»Ich wurde geboren, weil du gestorben warst, ich habe dich ersetzt.« August 1950. Annie spielt draußen im Garten, ihre Mutter steht am Zaun und plaudert mit der Nachbarin. Eine folgenreiche Plauderei, denn so erfährt Annie, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt bereits eine Tochter hatten, die sechsjährig an Diphtherie gestorben ist. Ihre Eltern werden über die Schwester niemals wieder ein Wort verlieren und Annie wird auch niemals nachfragen. Doch auch dieses Schweigen formt eine Geschichte, verleiht der toten Schwester eine Gestalt, prägt Annies Persönlichkeit und Charakter. Jahrzehnte später schreibt sie einen Brief an die Schwester.Ungekürzte Lesung mit Maren Kroymann1 CD | ca. 1 h 26 min
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
katis zettelchen
aus Salzburg
5/5
21.11.2025
Buch (Taschenbuch)
Zuerst Einzelkind, dann plötzlich jüngere Schwester einer verstorbenen Schwester
Ernaux ist eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen. Sie verwebt ihre eigene Lebensgeschichte mit einem Gesellschaftsbild der Zeit und reflektiert gleichzeitig über den Prozess des Schreibens. Ihre Bücher sind oft kurz, aber so intensiv! In diesem Büchlein in Briefform geht es um ihre Schwester, von der sie offiziell nie etwas wusste, weil sie gestorben ist, bevor Ernaux geboren wurde. Sie überhört als Kind ein Gespräch der Mutter und erfährt so unabsichtlich und unerwartet, dass sie nicht Einzelkind ist, sondern – was? Auf einmal ist da der ewig präsente Vergleich mit der toten Schwester. Das Geheimnis führt dazu, dass sie ihre Position innerhalb der Familie, ihr Verhältnis zu ihren Eltern und zu der toten Schwester, ihr Selbstbild neu definieren muss, ohne mit jemandem darüber zu spechen. Der viel später verfasste Brief an die Schwester bildet eine weitere Reflektionsebene. Einer meiner Lieblingssätze: „Als Kind – ist das der Ursprung meines Schreibens? – war ich überzeugt, ich wäre die Doppelgängerin eines anderen Mädchens, das an einem anderen Ort lebte.“
Juti
aus HD
5/5
12.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Leid der Eltern Für…
Das Leid der Eltern Für Eltern gibt es wohl nichts schlimmeres, als wenn ein Kind stirbt. Und so beschreibt die Autorin treffend die Leerstelle, die nach dem Tod ihrer Schwester entstand. Sie selbst hat sie nie kennengelernt, weil sie erst nach ihrem Tod geboren wurde. Kurz vor Schluss erfahren wir, dass ihre Eltern glaubten, sich nur ein Kind leisten zu können. Ihre Eltern redeten nicht von ihr, die Erzählerin fragte auch nicht. Auch die Gelegenheit zur Aufklärung, als über den Tod anderer Kinder gesprochen wurde, lassen die Eltern verstreichen. Selbst der Friedhofsbesuch geschieht nicht mit der jüngeren Tochter. Einzig von ihren Cousinen hat sie Fotos mit ihr bekommen, die mit 6 Jahren 1938 während einer Diphterie-Epidemie starb. Nur später während der Demenzkrankheit der Mutter fällt ihr ein, dass sie zwei Kinder geboren hat. Und natürlich muss die Erzählerin auch damit leben, dass sie mit der Toten verglichen wird, die viel lieber war als sie, weil sie zur Heiligen wurde. Dieses kleine Büchlein, dass höchstens 60 Textseiten hat, und von der Nobelpreisträgerin Brief genannt wird, lässt sich an einem Nachmittag gut lesen. Ich hoffe, dass heute nicht mehr alles totgeschwiegen würde. Für die Nachkriegszeit kann ich es mir aber vorstellen, weil die Vorstellung, das erwachsene Menschen plötzlich weinen könnten, so schlimm war, dass sie lieber schwiegen. Die anfängliche Frage, ob Ernaux in ihrem Leben wirklich das alles selbst erlebt hat, trat während des Lesens in den Hintergrund. Sie ist auch unwichtig. Also 5 Sterne.
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
4/5
14.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Blicke auf die Schwester
Das andere Mädchen. Welches andere Mädchen? Die Schwester. Die verstorbene Schwester. 10-jährig erfährt Annie von ihr. Gleichzeitig dazu erfährt sie die eigene Abwertung und die Höherstellung der Verstorbenen durch eine unbedachte Aussage der eigenen Mutter. Ein Trauma für die 10-jährige. Dies prägt sich ihr ein. Lässt sie nie mehr los. 2011 bringt die 1940 geborene Annie Ernaux dieses Buch in Frankreich heraus, 2022 folgt dann die deutsche Ausgabe bei Suhrkamp. Eine lange Zeit, um diesen Blick auf die tote Schwester zu veröffentlichen. Eine Zeit, die etwas über die Intensität dieses Blickes aussagt.
