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Profilbild von Tobias Groß Tobias Groß Buchhandlung: Thalia Leipzig
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Meine letzte Rezension Überfluss von Jakob Guanzon
In kaum einem anderen Land der westlichen Welt, sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich so groß wie im angeblich freisten Land der Erde. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist schließlich jede:r seines eigenen Glückes Schmied, der Glaube durch harte Arbeit reich zu werden und alles erreichen zu können, wenn man es nur wirklich will, ist tief verwurzelt im Denken der US-Gesellschaft. Wer jedoch arm ist, einmal den Weg des Erfolgs verlassen hat und seine Rechnungen nicht bezahlen kann, ist selbst schuld. Die Gründe dafür sind egal. Henry, der halbphilippinische Protagonist in Jakob Guanzons Debütroman »Überfluss«, muss genau diese Erfahrungen machen. Er hat kein Geld, war lange Zeit drogenabhängig und musste sogar für drei Jahre ins Gefängnis. Der alleinerziehende Vater eines Sohnes lebt mit seinem Junior in einem Pick Up. Sie haben kein Zuhause mehr, alles was sie besitzen, befindet sich in ihrem Auto. Henry möchte seinem Sohn einen perfekten achten Geburtstag bereiten und nach einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch endlich einen Job an Land ziehen. Der Tag wird jedoch zur Tragödie. Für beide. Das Drama hatte sich lange angekündigt, denn Henry hatte in seinem Leben nie eine Chance, Hilfe bekam er nie, der Gesellschaft wer er stets egal. »Überfluss« ist ein beeindruckend guter Roman, dessen Story tatsächlich an nur einem einzigen Tag spielt. Emotional und drastisch zugleich, erzählt Jakob Guanzon von den Schattenseiten des American Dream und beschreibt die hässlichen Seiten einer harten und rassistischen Gesellschaft, die kein Mitleid für ihre Armen hat. Das literarische Schicksal von Henry und Junior kann dabei stellvertretend für das so vieler US-Amerikaner:innen stehen, die niemals aus dem Teufelskreis des Prekariats ausbrechen werden. Zahlereiche Rückblenden, die erzählen wie es zu diesem verhängnisvollen Tag gekommen ist und warum Henry den Weg eines bürgerlichen Lebens verlassen hat, erklären warum. »Überfluss« ist eine meisterlich erzählte Vater-Sohn-Geschichte, die mitunter zu Tränen rührt, ohne jedoch kitschig zu sein. Ein umwerfender und von Dietlind Falk hervorragend übersetzter Gesellschaftsroman, der berührt, wütend macht und die Leser:innen fassungslos zurücklassen wird.
ab 25,00 €
Überfluss
5/5
5/5

Überfluss

In kaum einem anderen Land der westlichen Welt, sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich so groß wie im angeblich freisten Land der Erde. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist schließlich jede:r seines eigenen Glückes Schmied, der Glaube durch harte Arbeit reich zu werden und alles erreichen zu können, wenn man es nur wirklich will, ist tief verwurzelt im Denken der US-Gesellschaft. Wer jedoch arm ist, einmal den Weg des Erfolgs verlassen hat und seine Rechnungen nicht bezahlen kann, ist selbst schuld. Die Gründe dafür sind egal. Henry, der halbphilippinische Protagonist in Jakob Guanzons Debütroman »Überfluss«, muss genau diese Erfahrungen machen. Er hat kein Geld, war lange Zeit drogenabhängig und musste sogar für drei Jahre ins Gefängnis. Der alleinerziehende Vater eines Sohnes lebt mit seinem Junior in einem Pick Up. Sie haben kein Zuhause mehr, alles was sie besitzen, befindet sich in ihrem Auto. Henry möchte seinem Sohn einen perfekten achten Geburtstag bereiten und nach einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch endlich einen Job an Land ziehen. Der Tag wird jedoch zur Tragödie. Für beide. Das Drama hatte sich lange angekündigt, denn Henry hatte in seinem Leben nie eine Chance, Hilfe bekam er nie, der Gesellschaft wer er stets egal. »Überfluss« ist ein beeindruckend guter Roman, dessen Story tatsächlich an nur einem einzigen Tag spielt. Emotional und drastisch zugleich, erzählt Jakob Guanzon von den Schattenseiten des American Dream und beschreibt die hässlichen Seiten einer harten und rassistischen Gesellschaft, die kein Mitleid für ihre Armen hat. Das literarische Schicksal von Henry und Junior kann dabei stellvertretend für das so vieler US-Amerikaner:innen stehen, die niemals aus dem Teufelskreis des Prekariats ausbrechen werden. Zahlereiche Rückblenden, die erzählen wie es zu diesem verhängnisvollen Tag gekommen ist und warum Henry den Weg eines bürgerlichen Lebens verlassen hat, erklären warum. »Überfluss« ist eine meisterlich erzählte Vater-Sohn-Geschichte, die mitunter zu Tränen rührt, ohne jedoch kitschig zu sein. Ein umwerfender und von Dietlind Falk hervorragend übersetzter Gesellschaftsroman, der berührt, wütend macht und die Leser:innen fassungslos zurücklassen wird.

