Krieg und NS-Zeit aus der Sicht eines Kindes. Ein Roman über die Südtiroler Auswanderung und die NS-Verbrechen an Menschen mit Behinderung Eine Familie aus Südtirol entscheidet sich 1942 im Zuge der »Option» für die Auswanderung ins Deutsche Reich. Der 11-jährige Ludi erzählt von den letzten Tagen im Dorf und der ersten Station im Deutschen Reich: Innsbruck. Auf Anweisung der Ärzte muss sein behinderter Bruder Hanno in eine Anstalt bei Hall gebracht werden. Die restliche Familie zieht weiter nach Oberösterreich. Der Vater wird in die Wehrmacht eingezogen und auch Hanno kehrt nicht mehr zurück. Ein Brief aus einer »Heil- und Pflegeanstalt« des Reiches ist alles, was der Familie von ihm bleibt. Sepp Mall gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller Südtirols, der sich in seinem Werk mit komplexen Themen der jüngsten Zeitgeschichte auseinandersetzt. Wie lässt sich das Unbegreifliche verstehen und wie überlebt man ein kollektives Trauma? Ein bewegender Roman, der in bilddichter Sprache der Trauer eines Kindes um seinen Bruder nachgeht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Jennifer Rouget
5/5
10.01.2024
eBook (ePUB 3)
Sehr eindrucksvoll
Das Buch erzählt die Geschichte der NS-Zeit von 1942 aus der Sicht eines Kindes.
Ludis Familie zog nach Deutschland und auch, wenn die politischen Zusammenhänge für den Jungen schwer greifbar waren, schafft der Autor diese eindrücklich zu vermitteln. Besonders, da Ludis jüngerer Bruder in ein Pflegeheim eingewiesen wurde und wir er damit umgeht. Doch gleichzeitig geht es um so viel mehr: Freundschaften, die die Distanz und das Geschehen nicht überstehen, Heimweh, abwesende Eltern …
Ich bin sehr dankbar diese Zeit lediglich aus Berichten und Büchern zu kennen, doch gleichzeitig ist es ungemein wichtig, dass die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten. Dafür sorgt Sepp Mall sehr eindrucksvoll.
bolie
aus Langscheid
5/5
18.10.2023
eBook (ePUB 3)
Der Ich-Erzähler Ludi…
Der Ich-Erzähler Ludi schreibt über das Leben der Familie in Südtirol. Die Worte „Lebewohl“ oder „Wiedersehen“ gab es bei ihnen nicht. Alle wussten, dass sie bald ins „Reich“ wandern werden. Nur der Zeitpunkt stand nicht fest. Die Familie der Freundin Ludis ist schon lange fort. An einem sonnigen Tag begann die „Wanderung“ der Familie in eine vermeintlich gute Zukunft. „Ein Hund kam in die Küche“ stand auf der Longlist des „dbp23“. Das Schicksal der Familie berührte mich sehr. Weil es hier um den Umgang der Nationalsozialisten mit Behinderten geht. Was geschah in den sogenannten „Heil- und Pflegeanstalten“? Warum durften die Eltern des kleinen Hanno ihn nicht besuchen? Hanno war der kleine Bruder von Ludi. Der meinte, dass alle sagten, Hanno sei „zurückgeblieben“. Das konnte Ludi gar nicht verstehen. Er hing sehr an dem Kleinen und spielte gerne mit ihm. Dass der Autor aus der Sicht des Kindes schrieb, hat seinen Grund. Wie sonst könnten Leser nachempfinden, was diese junge Seele durchlebte? Ein gelungenes Werk, das nicht nur den Kampf ums Überleben beschreibt. Von mir gibt es eine Leseempfehlung.