6-jährig verstarb die Schwester an Diphtherie. Zweieinhalb Jahre vor der Geburt von Annie. Was bei Annie Fragen aufwirft. Zersetzende Fragen. Annie war ein Einzelkind, ihre Eltern erst Arbeiter, dann Inhaber eines kleinen Ladens, ihre Möglichkeiten im Leben waren begrenzt. Gibt es Annie nur weil ihre Schwester starb? Der Tod als Grund für das eigene Leben!
Geredet haben Annies Eltern mit ihr nie über diese verschwundene Schwester, dieses andere Mädchen. Was die Verstorbene zu einer unerreichbaren Größe macht. Was bedeutet dies für Annie? Ist der Tod des anderen Mädchens, der verschwundenen Schwester der Grund für das eigene Leben? Kann man sich daran überhaupt messen? An einer Unerreichbaren? Am Tod?
Kann man eine Verbindung spüren zu einem nie gekannten Wesen? Annie kann dies und schreibt sich ihre Gedanken in diesem Buch, in einem Brief an die verschwundene Schwester von der Seele. Ein Versuch zu heilen. Ungemein berührend, trotz den wenigen Seiten.
Dieses Buch ist trotz der Kürze sehr empathisch, zeigt es doch ein tiefsitzendes Trauma, berührt die Autorin doch mit ihrem Versuch dieses Trauma zu bearbeiten. Zeigt dieses kurze Buch doch einen tiefsitzenden Schmerz und gleichzeitig zeigt es auch den Versuch dieses Trauma durch die Anteilnahme abzulösen. Annie Ernaux berührt mich hier tief. Ich bin neugierig auf weiteres aus ihrer Feder und hoffe, dass ich sehr bald die Zeit dafür finde.
kaffeeelse
aus D
4/5
05.01.2025
Buch (Taschenbuch)
Blicke auf die Schwester Das…
Blicke auf die Schwester Das andere Mädchen. Welches andere Mädchen? Die Schwester. Die verstorbene Schwester. 10-jährig erfährt Annie von ihr. Gleichzeitig dazu erfährt sie die eigene Abwertung und die Höherstellung der Verstorbenen durch eine unbedachte Aussage der eigenen Mutter. Ein Trauma für die 10-jährige. Dies prägt sich ihr ein. Lässt sie nie mehr los. 2011 bringt die 1940 geborene Annie Ernaux dieses Buch in Frankreich heraus, 2022 folgt dann die deutsche Ausgabe bei Suhrkamp. Eine lange Zeit, um diesen Blick auf die tote Schwester zu veröffentlichen. Eine Zeit, die etwas über die Intensität dieses Blickes aussagt. 6-jährig verstarb die Schwester an Diphtherie. Zweieinhalb Jahre vor der Geburt von Annie. Was bei Annie Fragen aufwirft. Zersetzende Fragen. Annie war ein Einzelkind, ihre Eltern erst Arbeiter, dann Inhaber eines kleinen Ladens, ihre Möglichkeiten im Leben waren begrenzt. Gibt es Annie nur weil ihre Schwester starb? Der Tod als Grund für das eigene Leben! Geredet haben Annies Eltern mit ihr nie über diese verschwundene Schwester, dieses andere Mädchen. Was die Verstorbene zu einer unerreichbaren Größe macht. Was bedeutet dies für Annie? Ist der Tod des anderen Mädchens, der verschwundenen Schwester der Grund für das eigene Leben? Kann man sich daran überhaupt messen? An einer Unerreichbaren? Am Tod? Kann man eine Verbindung spüren zu einem nie gekannten Wesen? Annie kann dies und schreibt sich ihre Gedanken in diesem Buch, in einem Brief an die verschwundene Schwester von der Seele. Ein Versuch zu heilen. Ungemein berührend, trotz den wenigen Seiten. Dieses Buch ist trotz der Kürze sehr empathisch, zeigt es doch ein tiefsitzendes Trauma, berührt die Autorin doch mit ihrem Versuch dieses Trauma zu bearbeiten. Zeigt dieses kurze Buch doch einen tiefsitzenden Schmerz und gleichzeitig zeigt es auch den Versuch dieses Trauma durch die Anteilnahme abzulösen. Annie Ernaux berührt mich hier tief. Ich bin neugierig auf weiteres aus ihrer Feder und hoffe, dass ich sehr bald die Zeit dafür finde.
wal.li
4/5
18.03.2024
Hörbuch-Download (MP3)
Brief ohne Antwort
Noch in ihren Kindheitstagen erfährt Annie, dass es noch eine Schwester gab. Sie hört, wie ihre Mutter darüber redet. Doch es ist das einzige Mal, dass sie Mutter darüber redet. Und nicht mit ihrer Tochter, sondern mit einer Nachbarin. Und nun ist Annie kein Einzelkind mehr, dass sich gewiss war, etwas besonderes zu sein. Es gab eine Schwester, die bereits vor Annies Geburt gestorben ist. Nur sechs Jahre wurde sie bevor sie an Diphtherie starb. Annie fragt sich, ob sie nur ein Ersatzkind ist. Sie ist nicht die Liebe, sie ist die Intelligente.