Tobias Groß
  • Tobias Groß
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Überfluss von Jakob Guanzon

Meine Lieblingswerke

  • Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau von Björn Stephan
    5/5

    Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

    Erwachsenwerden ist schwierig. Seine Pubertät in einer Plattenbausiedlung einer ostdeutschen Kleinstadt zu Beginn der 1990er-Jahre zu verleben, ist noch viel schwieriger. Mehr noch: auf den ersten Blick gleicht ein derartiges Leben einer großen Strafe und bietet gute Gründe mit seinem Schicksal zu hadern und zu resignieren. Dass diese Vorstellung aus dem Reich der Vorurteile stammt und die Pubertät auch unter solchen Umständen die aufregendste Zeit des Lebens ist, dass beweist uns dieser grandiose Debütroman. Björn Stephans ‘Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau‘ ist die Geschichte des 13-jährigen Sascha Labude, welcher nach der Wiedervereinigung in einer typischen Plattenbausiedlung der fiktiven ostdeutschen Stadt Klein Krebslow aufwächst. Sascha ist ein verträumter Außenseiter, dessen größte Leidenschaft das Sammeln unbekannter fremdsprachiger Wörter ist. Für seine Umwelt scheint er unsichtbar zu sein, er fristet daher ein recht ereignisloses Dasein – was sich jedoch gehörig ändert, als Juri in sein Leben tritt. Sascha und die geheimnisvolle Juri verbringen den Sommer ’94 gemeinsam, trotzen den Angriffen der örtlichen Nazis und stellen in der kurzen Zeit ihrer Freundschaft die Weichen für ihre Zukunft. Mit ‘Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau‘ ist Björn Stephan ein überwältigendes Debüt voller Melancholie, Empathie und einer großen Portion Witz gelungen. Eingebettet in eine Geschichte über echte Freundschaften, dem sich anbahnenden Erwachsenwerden und der ersten Liebe, ist dieser Roman das Porträt einer ganzen Generation, deren persönliche Verwandlung parallel zur politischen Transformation von Ost zu West verlief. Und die sich nicht aufgegeben hat, wie uns Juri und Sascha beweisen. Ein wunderbares Buch, sprachlich stark und unglaublich sympathisch.

