Sabina kommt aus Russland nach Zürich, um sich in der psychiatrischen Klinik von Dr. C.G. Jung behandeln zu lassen. Und wird seine Geliebte. Fritz, der Sohn eines Schreiners, träumt von einer besseren Gesellschaft, bringt die Schweiz an den Rand einer Revolution und rettet Lenin in Russland das Leben. Beide sind sie mutig, widersprüchlich, zerrissen, betreten unaufhörlich Neuland. Ihre Schicksale kreuzen, spiegeln sich – und verlieren sich im Dunkel der europäischen Geschichte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Kindberg
5/5
08.01.2023
eBook (ePUB 3)
Träume und Scheitern
Am Buch hat mich primär die Verbindung zu C. G. Jung gereizt, auch die Idee einer Doppelbiografie mit realen biographischen und geschichtlichen Hintergrund. Das Cover macht durch die Schemenhaftigkeit neugierig.
Die Protagonisten sind Sabina Spielrein, die - aus wohlhabenden, russischen und jüdischen Haus- 19 jährig als Hysterikerin nach Burghölzi zu Jung zur Analyse kommt, sich in ihn verliebt, verlassen wird, Medizin studiert und als Psychoanalytikerin erfolgreich ist. Sie arbeitet mit Piaget., kehrt nach Russland zurück.
Fritz Plattens Leben sehen wir retrospektiv 1941/42 vom Gefangenenlager Lipowo aus. Er war überzeugter, aktiver Sozialdemokrat, beteiligt 1905 am Streik in der Schweiz, wird Kommunist, ermöglicht Lenins Russlandreise und rettet ihm das Leben. Er zieht mit Eltern und Frau nach Russland, scheitert und wird schließlich im Rahmen der Säuberungsaktionen,die sehr realistisch beschrieben werden, verhaftet.
Das annähernd gleichzeitige Ende der Beiden erschüttert. Die Darstellung der Personen idealisiert nicht, sondern zeigt Brüche,sich Verrennen in Wünsche und Träume, Verdrängung und Schwächen.
Automatisch sucht man zwischen ihnen Verbindungen. Geographisch kann man Russland und die Schweiz finden. Analyse im weitesten Sinn: bei Sabina in Therapie und Beruf, bei Fritz durch Selbstreflexion. Beide scheitern im Privaten, Fritz weigert sich lange, sich einzugestehen, das seine Vorstellung der besseren Welt Schall und Rauch sind.
Durch die kapitelweise abwechselnd Betrachtung ist es noch spannender. Die Kapitelüberschriften mit Ort und Zeit machen die Einordnung leicht.
Ein Werk, das lange nachklingt und philosophische Fragen aufwirft.
Jürg Stocker
aus Scuol
5/5
04.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tragik, basierend auf historischen Fakten
Dieser Roman ist eine gelungene Verknüpfung zweier real existierten Personen im Kontext der damaligen Zeitgeschichte. Da ist einerseits die 19-jährige, russische Jüdin Sabina Spielrein, die zur Behandlung ihrer «Hysterie» nach Zürich reist, sich dort in den sie behandelnden Psychiater Dr. Jung verliebt. Dieser um Jahrzehnte ältere, verheiratete Mann, dessen Frau ihr zweites Kind erwartet, riskiert dabei nicht nur seine Ehe, sondern auch seine berufliche Existenz als Professor. Sabina überwindet Ihre Krankheit. Sie wird später gar Ärztin und Psychoanalytikerin in der Schweiz und behandelt entsprechend kranke Menschen. Nach der Machtübernahme Hitlers schockiert Ehebrecher Jung seine Ex-Geliebte als aktiver Antisemit. Sabina zieht später mit ihren Töchtern nach Russland und gerät dort in die Fänge deutscher Truppen, die im zweiten Weltkrieg die Sowjetunion überfallen.
Andererseits erfahren wir die Geschichte von Fritz Platten, Drahtzieher des Generalstreiks von 1918 in der Schweiz. Nach seiner Haftstrafe wurde Platten in den Nationalrat gewählt. Platten verhalf auf spezielle Weise Lenin aus der Schweiz zurück nach Russland. Dort rettete er ihm das Leben bei einem Attentat. Jahre später landete Platten in einem Straflager in Russland.
