Die Welt der russisch-jüdischen Familie aus Hamburg, um die es in Maxim Billers neuem RomanMama Odessa geht, ist voller Geheimnisse, Verrat und Literatur. Wir hören aber auch ein kluges, schönes und wahrhaftiges Hörbuch über einen Sohn und eine Mutter, beide Schriftsteller, die sich lieben, wegen des Schreibens immer wieder verraten - und einander trotzdem nie verlieren.Mit beeindruckender Leichtigkeit spannt Maxim Biller einen Bogen vom Odessa des Zweiten Weltkriegs über die spätstalinistische Zeit bis in die Gegenwart. Alles hängt bei der Familie Grinbaum miteinander zusammen: das Nazi-Massaker an den Juden von Odessa 1941, dem der Großvater wie durch ein Wunder entkommt, ein KGB-Giftanschlag, der dem Vater des Erzählers gilt und die Ehefrau trifft, die zionistischen Träumereien des Vaters, der am Ende mit seiner Familie im Hamburger Grindelviertel strandet, wo nichts mehr an die jüdische Vergangenheit des Stadtteils erinnert - und wo er aufhört seine Frau zu lieben, um sie wegen einer Deutschen zu verlassen. Dennoch scheint ständig ein schönes, helles Licht durch die Zeilen dieses oft tieftraurigen, außergewöhnlichen Buchs.Mama Odessaist ein literarisches Meisterstück von größter Präzision und poetischer Kraft, wie es auf Deutsch nur selten gelingt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Quickborn
5/5
30.08.2023
Hörbuch-Download (MP3)
Was wäre die deutsche Buchwelt ohne Maxim Biller?
Da würde mir viel fehlen, über Biller kann ich gleichzeitig lachen und weinen. Genial.
Gelesen wird dieses Hörbuch vom Schauspieler Jens Harzer, dem der Text auf den Leib geschrieben scheint. Jede Szene ist authentisch, leicht ironisch und einfühlsam gespielt. Mehr kann man von einem Hörbuchsprecher nicht verlangen.
Maxim Biller beschreibt eine Jugend in Hamburg, die (s)eine/Mischas Emigrantenfamilie, erlebt. Etwas makaber wird das Ganze, wenn er über die neue Frau seines Vaters als "Nazihure" berichtet, aber das sind offenbar Mischas Eindrücke, unverfälscht und heftig. Die Mutter hingegen ist Mama Odessa in Reinkultur. Später, wenn Mischa erwachsen wird, lauern andere Fallstricke, die enge Bindung an die Mutter aber bleibt ein Leben lang.
Es ist wohl einiges autobiographisch im Buch, aber es ist keine Autobiographie von Biller. Mit dieser hat er wohl vorerst abgeschlossen, aber die Emigrantenthematik und Hamburg bleiben dem Leser erhalten.
Ich bin froh, dass Biller seine Drohung, nach dem Beginn des Ukrainekrieges nun nicht mehr schriftstellerisch tätig zu sein, nicht wahrgemacht hat. Es wäre sehr schade. Wobei der Buchtitel Mama Odessa mit dem jetzigen Geschehen dort nichts gemein hat, aber es geht einem eben nicht aus dem Kopf.
Absolute Hörempfehlung!
Sabine
aus Köln
3/5
17.09.2023
Hörbuch-Download (MP3)
Mama Odessas
Erzählt wird die Geschichte der Familie Grinbaum aus Sicht des Sohnes Micha. Vater und Großvater des Erzählers entkamen knapp dem Juden-Massaker in Odessa 1941 – letztlich sind sie im Hamburger Grindelviertel gelandet, hier jedoch bricht die Familie auseinander: Vater Grinberg hatte immer Sehnsucht nach Israel und gibt diesem Gefühl schließlich nach. Er verlässt Hamburg mit einer anderen Frau und lässt Mutter und Sohn zurück.
Das Leben ist für die beiden nicht leicht, mehr recht als schlecht schlagen sie sich aber durch. Auch als Micha nach München zieht, bricht die Verbindung zwischen beiden nicht ab – sicher auch, weil sich beide der Literatur widmen: Während die Mutter Geschichten erzählt, auch aus ihrer eigenen Kindheit in Odessa, widmet sich Micha eher den Romanen. Und spät trifft er auch noch mal auf seinen Vater – ein Treffen, das ihn manches mit anderen Augen sehen lassen wird.
