Am Rand des Paradieses ist das Wasser schlammgrün. Jede Nacht sitzen sie unten am Fluss und trinken bis zur Besinnungslosigkeit: der übergewichtige blonde Franco, der in der Luxus-Anlage Paradise wohnt, und der sechzehnjährige Polo, der dort als Gärtner arbeitet. Doch Franco ist kein Freund, er braucht Polo nur, um seine grotesken sexuellen Phantasien auszubreiten. Die drehen sich obsessiv um eine einzige Frau: die unerreichbare Nachbarin Señora Marián.
Polo bleibt trotzdem sitzen und säuft: um die Plackerei, die Herabwürdigungen zu ertragen, um nicht zurück ins Dorf zu müssen, wo alle für die Drogenmafia arbeiten - und ihn seine schwangere Cousine und die Vorwürfe seiner Mutter erwarten. Die Nachbarin wolle ihn verführen, sagt der Dicke, er müsse mit ihr schlafen, notfalls mit Gewalt. Polo hält das für lächerliche Hirngespinste, aber allmählich wird er vom stummen Saufkumpan zum Komplizen. Und wittert seine Chance auf den großen Ausbruch¿...
Mit unheimlicher Wucht erzählt Fernanda Melchor, wie aus Begehren etwas Finsteres, Aggressives, Lebensgefährliches entsteht. Ein hochexplosives Gemisch aus unüberbrückbaren Klassenunterschieden, Frustration und Frauenhass durchdringt »Paradais« in jedem Satz - bis in die letzte Ritze, bis zum irrwitzig flackernden Ende.
Kundinnen und Kunden meinen
3.3/5.0
AchiM
aus Deutschland
5/5
14.05.2024
Buch (Taschenbuch)
Wenn es eine Autorin mit zwei…
Wenn es eine Autorin mit zwei ihrer vier Romane auf die Short List des Internationalen Booker Price schafft, lässt das aufhorchen. Vielleicht geschah diese Huldigung auch ein Stück weit deshalb, weil Fernanda Melchor Mut hat. Obwohl sie an manchen Schauplätzen ihrer Romanhandlungen aus Angst um ihr Leben nicht recherchieren konnte, schreibt sie dennoch über all die brutalen Drogenkriege, die allgegenwärtigen Misshandlungen von Frauen und die deprimierende Ohnmacht gegenüber den endlosen Missständen in ihrer Heimat Mexiko. So tut sie es auch in „Paradais“. Der Titel ist bereits die pure Ironie. Das Leben in dem kleinen mexikanischen Städtchen ist alles andere als paradiesisch. Jeder kämpft in einer Atmosphäre der Angst um seine nackte Existenz. Ganz anders auf der anderen Seite des Flusses in der Paradais-Wohnanlage. Dort haben sich geschützt von Mauern und Wachpersonal die Schönen und Reichen in ihren Villas verschanzt. Die Protagonisten des Romans sind gleichzeitig die Repräsentanten dieser gesellschaftlichen Ambivalenz. Da ist der sechszehnjährige Polo, der aus armen Verhältnissen stammt, nachts auf einer Bastmatte in der Küche seines Elternhauses schläft und tagsüber als Gärtner für die Reichen arbeitet. Sein Traum ist es, Bandenmitglied zu werden, sein Trost ist der Alkohol. Sein gleich junger Kumpane wider Willen ist Franco, der mit seinen reichen Großeltern im Paradais-Resort lebt, jedoch wegen seiner überdimensionalen Fettsucht und einer verunstaltenden Akne völlig isoliert ist. Sein Trost sind der Konsum von Porno-Filmen zu jeder Tages- und Nachtzeit und die Beobachtung seiner schönen Nachbarin, mit der er in seiner von der Pornowelt geprägten Vorstellung seinen Phantasien nachgeht. Zufällig finden die beiden Jungen am Fluss zusammen. Der mittellose Polo bedient sich an den von Franco finanzierten Alkoholika, muss sich aber im Gegenzug Abend für Abend dessen Verbal-Pornographie anhören. Eine auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz untypische und tendenziell eher gutartige Koexistenz, bis eines Tages… In der glaubhaft realen Geschichte ist es nicht der erhobene Zeigefinger, der die Autorin ausmacht, sie ist nie arrogant oder besserwisserisch, was die sozialen Bedingungen und ihre Kausalitäten betrifft. Ihr Roman ist eher ein literarischer Hilfeschrei, mit dem Fernanda Melchor sehr eindrücklich auf die alltägliche Realität ihres Landes aufmerksam macht. Und es ist ihr atmosphärisch genau dazu passender Schreibstil. Träge wie der die Welten trennende, breite, dunkle Fluss strömt auch die Handlung über weite Strecken dahin. Trostlos, perspektivenlos, aber zu keinem Zeitpunkt langatmig oder gar langweilig. Durch schier endlose Bandwurmsätze aggraviert Melchor diese Stimmung, jedoch nie im hypotaktischen Stil eines Thomas Mann hochkompliziert verschachtelt, sondern durchaus verständlich, zielführend, deskriptiv dahinschwebend, Bilder erzeugend, den Leser mitnehmend. Ihre Sprache ist schmutzig, schonungslos vulgär, aber dann auch wieder romantisch-ästhetisch und immer voller situationsadäquater Empathie. Es erfüllt mich immer mit Genugtuung, wenn ein Buch nicht wirklich kategorisiert werden kann, da dies meines Erachtens für die Vielseitigkeit, den Facettenreichtum und die innovative Qualität einer Autorin oder eines Autors spricht. In welches Genre also presst man Paradais, wenn es denn unbedingt sein muss? Zeitgenössischer, gesellschaftskritischer Roman? Sicher. Kriminalroman? Sicher auch, aber eher mit dem Blick auf die Evolution einer Straftat. Also eine wunderbare Mischung, phasenweise mit einem Schuss ins Lyrische. Und ein Finale furioso, das jedem Hollywood-Thriller Ehre machen würde. Messages to take home? Sich zurückzulehnen und zu denken, dass „so etwas“ nur in Mittelamerika passieren kann, wäre ein Trugschluss. Unregulierter Zugriff Jugendlicher und Kinder auf Pornografie und Gewalt als einzige Lösung in auswegslosen Situationen, kombiniert mit Trost- und Perspektivenlosigkeit, sind globale Phänomene. Auch neben uns. Polo meint gegen Ende des Romans, dass sein einziges Ziel sei, endlich frei zu sein, auf welche Art auch immer. Aber wie schon Janis Joplin einer ganzen Generation auf den Weg gab: „Freedom is just another word, for nothing left to loose“.