Sabina und Fritz verbinden eines gemeinsam. Sie verlassen die Schweiz, ziehen nach Russland zu Zeiten Stalins. Beide haben sich dabei «ins Unbekannte» gewagt und nicht überlebt.
Zitat aus dem Buch: Wer mit Abweichlern sympathisierte, schadete der Einheit der ganzen Partei, und nur die Einheit machte sie stark, das musste auch einer einsehen, der im Innersten bisweilen an der Vernunft der Parteioberen zweifelt. (Das scheint bis heute so zu sein!)
Fazit: Eine dramatische, einfühlsame, bereichernde Lektüre mit Fakten die mir bisher völlig unbekannt waren.
Kaffeeelse
5/5
13.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unangepasstheit
Sabina Spielrein und Fritz Platten, zwei reale Charaktere werden hier in dem Roman "Ins Unbekannte" vom Autor Lukas Hartmann der geneigten Leserschaft vorgestellt.
Zwei Charaktere, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Schon gesellschaftlich haben Platten und Spielrein nichts miteinander zu tun. Sabina Spielrein entstammt einer besser gestellten russischjüdischen Familie, die aufgrund ihrer Erkrankung bei Carl Gustav Jung in der Schweiz in Behandlung kommt, in eine Beziehung zu ihm gerät und später als Ärztin und Psychoanalytikerin ihren Weg bestreitet, erst in der Schweiz, später wieder in Russland. Fritz Platten kommt aus der Arbeiterklasse und wird Kommunist, rettet Lenin das Leben und emigriert in die Sowjetunion. Nur ihr politisches Denken ähnelt sich etwas, ihre Bereitschaft zu politischem Handeln unterscheidet sich dagegen gravierend. Was sie aber auch verbindet, ist eine größere Bereitschaft, trotz widriger Umstände ihr Leben zu gehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Unangepasstheit verstehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Dickköpfigkeit, einen gewissen Eigensinn bezeichnen. Sie betreten ständig Neuland, gehen immer wieder ins Ungewisse, ins Unbekannte. Sie sind starke Charaktere!
Lukas Hartmann spinnt in "Ins Unbekannte" eine Geschichte um diese beiden herausragenden Persönlichkeiten. Eine fesselnde und spannende Geschichte, wenn man den Mut hat sich auf diese beiden ungewöhnlichen Charaktere einzulassen und sie nicht gleich vollkommen abzulehnen. Denn beide sind keine gefälligen und sympathischen Charaktere. Beide sind sperrig, widersprüchlich und zerrissen. Doch sie sind auch mutig, vielleicht manchmal auch verblendet und nicht nachvollziehbar, aber sie sind einzigartig. Und sie zahlen einen Preis für ihre Andersartigkeit. Doch an solche außergewöhnlichen Menschen wird man sich erinnern. Eben durch Literatur oder durch Filme. An den Durchschnittsbürger erinnert sich nur der kleine Kreis der Bekannten, die eigene Familie. Auch wenn jeder von uns irgendwann im Dunkel der Geschichte verschwinden wird. Aber manche Zeitgenossen bleiben eben durch ihre Unangepasstheit in der kollektiven Erinnerung. Eine schöne Geschichte schreibt der Autor Lukas Hartmann hier und ich habe ein Autor mehr, den ich beobachten werde und von dem sicher noch weitere Bücher vor meine Augen wandern werden. Denn dieses hier hat mir sehr gefallen!
