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„Segen der Erde“ ist der bekannteste Roman des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun (1859-1952), für den er 1920 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte von Isak, einem einfachen Bauern, der das karge norwegische Land urbar macht. Weit im Norden baut er sich beharrlich eine Existenz auf. Bald gesellt sich Inger zu ihm. Sie bekommen zwei Söhne … dann noch ein Kind mit Hasenscharte, die Mutter, selber davon gezeichnet, erwürgt es sogleich, doch die Behörden erfahren davon. Inger muss ins Gefängnis. Doch Isak wartet auf sie, sechs lange Jahre, dann kommt Inger zurück - verändert, verfeinert, sie kann lesen, schreiben, nähen. Bildung, Mode und Geschwätzigkeit bringt sie in das Ödland. Ihr fällt es schwer, sich umzugewöhnen, das einfache Leben wieder aufzunehmen. Eindrucksvoll schildert Hamsun mit einer schlichten, aber kraftvollen Sprache die karge Landschaft und den harten Alltag von Isak und Inger sowie später seiner erwachsenen Söhne (und anderer norwegischer Siedler). Das in dem Roman vertretene Menschenbild, im Dritten Reich emphatisch begrüßt und durch die Ereignisse dieser Zeit in seiner Glaubwürdigkeit erschüttert, hat dennoch nichts von seiner Überzeitlichkeit eingebüßt. Die Autorin und Übersetzerin Gabriele Haefs geht in ihrem klugen Nachwort auf diese Problematik und Hamsuns politischen Irrweg kritisch ein.
Norwegischer Familien- und Gesellschaftsroman
yellowdog am 27.01.2021
Bewertungsnummer: 1253005
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Von Knut Hamsun halte ich einige seiner Romane für zeitlos grandios: Pan, Hunger, Gedämpftes Saitenspiel, Mysterien.
An sein berühmtes Buch Segen der Erde von 1917 hatte ich mich lange nicht ran getraut, aber jetzt ist es neu veröffentlicht. Die sicher zu Recht viel gelobte Übersetzung ist von Alken Bruns.
Meine früheren Vorbehalte speisten sich größtenteils aus dem Titel, der Blut-und-Boden-Ideologie mit Ideologisierung des Bauernlebens befürchten lässt, aber das trifft nicht zu und beim Lesen denkt man an so was sicher nicht. Leider deuteten es die Nationalsozialisten damals in ihrem Sinne.
Hamsuns Text bricht eigentlich mit diesen Erwartungen und der Text hat romantisierende wie gebrochene Passagen über das Bauernleben.
Zur Handlung: In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Der bisher herumwandernde Isak beginnt, sich in der norwegischen Wildnis eine Heimat zu schaffen. Er baut sich erst eine Hütte, später ein Haus, züchtet Vieh und bepflanzt das Land. Dann kommt Inger. Gemeinsam leben sie, bekommen Kinder und bewirtschaften dass Land erfolgreich.
Es gibt auch Rückschläge, wie Missernten und schließlich eine mehrjährige, unfreiwillig Trennung.
Doch dann kommen sie wieder zusammen und alles entwickelt sich weiter, auch der Ort, inzwischen Sellanra genannt, wächst. Das wird von Hamsun in einer klaren kontinuierlichen Art dargestellt.
Erwähnenswert auch das Nachwort des Literaturkrikers Peter Urban-Halle, ein Kenner skandinavischer Literatur, der u.a. über den Umgang mit Hamsun in Verehrung und Analyse spricht.
Der Roman hat eine wuchtige Wirkung und versteht es, den Leser zu fesseln. Es wird nie langweilig. Wer gerne einmal ein wichtiges Buch der Weltliteratur lesen möchte, ist bei diesem Klassiker richtig.
