Produktbild: Gegen den Strich

Gegen den Strich Ein Schlüsselroman der Décadence über Ästhetizismus, Dandyismus und die Flucht in ein künstliches Paradies

1

9,80 €

inkl. gesetzl. MwSt., Versandkostenfrei


Beschreibung

Produktdetails

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

24.05.2023

Verlag

E-artnow

Seitenzahl

92

Maße (L/B/H)

22,9/15,2/0,6 cm

Gewicht

148 g

Auflage

1. Auflage

Übersetzt von

Marie Capsius

Sprache

Deutsch

ISBN

978-80-273-8162-3

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Taschenbuch

Erscheinungsdatum

24.05.2023

Verlag

E-artnow

Seitenzahl

92

Maße (L/B/H)

22,9/15,2/0,6 cm

Gewicht

148 g

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Deutsch

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978-80-273-8162-3

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Des Esseintes und die Vermessung der Sinne

Zitronenblau am 29.01.2010

Bewertungsnummer: 623620

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Huysmans Roman "Gegen den Strich" richtete sich gegen einen naturalistischen Zola und machte den Protagonisten, den Helden (?) wieder zum differenten Herrn über sich selbst. So verabscheut und ekelt sich Des Esseintes vor der Gesellschaft und ihrer vulgären, langweiligen Dummheit, und zieht, da vermögend (immer eine Voraussetzung!) in sein Haus und sich damit zurück von den Menschen. Nun sucht er mit einem übersteigerten Ästhetizismus und auch Intellektualismus die Grenzen seiner Sinne zu erreichen und darüber hinaus zu gehen. Dabei werden alle Sinne "abgearbeitet" - ob Nase, Auge oder Ohr - bis der Geist selbst immer schnellere Gedankenkarussells entwickelt. Somit quellt vom schrulligen Spleen ein exzentrischer Wahn, ein evoziertes Perpetuum Mobile der Sinnlichkeit, dass sich in hedonistische Exzesse verirrt, bis sich dergestalt die neurotische Pathologie herauskristallisiert, die sämtliche Bestrebungen in eine selbstzerstörerische Dekadenz mündet. Letztlich bleibt Des Esseintes nur wieder das erschöpfte Zurück in die Gesellschaft, die Zerstreuung durch die Zerstreuungen der anderen, ja, der chistliche Glaube: "Herr, hab Mitleid mit dem Sträfling des Lebens, der sich nachts aufmacht, allein unter dem Firmament, das nicht mehr erleuchtet wird von den Trostfackeln der alten Hoffnung!" Huysmans Roman hat weltliterarischen Rang und die Besonderheiten sind ganz klar die Sinnesorgien und Rauschbilder, die der Autor zeichnet. Dabei werden mitunter synästhetische Experimente, tiefe geistige Diskurse und erstaunlich wenig frivole Elemente eingespielt (ein Sade wird nur nebenbei bemerkt), die Promiskuität richtet hier mehr auf die Möglichkeiten der Apperzeption. Manchmal wirken die Verknüpfungen und Aufzählungen (repetitio, Kumulation) etwas billig und zu sachlich; insgesamt wirkt der Verlauf zu kompakt, wodurch die protagonistische Entwicklung und die Bedingungen der Identifizierung erschwert werden, zumal mitunter ein Defizit an inneren Monologen hierzu förderlich ist. Stilistisch gesehen kommen noch weitere Faux-pas hinzu, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Das Buch ist unbedingt lebenswert, wenn auch nicht vollkommen wie ein Proust, denn es ist ein Signal vom Überdruss und der Bedrohung bei Isolation und Eskapismus!

