Eine junge Frau gewinnt ihren Appetit aufs Leben zurück
Spätestens seit Prousts berühmter Madeleine wissen wir, dass Essen nicht nur nährt, sondern auch starke Gefühle und Erinnerungen weckt. Amarylis De Gryse erzählt von Spiegeleiern und Pastasauce, Familienproblemen und Pflegenotstand, vor allem aber von einer jungen Frau, die ihr Leben endlich selbst in die Hand nimmt.
Marieke, Ende zwanzig, wohnt seit Tagen in einem Mietwagen am Kanal und trägt dieselbe viel zu warme Jeans. Das liegt daran, dass ihr Freund, der Metzger Blok, sie aus ihrem schicken Reihenhaus geworfen und eine defekte Maschine im Waschsalon ihre Sommerklamotten verschluckt hat. Statt Blok zu vermissen, träumt Marieke von den Hackbällchen ihrer Mutter und bespitzelt ihren Vater, der die Familie verlassen hat, als Marieke noch klein war. Auf der Arbeit im Altersheim wird sie mit den »hoffnungslosen Fällen« in der Gluthitze alleingelassen und mit Billigfraß abgespeist, während die anderen Senior:innen in einen klimatisierten Neubau umziehen dürfen. Als auf dem Servierwagen schon wieder Wurst und Apfelmus warten, hat Marieke es endgültig satt. Gleichzeitig rückt ihr die eigene Vergangenheit immer mehr auf die Pelle: Wie war das eigentlich damals mit der Trennung ihrer Eltern? Will sie überhaupt zu Blok zurück? Und können Pralinen alles wiedergutmachen?
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Sarah
aus Chemnitz
5/5
27.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie weit geht es nach unten?
Mariekes Leben ist, um es mal nett auszudrücken, gerade etwas suboptimal. Ihr absolut unsympathischer Freund Blok hat sie vor die Tür gesetzt und den Zugriff auf das gemeinsame Konto gesperrt. Sie wohnt in einem Mietwagen, die Waschmaschine im Waschsalon gibt ihre Wäsche nicht frei und die zuständige Person ist gerade im Urlaub. Überdies ist gerade eine regelrechte Gluthitze ausgebrochen, was die Tatsache, dass Marieke gerade nur eine Jeans und ein Sweatshirt hat, noch schlimmer macht, denn so langsam fängt sie auch an zu riechen. Auf Hilfe aus der Familie kann sie nicht zählen. Obwohl sie als Kind mehr oder weniger als Rettungsanker für die Mutter herhalten musste, hält diese lieber zu Blok. Auch die Schwestern bilden eher für sich eine Einheit in der Marieke außen vor ist. Alles in allem könnte man sagen: Es ist ziemlich kompliziert.
Auf ihrer Arbeit läuft es auch nicht gerade rosig. Sie ist allein auf ihrer Station im Pflegeheim, alle anderen sind schon ins neue (klimatisierte) Gebäude umgezogen und scheinen sie vergessen zu haben. Es gibt jeden Tag Wurst mit Apfelmus (was ist das bitte für eine Zusammenstellung???) und auch das Wasser, sowohl zum Trinken, als auch zur Pflege, kommt in Flaschen, da leider die Leitung abgestellt wurde. Und so versucht sie ihr Bestes die Patienten am Leben zu erhalten.
Es geht nicht schlimmer? Ja doch, geht es: zu allem Überfluss tritt ihr Vater wieder in ihr Leben, eine Person die sie lange ausgeschlossen hat und sie sieht sich mit ihrer Vergangenheit/Kindheit konfrontiert und muss sich längst überfälligen Fragen stellen.
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Als allererstes, und das mache ich sonst super selten, möchte ich das Wahnsinns-Cover hervorheben. Es ist bunt, es ist chaotisch, es ist lebendig, es ist einfach sehr meins und extrem gut gelungen. Hätte ich genug Platz um einzelne Bücher mit der Vorderseite nach vorn ins Regal zu stellen, dies hier wäre eins davon.
