf Dauer stand halten? ---
Meine Meinung:
Ariel Magnus hat in seinem Buch anhand von Schriften Adolf Eichmanns Verhören, Büchern und Manuskripten dieses Buch verfasst. Bei der Leseprobe erhoffte ich, dass es auf ein einfach zu lesendes, teils satirisches Buch hinausläuft. Jedoch je länger ich in die Geschichte eintauche, desto rabiater und erschütternder empfand ich vor allem das Gedankengut dieses Kriegsverbrechers. Er fühlt sich mitunter als total Unschuldiger, der nur seine Befehle befolgt hat und im Grunde den Juden nichts Schlimmes antun wollte. Anderseits kommt er jedoch immer wieder zu der Erkenntnis, dass es besser gewesen wäre, wenn keiner von ihnen damals überlebt hätte. Diese menschenverachtenden Gedanken machen mich zusehends immer wütender, dass ich sogar öfters darüber nachdenke, dieses Buch abzubrechen. Mitunter allerdings verspottet der Autor Eichmann, indem er sich über Klement lustig macht. Sei es, in dem er eine Sexszene mit seiner Frau Vera einbaut, die er hier etwas satirisch darstellt. Ich allerdings konnte mit dieser Art von Parodie wenig anfangen, wahrscheinlich weil ich zu schockiert war von Eichmanns Gedankengut. Zwar stützt sich der Autor auf einige Quellen in seinem Buch, doch die Gespräche sind meist fiktiv dargestellt. Fraglos kann ich mir gut vorstellen, dass es so in etwa abgelaufen sein könnte. Erschütternd empfand ich dagegen eine Zusammenkunft Adolf Eichmanns mit dem SS-Lagerarzt Josef Mengele, die hier ihre Erinnerungen austauschen. Dabei erinnert er sich an eine Jüdin, die ihre blinde Mutter begleiten wollte und er ihr einen Tritt in die andere Richtung ins Leben gab. Wörtlich sagt er, hier:"Kapieren Sie, was ich Ihnen da gerade sage? Ich habe diese dumme Kuh gerettet." Diese dumme Kuh, wie er sie hier nennt, war die Großmutter des Autors. Deren tatsächliche Begebenheit er hier mit eingefügt hat. Ob man diese bekannten Kriegsverbrecher hier wirklich literarisch zu Wort kommen lassen muss, wage ich selbst zu bezweifeln. Den gerade seine menschenverachtenden Aussagen und Ansichten, die ich hier als Leser ungefiltert vorgeführt bekomme, haben mich sehr betroffen und wütend gemacht. Vielleicht mag es den einen oder anderen ebenfalls aufwühlen, wie mich. Allerdings sehe ich auch eine große Gefahr darin, dass sie dieses Buch verehren werden, wenn es Anhängern dieser Kriegsverbrecher in die Hände gerät. Leider konnte mich der Schreibstil des Autors ebenfalls nicht überzeugen. Zu viele Fremdwörter und oftmals recht kompliziert formuliert ist dieses Buch nicht gerade einfach zu lesen. Deshalb kann ich diesem Buch leider nur 3 1/2 von 5 Sterne geben.
claudi
aus Stuttgart
4/5
11.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Klement erinnerte sich noch,…
"Klement erinnerte sich noch, dass sein Name auf der ersten Kriegsverbrecherliste, die er in der Feindespresse gefunden hatte, einen bescheidenen siebten Platz eingenommen hatte..." (Buchauszug) Buenos Aires 1952: Als Ricardo Klement hat sich Alfred Eichmann in seinem Exil Argentinien ein neues Leben aufgebaut. Heute soll seine Familie endlich nach langer Zeit zu ihm kommen. Erst einmal gibt er sich als Onkel aus, damit er sich ja nicht verdächtig macht oder erkannt wird und die Kinder sich nicht verplappern. Leider sind am Ankunftstag seiner Familie alle Blumen auserkauft, den Evita Perón ist verstorben und zu ihren Ehren wurden alle Blumen aufgekauft. Gedanken macht sich Klement außerdem, ob seine Familie mit seinem bescheidenen Leben zurechtkommen wird. Wenigstens erhalten einige SS und NSDAP Funktionäre von Juan Perón Unterstützung und so treffen sie sich gelegentlich zu einem kleinen Plausch. Doch wrd seine Tarnung auf Dauer stand halten? Meine Meinung: Ariel Magnus hat in seinem Buch anhand von Schriften Adolf Eichmanns Verhören, Büchern und Manuskripten dieses Buch verfasst. Bei der Leseprobe erhoffte ich, dass es auf ein einfach zu lesendes, teils satirisches Buch hinausläuft. Jedoch je länger ich in die Geschichte eintauche, desto rabiater und erschütternder empfand ich vor allem das Gedankengut dieses Kriegsverbrechers. Er fühlt sich mitunter als total Unschuldiger, der nur seine Befehle befolgt hat und im Grunde den Juden nichts Schlimmes antun