Des Esseintes und die Vermessung der Sinne

Zitronenblau am 29.01.2010
Bewertungsnummer: 623620
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Huysmans Roman "Gegen den Strich" richtete sich gegen einen naturalistischen Zola und machte den Protagonisten, den Helden (?) wieder zum differenten Herrn über sich selbst. So verabscheut und ekelt sich Des Esseintes vor der Gesellschaft und ihrer vulgären, langweiligen Dummheit, und zieht, da vermögend (immer eine Voraussetzung!) in sein Haus und sich damit zurück von den Menschen. Nun sucht er mit einem übersteigerten Ästhetizismus und auch Intellektualismus die Grenzen seiner Sinne zu erreichen und darüber hinaus zu gehen. Dabei werden alle Sinne "abgearbeitet" - ob Nase, Auge oder Ohr - bis der Geist selbst immer schnellere Gedankenkarussells entwickelt. Somit quellt vom schrulligen Spleen ein exzentrischer Wahn, ein evoziertes Perpetuum Mobile der Sinnlichkeit, dass sich in hedonistische Exzesse verirrt, bis sich dergestalt die neurotische Pathologie herauskristallisiert, die sämtliche Bestrebungen in eine selbstzerstörerische Dekadenz mündet. Letztlich bleibt Des Esseintes nur wieder das erschöpfte Zurück in die Gesellschaft, die Zerstreuung durch die Zerstreuungen der anderen, ja, der chistliche Glaube: "Herr, hab Mitleid mit dem Sträfling des Lebens, der sich nachts aufmacht, allein unter dem Firmament, das nicht mehr erleuchtet wird von den Trostfackeln der alten Hoffnung!" Huysmans Roman hat weltliterarischen Rang und die Besonderheiten sind ganz klar die Sinnesorgien und Rauschbilder, die der Autor zeichnet. Dabei werden mitunter synästhetische Experimente, tiefe geistige Diskurse und erstaunlich wenig frivole Elemente eingespielt (ein Sade wird nur nebenbei bemerkt), die Promiskuität richtet hier mehr auf die Möglichkeiten der Apperzeption. Manchmal wirken die Verknüpfungen und Aufzählungen (repetitio, Kumulation) etwas billig und zu sachlich; insgesamt wirkt der Verlauf zu kompakt, wodurch die protagonistische Entwicklung und die Bedingungen der Identifizierung erschwert werden, zumal mitunter ein Defizit an inneren Monologen hierzu förderlich ist. Stilistisch gesehen kommen noch weitere Faux-pas hinzu, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Das Buch ist unbedingt lebenswert, wenn auch nicht vollkommen wie ein Proust, denn es ist ein Signal vom Überdruss und der Bedrohung bei Isolation und Eskapismus!