    Tobias Groß
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    Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau von Björn Stephan
    • Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau
    • Björn Stephan
    • ab 22,00 €
  • Offene See von Benjamin Myers
    4/5

    Offene See

    In den heutigen westlichen Gesellschaften ist jung sein ein Privileg wie selten zuvor. Jungen Menschen steht die Welt offen, sie haben Millionen Möglichkeiten ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen. Doch das war nicht immer so. Noch bis in die Mitte der 1970er Jahre waren es die Eltern die entschieden haben, in welche Richtung das Leben ihrer Sprösslinge geht. Die Kinder selbst hatten kein Mitspracherecht, sie mussten sich fügen, ein Aufbegehren war unmöglich. Schon mit der Geburt war das Leben vorherbestimmt, nur wenigen gelang der Ausbruch aus diesem Kreislauf. Auch Robert Appleyard, dem 16-jährigen Protagonisten und Ich-Erzähler in Benjamin Myers Roman ‘Offene See‘, sollte dieses Schicksal ereilen. Sein Leben war vorherbestimmt, er sollte direkt nach der Schule als Minenarbeiter in den Kohlebergwerken Nordenglands arbeiten. Doch der freiheitsliebende Tagträumer Robert rebellierte, packte nach der letzten Prüfung eilig seine Sachen und ging kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf Wanderschaft gen Süden. Bevor er in die ewige Dunkelheit unter Tage muss, will er unbedingt einmal das Meer sehen. Dabei streift er durch die Natur, arbeitet mal hier, mal da, lebt von Tag zu Tag. Als er bei einem kleinen Cottage die eigenwillige Lebenskünstlerin Dulcie trifft, endet seine Reise. Er verbringt den Sommer am Meeresufer und hält das Anwesen der unkonventionellen älteren Dame in Schuss, welche ihm seinen Arbeitseinsatz mit fürstlichen Bewirtungen dankt. Aller Lebensmittelrationierung zum Trotz. Durch die Freundschaft mit Dulcie wird Robert in diesem Sommer erwachsen. Nicht nur körperlich, auch geistig setzt bei dem Teenager ein Reifeprozess ein. Er liest unendlich viele Gedichte, immer wieder und immer wieder und stößt dabei auf ein Geheimnis, eine schmerzhafte Lücke in Dulcies Biografie. Am Anfang lehnt sie ab darüber zu sprechen, doch am Ende des Sommers offenbart sie sich Robert – und ermutigt ihn sein eigenes Leben zu führen, unabhängig von den Eltern und weit weg von den Kohlebergwerken. Benjamin Myers ist mit ‘Offene See‘ ein herrlich altmodisches Buch gelungen. Eine Novelle, in dessen Mittelpunkt aufgrund vieler Metaphern und unzähliger bildhafter Vergleiche eindeutig die Sprache steht. Das ist die große Stärke des Romans und macht die sehr konstruiert wirkende Handlung, deren Ausgang von Beginn an klar ist, mehr als Wett. Zwar ist ‘Offene See‘ kein weltbewegendes Buch, im Großen und Ganzen ist hier alles nicht neu und trotzdem ist es äußerst lesenswert. Und äußerst gelungen. Eine wunderschön geschriebene Coming-of-age-Story, die poetische Geschichte einer Freundschaft zwischen Jung und Alt.

    Tobias Groß
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    Offene See von Benjamin Myers
  • Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte von Tatiana Tîbuleac
    5/5

    Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte

    Wohl kaum ein Ereignis im Leben eines Menschen ist schwieriger zu bewältigen, als das Begleiten der eigenen Eltern in den Tod. Wenn man mit ansehen muss, wie die einstigen Felsen in der Brandung plötzlich anfangen zu Staub zu verfallen und ein Leben scheinbar rückwärts verläuft. Ein Rollenwechsel, indem die Kinder erwachsen und die Eltern wieder zu Kindern werden. Eine Metamorphose. Exakt dieser schweren Prüfung muss sich der siebzehnjährige Aleksy in Tatiana Tîbuleacs ‘Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte‘ stellen. Dabei hasst er doch seine Mutter, er verachtet sie zutiefst. Zunächst. Denn als die beiden den Sommer in Frankreich verbringen und die noch nicht einmal vierzigjährige ihrem Sohn offenbart, dass sie unter einem unheilbaren Krebs leidet, ändert sich alles. Aleksy wird auf einen Schlag erwachsen, muss sich um seine immer schwächer werdende Mutter kümmern. Er beginnt sie zu lieben. Und muss gleichzeitig Abschied von ihr nehmen. Tatiana Tîbuleac ist mit ‘Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte‘ ein herausragender Roman gelungen. Eine außergewöhnliche Mutter-Sohn-Geschichte, die einerseits schmerzvoll und tragisch, andererseits voll trauriger Schönheit ist. Diese sprachgewaltige Erzählung über Abschied und eine doppelseitige Verwandlung geht ans Herz - und ist dabei doch alles andere als sentimental oder kitschig. Im Gegenteil: sie regt zum intensiven Nachdenken über familiäre Beziehungen an. Und zeigt, wie schnell doch alles vorbei sein kann. Ein großes Stück Literatur, zudem hervorragend übersetzt.