wollte. Anderseits kommt er jedoch immer wieder zu der Erkenntnis, dass es besser gewesen wäre, wenn keiner von ihnen damals überlebt hätte. Diese menschenverachtenden Gedanken machen mich zusehends immer wütender, dass ich sogar öfters darüber nachdenke, dieses Buch abzubrechen. Mitunter allerdings verspottet der Autor Eichmann, indem er sich über Klement lustig macht. Sei es, in dem er eine Sexszene mit seiner Frau Vera einbaut, die er hier etwas satirisch darstellt. Ich allerdings konnte mit dieser Art von Parodie wenig anfangen, wahrscheinlich weil ich zu schockiert war von Eichmanns Gedankengut. Zwar stützt sich der Autor auf einige Quellen in seinem Buch, doch die Gespräche sind meist fiktiv dargestellt. Fraglos kann ich mir gut vorstellen, dass es so in etwa abgelaufen sein könnte. Erschütternd empfand ich dagegen eine Zusammenkunft Adolf Eichmanns mit dem SS-Lagerarzt Josef Mengele, die hier ihre Erinnerungen austauschen. Dabei erinnert er sich an eine Jüdin, die ihre blinde Mutter begleiten wollte und er ihr einen Tritt in die andere Richtung ins Leben gab. Wörtlich sagt er, hier:"Kapieren Sie, was ich Ihnen da gerade sage? Ich habe diese dumme Kuh gerettet." Diese dumme Kuh, wie er sie hier nennt, war die Großmutter des Autors. Deren tatsächliche Begebenheit er hier mit eingefügt hat. Ob man diese bekannten Kriegsverbrecher hier wirklich literarisch zu Wort kommen lassen muss, wage ich selbst zu bezweifeln. Den gerade seine menschenverachtenden Aussagen und Ansichten, die ich hier als Leser ungefiltert vorgeführt bekomme, haben mich sehr betroffen und wütend gemacht. Vielleicht mag es den einen oder anderen ebenfalls aufwühlen, wie mich. Allerdings sehe ich auch eine große Gefahr darin, dass sie dieses Buch verehren werden, wenn es Anhängern dieser Kriegsverbrecher in die Hände gerät. Leider konnte mich der Schreibstil des Autors ebenfalls nicht überzeugen. Zu viele Fremdwörter und oftmals recht kompliziert formuliert ist dieses Buch nicht gerade einfach zu lesen. Deshalb kann ich diesem Buch leider nur 3 1/2 von 5 Sterne geben.
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4/5
15.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Böse muss nicht immer ein Genie sein
Warum verfallen Menschen dem Bösen? Warum führen sie skrupellos Befehle aus, mögen sie auch noch so brutal und falsch sein? Und warum fühlen sie sich bei einer Anklage im Recht? Das höchstverwerfliche „Ich hab ja nur Befehle ausgeführt …“ ist dabei DIE moralische Reinwaschung, wie sie insbesondere im Rahmen der juristischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten häufig geäußert wurde. Besonders einer wurde dabei zum Synonym des empathielosen, intellektuell jedoch ziemlich beschränkten Massenmörders – die Rede ist von Adolf Eichmann, der die Deportation der Juden aus Deutschland organisierte.
Mit dessen Leben im Exil hat sich Ariel Magnus hat sich in seinem satirisch anmutenden »Das zweite Leben des Adolf Eichmann« auseinandergesetzt. Eichmann fungiert hier als Ich-Erzähler und schildert seine (fiktive) Sicht der Dinge. Schuldeingeständnisse, moralische Zweifel oder Empathie? Fehlanzeige. Im Gegenteil, Eichmann sieht sich als Erlöser des jüdischen Volkes, ja sogar als dessen Freund. Und als den zweitstärksten Mann im ehemaligen NS-Staat, der (nur in seiner Welt) vollkommen zu Unrecht unter dem falschen Namen Ricardo Klement ein banales Dasein mit seiner Familie in der argentinischen Provinz fristet.
Ariel Magnus »Das zweite Leben des Adolf Eichmann« ist ein bitterböses literarisches Psychogramm eines der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte. Der sich selber jedoch nicht so sah. Auf Dauer ist die Lektüre der Gedanken dieses pathologischen Mannes etwas ermüdend, diverse Perspektivwechsel und die Sicht anderer hätten dem Roman gut getan. Daher ist »Das zweite Leben des Adolf Eichmann« ein forderndes Buch, das – obwohl einfach geschrieben – schockiert und nicht leicht zu lesen ist. Und dessen Lektüre trotzdem lohnt. Denn Magnus schafft es glaubhaft darzulegen, dass das Böse manchmal ziemlich banal und einfach gestrickt ist – was seine Gefährlichkeit jedoch nicht mindert. Im Gegenteil.
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