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Gegen den Strich

von Joris-Karl Huysmans

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Jérôme Wiedenhaupt

Thalia Hildesheim

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5/5

„Ästhetische Ekstasen am Abgrund“

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Joris-Karl Huysmans’ 1884 erschienener Roman "À rebours" – in der deutschen Übersetzung "Gegen den Strich" – gilt bis heute als Manifest der Décadence, als Inbegriff einer Literatur, die sich radikal vom Realismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts abwandte und den Kult der Künstlichkeit, des Überfeinerten, des Unnatürlichen zum obersten Prinzip erhob. Der Text, der wie kaum ein anderer in seiner Zeit den Eindruck eines einzelnen, von aller Gesellschaft losgelösten Bewusstseins vermittelt, wirft zugleich ein grelles Schlaglicht auf die geistige und ästhetische Krise, in die die abendländische Kultur an der Schwelle zur Moderne geraten war. Die Brillanz dieses Romans besteht darin, dass er den inneren Monolog einer hochgradig exzentrischen Gestalt – des Herzogs Jean Floressas des Esseintes – in ein sprachlich und gedanklich durchkomponiertes Kunstwerk verwandelt, das mehr ästhetisches Manifest als herkömmlicher Roman ist. Schon das Grundgerüst der Handlung verweigert sich den gewohnten Regeln der Erzählkunst: Des Esseintes, ein letzter Spross einer verfallenden Adelsfamilie, zieht sich nach Jahren des mondänen Lebens und der Dekadenz in ein Landhaus bei Fontenay zurück, um sich dort ein Reich der Künstlichkeit zu errichten. Von der Gesellschaft angewidert, von körperlichen Gebrechen geplagt, aber geistig fiebrig, gestaltet er seine Wohnräume als Bühnen für eine Existenz, die einzig aus ästhetischem Erleben bestehen soll. Er wählt exotische Blumen, die wie bizarre Kunstwerke wirken; er legt eine Bibliothek an, die nur die erlesensten, seltensten Werke umfasst; er arrangiert einen Schildkrötenpanzer mit Juwelen, um ihn als ästhetisches Objekt zur Schau zu stellen – bis das Tier unter der Last stirbt. Alles dient ihm als Versuch, die Natur durch Kunst zu übertreffen und das Leben selbst in ein ästhetisches Artefakt zu verwandeln. Das Verrückte an Des Esseintes ist nicht bloß seine Schrullenhaftigkeit oder seine Absonderung, sondern die Radikalität, mit der er die Kunst zum einzigen Maßstab erhebt. Er will nicht mehr leben, um Erfahrungen zu machen, sondern nur noch, um Empfindungen zu raffinieren. Seine Ambition besteht darin, jede Spur von Banalität, jedes „natürliche“ Erlebnis aus seinem Dasein zu verbannen und es durch eine unendliche Steigerung des Künstlichen zu ersetzen. Das ist eine Haltung, die sich bewusst gegen den „Strich“ richtet – gegen die Erwartung der Gesellschaft, gegen die Logik der Natur, gegen die vitalen Bedürfnisse des Körpers. Huysmans’ Roman ist in diesem Sinn ein literarisches Anti-Universum: Er zeigt einen Menschen, der sich mit fast religiöser Inbrunst von der Welt abkehrt, um in einem privaten, hermetisch abgeriegelten Kosmos der Kunst zu versinken. Diese Haltung ist nicht nur exzentrisch, sondern symptomatisch für die Epoche. Der Roman erscheint in einer Zeit, in der die große realistische Tradition Frankreichs – Balzac, Flaubert, Zola – noch dominierte. Huysmans selbst hatte zuvor im naturalistischen Umfeld um Émile Zola publiziert. Gegen den Strich markiert die schroffe Abkehr von dieser literarischen Schule. Statt minutiöser Milieuschilderungen und sozialer Dokumentation interessiert Huysmans die Innenseite des Bewusstseins, die fiebrige Imaginationskraft, das Ästhetische als Selbstzweck. Man könnte sagen, er nimmt hier bereits jene Wendung vorweg, die später im Symbolismus und Ästhetizismus, aber auch im frühen Modernismus entscheidend wird. In der französischen Literaturgeschichte nimmt Gegen den Strich daher eine Schlüsselstellung ein. Der Roman wurde von den Zeitgenossen zunächst mit Befremden aufgenommen, entwickelte sich aber bald zu einem Kultbuch. Nicht zufällig spielt er eine berühmte Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray, wo das geheimnisvolle „gelbe Buch“, das Dorian in den Bann