Während Amerika sich scheinheilig über die Lewinsky-Affäre echauffiert und Bill Clinton die Amtsenthebung droht, wird in einer Kleinstadt der Universitätsprofessor Coleman Silk durch Intrigen zum Rücktritt gezwungen. Rassismus lautet der Vorwurf. Silk verliert alles – seine Arbeit, seine Frau und schließlich sein Leben. Erst nach dem Tod des Altphilologen kommt sein unglaubliches Geheimnis ans Licht. Für »Der menschliche Makel« erhielt Philip Roth 2001 den PEN/Faulkner-Preis für Literatur. Der Roman, bravourös interpretiert von Jürgen Hentsch, ist eines von vielen großartigen Werken, die wir diesem Erzähler verdanken.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Michaela Weiler
aus Innsbruck
5/5
14.05.2013
Buch (Taschenbuch)
Tiefgründig und schonungslos!
Coleman Silk - Professor für klassische Literatur und ehemals Dekan an einer angesehenen US-amerikanischen Ostküsten-Universität - gerät wegen eines von ihm so nicht gemeinten Sagers unter Rassismusverdacht. Im darauf folgenden Kampf um seine Reputation und um die schlichte Wahrheit lernt Silk die menschliche Niedertracht, genährt und gerechtfertigt in spießbürgerlichen und konservativen Kreisen durch fadenscheinige moralische Argumente, in seiner ganzen Fülle und Tragweite kennen. In Wahrheit sind Neid und Missgunst die Gründe für die Jagd auf Silk, und der Rassismusvorwurf dient nur als gut geeigneter Vorwand, die eigenen Ressentiments und Neidgefühle an ihm auszulassen.
Philip Roth ist ein großer Erzähler und hat mit diesem Roman ein Meisterwerk geschaffen!
Edith Berger
aus 3istau
5/5
10.04.2013
Buch (Taschenbuch)
5 Sterne sind für dieses Meisterwerk zuwenig
"Der menschliche Makel" erzählt die Geschichte von Coleman Silk - Professor für klassische Literatur an einer noblen Ostküsten-Universität.
Langjährige Kollegen bezichtigen ihn des Rassismus. Eine junge Kollegin unterstellt ihm sexistische Handlungen/Aussagen.
Coleman Silk sieht sich selbsternannten Moralisten, sogenannten rechtschaffenen Saubermännern/frauen gegenüber.
Er begegnet Missverständnissen, Intrigen, Unterstellungen,Vorurteilen,Missgunst,Neid und wird zu Fall gebracht.
"Feiglinge sterben vielmals,eh sie sterben,
der Tapfere kostet einmal nur den Tod.
Von allen Wundern, die ich je gehört,scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten, da sie doch sehn, der Tod das Schicksal aller, kommt, wann er kommen will."
Philipp Roth hat für dieses Meisterwerk den PEN/Faulkner Award erhalten.
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5/5
06.07.2026
Buch (Taschenbuch)
Der Makel als Signatur des Menschlichen
Es gehört zu den eigentümlichen Widersprüchen menschlicher Existenz, dass wir unser Leben lang nach einer Identität suchen, die sich im Augenblick ihrer vermeintlichen Vollendung bereits wieder verändert hat. Was wir sind, entzieht sich jeder endgültigen Festlegung. Zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung entsteht ein bewegliches Gefüge, das sich jeder abschließenden Definition widersetzt. Vielleicht ist Identität weniger ein Besitz als ein fortwährender Prozess der Interpretation. Wir erzählen uns selbst, werden von anderen erzählt und bewegen uns unaufhörlich zwischen diesen Versionen unserer Person. Philip Roths "Der menschliche Makel" beginnt genau an diesem Punkt.