Circlestonesbooks.blog
5/5
09.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessant, einfühlsam und…
Interessant, einfühlsam und packend erzählt „Menschen sind und bleiben unterschiedlich. Man kann sie zu Gutem erziehen, aber nicht zurechtstutzen wie Nutzpflanzen.“ Zitat Seite 118) Inhalt Sabina Spielrein, eine junge Russin aus begüterten Verhältnissen, wird 1904 von ihren Eltern in eine psychiatrische Privatklinik in Zürich gebracht. Dort wird sie von Carl Gustav Jung, damals Oberarzt, behandelt. Er ermutigt sie, ihrem Wunsch zu folgen und Medizin zu studieren. Die Psychoanalyse wird ihr Fachgebiet. Der junge Schweizer Fritz Platten ist begabt und interessiert, er möchte lernen, aber die Armut seiner Eltern macht den Besuch des Gymnasiums unmöglich. 1918 ist er einer der Initiatoren des Schweizer Landesstreiks, kämpft für eine gerechtere Gesellschaft. Sabina gerät in eine Demonstration und für einige Augenblicke kreuzen sich zufällig ihre Wege. „Einer, der zuvorderst ging, fiel ihr besonders ins Auge. Er trug einen weit geschnittenen Mantel, sein ungewöhnlich langes Haar wehte im Wind.“ (Zitat Seite 117) Thema und Genre In diesem Roman mit einem realen geschichtlichen und biografischen Hintergrund geht es um die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt Russland und Schweiz. Es geht um Fortschritt, Forschung und den Beginn der Psychoanalyse, um Bindungen, Familie, um persönliche Ziele, Träume, Ideologien, Gewalt, Unterdrückung, Aufbruch und Scheitern. Charaktere Bis auf einen kurzen, zufälligen Augenblick kennen die beiden Persönlichkeiten, um deren Biografie es in diesem Roman geht, nicht. Sabina Spielrein, Russin, Ärztin, eine der ersten Frauen, die sich auf das Fachgebiet Psychoanalyse spezialisiert, in langjährigem Kontakt und Gedankenaustausch mit C.G. Jung und Siegmund Freud. Fritz Platten, Schweizer, Nationalrat, zunächst Sozialdemokrat, dann überzeugter Kommunist, Revolutionär. Zwei Persönlichkeiten mit Zukunftsvisionen, eigenwillig und unangepasst. Handlung und Schreibstil Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei konträre Lebensgeschichten, die der Autor abwechselnd erzählt. Während er dem Leben von Sabina Spielrein chronologisch folgt, schildert er die wichtigen Ereignisse und Stationen im Leben von Fritz Platten rückwirkend und nicht immer chronologisch, sondern je nach dessen jeweiligen Erinnerungen und gedanklichen Dialogen während der Nachtstunden seiner späten Lebensjahre. Die einzelnen Kapitel tragen als Überschrift die Ortsangabe und die Jahreszahl, wodurch die Zuordnung beim Lesen übersichtlich bleibt. Der ruhige Erzählstil nimmt sich Zeit und das Vernetzen der fiktiven Romanhandlung mit den biografischen Fakten wirkt logisch und gelingt wunderbar, ohne je konstruiert zu wirken. Der Autor nimmt sich Zeit für beide Persönlichkeiten, es sind nicht nur Ereignisse und Erfahrungen in deren Leben, sondern ebenso viel Raum nehmen ihre Entwicklung, ihre Gedanken, Überzeugungen, aber auch Zweifel und widersprüchliche Entscheidungen ein. So ergibt sich ein packendes, lebendiges Gesamtbild. Fazit Diese beiden Biografien zu lesen fand ich sehr spannend, dieses immer wiederkehrende Auseinandersetzen mit dem eigenen Lebensweg und den Entscheidungen, auch das Hinterfragen, ergibt für mich einen sehr vielseitigen Roman, interessant zu lesen. Gerade bei Romanen mit biografischem Hintergrund, mit Personen, die wirklich gelebt haben und deren Biografien man nachlesen kann, ist es nicht einfach, den richtigen und glaubhaften Weg zwischen Fakten und Fiktion zu finden, für mich ist es Lukas Hartmann perfekt gelungen.
Bewertung
5/5
25.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine fesselnde Geschichte
Von der ersten bis zur letzten Seite spannende Einblicke in zwei Leben. Ein Eintauchen in Gefühle und Gedanken der Protagonisten und ihrem Umfeld inmitten der damaligen gesellschaftlichen Entwicklung.
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4/5
23.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was haben Sabina Spielrein und...
Was haben Sabina Spielrein und Fritz Platten gemeinsam? Insbesondere die russische Psychoanalytikerin interessierte mich. Ihre Romanbiografie ist, basierend auf historischen Fakten, gut erzählt und horizonterweiternd.
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