Bewertung
aus Peine
4/5
27.02.2022
Buch (Taschenbuch)
Paradais
Polos Wut schlägt einem aus jeder Zeile entgegen. Der Protagonist in Fernanda Melchors Roman „Paradais“ ist in der titelgebenden Luxus-Wohnanlage angestellt und kümmert sich um die Gärten der reichen Bewohner*innen. Er verachtet die Menschen, für die er arbeitet und fühlt sich von ihnen gedemütigt und herabgesetzt. Auch sein Zuhause ist für ihn keine Zuflucht, denn dort wartet seine schimpfende Mutter, die ihn ohne Unterlass beleidigt und seine schwangere Cousine, deren sexuelle Avancen er verabscheut, auch wenn er oft darauf eingeht. Er hat als Schlafplatz nur eine Matte auf einem Boden und ein altes Hemd seines Großvaters. Früher einmal hat er seinen Cousin Milton bewundert, der jetzt für die Bande von Drogenschmugglern arbeitet, die Progreso beherrscht. Aber Milton will nicht, dass Polo auf die gleiche schiefe Bahn gerät, bereut seinen Lebensweg, was Polo nicht nachvollziehen kann. Einziger Ausweg für ihn ist das Trinken bis zur Besinnungslosigkeit mit dem übergewichtigen Franko, dem Enkel eines Ehepaars, das ebenfalls in Paradais wohnt.
Auch für Franco, den er nur „der Dicke“ nennt, hat Polo nur Spott und Verachtung übrig. Dessen groteske Fantasien über Sex und Gewalt, die sich auf seine Nachbarin Señora Marián beziehen, hört er sich nur an, weil er über Franko an Alkohol kommt. Doch Frankos Phantasien nehmen immer mehr Überhand, bis er schließlich auch vor einem Verbrechen nicht zurückschreckt Und Polo der einen Weg sucht, seinem für ihn unerträglichen Leben zu entkommen, wird zu seinem Komplizen.
„Der Dicke war an allem schuld, das würde er ihnen sagen. An allem war Franco Andrade schuld, mit seiner Versessenheit auf Señora Marián.“
Die Sprache, die Melchor benutzt ist roh und hält nichts zurück. Polos Frauenhass, seine Menschenverachtung und seine Frustration schlagen uns ohne Zensur in den langen, verschachtelten Sätzen entgegen. Diese Unmittelbarkeit ist oft schwer zu ertragen, gleichwohl gelingt es so aber, die Perspektive eines Menschen, der innerlich mehr und mehr verroht, deutlich zu machen. Es ist nicht Ziel der Autorin, Verständnis oder gar Mitgefühl für ihre Charaktere zu wecken, denn Polo hat fast nichts an sich, das ihn in den Augen der Lesenden rehabilitieren könnte. Nichts scheint ihm wichtig, außer selbst Anerkennung zu erhalten. Er liebt niemanden, spricht über Andere nur mit der größten Herablassung. Was hier jedoch gelungen ist, ist aufzuzeigen, wie Perspektivlosigkeit und damit verbundene ständige Demütigungen einen Menschen innerlich absterben lassen. Mir fiel es nicht immer leicht, das Buch zu lesen, und obwohl es nur 139 Seiten lang ist, musste ich einige Pausen einlegen. Dennoch habe ich große Achtung vor dem Talent von Melchor und vor der schonungslosen Direktheit, mit der diese Geschichte erzählt ist. Mich wird sie noch lange begleiten.
Bewertung
1/5
04.05.2022
Buch (Taschenbuch)
Riesige Enttäuschung
Schade, nach dem beeindruckenden vorherigen Buch, dieses hier eine einzige Enttäuschung. Und fast unmöglich zu lesen.
"Saison der Wirbelstürme" war auch von Gewalt und Hoffnungslosigkeit geprägt, aber, im richtigen Mix und Mass im Verhältnis zur Handlung.
Dieses Buch hingegen besteht aus minutiös beschriebenen Vergewaltigungsphantasien, die in einer minutiös beschriebenen Vergewaltigung enden. Mit Splatter- und Ekel-Beigeschmack.
Weshalb sich als Leser/-in das antun?
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