Wie viel autobiografisches in diesem Buc steckt, kann ich nicht sagen, an mancher Stelle kommt man aber nicht drumherum, genau das zu denken. Maxim Biller hat eine Geschichte mit viel Gefühl und Sehnsucht geschrieben, das merkt man sofort, wenn man in das Hörbuch hineinhört. Ein wenig verwirrt hat mich die fehlende Chronologie – es sind viele einzelne Geschichten aus verschiedenen Lebensabschnitten von Mutter, Vater und Micha und erst in Zusammensicht ergibt sich schließlich ein großes Ganzes. Das Bild muss sich der Leser bzw. Hörer aber selber zusammensetzen, für ihn gibt es lediglich viele einzelne Puzzlestücke. Die Liebe zur Literatur bleibt dabei aber ein vorherrschendes Element – sowohl die von Micha als auch die seiner Mutter.
Es gibt viele erschreckende Momente in dem Hörbuch, gar nicht, weil so detailliert in die Tiefe gehend berichtet wird, was geschieht, sondern weil trotz der Oberflächlichkeit der Schmerz und die Verletztheit in vielen Situationen zu spüren ist. Es werde viele Themen angesprochen, doch leider bleibt Maxim Biller bei den meisten sehr oberflächlich, so dass der Eindruck eines unzuverlässigen Erzählers entsteht und man sich als Hörer bzw. Leser viele eigene Gedanken machen kann und muss.
Das Verhältnis von Micha zu seiner Mutter ist durchaus ein tiefes, wenn auch nicht immer innig, je mehr sie aber aus ihrer Kindheit erzählt, desto mehr Verständnis kann Micha für vieles aufbringen. Ähnlich ist es mit seinem Vater – an ihm lässt er zunächst kein gutes Haar und hier ist seine Wortwahl auch sehr harsch. Das Treffen mit dem Vater ist dann ein zwar wortarmes aber sehr erhellendes.
Der Schreibstil ist erstaunlich leicht und gut les- bzw. hörbar; aber durch die vielen Zeitsprünge in der Erzählung muss man trotzdem mit Konzentration hören, sonst könnte man den Anschluss verpassen. Der Sprecher Jens Harzer war mir bisher gänzlich unbekannt, er hat das Hörbuch aber sehr gut eingesprochen und mit seiner noch jung klingenden Stimme sehr gut zum Erzähler gepasst. Er hat dem eher ruhigen Hörbuch trotz der schrecklichen Inhalte Leben einhauchen können.
Bewertung
5/5
01.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Hommage eines Sohnes an die...
Die Hommage eines Sohnes an die verstorbene Mutter - beide wortgewandte Autoren!
Ein Feuerwerk an Gefühlen: tiefe Traurigkeit, herbe Enttäuschung, Verlust und Findung, wunderbare Leichtigkeit, tiefer Respekt und viel Liebe.
Ein poetisches Meisterwerk - wunderbar!
Circlestonesbooks.blog
5/5
18.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein beeindruckendes Leseerlebn…
Ein beeindruckendes Leseerlebnis „Im Mai 1987 – ich war erst sechsundzwanzig Jahre alt – schrieb mir meine Mutter auf einer alten russischen Schreibmaschine einen Brief, den sie nie abschickte.“ (Zitat Pos. 55) Inhalt 1971 durfte die jüdische Familie Grinbaum aus der Sowjetunion ausreisen, doch statt in Tel Aviv, wie sein Vater Gena es sich gewünscht und geplant hatte, landen sie in der Bieberstraße 7 im Hamburger Grindelviertel. Hätte Aljona Grinbaum Jahre später ihren Mann auf einer seiner Reisen nach Israel begleitet, hätte dieser vielleicht die junge Deutsche nicht kennengelernt, wegen der er nun seine Frau verlässt. Mischa Grinbaum, der Sohn, ist noch ein Kind, als sie Odessa verlassen, inzwischen ist er längst erwachsen und Schriftsteller. Die großen Lücken in der Geschichte seiner Familie füllen sich erst langsam, verbinden sich mit seinen plötzlich wieder auftauchenden Kindheitserinnerungen, als er nach dem Tod seiner Mutter neben den alten Unterlagen und Fotoalben auch das Manuskript für ihr zweites, nicht mehr veröffentlichtes, Buch findet, und ein Bündel Briefe, die sie im Laufe vieler Jahre an ihn geschrieben, aber nicht abgeschickt hatte. Thema und Genre Im Mittelpunkt dieses Generationen- und Familienromans einer russisch-jüdischen Familie steht der Schriftsteller Mischa Grinbaum und natürlich sind Literatur und das Schreiben Themen, doch vor allem geht es um die Konflikte in Eltern-Kind-Beziehungen, um Familiengeheimnisse und der Geschichte der Juden in Russland. Charaktere Im gedanklichen Hintergrund