Kommen wir nun zur Geschichte. De Gryse erschafft eine vielschichtige, tiefgreifende Erzählung auf gerade mal knapp 250 Seiten. Marieke als Protagonistin ist gut gelungen, auch wenn ich mich nur selten mit ihr identifizieren konnte.
Thematisch werden sehr viele Themen berührt: die Kindheit, die geprägt war von toxischen Verhältnissen, der Depression der Mutter, des Wegbleiben des Vaters und der damit einhergehenden, viel zu zeitigen Übernahme von Verantwortung auf Seiten von Marieke, was sich bis ins spätere Leben auswirkt. Auch jetzt ist Marieke eher ein Mensch der einsteckt, Dinge mit sich selbst ausmacht, sich herumschubsen lässt. Die Verhaltensweisen der Mutter halten bis heute an und sind geprägt von Vorwürfen und Schuldzuweisungen.
Es verwundert nicht, dass Marieke in einer Beziehung landet, die ebenfalls lieblos und auf Abhängigkeit ausgelegt ist. Sie wird nicht gesehen, nicht anerkannt und schaut man dann noch die mehr als übergriffige Mutter von Blok an, setzt dies dem Ganzen die Krone auf.
Überdies wird mit den Abschnitten die im Pflegeheim spielen sehr harte Kritik an dem System geübt. Völlig zurecht wie ich finde. Auch wenn es hier sicher überzogen ist, wird klar, dass der Pflegenotstand ein großes Problem ist, dem viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Auch gut fand ich die Einbindung von Essen als Lösung der Probleme. Nicht an sich die Tatsache, aber die Thematisierung. De Gryse beschreibt sehr bildlich, wie Marieke sich immer wieder in den „Genuss“ flüchtet und das dies schon seit frühester Kindheit ein Problem ist. Ich denke auch hier ist es wichtig, dass dies mal aufgefasst wird, denn auch wenn rein theoretisch klar ist, dass Essen keine Probleme löst, ist es doch für den/die ein oder andere*n eine Bewältigungsstrategie, die weitere Probleme nach sich zieht.
Apropos Essen: Fleischesser werden definitiv auf ihre Kosten kommen, denn die Beschreibung und Zubereitung von Mahlzeiten geht sehr ins Detail. Für mich war es nix, schon allein die Beschreibung wie es sich anfühlt bestimmte Fleischarten zu kneten, fand ich ein bisschen eklig, aber das ist ein sehr persönliches Empfinden und nach fast 20 Jahren Fleischverzicht denk ich nachvollziehbar.
Der Schreibstil hat mir sehr zugesagt, ist locker und leicht und manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Es ist eine gute Mischung aus Humor und Drama und durch die immer wieder stattfindenden Rückblicke bekommt man einen tollen Gesamteindruck von Mariekes Leben. Zudem ist man mit der Anfangsszene, in der die Protagonisten nackt in ihrem Mietwagen aufwacht, weil jemand ans Fenster klopft, sofort drin in der Geschichte und kann es dann kaum aus der Hand legen.
Es ist eine Geschichte von Freundschaft, Rückschlägen, Familie und am Ende auch von der Befreiung aus alten Strukturen. Es geht um Selbstfindung und Selbstbestimmung.
Kurz gesagt: es ist ein fantastisches Debüt, dass ich euch sehr ans Herz legen kann.
Bewertung
aus Birkenfeld
5/5
05.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
längst überfälliger Befreiungsschlag
"Der berühmte Tiefpunkt" ist das Romandebüt von Amaryls De Gryse. Mitte Juli diesen Jahres ist das 253 Seiten umfassende kleinformatige Hardcoverbuch im Arche-Buchverlag erschienen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Marieke. Ende Zwanzig, wohnt sie schon seit Tagen in einem Mietauto. Ihr Freund Blok hat sie aus seinem schicken Reihenhaus geworfen. Auch auf der Arbeit läuft es nicht ganz so rund: Im Altersheim wird Marieke auf ihrer Station mit all den Seniorinnen und Senioren in der Gluthitze alleine gelassen. Nach Feierabend rückt ihr dann auch noch ihre eigene Vergangenheit auf die Pelle: Heimlich bespitzelt Marieke ihren Vater, mit dem sie seit Jahren nicht mehr gesprochen hat. Nach und nach versucht Marieke einigen Fragen auf den Grund zu gehen: Wie war das damals eigentlich mit der Trennung ihrer Eltern? Will sie überhaupt zu Blok zurück? Und können Pralinen alles wiedergutmachen?