Coleman Silk ist eine jener Figuren der Weltliteratur, deren Widersprüchlichkeit sich jeder moralischen Vereinfachung entzieht. Während der Lektüre hatte ich immer wieder das Gefühl, ihn beurteilen zu wollen, nur um dieses Urteil wenig später wieder zurücknehmen zu müssen. Zunächst erscheint er als Opfer einer moralisch überhitzten Öffentlichkeit. Ein unbedacht verwendetes Wort genügt, um den Verdacht des Rassismus hervorzurufen. Die institutionelle Reaktion folgt einer Logik, die weniger nach Wahrheit fragt als nach moralischer Eindeutigkeit. In dieser Hinsicht erinnert Roths Roman an Kafkas "Der Prozess". Auch dort entwickelt sich eine Dynamik, in der die Anschuldigung wichtiger wird als ihre Begründung. Schuld entsteht nicht aus einer Tat, sondern aus ihrer gesellschaftlichen Behauptung. Josef K. und Coleman Silk unterscheiden sich zwar in ihren Lebenswelten, doch beide geraten in ein System, dessen eigentliche Macht darin besteht, dass es seine Urteile keiner Rechtfertigung mehr unterziehen muss. Die Öffentlichkeit ersetzt das Gericht, die moralische Gewissheit ersetzt das Verfahren.
Gerade hier beginnt jedoch Roths eigentliche Raffinesse. Der Roman verweigert die einfache Opfererzählung. Denn Coleman Silk ist keineswegs nur Opfer. Jahrzehntelang hat er seine afroamerikanische Herkunft verschwiegen und sich entschieden, als weißer Jude zu leben. Diese Entscheidung wirkt zunächst wie eine Täuschung, bei genauerem Hinsehen jedoch eher wie ein radikaler Akt existenzieller Selbstbestimmung. Ich musste dabei mehrfach an Sartres Überzeugung denken, der Mensch sei nicht das, was er ist, sondern das, wozu er sich macht. Coleman Silk weigert sich, seine Biographie als Schicksal anzuerkennen. Er entscheidet sich gegen eine gesellschaftlich zugeschriebene Identität und für eine selbst entworfene Existenz. Dass gerade dieser Mensch schließlich des Rassismus bezichtigt wird, besitzt eine Ironie, die weit über den Einzelfall hinausweist. Roth führt vor, wie blind jede Gesellschaft wird, sobald sie Menschen nur noch als Vertreter von Kategorien wahrnimmt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des menschlichen Makels. Der Titel evoziert für mich keine moralische Verfehlung, sondern die Unmöglichkeit, jemals vollständig mit dem Bild übereinzustimmen, das andere von einem besitzen. Zwischen Person und Zuschreibung öffnet sich ein Raum, der niemals ganz geschlossen werden kann. Jeder Mensch lebt zugleich mehrere Biographien: die eigene Erinnerung, die Erzählungen anderer und jene gesellschaftliche Identität, die häufig ohne sein Zutun entsteht. Roth beschreibt diese Differenz mit einer Genauigkeit, die an Prousts Überlegungen zur Erinnerung erinnert. Auch dort existiert kein unmittelbarer Zugang zum Selbst. Das Leben erschließt sich nur in nachträglichen Rekonstruktionen, und jede Rekonstruktion verändert bereits ihren Gegenstand.
Nathan Zuckerman übernimmt folgerichtig die Rolle des Erzählers. Er rekonstruiert Coleman Silks Leben, ohne jemals behaupten zu können, dessen Wahrheit vollständig zu besitzen. Diese Erzählhaltung erscheint mir von zentraler Bedeutung. Roth schreibt keinen allwissenden Roman im klassischen Sinn. Vielmehr reflektiert der Roman permanent die Grenzen seines eigenen Erzählens. Jede Biographie bleibt hypothetisch. Jede Erinnerung enthält Leerstellen. In dieser Hinsicht erinnert Roth an die großen Romane W. G. Sebalds, deren Erzähler ebenfalls weniger Gewissheiten formulieren als tastende Annäherungen an vergangene Existenzen unternehmen. Erkenntnis entsteht nicht durch Behauptung, sondern durch vorsichtige Rekonstruktion.