Meinung aus der Buchhandlung
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„Der Mensch und die Natur bekämpfen einander nicht, sie geben einander recht"
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Dieses 1920 erschienene Werk, das Hamsun den Literaturnobelpreis einbrachte, ist mehr als eine bloße Schilderung bäuerlicher Arbeit; es ist eine poetische Verdichtung des elementaren Menschseins, eine Feier des einfachen, zugleich harten Lebens, das nicht in Entfremdung, sondern in Einklang und Widerstreit mit den Jahreszeiten stattfindet. Dies ist eines jener Bücher, die lange nachwirken, die den eigenen Geist zu weiten vermögen. Der Roman entfaltet sich um die Gestalt Isak Sellanrås, eines Mannes, der, biblisch anmutend, aus dem Nichts heraus Land urbar macht, Holz fällt, Felder bestellt und eine Familie gründet. Hamsun erzählt Isaks Geschichte mit einer beinahe archaischen Ruhe, so wunderschön als wäre sie aus einer Zeit vor der Zeit, und gerade diese Ruhe verleiht dem Werk jene majestätische Kraft, die den Leser in Bann schlägt. Es ist keine Handlung, die in dramatischen Wendungen explodiert, sondern eine stille, stetige Entwicklung, bei der Arbeit, Geburt, Tod und Ernte gleichwertige Takte in einem großen, natürlichen Zyklus bilden. Diese poetische Langsamkeit ist ein bewusster Kontrapunkt zur Hektik der industriellen Moderne, gegen die Hamsun sich in vielen seiner Schriften stellte. Literarisch betrachtet lässt sich „Segen der Erde“ als Synthese verschiedener Strömungen einordnen: Es trägt in seiner ungeschönten Naturdarstellung Züge des Realismus und Naturalismus, zugleich aber durchzieht es eine fast mystische Grundierung, die an den Symbolismus erinnert. Hamsun, der in seinen früheren Werken („Hunger“, „Pan“) als Pionier einer psychologischen Moderne gefeiert wurde, kehrt hier in gewisser Weise zu den Wurzeln zurück – nicht im Sinne einer literarischen Regression, sondern als bewusster Akt der Verdichtung. Während im „Hunger“ das moderne, nervöse Großstadtindividuum im Zentrum steht, das in Zerrissenheit an sich selbst zugrunde geht, zeigt „Segen der Erde“ den Menschen in organischer Einbindung in eine größere Ordnung. Diese Ordnung ist keine idyllische Kulisse – Hamsun romantisiert nicht in der Art pastoraler Literatur des 19. Jahrhunderts –, sondern eine Wirklichkeit, in der Missernten, harte Winter und zwischenmenschliche Konflikte ebenso Platz haben wie Liebe, Fürsorge und schöpferische Arbeit. Der sprachliche Duktus des Romans ist von einer Schlichtheit, die nicht arm, sondern reich ist: Jede Beschreibung wirkt wie aus Holz geschnitzt, fest und dauerhaft, und dennoch schimmert in dieser sprachlichen Strenge ein feines lyrisches Licht. Wenn Hamsun einen Sonnenaufgang über den Bergen beschreibt, dann nicht in verschwenderischen Farben, sondern in klaren, konzentrierten Strichen – und doch ist die Szene von einer Schönheit, die gerade aus dieser Reduktion erwächst. Die Erzählstimme verhält sich dabei oft wie ein alter Geschichtenerzähler am Feuer: weise, leicht verschmitzt, manchmal ironisch, aber nie zynisch. Hamsuns Blick auf den Menschen ist nicht verklärt, doch er ist durchzogen von einer stillen Achtung vor der Fähigkeit, das eigene Leben im Einklang mit der Erde zu gestalten. Was „Segen der Erde“ so besonders macht, ist die Art, wie es das Epische mit dem Intimen verbindet. Einerseits ist Isaks Landnahme etwas Mythisches – ein Echo auf archetypische Erzählungen von den ersten Menschen, die aus Wildnis Kulturraum schaffen –, andererseits durchzieht den Text eine Genauigkeit im Beobachten kleinster Gesten, Blicke und unausgesprochener Spannungen zwischen den Figuren. Diese Kombination lässt den Roman wie ein Gewebe erscheinen, in dem sich grobe Leinenfäden und feine Seidenstränge ergänzen. In der literarischen Einordnung ist Hamsun mit diesem Werk kaum eindeutig einer Strömung zuzuschreiben. Er steht mit einem Bein in der Tradition