Welch eine Nachricht für ein kleines Mädchen. Die Eltern verschweigen ihr, dass sie eine Schwester hatte. Nur ein Bild findet sie. Zunächst denkt sie, sie selbst sei auf dem Bild. Aber nein, es ist die unbekannte Schwester. Vielleicht hätte sie ihr ähnlich gesehen. Vielleicht wäre Annie die Liebe gewesen, wenn die andere ihr um Jahre voraus gewesen wäre und einen eigenen Kopf entwickelt hätte. So hat sie die Schwester überholt. Es gab keinen Vergleich. Annie musste sie selbst sein. Doch die Eltern schienen in der toten Schwester das Ideal zu sehen. Erst als Annie selbst schon ein gesetztes Alter erreicht hat, schreibt sie einen Brief an ihre Schwester, die sie nie gekannt hat.
Ein kleines Buch von 73 Seiten, ein langer Brief, das wurde hier zu einem besonderen Hörbuch vertont. Wenn Eltern etwas verschweigen, weiß man es ja nicht. Manchmal jedoch erfährt man es, wann und aus welchen Gründen auch immer. Und das verrückt vielleicht das ganze Bild, welches man von den Eltern hatte. Und es verrückt auch Annies Leben, für immer. Wenn man sich das vorstellt. Eine Schwester, die einige Jahre gelebt hat, mit der die Eltern ein inniges Verhältnis hatten. Und dann starb sie. Und Annie ist gar kein Einzelkind oder eine Art serielles Einzelkind. Was für ein Einschnitt. Über ihr ganzes Leben hinweg, versucht sie eine Beziehung zu der Schwester aufzubauen und sie besucht ihr Grab. Es wirkt, als hätte sie eine gewisse Sehnsucht gehabt, nach der Schwester, diese kennenzulernen. Sie hat etwas verloren, von die sie nicht wusste, dass sie es hätte haben können. Mit klaren und doch sanften Worten nähert sich Maren Kroymann den Gedanken und Gefühlen Annies für ihre unbekannte Schwester, die Annie versucht in einem Brief auszudrücken. Die Entscheidung, diesem Hörbuch den deutschen Hörbuchpreis 2024 für die beste Interpretin zu verleihen, lässt sich ausgesprochen gut nachvollziehen.
4,5 Sterne
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5/5
31.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
,,Du bist eine leere Form, die nicht durch Schreiben zu füllen ist.”
Die Eltern hatten zwei Töchter. Aber Annie Ernaux wächst als Einzelkind auf, ihre Eltern hegen und pflegen sie. Nur durch Zufall erfährt sie, dass es eine weitere Tochter gab, die bereits vor ihrer Geburt an der Diphtherie starb und die damit eine Leerstelle im Leben der Eltern hinterließ, die die zweite Tochter niemals ganz füllen konnte. Annie Ernaux hat einen ganz persönlichen Brief an ihre Schwester geschrieben, welche sie nie kennenlernte und reflektiert ihr Aufwachsen in der französischen Provinz.
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5/5
12.02.2024
Hörbuch (CD)
Verlust, der auf der Seele brennt
In einem nicht für ihre Ohren bestimmten Gespräch hörte die Autorin im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal, dass sie eine Schwester, die an Diphterie erkrankte und starb, hatte. Ernaux blieb mit vielen Fragen zurück, die niemand beantwortete. “Das andere Mädchen” ist ein suchender und nachdrücklicher Text, der die Schwester aus der Vergessenheit holt. Die ausdruckstarke, sympathische Stimme von Maren Kroymann vermittelt die richtige Stimmung, Emotionen werden greifbar - gut gewählt!
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5/5
30.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bei ihren Werken bin ich manchmal...
Bei ihren Werken bin ich manchmal erwas zwiegespalten, weil es mich nervt, wie sehr sie mit ihrer Herkunft hadert. Das tut sie aber in diesem nicht. Ein Brief an die tote Schwester, die sie nie traf und die es nie lesen wird. Schreiben für die Seelenreinigung.
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4/5
17.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weiterer Baustein im Leben der A. Ernaux
Was passiert, wenn Eltern ihrem Kind verschweigen, dass es vor ihm bereits eine Tochter gegeben hat? Nur zufällig erfährt Annie Ernaux von ihrer verstorbenen Schwester. Doch auch sie spricht ihre Eltern zu deren Lebzeiten nicht darauf an. Mit einem Brief an ihre tote Schwester, die sie nie kennengelernt hat, versucht sie diese Thematik Jahrzehnte später aufzuarbeiten.
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