Bewertung
aus Quickborn
5/5
04.09.2023
eBook (ePUB 3)
Poetische Abrechnung mit dem Nationalsozialismus
Wer Südtirol kennt und sich ein wenig auch für die Geschichte des schönen Landstrichs im Norden Italiens interessiert hat, weiß, dass Südtirol 1920 Italien zugeschlagen wurde. Die mächtige KuK-Monarchie war mit dem Ersten Weltkrieg den Bach hinuntergegangen und plötzlich waren die Südtiroler Einwohner eines anderen Staates. Als Hitler und Mussolini entschieden, dass die Südtiroler über Dableiben oder „Heim-ins-Rech“-Gehen abstimmen sollten, hatte der 2. Weltkrieg noch gar nicht begonnen. Für viele Familien bedeutete die Option einen tiefen Einschnitt ins Leben, Familien trennten sich, Eltern und Kinder sprachen nicht mehr miteinander, Brüder verfluchten sich gegenseitig.
Im kleinen Mariendorf, in dem die Romanfamilie wohnt, ist das Unheil schon angebrochen. Ludi, der Sohn von Johann, der in der dortigen Metzgerei arbeitet, ist mit Kathrina, der Metzgertochter, befreundet und beide wissen, es sind die letzten gemeinsamen Tage, die sie verbringen. Sie versuchen, sich die Straßen und Häuser und Menschen im Gedächtnis zu bewahren, denn beide werden das Dorf verlassen. Die Eltern haben sich für „Heim ins Reich“, fürs deutsche Blut, für die fremde Heimat entschieden. Es wird gepackt und man wandert, man wandert nicht aus, man wandert woanders hin, sagt Kathrina, dann erklärt Ludi auch seinem kleinen behinderten Bruder Hanno, dass sie alle wegfahren werden. Der heißt eigentlich Anton, kann nicht richtig laufen, nicht richtig sprechen, er bekommt Anfälle und er hat viel Angst, aber Ludi liebt ihn über alles.
In Innsbruck angekommen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Der Vater geht mit stolzgeschwellter Brust in den Krieg und Hanno fällt den Ärzten auf und wird in ein Heim eingewiesen. So ist Ludi plötzlich mit seiner Mutter allein, sie werden in ein Dorf Sonnau verwiesen, wo sie gegenüber dem Friedhof wohnen. Aber sie bleiben fremd, das Deutsche will nicht so recht funktionieren. Und immer das Warten auf Post, vom Vater, vom Kinderheim. Ludi findet einen richtigen Freund, Siegfried, durch ihn wird er mit Dingen und Worten konfrontiert, die ihn verwirren. Aber noch schmerzlicher als das Fehlen des Vaters ist für Ludi der Bruder, den er zurücklassen musste in diesem Heim. In poetischen Worten beschreibt Sepp Mall diese Geschwisterliebe, die auch nicht vergeht, als der Bruder „plötzlich“ verstirbt. Nur in Andeutungen wird erzählt, was den kranken und behinderten Kindern in den Heil- und Pflegeanstalten widerfahren ist. Wir wissen es heute, damals wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, wenn jemand einfach nicht wiederkam, weg war, wie vom Boden verschluckt.
Ludi, der unterdessen schon kein Kind mehr ist, sondern ein Jugendlicher, wird nicht einen Tag verleben, ohne mit seinem Bruder Zwiesprache zu halten. Er sieht ihn am Tisch sitzen, aus dem Fenster schauen, spürt, wie er sich an ihn kuschelt und seine Hand berührt. Der Geist des kleinen Hanno, der so flauschige Härchen hat wie ein Eichhörnchen, der wird bewahrt, seine Seele ist nie tot in diesem Buch.
Sepp Mall beschreibt seine Protagonisten mit viel Liebe und Hingabe, eine jede Figur kommt einem nah, sei es die Mutter, die mit einer tiefen Depression kämpft, Ludi mit seinen Gedanken und Phantasien, Hanno mit seiner Vorliebe für Käfer und alles Lebendige, der Vater mit der Last des Gewissens und der Kriegserlebnisse oder die Kinder, die den „Sudetenhund“ totprügeln, alles sticht einem tief ins Herz. Die poetische Schreibweise, die die deutsche Sprache verehrt, macht einen Großteil der Faszination dieses Romans aus. Eigentlich traurig, dass er schon zu Ende ist.