Die Autorin Amaryls De Gryse schreibt in einem sehr eigenen Stil. Häppchenweise erfährt man als Leser immer mehr über die Protagonistin Marieke. Die Kapitel sind eher kurz gehalten und wechseln von der Gegenwart in die Vergangenheit hin und her. Aufrichtig und berührend erzählt Amaryls De Gryse die Geschichte von Marieke. Ihre Kindheit und Jugendzeit war nicht wirklich einfach. Die Trennung der Eltern hat sie innerlich dann doch mehr mitgenommen, als sich Marieke wohl eingestehen wollte. Die Familienprobleme und -spannungen sind auch in der Gegenwart noch zu finden. Die Protagonistin frisst diese im wortwörtlichen Sinne immer mehr in sich hinein. Hinzukommt die Arbeit in der Pflege. Hier hat Marieke ordentlich zu kämpfen. Authentisch und wahrheitsgetreu thematisiert die Autorin den Pflegenotstand. Auch ihre Protagonistin Marieke wird hier allerhand abverlangt: In der Gluthitze, für viel zu viele Heimbewohner verantwortlich, Fertigfraß als Mahlzeit etc. Als Leser kann man mitverfolgen, wie Marieke immer mehr die Probleme aus Familie, Privatleben und der Arbeit in sich hineinfrisst... bis zum großen Knall! Doch am berühmten Tiefpunkt merkt auch sie, dass das Leben mit den richtigen Personen und wenn man Tatkraft beweist, das Leben selbst in die Hand nimmt, es aufwärts geht! Fünf Sterne für dieses tolle, lesenswerte Romandebüt.
Bewertung
aus Freiburg
5/5
05.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schlimmer geht (n)immer
Das Cover finde ich nicht besonders schön, es ist mir zu viel und zu bunt. Bunt ist auch die Geschichte: Marieke und ihr Mann Blok haben sich getrennt, und sie wohnt nun in einem Mietwagen. Was ist mit ihrer Familie? Warum nimmt sie von ihr keine Unterstützung an? Essen hat für die junge Frau einen hohen Stellenwert. Aber hilft es ihr, dass sie sich besser fühlt? Mariekes Arbeitssituation im Pflegeheim wird immer schwieriger, und dazu kommt noch die Sommerhitze. Marieke ist an einem Tiefpunkt angelangt, viel schlimmer kann es nicht mehr kommen.
Ich hatte gleich das Gefühl, Marieke gut zu kennen. Bei vielem konnte ich mich in sie hineinfühlen. Klar sind die Situationen überzogen dargestellt, aber dadurch werden sie absurd und witzig.
Das einzige, was mich gestört hat, waren manche Unklarheiten: Was war mit Mariekes Studium? Und der Familie ihres Vaters? Und wird der Lohn nun auf ihr neues Konto ausgezahlt? Das hätte die Autorin ein bisschen ausführlicher oder deutlicher erzählen können. Auf Mariekes Träume hätte ich dafür verzichten können, mit sowas kann ich allgemein nicht viel anfangen.
Insgesamt hat mir das Buch aber sehr gut gefallen, und die Hauptperson wird mir noch länger in Erinnerung bleiben.