skandinavischer Heimaterzählungen, wie sie bei Bjørnstjerne Bjørnson in idealisierteren Formen vorkommen, und mit dem anderen in einer eigenwilligen, fast anti-modernen Haltung, die in ihrem Antizivilisatorismus Berührungspunkte zu Tolstois Spätwerk oder auch zu den amerikanischen Transzendentalisten wie Thoreau aufweist. Gleichzeitig hallen in der Darstellung der Naturkräfte und der elementaren Arbeit auch biblische Töne wider: Die Erde, so scheint es, ist zugleich Fluch und Segen, und der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern auch von der Würde seiner Arbeit. Dass Hamsun selbst ein ambivalenter, auch ideologisch umstrittener Autor ist, darf bei einer heutigen Betrachtung nicht ausgeblendet werden. Seine späteren politischen Irrwege werfen lange Schatten, und doch bleibt „Segen der Erde“ als literarisches Werk ein in sich geschlossenes Kunstwerk, das unabhängig von diesen Verstrickungen betrachtet werden kann. Seine Schönheit liegt in der Reinheit, mit der es eine Welt zeigt, in der der Mensch noch spürbar mit den Kräften ringt, die ihn zugleich nähren und bedrohen. Auch im internationalen Vergleich wirkt „Segen der Erde“ wie ein Werk, das einerseits tief in einer regionalen Kultur wurzelt, andererseits universelle Themen berührt: die Frage, wie wir mit unserer Umwelt leben, wie Gemeinschaft entsteht und wie das Verhältnis zwischen Tradition und Veränderung gestaltet wird. In diesem Sinn kann man den Roman als ein frühes, unaufdringliches Werk der „ökologischen“ Literatur lesen – lange bevor dieser Begriff existierte. Hamsun schreibt nicht in der Pose des moralischen Mahners, sondern zeigt schlicht, was geschieht, wenn der Mensch seine Hände in die Erde legt, wenn er das Gras wachsen sieht, wenn er in den Rhythmus der Jahreszeiten eintaucht. Diese Schlichtheit ist trügerisch, denn sie ist das Resultat einer hohen erzählerischen Kunst. Der Aufbau des Romans folgt keiner starren Dramaturgie, sondern eher den organischen Wachstumsprozessen, die er beschreibt: Eine Handlungslinie treibt eine andere voran, Nebenfiguren treten in den Vordergrund, verschwinden, kehren wieder, so wie im wirklichen Leben Menschen kommen und gehen. Auch stilistisch ist Hamsun hier auf einem Höhepunkt seiner Kunst angelangt: Die Dialoge sind knapp, manchmal fast spröde, und dennoch öffnen sie ganze seelische Landschaften. In den Zwischentönen, im Ungesagten, liegt oft die tiefere Wahrheit. „Segen der Erde“ ist ein Roman, den man lesen kann wie ein Feld, über das man zu unterschiedlichen Jahreszeiten geht: Im Frühling staunt man über die zarten Triebe, im Sommer über die Fülle, im Herbst über die Ernte und im Winter über die stille Kraft des Ruhens. In jeder Lektürephase offenbaren sich neue Schichten – sei es die soziale Beobachtung der Veränderung des Dorflebens, die psychologische Feinarbeit in der Darstellung der Beziehungen oder die leise, aber deutliche Kritik an der Entfremdung durch Industrialisierung und Modernisierung. So ist es kein Zufall, dass der Titel „Segen der Erde“ nicht nur Dankbarkeit, sondern auch eine leise Mahnung trägt: Der Segen ist nicht selbstverständlich, er will erarbeitet, ja erlitten werden. In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und Entwurzelung dominieren, wirkt Hamsuns Werk wie ein literarischer Anker, der den Leser zurückbindet an eine Vorstellung vom Leben, in der Maß, Geduld und Zugehörigkeit zentrale Werte sind. Die Schönheit dieses Romans liegt gerade darin, dass er diese Werte nicht predigt, sondern durch seine Form, seine Sprache und seine Figuren atmend verkörpert. Man schließt das Buch nicht mit einem lauten Paukenschlag, sondern mit einem stillen, aber tiefen Gefühl der Erfüllung – so, als hätte man selbst, wie Isak, einen Tag lang das Land bestellt, den Himmel betrachtet und am Abend, erschöpft, aber zufrieden, in der Tür seines Hauses gestanden.
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