Ich empfehle dieses Buch sehr, es ist ein Meisterwerk, das den Kummer des Einzelnen im Krieg so lebendig werden lässt und der ein Sinnbild ist für das Unrecht, dass geschehen ist. Niemand kann das je wieder gutmachen, aber Schriftsteller wie Sepp Mall können die Erinnerung bewahren und ein lebendiges Bild aller Opfer, der toten und der überlebenden, für unsere heutige Zeit weitergeben.
#dbp23 #NetGalleyDE
Bewertung
4/5
12.09.2023
eBook (ePUB 3)
„Auch wenn der Körper tot ist, die Seele bleibt am Leben“
Sepp Mall hat hier einen Roman verfasst, der mich etwas bedrückt zurückgelassen hat. Er schreibt von den Zuständen zur damaligen NS-Zeit aus der Perspektive eines kleinen Kindes. Wir erleben in diesem Buch, welche Schicksalsschläge die Familie des kleinen Ludi ertragen muss. Das alles wird in bildlicher Sprache erzählt. Der Autor zeigt auch, mit welchem Trauma die Menschen nach dieser Zeit noch leben müssen. Ich fand es beeindruckend, dass Sepp Mall ein Stück Zeitgeschichte nochmal aufgegriffen hat, sodass man nicht vergessen sollte, was damals passiert ist und das so etwas auch nie wieder passieren darf.
yellowdog
4/5
30.08.2023
eBook (ePUB 3)
Die Option
Ein Hund kam in die Küche ist ein starkes Buch und zu Recht für den deutschen Buchpreis nominiert. Es wirft einen intensiven Blick auf eine schlimme Zeit in Südtirol. Erzählt wird aus der Perspektive eines Kindes, doch die hat nicht viel kindliches mehr, denn seine Familie muss viel durchmachen. Da ist z.B. Ludis kleiner Bruder Hanno, der körperlich und geistig behindert ist. Er soll in eine Heil- und Pflegeanstalt.
Als Leser ahnt man schnell, dass es für Hanno nicht gut ausgehen wird.
Das belastet auch Ludi und Hannos Geist begleitet ihn zukünftig oft im Traum.
Die Familie ist beispielhaft für das südtirloische Schicksal vieler, die zwischen Italien und Deutschland zerrissen waren.
Der in Südtirol gebornen Schriftsteller Sepp Mall nutzt eine dichte Sprache. Er setzt sie mit Zurückhaltung ein und berührt doch eine emotionale Seite beim Leser.
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5/5
26.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Den Krieg durch Kinderaugen sehen...
Mein Buch des Jahres 2023 !
Der Jury des Deutschen Buchpreises sei Dank, den ohne
die Nominierung ,(zumindest) für die Longlist,,wäre ich
nicht auf dieses besondere, ja wertvolle Stück Literatur, gestoßen!
Dieser so fein gewobene Roman über die Grausamkeiten des Krieges,über den Verlust von Heimat und
über den unsagbaren Verlust des eigenen Bruders hat mich
teilweise erstarren lassen...groß oft die Traurigkeit,die Einsamkeit, und das elementare Vermissen eines geliebten
Menschen...ganz kunstvoll und in einer eigenen...oft wundersamen und bildhaften Sprache erzählt!
Ich bin sehr begeistert!!!!
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4/5
02.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dunkle Zeiten
Ein wirklich interessanter Roman des Deutschen Reiches.
Aus der Perspektive eines jungen Burschen, der miterleben muss, wie er und seine Familie Hitler treu waren und aus Italien nach Deutschland wanderten.
Wie sie seinen kranken, kleinen Bruder in eine Heilanstalt brachten und ihn nie wieder sehen würden und sein Vater eingezogen wird.
Aus der Sicht des Jungen ist es wirklich interessant geschrieben und bewirkt, dass man es aus kindlichen Augen sieht.
Wie er versucht zu verstehen, wieso das alles um ihn herum passiert und wieso niemand ihm Antworten geben möchte.
Super interessant und sehr lesenswert!
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