Katrin
aus Kiel
5/5
31.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn das Leben nicht mehr schmeckt
Bei Marieke läuft es gerade nicht so rund: Ihr Freund Blok hat sie rausgeworfen, nun lebt sie in einem Mietauto und muss dazu noch in Jeans und Pulli herumlaufen, weil ihre Sommerkleider in einer Maschine im Waschsalon feststecken. Trotzdem erscheint sie jeden Tag zu ihrer Schicht im Altenheim, auch wenn ihre Abteilung die einzige ist, die noch nicht in das neue Haus gegenüber umgezogen ist. Doch trotz Gluthitze und ewig gleichem Essen kümmert sie sich fürsorglich um die pflegebedürftigen Bewohner:innen. In ihrer Freizeit beobachtet sie das Haus ihres Vaters, mit dem sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Ihre Mutter ist zwar noch Teil ihres Lebens, ebenso ihre Schwestern, wirklich verstanden und unterstützt wird sie von diesen jedoch nicht. Schon ihr ganzes Leben lang sind Marieke die Dinge einfach passiert, sie hat vieles hingenommen und sich nicht gewehrt. Doch so langsam kommt sie an den Punkt, an dem sie selbst etwas ändern muss. Der Roman springt zeitlich hin und her, so erfahren wir auch, wie Mariekes Kindheit verlaufen ist und wie es passieren konnte, dass sie gleich nach der Schule mit dem Sohn eines Fleischers in ein schickes Reihenhaus gezogen ist. Da die Geschichte nur aus Mariekes Perspektive erzählt wird, müssen wir ihren Erinnerungen glauben, doch im Laufe der Zeit wird deutlich, dass vielleicht nicht alles so war, wie sie es erinnert.
Ein großes Thema dieses Buches ist das Essen und seine Zubereitung, das hat mir sehr gut gefallen. Eine liebevoll zubereitete Mahlzeit wird als Metapher für Wertschätzung und Zuneigung verwendet, gleichzeitig gerät das Kochen auch zum Schauplatz eines mehr oder weniger subtil geführten Konkurrenzkampfes vonseiten ihrer Schwiegermutter. Doch trotz der eher schweren Themen liest sich der Roman leicht, es gibt immer wieder wirklich lustige Passagen, die als gutes Gegengewicht zu Mariekes aussichtslos scheinender Situation fungieren und ihnen trotzdem nicht die Tiefe nehmen. Und ohne zu spoilern kann ich schon verraten: Das Ende ist großartig!
Bewertung
5/5
25.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Hunger aufs Leben!
Erst möchte ich sagen, dass die Gestaltung des covers mir wirklich gut gefällt. Das Cover sieht aus wie ein wunderschönes Gemälde mit vielen zahlreichen und liebevoll gestalteten Details. Der Klappentext hat sich sehr interessant gelesen und ich war neugierig auf die Geschichte. Die Haptik des Hardcover Buches ist sehr ansprechend.
In dem Buch geht es um die 28 jährige Marieke, sie muss momentan in einem Mietauto schlafen, weil ihr Freund Blok sie aus ihrem zu Hause geworfen hat. Ihre Schwestern interessieren sich nicht für Sie und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist auch nicht besonders gut. Die Arbeit im Pflegeheim wird für Marieke immer belastender. Als dann noch eine Waschmaschine all ihre Sommerklamotten frisst und Blok ihr die Konten sperrt ist Marieke am Tiefpunkt angelangt. Satt vom Leben, versucht sie nicht aufzugeben.Langsam erkennt Marieke, was in ihrer Vergangenheit passiert ist und ob sie das alles so möchte, soll sie wirklich bei Blok in der Fleischerei als billige Arbeitskraft weiterarbeiten? Ist sie Schuld an den Depressionen ihrer Mutter? Sie sucht den Kontakt zu ihrem Vater und merkt, dass das Leben nicht nur Pralinen zu bieten hat.
Als dann die Situation im Pflegeheim immer komplizierter wird beschließt sie, dass es reicht. Sie sucht ihren Hunger nach Leben und Gefühlen!
Der Schreibstil war sehr sensibel und gefühlvoll. Die Ich-Perspektive war für mich sehr gut zu lesen, die Kapitel hatten eine tolle Länge. Die Themen, die in diesem Buch angesprochen wurden, fand ich interessant und wichtig. ich empfehle das Buch auf jeden Fall weiter.
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