zieht, nichts anderes ist als Huysmans’ Werk. Diese Wirkung erklärt sich daraus, dass der Text ein Manifest der Verweigerung gegenüber der Moderne im Sinne von Industrialisierung, Bürgertum und gesellschaftlichem Fortschritt darstellt, zugleich aber in seiner Kunstgesinnung absolut modern wirkt. Die Brillanz des Buches zeigt sich auch in Huysmans’ Sprache. Gegen den Strich ist ein Roman ohne eigentliche Handlung, eine Abfolge von Exkursen, Reflexionen und Beschreibungen. Doch die dichte, barock aufgeladene Prosa verwandelt diese Exkurse in ästhetische Abenteuer. Wenn Des Esseintes über lateinische Dichter, über exotische Pflanzen oder über Gerüche räsoniert, dann tut er das in einer Sprache, die selbst wie ein luxuriöses Gewebe wirkt – schwer, ornamentiert, von einer geradezu manischen Detailverliebtheit. Hier zeigt sich die literarische Meisterschaft Huysmans’: Er kann aus scheinbar trockenen Katalogen poetische Klangräume schaffen. Die stilistische Brillanz besteht gerade darin, dass sie den Wahnsinn des Protagonisten nicht nur beschreibt, sondern performativ erfahrbar macht: Der Leser wird selbst in den Strudel der überfeinerten Empfindungen hineingezogen. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Kapitel, in dem Des Esseintes seine Bibliothek zusammenstellt und literarische Urteile fällt. Er verwirft die klassischen Realisten, bewundert stattdessen die obskuren, die „verfluchten“ Autoren, die von der großen Tradition vergessen wurden. In dieser Haltung spiegelt sich eine ästhetische Ethik: Der wahre Wert der Kunst liegt für ihn nicht im Allgemeingültigen, sondern im Singularen, Abseitigen, Bizarren. Damit antizipiert Huysmans die spätere Haltung der Avantgarden, die das „gegen den Strich Gebürstete“ zum Signum von Kunst erheben. Das Verrückte an Des Esseintes ist zugleich das Anziehende: Er verkörpert den Traum von einer Existenz, die radikal ästhetisch ist – und die in dieser Radikalität notwendig scheitern muss. Denn die Natur lässt sich nicht endgültig überlisten. Immer wieder bricht der Körper in seine hermetische Welt ein: Krankheiten, nervöse Zusammenbrüche, Ohnmachten. Schließlich muss er seine Zuflucht aufgeben und in die Gesellschaft zurückkehren, die er verachtet. Doch auch dieses Scheitern hat etwas Grandioses: Es zeigt, dass die Kunst zwar den Anspruch erheben kann, die Wirklichkeit zu ersetzen, aber letztlich immer an ihr zerschellt. Im literarischen Kontext ist Gegen den Strich daher ein Scharnierwerk. Es gehört noch der Spätphase des 19. Jahrhunderts an, trägt aber bereits die Keime der Moderne in sich. Man kann es als Pendant zu Mallarmés symbolistischen Gedichten sehen, als Prosaversion jener Kunst, die nur noch sich selbst zum Gegenstand hat. Es ist auch ein Gegenstück zu den großen Gesellschaftsromanen seiner Zeit: Wo Zola die sozialen Determinanten des Lebens sezierte, inszeniert Huysmans eine radikale Subjektivität, die jeden sozialen Bezug negiert. Gerade diese Negation macht den Text aber hochpolitisch im weiteren Sinn: Er verweigert sich der Gesellschaft nicht, weil er sie reformieren will, sondern weil er in ihr keinerlei Sinn mehr erkennt. Die Ambitionen des Protagonisten sind also ebenso metaphysisch wie ästhetisch: Er will die Kluft zwischen Geist und Materie überwinden, indem er sich ein Reich schafft, in dem der Geist triumphiert – in Gestalt der Kunst. Aber dieser Triumph ist trügerisch, weil der Körper nicht auszuschalten ist. Das macht den Roman zugleich tragisch und ironisch. Huysmans selbst war sich dieser Ambivalenz bewusst. In späteren Jahren fand er im Katholizismus eine neue geistige Heimat; man kann Gegen den Strich auch als eine Art Vorstufe zu dieser religiösen Wende lesen: Der Protagonist sucht das Absolute in der Kunst, doch dieses Absolute entzieht sich ihm, bis er erkennt, dass nur Transzendenz jenseits der Kunst ihn erlösen könnte. Was die Brillanz von Gegen den Strich also ausmacht, ist ein paradoxes Zusammenspiel: Es ist ein Roman, der kaum Handlung hat und dennoch fesselnd ist; ein Roman, der radikale Subjektivität predigt und doch ein kollektives Symptom einer ganzen Epoche ausdrückt.
  • Jérôme Wiedenhaupt
  • Buchhändler/-in