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    Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte von Tatiana Tîbuleac
    • Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte
    • Tatiana Tîbuleac
    • ab 22,00 €
  • Der Sprung von Simone Lappert
    5/5

    Der Sprung

    2019. Es scheint, als würden wir das letzte bisschen Anstand was wir noch haben, verlieren. Mehr miteinander kämpfen als zusammen leben. Empathie ist für viele ein Fremdwort, nur noch das eigene ich zählt. Das Mistrauen regiert. Kein Wunder, das wir dadurch psychisch verwundbarer werden und so reicht manchmal schon eine klitzekleine Kränkung, eine eigentlich nicht bös gemeinte Tat und alles bricht zusammen. Genau so ergeht es der eigentlichen Protagonistin in Simone Lapperts Erstlingswerk ‘Der Sprung‘. Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Mietshauses, anscheinend bereit ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch irgendetwas stimmt nicht. Sie brüllt, flucht und wirft ständig Gegenstände auf die am Boden stehenden Polizisten und schaulustigen Gaffer, äh, Passanten. Zudem weigert sie sich strikt herunterzukommen. Über 24 Stunden geht dieses Spiel. Aber verhält sich so eine lebensmüde Frau? Ist das vielleicht alles nur ein Missverständnis? Und wieso interessieren sich so viele Menschen für diesen Vorfall? Fragen über Fragen, die alle im Laufe dieser Geschichte geklärt werden. So, dass am Ende alles zusammenhängt. Und genau hier liegt die große Stärke dieses Episodenromans, bei dem insgesamt elf Menschen im Mittelpunkt der Handlung stehen. Die Zusammenhänge wirken nicht künstlich, nicht gezwungen. Alles ergibt irgendwie Sinn, alles ist glaubhaft und könnte sich genau so in jeder mittelgroßen deutschen Stadt abspielen. Auch das Ende, welches den Leser überraschen und schockiert zurücklassen wird - und neue Fragen aufwirft. ‘Der Sprung‘ ist kein Krimi, auch kein Psychothriller und fesselt doch von der ersten bis zur letzten Seite. Mit einer zeitgemäßen und klaren Sprache schafft es die Autorin eine Atmosphäre zu erzeugen, die ihres Gleichen sucht. Eine dichte Atmosphäre die aufgrund ihrer Normalität sehr beklemmend ist. Höchst ungewöhnlich für ein Debüt dafür umso bemerkenswerter. Wie das gesamte Buch, denn Simone Lappert ist ein beeindruckender, ja ein fantastischer Roman gelungen. Es ist das Portrait einer labilen Gesellschaft, höchst verunsichert und fragil. Ein Psychogram unserer Gesellschaft.

    Tobias Groß
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    Der Sprung von Simone Lappert
  • Dschinns von Fatma Aydemir
    5/5

