Es gibt zwei Arten, auf das Heranrollen einer Lawine zu reagieren: Die einen erstarren, die anderen ergreifen die Flucht. Umgeben von schlecht laufenden Berghotels und ordentlich bepflanzten Vorgärten wachsen die Halbgeschwister Nora und Leo in einem bayerischen Dorf auf. An den zu guten Tagen löst Nora der Mutter Schmerztabletten in Wellnesswasser mit Pfirsichgeschmack auf, wischt Wimperntusche aus ihrem Gesicht. Leo zertrümmert Fenster und Erwartungen, dealt auf dem Schulhof. Als ihr Elternhaus in Flammen aufgeht, verschwindet Leo spurlos.
Zehn Jahre später steht Nora in Berlin als junge Geologin kurz vor ihrem Durchbruch. Sie weiß nicht, dass Leo sich nahe Moskau eine prekäre Existenz aufgebaut hat: Mit den europäischen Sanktionen nach der Krim-Annexion und der Zuspitzung im Donbass floriert der Schwarzmarkt, Leo treibt per Anhalter durchs Land und schmuggelt westliche Waren. Während seine Schwester versucht, alles unter Kontrolle zu behalten, hat Leo alle Bindungen gekappt, lebt ein freies, schutzloses Leben. Doch beide eint ein besonderes Talent: die Vorahnung von Katastrophen, ihr »Lawinengespür«. Und so nehmen beide das beginnende Beben wahr - ein Unheil naht.
Paula Schweers erzählt die Geschichte zweier Halbgeschwister, deren Sinne das Leben zu früh geschärft hat. Ein Debüt von souveräner Kraft und mitreißender Erzähllust.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
5/5
05.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vielschichtig, atmosphärisch und spannend
Klare Empfehlung!
Dieser Roman entwickelt ab der ersten Seite einen Sog, man will ihn nicht mehr aus der Hand legen und er lädt aufgrund seiner Vielschichtigkeit zum mehrmaligen Lesen und Nachdenken ein.
Besonders überzeugt haben mich die kaum zu beschreibende, ganz eigene Atmosphäre des Romans und seine Feinheiten, der Fluss der Sprache und die Ausarbeitung der beiden Hauptcharaktere und deren Beziehung zueinander.
Ein sehr berührendes Buch, das trotz der Schicksale der beiden Geschwister viele humorvolle Szenen hat und unbedingt bis zum Ende gelesen werden sollte.
mari_liest
4/5
28.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührend, kluger Debütroman
„Menschen hatten die Tendenz, andere zu ihren Projekten zu machen. Irgendwas schien ihnen daran zu gefallen, aus einem verwahrlosten jungen Mann herauszuholen, was in ihm steckte.“ (S. 50)
Seit Kindheitstagen schon besitzen Nora und Leo die Gabe. Die Gabe des „Lawinengespürs“. Das Gespür zu wissen, wann die Schneemassen vom Berg auf das bayrische Dorf, in dem sie leben, losstürmen. Was sie nicht erspürte war das drohende Unheil, dass die Familie traf, als ihr Bruder Leo das Elternhaus in Flammen aufgingen lies und für immer verschwand. Die Eltern scherten sich kaum um ihre Kinder und so war es an den Kindern sich ihr Leben selbst gestalten. Nora übernahm die Rolle ihrer Mutter. Und Leo lies buchstäblich die Sau heraus.