der Familie immer präsent ist Jaakow Gaikowitsch Katschmorian, Aljonas Vater, Mischas Großvater, der in Odessa geblieben ist. Mischa beginnt seine Laufbahn als Schriftsteller schon in jungen Jahren, während seine Mutter zwar ihr ganzes Leben lang ihre eigenen Erfahrungen als Erzählungen niederschreibt, doch als ihr erstes Buch herauskommt, ist sie weit über sechzig Jahre alt. Sie lieben einander, aber besonders Mischa braucht viel Abstand. Den Zugang zu seiner Mutter findet er, indem er über sie schreibt. Erzählform und Sprache Mischa schreibt die Geschichte seiner Familie in der ersten Person, in Kapiteln, doch es gibt keine chronologische, fortlaufende Handlung. Es sind, wie in der persönlichen Erinnerung, Episoden, die je nach Situation und Ereignis auftauchen, und daher auch lebhaft wiederholt zwischen den Zeiten wechseln, von der Gegenwart in unterschiedliche Jahre in der Vergangenheit, und wieder zurück. Erzählungen aus dem Buch der Mutter, jeweils ein eigenes Kapitel, vertiefen mit weiteren Details, die der Ich-Erzähler nicht wissen kann. Dennoch, und hier zeigt sich auch in diesem Roman das besondere Können des Autors, entsteht nie eine Unruhe in den Abläufen, es bleiben am Ende keine offenen Erzählstränge, sondern die Einzelteile füllen die Lücken eines im Hintergrund immer präsenten Gesamtbildes einer Familiengeschichte mit allen Höhen, Tiefen, Konflikten und Geheimnissen. Die Sprache ist einfühlsam, in den Beschreibungen präzise, bunt und lebhaft und man liest dieses Buch mit Vergnügen. Fazit Eine beeindruckende, vielseitige Familiengeschichte über den Verlust der Heimat, und die Suche nach dem Platz und Sinn im eigenen Leben, in deren Mittelpunkt eine von Konflikten und dennoch tiefer Zärtlichkeit füreinander geprägte Mutter-Sohn-Beziehung steht.
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
4/5
13.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mutter und Sohn oder Das Jetzt und das Gestern
Maxim Biller hat mich schon mit zwei anderen Büchern beeindruckt, das erste Buch war “Sechs Koffer” und das zweite sein “Der falsche Gruß”. “Sechs Koffer” fand ich autobiographisch und nachhallend, “Der falsche Gruß” war für mich eine schöne Gesellschaftskritik, die perfekt in die Zeit passt. “Mama Odessa” schließt wieder an das Autobiographische an, allerdings nicht so vollkommen durchschimmernd wie in “Sechs Koffer”, hier in “Mama Odessa” ist mehr künstlerische Freiheit heraus lesbar. Allerdings ist es nicht weniger nachhallend.
Mutter und Sohn, eine komplexe Beziehungswelt. Maxim Biller meistert dieses Gefühlskonstrukt sehr schön in meinen Augen. Ich habe mich wie auch schon bei “Sechs Koffer” oft im Netz aufgehalten und gesucht. Nicht nur zur familiären Situation Billers. Nein. Auch zu geschichtlichen Ereignissen im Odessa des zweiten Weltkriegs. Denn auch um die Geschichte geht es. Gerade dies ist in der heutigen Zeit sicher schlimm für Maxim Biller. Dieser unsägliche Krieg. Wenn dieses Grauen nur bald vorbei wäre. Wenn diese unsägliche Gier nur endlich enden würde! Aber gut, dies fällt wahrscheinlich in das Reich der Träume. Gerade heute, wo die Kriegstreiber überall wieder lauter werden.
Maxim Biller erzählt in “Mama Odessa” eine Mutter-Sohn-Geschichte, eine Geschichte über die Liebe zur Literatur, aber auch eine Geschichte, die von einer Liebe zu Odessa spricht. Ein schönes Buch. Aber “Mama Odessa” ist nicht nur schön und rund. Es beschäftigt sich auch mit den weniger schönen Seiten des Menschen, mit den Fehlern in uns und mit dem Egoismus in uns. Aber wer erwartet schon ein nur schönes Buch von Maxim Biller. Denn Biller legt nun einmal gern den Finger in Wunden. Und mir gefällt dies sehr gut.
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4/5
14.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte von Mischa über...
Die Geschichte von Mischa über sich selbst und seiner Familie, sowie deren Familiengeschichte hat mich gut unterhalten, mich zum Schmunzeln gebracht und mich ab und zu wundern lassen. Insgesamt waren es interessante 5 Stunden und 22 Minuten.
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