    Dschinns

    Die Geister des Vergangenen holen uns immer wieder ein. Egal wie sehr wir versuchen sie abzulegen, wie oft wir vor ihnen fliehen und glauben das Alte komplett hinter uns gelassen zu haben. Doch dann geschieht dieses eine schicksalshafte Ereignis und die Dämonen sind wieder da. Sie sind plötzlich unter uns. Machen uns das Leben unnötig schwer. Von diesen Geistern der Vergangenheit erzählt Fatma Aydemir in ihrem großartigen Roman, der völlig zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 stand. Im Mittelpunkt von »Dschinns« stehen die Eltern und Kinder einer kurdisch-türkischen Gastarbeiterfamilie, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Und dennoch keine Heimat haben. Seit längerem ist die Familie verstreut, doch der plötzliche Tod Hüseyins und die bevorstehende Beerdigung des Vaters, führt die verbliebenen Familienmitglieder zusammen nach Istanbul. Dort hat sich Hüseyin mit dem Kauf einer Eigentumswohnung einen Traum erfüllt, doch ein plötzlicher Herzinfarkt weckt die Geister der Vergangenheit. Die Dschinns. Alle Familienmitglieder müssen sich diesen stellen. Und lassen uns teilhaben an ihren schweren und nicht beneidenswerten Lebenswegen. Mit »Dschinns« ist Fatma Aydemir eine großartiger politisierter Roman gelungen, welcher den Blick der Lesenden auf die zweite migrantische Generation in Deutschland schärft. Und zeigt, welch hartes Schicksal die Kinder aus sog. „Einwandererfamilien“ wirklich ereilte: der alltägliche Rassismus, die prinzipielle Ungleichbehandlung, das Suchen und Finden unorthodoxer Wege um zu überleben. Erzählt wird all dies in klaren, jedoch emotionalen Sprache. Linguistisch äußerst spannend und außergewöhnlich ist allerdings die mysteriöse Ich-Perspektive, welche sich im Laufe der Geschichte als Stimme der Geister des Geschehen entpuppt und die Protagonist:innen begleitet. »Dschinns« ist ein großer Roman, dessen Lektüre den Lesenden eine Welt offenbart, welche wohl die allerwenigsten von uns wirklich kennen. Ein Augen öffnendes literarisches Highlight, ein Buch über Heimat und Identität, das definitiv lange im Gedächtnis bleiben wird.

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    Dschinns von Fatma Aydemir
  • Dschungel von Friedemann Karig
    5/5

    Dschungel

    Wer einen guten Freund sein Eigen nennen kann, der ist echt zu beneiden. Der kann sich glücklich schätzen und sollte alles dafür tun, dass die Freundschaft niemals endet. Schließlich ist ein guter Freund durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Doch das Schließen und Halten einer Freundschaft ist oftmals noch schwieriger als das Suchen und Finden der Liebe. Der Verlust ist jedoch mindestens genauso hart und nicht weniger schwer zu akzeptieren. All diese Gefühle hat Friedemann Karig in sein Buch ‘Dschungel‘ gepackt. Im Mittelpunkt dieses Debütromans steht die Freundschaft eines namenlosen Ich-Erzählers und seines besten Freundes. Der besagte Felix ist mittlerweile seit mehreren Wochen verschwunden, irgendwo in Kambodscha, von dort sendete er ein letztes Lebenszeichen. Sein Freund macht sich auf ihn zu suchen und gerät dabei selbst an seine Grenzen. Die Suche scheint zu misslingen, denn Felix ist einfach nirgendwo zu finden: weder in den Städten, im Backpacker-Hostal am Strand, noch auf der traumhaften Insel voller europäischer Aussteiger*innen. Doch im Kopf des Suchenden ist Felix immer da, er begleitet den Erzähler auf Schritt und Tritt. So wie in seinem kompletten bisherigen Leben. Die gemeinsame Vergangenheit ist während der gesamten Lektüre präsent, denn anhand von rückblickenden Geschichten erfahren wir alles über die Beziehung der beiden zueinander. Einfach alles. Sowohl die positiven und glücklichen Momente, aber auch die negativen und niederschmetternden Erlebnisse. Das gesamte Auf und Ab einer Freundschaft. Ein Puzzle, dessen Teile sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen und wir verstehen, warum es am Ende genau so kommen musste. Und nicht anders sein konnte. ‘Dschungel‘ ist wie ein Bild, das einem bei jedem neuen Betrachten immer neue Geheimnisse offenbart und doch nicht alles preisgibt. Eine Reflexion über das eigene Handeln und seine Wirkung. Ein Beweis, wie sehr der Mensch auf gute Freunde angewiesen ist. Gleichzeitig ist der Roman das Portrait einer Generation, die sich aufgrund einer Fülle an Möglichkeiten nichts sehnlicher wünscht, als das Erleben des Einfachen – möglichst weit weg vom Stress und der Brutalität der Zivilisation. Friedemann Karig ist mit ‘Dschungel‘ ein großartiges Debüt gelungen, das garantiert nicht nur einmal gelesen wird. Ein poetisch-authentischer und (lebens-) philosophischer Roman, der so viel mehr ist, als die ziemlich packende und ergreifende Geschichte einer Freundschaft.