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„Ästhetische Ekstasen am Abgrund“

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Joris-Karl Huysmans’ 1884 erschienener Roman "À rebours" – in der deutschen Übersetzung "Gegen den Strich" – gilt bis heute als Manifest der Décadence, als Inbegriff einer Literatur, die sich radikal vom Realismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts abwandte und den Kult der Künstlichkeit, des Überfeinerten, des Unnatürlichen zum obersten Prinzip erhob. Der Text, der wie kaum ein anderer in seiner Zeit den Eindruck eines einzelnen, von aller Gesellschaft losgelösten Bewusstseins vermittelt, wirft zugleich ein grelles Schlaglicht auf die geistige und ästhetische Krise, in die die abendländische Kultur an der Schwelle zur Moderne geraten war. Die Brillanz dieses Romans besteht darin, dass er den inneren Monolog einer hochgradig exzentrischen Gestalt – des Herzogs Jean Floressas des Esseintes – in ein sprachlich und gedanklich durchkomponiertes Kunstwerk verwandelt, das mehr ästhetisches Manifest als herkömmlicher Roman ist. Schon das Grundgerüst der Handlung verweigert sich den gewohnten Regeln der Erzählkunst: Des Esseintes, ein letzter Spross einer verfallenden Adelsfamilie, zieht sich nach Jahren des mondänen Lebens und der Dekadenz in ein Landhaus bei Fontenay zurück, um sich dort ein Reich der Künstlichkeit zu errichten. Von der Gesellschaft angewidert, von körperlichen Gebrechen geplagt, aber geistig fiebrig, gestaltet er seine Wohnräume als Bühnen für eine Existenz, die einzig aus ästhetischem Erleben bestehen soll. Er wählt exotische Blumen, die wie bizarre Kunstwerke wirken; er legt eine Bibliothek an, die nur die erlesensten, seltensten Werke umfasst; er arrangiert einen Schildkrötenpanzer mit Juwelen, um ihn als ästhetisches Objekt zur Schau zu stellen – bis das Tier unter der Last stirbt. Alles dient ihm als Versuch, die Natur durch Kunst zu übertreffen und das Leben selbst in ein ästhetisches Artefakt zu verwandeln. Das Verrückte an Des Esseintes ist nicht bloß seine Schrullenhaftigkeit oder seine Absonderung, sondern die Radikalität, mit der er die Kunst zum einzigen Maßstab erhebt. Er will nicht mehr leben, um Erfahrungen zu machen, sondern nur noch, um Empfindungen zu raffinieren. Seine Ambition besteht darin, jede Spur von Banalität, jedes „natürliche“ Erlebnis aus seinem Dasein zu verbannen und es durch eine unendliche Steigerung des Künstlichen zu ersetzen. Das ist eine Haltung, die sich bewusst gegen den „Strich“ richtet – gegen die Erwartung der Gesellschaft, gegen die Logik der Natur, gegen die vitalen Bedürfnisse des Körpers. Huysmans’ Roman ist in diesem Sinn ein literarisches Anti-Universum: Er zeigt einen Menschen, der sich mit fast religiöser Inbrunst von der Welt abkehrt, um in einem privaten, hermetisch abgeriegelten Kosmos der Kunst zu versinken. Diese Haltung ist nicht nur exzentrisch, sondern symptomatisch für die Epoche. Der Roman erscheint in einer Zeit, in der die große realistische Tradition Frankreichs – Balzac, Flaubert, Zola – noch dominierte. Huysmans selbst hatte zuvor im naturalistischen Umfeld um Émile Zola publiziert. Gegen den Strich markiert die schroffe Abkehr von dieser literarischen Schule. Statt minutiöser Milieuschilderungen und sozialer Dokumentation interessiert Huysmans die Innenseite des Bewusstseins, die fiebrige Imaginationskraft, das Ästhetische als Selbstzweck. Man könnte sagen, er nimmt hier bereits jene Wendung vorweg, die später im Symbolismus und Ästhetizismus, aber auch im frühen Modernismus entscheidend wird. In der französischen Literaturgeschichte nimmt Gegen den Strich daher eine Schlüsselstellung ein. Der Roman wurde von den Zeitgenossen zunächst mit Befremden aufgenommen, entwickelte sich aber bald zu einem Kultbuch. Nicht zufällig spielt er eine berühmte Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray, wo das geheimnisvolle „gelbe Buch“, das Dorian in den Bann zieht, nichts anderes ist als Huysmans’ Werk. Diese Wirkung erklärt sich daraus, dass der Text ein Manifest der Verweigerung gegenüber der Moderne im Sinne