Nach seiner öffentlichen Demütigung verändert sich Coleman Silk sichtbar. Sein Rückzug aus dem universitären Milieu besitzt nichts Heroisches. Vielmehr wirkt er wie der Versuch, sich einem Diskurs zu entziehen, der Individualität nicht mehr wahrnimmt. Seine Beziehung zu Faunia Farley erscheint mir deshalb keineswegs als bloße Liebesgeschichte. Beide Figuren verbindet die Erfahrung, auf gesellschaftliche Etiketten reduziert worden zu sein. Faunia gilt als ungebildet und beschädigt, Coleman als moralisch diskreditiert. Beide tragen Biographien in sich, die den öffentlichen Bildern widersprechen. Gerade deshalb begegnen sie einander auf einer Ebene, die gesellschaftliche Kategorien außer Kraft setzt. Ihre Beziehung besitzt etwas von jener existenziellen Einsamkeit, die man aus Hemingways späten Erzählungen kennt, zugleich aber auch die stille Würde der Verliererfiguren Steinbecks. Roth sentimentalisiert diese Nähe nie. Vielleicht wirkt sie gerade deshalb glaubwürdig.
Immer wieder musste ich während der Lektüre an Dostojewski denken. Nicht, weil Coleman Silk mit Raskolnikow vergleichbar wäre, sondern weil beide Romane dieselbe Einsicht teilen: Der Mensch lässt sich moralisch nicht berechnen. Jede Figur überschreitet fortwährend jene Kategorien, in die Leser oder Gesellschaft sie einordnen möchten. Literatur beginnt vielleicht genau dort, wo Psychologie, Soziologie oder Moral ihre begrifflichen Grenzen erreichen. Roth interessiert sich nicht für Typen, sondern für Singularitäten. Coleman Silk ist weder Repräsentant afroamerikanischer Erfahrung noch Symbol universitärer Kulturkämpfe. Er bleibt Individuum. Gerade diese Beharrlichkeit gegenüber jeder Vereinnahmung macht ihn zu einer großen Romanfigur.
Vielleicht erklärt sich daraus auch der Rang dieses Romans innerhalb der amerikanischen Literatur. Roth verbindet die große Tradition des amerikanischen Gesellschaftsromans mit einer philosophischen Tiefe, die eher an den europäischen Bildungsroman erinnert. Zugleich bleibt seine Sprache bemerkenswert konkret. Er argumentiert nicht abstrakt, sondern vertraut darauf, dass sich Gedanken aus Biographien entwickeln. Das unterscheidet ihn von vielen ideengeschichtlichen Romanen. Seine Philosophie entsteht nicht neben der Erzählung, sondern aus ihr.
Am Ende bleibt für mich vor allem der Titel zurück. Ich glaube inzwischen, dass Roth mit dem „menschlichen Makel“ etwas bezeichnet, das jeder Mensch mit sich trägt und das sich weder beseitigen noch überwinden lässt. Der Makel ist die Differenz zwischen Leben und Erzählung, zwischen Identität und Rolle, zwischen Wahrheit und dem, was von ihr sichtbar wird. Vielleicht besteht unsere eigentliche Tragik nicht darin, Fehler zu machen, sondern darin, dass wir einander fast ausschließlich durch diese Fehler erkennen. Roth setzt dem keine Utopie entgegen. Er fordert weder Vergebung noch moralische Nachsicht. Er verlangt lediglich jene intellektuelle Bescheidenheit, die anerkennt, dass jeder Mensch komplizierter ist als jedes Urteil über ihn. Darin liegt für mich die eigentliche Größe dieses Romans. Er erweitert nicht nur den Blick auf seinen Protagonisten, sondern auf das Menschsein selbst. Nur wenige Werke der Weltliteratur erreichen diesen Punkt, an dem eine einzelne Lebensgeschichte plötzlich beginnt, allgemeine Gültigkeit zu besitzen. Der menschliche Makel gehört für mich zu ihnen.
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5/5
05.06.2020
Buch (Taschenbuch)
DAS IST LITERATUR VOM FEINSTEN!
Was soll ich sonst noch schreiben?
Dieses Buch wird sie umhauen? Sie werden süchtig nach Philip Roth? Stimmt alles....
Uneingeschränkte Leseempfehlung!!!
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