Paula Bloom kehrt nach ihrer Ausbildung in Camp Ritchie, Maryland, als amerikanische Besatzungsoffizierin in ein zerstörtes und gebrochenes Deutschland zurück, das sie vor neun Jahren über Nacht verlassen hatte. Als Tochter eines amerikanischen Geschäftsmannes führte sie im Berlin der Nazizeit ein Leben im goldenen Käfig. Ein Leben, das eine Lüge war. Jetzt glaubt Paula, dass sie niemals vergeben kann. Nicht den Deutschen. Und nicht sich selbst. Während in Nürnberg über die Hauptkriegsverbrecher gerichtet wird, arbeitet man in einem Camp der U.S. Army nahe Frankfurt längst wieder mit Nazi-Tätern zusammen. Im Maschinenraum des Kalten Krieges haben Pragmatiker das Sagen, an deren Zynismus Paula verzweifelt. Hier trifft sie auf Johann Kupfer, einen österreichischen Juden, der den Amerikanern seine Dienste anbietet. Er behauptet, der größte Spion des Zweiten Weltkriegs gewesen zu sein. Paula soll herausfinden, ob das die Wahrheit ist. Doch wer die Wahrheit sucht, muss sie auch ertragen. In einem Roman von ungeheurer erzählerischer Wucht schreibt Pflüger über Schuld und Scham, aber auch über Hoffnung und die Kraft der Liebe.
Ungekürzte Lesung mit Laura Maire
15h 58min
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"Es gibt Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die ganz normalen Menschen." Primo Levi
Dirk Knappe aus Hagen am 26.09.2022
Bewertungsnummer: 1793948
Bewertet: eBook (ePUB)
Andreas Pflüger hat einen hervorragend recherchierten Krimi vorgelegt, thematisch überaus wichtig und deutlich Stellung beziehend.
Dabei bringt er den Lesenden eine Betrachtungsweise nahe, die NS als Form bürgerlicher Herrschaft begreift. Seinen Hintergrund verstehe ich durchaus gesellschaftskritisch, auch mit Blick auf Kontinuitäten in unserer aktuellen Zeit.
Die direkt und indirekt enthaltene ungeheure Menge an Inhalten, die er in der gewählten Form des Krimi transportiert, könnte für Interessierte mit weniger Vorkenntnissen abschreckend wirken.
Begleitend zu empfehlen ist bei Bedarf ein "kurzes Eintauchen" bei Wikipedia, bzw ein Vertiefen: Rau Hilbergs "Die Vernichtung des europäischen Judentums", "Der Faschismus" von Reinhard Kühnl oder die Dokumentation "Shoah" von Claude Lanzmann.
Paula Bloom ist mir nicht so nahe gekommen wie Sophie Wolf oder gar Jenny Aaron.
Das liegt einerseits an dem Thema des Buches, welches mich tlw unglaublich aufgewühlt hat. Andererseits liegt es an dem gewählten Schreibstil; telegrammartig, fragmentarisch und immer wieder in verschiedene Zeiten eintauchend. So entspricht es der inneren Zerrissenheit der Hauptakteurin Paula Bloom, verunmöglicht jedoch gefühlte Nähe für mich als Leser.
Trotzdem ein für mich sehr wichtiges Buch, gerade in dieser Zeit.
Toller Roman über eine schwierige Vergangenheitsbewältigung
schnues aus Esslingen am 03.08.2022
Bewertungsnummer: 1760220
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In dem neuen Roman "Ritchie Girl" von Andreas Pflüger steht Paula Bloom, eine junge Amerikanerin, im Mittelpunkt der Geschichte. Nach ihrer Armeeausbildung kommt sie Ende des Zweiten Weltkriegs als amerikanische Besatzungsoffizierin in ein zerstörtes und gebrochenes Deutschland zurück, wo sie während der Nazizeit mit ihrem Vater mehrere Jahre in Berlin lebte.
Bereits die Erlebnisses Paulas während der Überfahrt von Amerika nach Europa werden sehr eindrucksvoll, bildhaft und spannend geschildert. Dies setzt sich so im ganzen Buch fort. Vor allem die Gespräche und Verhöre mit Naziverbrechern führen dem Leser die Grausamkeiten des Krieges vor Augen, in manchen Passagen fast unerträglich und eklig.
In jedem Fall fesseln die sprachgewaltigen und detailgenauen Schilderungen von der ersten bis zur letzten Zeile.
Der Roman ist hervorragend recherchiert und verweist am Schluss des Buches auf tatsächliche historische Personen. Daher absolute 5 Sterne!
Meinung aus der Buchhandlung
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"Wir haben den Krieg überlebt, schlimmstenfalls werden wir sogar den Frieden überleben."