von Industrialisierung, Bürgertum und gesellschaftlichem Fortschritt darstellt, zugleich aber in seiner Kunstgesinnung absolut modern wirkt. Die Brillanz des Buches zeigt sich auch in Huysmans’ Sprache. Gegen den Strich ist ein Roman ohne eigentliche Handlung, eine Abfolge von Exkursen, Reflexionen und Beschreibungen. Doch die dichte, barock aufgeladene Prosa verwandelt diese Exkurse in ästhetische Abenteuer. Wenn Des Esseintes über lateinische Dichter, über exotische Pflanzen oder über Gerüche räsoniert, dann tut er das in einer Sprache, die selbst wie ein luxuriöses Gewebe wirkt – schwer, ornamentiert, von einer geradezu manischen Detailverliebtheit. Hier zeigt sich die literarische Meisterschaft Huysmans’: Er kann aus scheinbar trockenen Katalogen poetische Klangräume schaffen. Die stilistische Brillanz besteht gerade darin, dass sie den Wahnsinn des Protagonisten nicht nur beschreibt, sondern performativ erfahrbar macht: Der Leser wird selbst in den Strudel der überfeinerten Empfindungen hineingezogen. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Kapitel, in dem Des Esseintes seine Bibliothek zusammenstellt und literarische Urteile fällt. Er verwirft die klassischen Realisten, bewundert stattdessen die obskuren, die „verfluchten“ Autoren, die von der großen Tradition vergessen wurden. In dieser Haltung spiegelt sich eine ästhetische Ethik: Der wahre Wert der Kunst liegt für ihn nicht im Allgemeingültigen, sondern im Singularen, Abseitigen, Bizarren. Damit antizipiert Huysmans die spätere Haltung der Avantgarden, die das „gegen den Strich Gebürstete“ zum Signum von Kunst erheben. Das Verrückte an Des Esseintes ist zugleich das Anziehende: Er verkörpert den Traum von einer Existenz, die radikal ästhetisch ist – und die in dieser Radikalität notwendig scheitern muss. Denn die Natur lässt sich nicht endgültig überlisten. Immer wieder bricht der Körper in seine hermetische Welt ein: Krankheiten, nervöse Zusammenbrüche, Ohnmachten. Schließlich muss er seine Zuflucht aufgeben und in die Gesellschaft zurückkehren, die er verachtet. Doch auch dieses Scheitern hat etwas Grandioses: Es zeigt, dass die Kunst zwar den Anspruch erheben kann, die Wirklichkeit zu ersetzen, aber letztlich immer an ihr zerschellt. Im literarischen Kontext ist Gegen den Strich daher ein Scharnierwerk. Es gehört noch der Spätphase des 19. Jahrhunderts an, trägt aber bereits die Keime der Moderne in sich. Man kann es als Pendant zu Mallarmés symbolistischen Gedichten sehen, als Prosaversion jener Kunst, die nur noch sich selbst zum Gegenstand hat. Es ist auch ein Gegenstück zu den großen Gesellschaftsromanen seiner Zeit: Wo Zola die sozialen Determinanten des Lebens sezierte, inszeniert Huysmans eine radikale Subjektivität, die jeden sozialen Bezug negiert. Gerade diese Negation macht den Text aber hochpolitisch im weiteren Sinn: Er verweigert sich der Gesellschaft nicht, weil er sie reformieren will, sondern weil er in ihr keinerlei Sinn mehr erkennt. Die Ambitionen des Protagonisten sind also ebenso metaphysisch wie ästhetisch: Er will die Kluft zwischen Geist und Materie überwinden, indem er sich ein Reich schafft, in dem der Geist triumphiert – in Gestalt der Kunst. Aber dieser Triumph ist trügerisch, weil der Körper nicht auszuschalten ist. Das macht den Roman zugleich tragisch und ironisch. Huysmans selbst war sich dieser Ambivalenz bewusst. In späteren Jahren fand er im Katholizismus eine neue geistige Heimat; man kann Gegen den Strich auch als eine Art Vorstufe zu dieser religiösen Wende lesen: Der Protagonist sucht das Absolute in der Kunst, doch dieses Absolute entzieht sich ihm, bis er erkennt, dass nur Transzendenz jenseits der Kunst ihn erlösen könnte. Was die Brillanz von Gegen den Strich also ausmacht, ist ein paradoxes Zusammenspiel: Es ist ein Roman, der kaum Handlung hat und dennoch fesselnd ist; ein Roman, der radikale Subjektivität predigt und doch ein kollektives Symptom einer ganzen Epoche ausdrückt.

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Gegen den Strich

von Joris-Karl Huysmans

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