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    Dschungel von Friedemann Karig
  • Acht Berge von Paolo Cognetti
    5/5

    Acht Berge

    Freundschaft ist eines der höchsten Güter im Leben eines Menschen. Das seltsame an ihr ist, dass sie sich sowohl zwischen ähnlichen, als auch zwischen vollkommen verschiedenen Personen entwickeln kann. Beide Arten haben sowohl Vor-, als auch Nachteile, doch beide verbindet, dass sie unsere Leben bereichern. “Acht Berge“ ist die autobiografisch beeinflusste Geschichte von Pietro, seinen Eltern und seinem besten Freund Bruno. Pietro fungiert als Ich-Erzähler und beleuchtet vor allem zwei Beziehungsebenen, welche als gleichberechtigt gelten können: die zu seinem Vater und die zu Bruno. Mit seinem Vater hat Pietro kein einfaches Verhältnis. Er ist nicht der gewünschte Sohn, weshalb ihre Beziehung von Enttäuschung und Entfremdung geprägt ist. Vieles bleibt unausgesprochenen, vieles scheitert an einem mangelnden Ausdruck von Gefühlen. Eine Vergebung geschieht erst nach dem Tod des Vaters. Die zweite Ebene ist die Freundschaft. Einer Freundschaft von Gegensätzen. Vom bereits bekannten Pietro, aufgewachsen in Mailand und Sohns eines wanderverrückten Chemikers, und Bruno, einem Kind der Berge, der das heimische Monte-Rosa-Massivs nie verlassen hat. Als Kinder erkunden sie die Berge des Massiv, als Erwachsene gehen sie ganz andere Wege. Pietro erkundet als Fotograf und Dokumentarfilmer die Welt, Bruno bleibt in seiner Heimat und ist zeitlebens Bergbauer. Beide verlieren sie sich dadurch regelmäßig aus den Augen - um danach wieder stärker verbunden zu sein als zuvor. Der eine kann nicht ohne den anderen. Cognetti hat die Gabe einen permanenten Film beim Lesen zu erzeugen, Kulisse und Geschichte bilden eine perfekte Symbiose. Die beiden sympathischen Glücksritter runden das Ganze ab und machen jede Minute der Lektüre zu einem Genuss. “Acht Berge“ ist ein Juwel. Ein Roman über Freundschaft. Über Sehnsüchte. Über den Sinn des Lebens. Und das vor einer unglaublich bildgewaltigen Kulisse. Tiefgründig und nachhallend.

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    Acht Berge von Paolo Cognetti
  • Man vergisst nicht, wie man schwimmt von Christian Huber
    5/5