„Es gibt zwei Arten, auf das Heranrollen einer Lawine zu reagieren: Die einen erstarren, die anderen ergreifen die Flucht.“ (KT)
Wir sind in zwei Zeitstränge bzw. zwei Orten: Berlin und Moskau. Und so folgen wir 10 Jahre später den Leben von Nora und Leo in unterschiedlichen Städten, unterschiedlichen Milieus und Tagesabläufen. Nora hat einen tollen Meilenstein geschafft. Die Abschlussarbeit ihres Studiums soll prämiert werden. Der ganze Schweiß hat sich ausgezahlt. Die akademische Karriere kann beginnen. Doch plötzlich rollt eine „Lawine“ auf Nora zu und sie kann sie nicht stoppen. Und während Nora sich zurückzieht, sich ihrer Hilfslosigkeit ergibt und „erstarrt“, verläuft das Leben von Leo in Moskau täglichen Hardcore-Serpentinen. Kein fester Wohnsitz, fast täglich auf der Suche nach Unterschlupf, einem Halt. Man spürt richtig die fehlende Beständigkeit, die er andererseits aber so sehr negiert. Er streift in gangsterhafter Manier als Drogendealer durch das desolate Russland, wo ihm täglich auch die feindselige Haltung gegenüber queeren Menschen entgegenschlägt; auch gewaltvoll entgegenschlägt. Die Atmosphäre beim Lesen ist geprägt von Verzweiflung, Resignation, Widerstand. Der Kick für ihn wohl: täglich am Rande des Wahnsinns, um sich zu spüren (!?).
Schweers zeichnet ein traumatisches Bild zweier Erwachsener, die in ihrer Kindheit total verloren waren, sich in dauernden Ausnahmezuständen befanden, während sich niemand so richtig um sie kümmerte. Genauso wie am Cover musste sich das Leben an vielen Tagen für die beiden anfühlen, wenn einen quasi die traumatischen Kindheitserlebnisse von hinten, heimtückisch erschlagen und niederringen. Ihr Schreibstil, die Atmosphäre und die Vielschichtigkeit erzeugen einen Sog und lassen mich Tage danach immer noch nachdenken.
Ein berührender, kluger und eindrücklicher #Roman – an vielen Stellen ist er laut, stellenweise auch brutal; an vielen Stelle hauchend – tolles #Buchdebüt!
Lust_auf_literatur
4/5
06.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Atmosphärisch und vielschichtig
Dieses Cover! Zusammen mit dem Titel eine unwiderstehliche Kombination, die ich unmöglich an mir vorbeigehen lassen kann.
Nach dem Lesen weiß ich, auch der Inhalt entwickelt eine ganz eigene Stimmung, die schwer in Worte zu fassen ist.
Die Halbgeschwister wuchsen im Mief der bayrischen Provinz nahe der Grenze auf. Die Eltern bieten keine Geborgenheit, das Umfeld ist schwierig.
Nora wird später das Gefühl haben, ihrer Vergangenheit nie entkommen zu sein.
“Meine Herkunft saß in Zähnen, Knochen und Sprache fest, in dem Dialekt, den ich nie völlig loswurde.”
Leo hingegen verzweifelt an der Enge eines Spießerlebens und will gewaltsam ausbrechen, konsumiert und dealt mit Drogen.
“Manche seiner Kunden hatten bei ihm Crystal gekauft, um ein bürgerliches Leben mit Haus, Kindern und Vollzeitjob auszuhalten, das sie hassten, und zugleich Freiheit zu empfinden durch den Stoff, der sie an dieses Leben kettete, weil sie häusliche Sicherheit und Geld brauchten, um sich Crystal zu kaufen.”
Dann verschwindet Leo.
10 Jahre später, im Sommer 2019:
Nora, die Ich-Erzählerin lebt nicht mehr in der Provinz, sie lebt in Berlin und es ist ihr für ein “paar glückliche Jahre gelungen, das Chaos aus meinem Leben herauszuhalten.“ Sie steht kurz vor einem vielversprechenden akademischen Erfolg, der das Ende ihrer prekären Situation bedeuten könnte.
Doch Nora schlittert in eine Krise.
“Der Alltag zerfiel”
Parallel in Moskau:
Leo treibt als Kleinkrimineller haltlos durch eine verlorene, queerfeindliche Stimmung eines verwahrlosten Russlands.
“Die typische Mischung aus Resignation, Widerwillen und Verzweiflung” liegt in der Luft. Er ist immer auf der Suche nach Unterschlupf, nach Halt, nach einem Familienersatz.