Zynismus, Ideale, Hoffnung auf Gerechtigkeit und Vergeltung - wie geht man mit schlimmsten Ereignissen um? Mit Paula Bloom erleben wir alles hautnah: Dreckiges Geschäft auf allen Seiten zur Zeit des Hitler-Deutschlands, der Nachwehen des Krieges, des sich anbahnenden Kalten Krieges, der es zu rechtfertigen scheint, mit alten Nazigrößen zusammenzuarbeiten. Desillusion auf allen Seiten.
Ein historischer Einblick, der absolut fesselt - politisch, sehr intelligent und äußerst spannend! Und leider immer aktuell!
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"Wie ich sagte: Die einen Nazis hängt man, die anderen hofiert man. Eichmann würde jetzt lächeln."
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach seiner phantastischen Trilogie um die blinde Agentin Jenny Aaron, die nach dem Verlust ihres Sehvermögens nicht aufgibt und zurück in den aktiven Dienst kehrt, steht abermals eine ganz starke Frau, Paula Bloom, im Mittelpunkt des neuen Romans, von Andreas Pflüger.
Eines vorab: Dieses Buch ist kein Thriller, obwohl es zum Nägel beissen spannend ist - fast alles ist wahr und nur sehr schwer zu ertragen - aber es ist gut, sehr gut und, leider, bitter nötig!
Paula ist Deutsch-Amerikanerin, jüdischen Glaubens und flieht 1937 in die Vereinigten Staaten. Als das sogenannte Camp Ritchie, eine gemeinsame Ausbildungsstätte des amerikanischen Geheimdienstes und der US-Armee seine Pforten im vorletzten Kriegsjahr auch für Frauen öffnet, verpflichtet sie sich und wird zur Übersetzerin ausgebildet. Als Unteroffizierin, höhere Dienstgrade waren damals, "natürlich", den Männern vorbehalten, kehrt sie in den letzten Kriegstagen nach Europa zurück. Erster Einsatz in Italien, wo sie erstmals , es sind die Tage nach dem Tod Mussolinis, mit einem hochrangigen SS-Mann zusammentrifft, der weder Reue zeigt, noch Furcht vor Bestrafung oder Rache der Sieger - zu wichtig ist er doch für alles, was da jetzt kommen wird...
Kurze Zeit darauf wird Paula nach Nürnberg versetzt, wo den überlebenden Nazi-Größen um Göring der Prozess gemacht wird. Auch hier die gleiche Situation: Leute wie Reinhard Gehlen hängt man nicht, sondern lässt sie einen neuen deutschen Geheimdienst aufbauen, sie haben das Wissen, sie haben die Verbindungen, und der Feind steht ja nunmehr im Osten.
Was außer einem sehr engen Freund Paulas niemand weiß, ist, dass sie auch einen äußerst privaten Grund hatte, sich bei der Armee zu verdingen: Sie liess die Liebe ihres Lebens, Georg, bei ihrer Ausreise in Deutschland zurück. Und sie hofft, ihn, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, zu finden. Erst recht, nachdem sie ihn vermeintlich in den Wirren der Tage nach Mussolinis Tod gesehen hat. Ein Mann könnte ihr helfen, der legendäre "Sieben", der in einem Kriegsgefangenenlager sitzt, und von dem man nicht weiß, ob er ein Agent der Nazis war, ein Doppel-Agent der Amerikaner und der Nazis, oder einfach Stalins Rache am Rest der Welt ist und war. Ein unglaubliches Katz-und Mausspiel beginnt praktisch mit seiner ersten Vernehmung - und Paula ahnt da noch nicht einmal, in welche Abgründe sie blicken wird. Eines ist aber sicher: Um Georg aufzuspüren, muss sie erst einmal herausfinden, wer sie selbst ist, und wer ihre große Liebe tatsächlich ist...
Andreas Pflüger ist es gelungen, vieles von dem, was man aus den Jahren 1945 und 1946 nicht verstehen kann, in einen fulminanten Roman zu verpacken. Die komplexen Verstrickungen der deutsch/amerikanischen Wirtschaft nach 1933 sind nur ein Aspekt. Auch die geheimdienstlichen Aktivitäten, schon vor Kriegsende zwischen buchstäblich allen involvierten Staaten beschreibt er großartig, ein dreckiges Geschäft auf allen Seiten. Und manche Schuld, und sei sie noch so groß, wird ungesühnt bleiben!
Ich möchte nicht weiter ins Detail gehen, aber glauben Sie mir: Dieser Roman ist wirklich unbedingt zu empfehlen, er ist vorzüglich geschrieben und eine brilliante Studie einer in jeder Hinsicht "außergewöhnlichen" Zeit!
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