    Man vergisst nicht, wie man schwimmt

    Wir schreiben den 31. August, den abschließenden Tag des Sommers 1999. Wenn alles schlecht läuft, dann könnte es tatsächlich der letzte Sommer der Menschheit sein, der letzte Sommer der Jugend. Dem drohenden Millennium und seine prophezeiten Katastrophen sei Dank. Warum also diesen denkwürdigen Tag nicht so nutzen, als gäbe es kein Morgen, als geschehe alles ein letztes Mal? Von diesem einen Tag, der bis zuletzt ausgekostet und am Ende das Leben eines Jungen schlagartig verändern wird, erzählt Christian Huber mit seinem großartigen Roman »Man vergisst nicht, wie man schwimmt«. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 15-jährige Außenseiter Pascal, besser bekannt als Krüger. Zusammen mit seinem besten Freund Viktor will er einen unvergesslichen letzten Sommertag erleben. Er gibt alles dafür, um irgendwie auf die Party der beliebtesten Mädels der Schule zu gelangen. Doch als das rothaarige Zirkusmädchen Jacky plötzlich in sein Leben tritt und Krügers Gefühlswelt vollkommen auf den Kopf stellt, ist nichts mehr so, wie es war. Er verliebt sich sofort in Jacky. Und sie in ihn. Doch Pascal darf sich nicht verlieben, auch nicht für einen Tag. Denn sonst kommt (s)ein Geheimnis ans Tageslicht, was niemand wissen darf: der Grund, warum ihn alle Krüger nennen. Mit »Man vergisst nicht, wie man schwimmt« ist Christian Huber ein wunderbarer Roman über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und den Wert von Freundschaft gelungen. Und über Geheimnisse einer dunklen Vergangenheit, die das Leben eines Jungen schon früh zerstört haben. Huber hat mit seinem überzeugenden und charakterstarken Roman den späten 1990er-Jahren ein literarisches Denkmal gesetzt, welches obendrein äußerst musikalisch ist und durch seine zahlreichen popkulturellen Reminiszenzen vollkommen überzeugt. Ein Buch, das bei den Lesenden Erinnerungen an die eigene Jugend wecken wird und viele sehnsuchtsvoll zurücklassen dürfte. Ein absolutes Highlight, der perfekte Sommerroman für die Generation Y!

    Tobias Groß
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    Man vergisst nicht, wie man schwimmt von Christian Huber
    • Man vergisst nicht, wie man schwimmt
    • Christian Huber
    • ab 22,00 €
  • Patria von Fernando Aramburu
    5/5

    Patria

    2011 lagen in Spanien Freud und Leid dicht beieinander. Zum einen erreichte die Wirtschafts- und Finanzkrise ihren Höhepunkt, zum anderen wurde das Land von einem Schrecken erlöst: der ETA. Von der Terrororganisaton, die seit den 1960er-Jahren für ein unabhängiges Baskenland kämpfte und einen brutalen Krieg den den Staat samt seiner Vertreter*innen führte. 2011 stellte sie ihren bewaffneten Kampf ein - und beendete damit ein nationales Trauma. Wir sehr der Kampf der ETA das Land belastete und beeinflusste, können wir in Fernando Aramburus großer Erzählung ‘Patria‘ lesen. Dieser Roman ist die Geschichte zweier Familien, welche zunächst befreundet waren, später jedoch zu Feinden wurden und sich entfremdeten - denn die einen unterstützten die ETA, die anderen wurden zu ihren Opfern. Beide Familien stehen damit stellvertretend für eine gespaltene Gesellschaft, in der selbst Freunde sich nicht mehr vertrauen konnten. Mit ‘Patria‘ ist Fernando Aramaburu ein Roman epischen Ausmaßes gelungen. Eine erzählerisch mächtige und charakterstarke Familiensaga die schonunglos zeigt, wie sehr das Baskenland und ganz Spanien unter dem Terror der ETA litten. Völlig zurecht ist ‘Patria‘ eines der, wenn nicht sogar das beste spanische Buch unserer Zeit. Nicht einfach zu lesen, fesselt diese große Erzählung von Beginn und lässt die Lesenden bis zur letzten Seite nicht mehr los.

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    Patria von Fernando Aramburu
  • Stille von Erling Kagge
    5/5

    Stille

    Ein herausragendes Buch über etwas, was wir zunehmend verlieren und nur noch selten empfinden. Ein Buch über die Stille. Geschrieben von einem, der sie eigentlich nicht kennen darf. Und sie doch gefunden hat.

    Tobias Groß
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    Stille von Erling Kagge

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