Erst später im Laufe des Romans wird mir der Zusammenhang zwischen dem Entgleiten der Kontrolle in Noras Leben, ihrer Angst Erfolg zu haben und den damaligen Umständen von Leos Verschwinden klar.
Die Geschwister, so unterschiedlich in ihrem Lebensweg, in ihrem Charakter und doch verbunden durch ihre Vergangenheit und ihr „Lawinengespür“.
“Ich wusste, dass ich Katastrophen voraussehen konnte, bevor sie eintraten. Das lag an dem Lawinengespür, das ich als Kind entwickelt hatte. Bevor Schnee und Schlamm einen Abhang am Großen Arber herunterstürzten, fühlte ich, dass etwas in der Luft lag.”
Schweers atmosphärischer und literarisch stark erzählter Debütroman braucht bei mir ein bißchen Zeit um zu wirken. Die Themen entfalten sich subtil, aber tiefenwirksam. Ich lesen den Roman, den ich besonders in den ersten und letzten Kapiteln fesselnd finde, sehr gerne. Über eine gewisse Repetitivität und Langamtigkeit im Mittelteil kann mir der ansprechende und bilderzeugende Sprachstil gut hinweghelfen.
Ich finde den Roman stimmungsvoll und vielschichtig, seine volle Wirkung entfaltet er erst auf den zweiten Blick und er lässt bei mir noch einen Rest Rätselhaftigkeit stehen, der mir hier sehr gut gefällt.
Sarah
aus Chemnitz
4/5
01.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starkes Debüt
Nora und Leo wachsen in einem kleinen bayrischen Dorf auf. Der Vater kümmert sich nicht, die Mutter gibt sich dem Alkohol hin. Als ein Feuer in ihrem Elternhaus ausbricht, verschwindet Leo spurlos, lässt seine kleine Halbschwester allein.
Leos Leben entwickelt sich so weiter, wie es begonnen hat… er nimmt und verkauft Drogen, sucht Stress, wo es geht, gerät immer wieder in gefährliche Kreise.
Nora dagegen steht kurz vor einem Durchbruch als Geologin, kann aber ihren Ruhm nicht genießen, da sie mit einer Angststörung zu kämpfen hat.
Beide wurden in frühester Kindheit darauf geschult Lawinenabgänge frühzeitig zu erkennen und so entwickeln sie ein „Lawinengespür“, dass auch andere herannahende Katastrophen ankündigt.
10 Jahre nach Leos Verschwinden hat Nora wieder so ein Gefühl… und damit liegt sie nicht falsch.
-
Die Geschichte läuft auf zwei Ebenen. Zum einen verfolgen wir Noras Leben, zum anderen Leos.
Während Nora sich, trotz ihrer schweren Kindheit, sehr gut entwickelt hat, lebt Leo ein Leben am Limit. So nach und nach, erfährt man nicht nur die Ereignisse aus der Gegenwart, sondern es ergibt sich auch ein Bild der vergangenen Geschehnisse rund um die Kindheit und das verheerende Feuer. Trotz einiger Längen gelingt es der Autorin Spannung aufzubauen, mich als Leserin am Ball zu halten.
Ich hab sowohl mit Nora gelitten, ihr gewünscht, dass sie ihre Angst besiegt und ihr Leben wieder aufnimmt, als auch über Leo des Kopf geschüttelt und gehofft, dass er die Kurve bekommt und selbst versteht, dass das, was er tut, selbstzerstörerisch ist.
Am Ende musste ich einsehen, dass nicht jede Geschichte ein Happy End haben kann… so ist das Leben nun manchmal.
-
In meinen Augen eine realistische Erzählung ohne große Ausschmückung, die getragen wird von Paula Schweers sehr angenehmen Schreibstil. Ein Blick in andere Leben, ein Gefühl für Abgründe der menschlichen Existenz, ein Gespür für heranrollende „Lawinen“ und eine Empfehlung für euch.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.