Was haben Laozi, Hildegard von Bingen, Montaigne, Marx, Freya von Moltke und Bruno Latour miteinander gemeinsam? Sie alle haben Bücher geschrieben, die man auf dem Weg in die Zukunft mit im Gepäck haben sollte. In diesem Band beantworten über hundert Autorinnen und Autoren die Frage, welches Buch in besonderer Weise in die Zukunft weist, indem sie es prägnant und kurzweilig präsentieren. So entsteht eine faszinierende virtuelle "Bibliothek der Zukunft" mit bekannten Klassikern und neu zu entdeckenden Werken, die zum Stöbern, Lesen, Nachdenken und zum mutigen Handeln für eine bessere Zukunft einlädt.
"Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern." Der berühmte Satz André Malraux' ist hier ganz wörtlich zu verstehen als eine Aufforderung, in Büchern der Vergangenheit zu blättern, um in der Zukunft zu lesen. In diesem Band stellen über hundert Autorinnen und Autoren herausragende Bücher vor, die auf unterschiedliche Weise Perspektiven für morgen eröffnen: indem sie eine dunkle Zukunft ausmalen wie George Orwell in 1984, indem sie auf vergangene Gefahren hinweisen, die auch in Zukunft virulent sein werden, wie Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, oder indem sie Zukunftsversionen entwerfen, die sich als Kritik der Gegenwart entpuppen, wie Louis-Sébastien Mercier in Das Jahr 2440. Vor allem aber geht es um wegweisende Bücher, die uns mit ihren klugen Gedanken, treffenden Beobachtungen und ihrer stilistischen Brillanz helfen, eine andere, bessere Welt zu denken, zu erträumen und zu gestalten.
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Bücher, die Perspektiven für…
LichtundSchatten am 27.10.2023
Bewertungsnummer: 2828678
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Bücher, die Perspektiven für die Zukunft eröffnen? Tun das nicht alle Bücher, auch die schlechtesten, weil sie uns lehren, was nicht so gut war in der Vergangenheit und welche Perspektiven deshalb besser wären in der kommenden Zeit? Ich war gespannt auf die Auswahl und natürlich habe ich nicht meine eigene Sichtweise erwartet. Insgesamt kann ich festhalten: es waren gute Dinge dabei, anregende, aber auch Verstörende. Also: Fragen, Widerspruch und Diskussion. All das lief ab beim Lesen dieses spannenden Buches. Buchbesprechungen über 4-5 Seiten können nicht umfassend sein, aber die behandelten Essenzen von 111 Büchern waren es alle wert, aufgenommen und bedacht zu werden. Wenige Romane, mehr Sachbücher und Essays, so die Inhalte. Für mich als Buchliebhaber waren viele neuen Dinge dabei. Gleich zu Beginn lese ich Gedanken von Christoph Links, der das Buch von Frantz Fanon skizziert: „Die Verdammten dieser Erde“. Es vermittelt die Gedankenwelt der revolutionären “Befreiungstheoretiker” der damaligen Zeit: schuld sind alle Weißen und Europa muss umdenken, gefordert wird eine radikale Umwälzung des globalen Systems. Nicht gesehen wird, dass die Aufklärung bzw. Europa die Sklaverei als inhuman beendete. Religiöse und ethnische Konflikte werden ausgeblendet. Auch die Ursachen der afrikanischen Probleme bzw. der Sklaverei werden nicht erforscht. Fanon hat sein Buch aus der Perspektive eines Betroffenen geschrieben, zurecht ein Aufschrei, subjektiv und wenig perspektivisch in die Zukunft gedacht. Es ist kein wissenschaftliches Werk, sondern ein Pamphlet mit enger Sichtweise: der Ablehnung Europas. Europäischer Geist, europäische Maßstäbe – das sind für Fanon keine Kriterien für den afrikanischen Kontinent. Er sagt stattdessen: "Das Leben kann für den Kolonisierten nur aus der verwesenden Leiche des Kolonialherren entstehen." Wie man das heute bezeichnen würde? Das Glasperlenspiel von Hesse sei eine Voraussage des Untergangs des Abendlandes, lesen wir von Kermani. Kermani hält nicht alles, was heute geschrieben wird, für wertlos. Und doch „keiner von uns (!) Gegenwärtigen hält dem Vergleich mit Kafka, Proust oder Beckett stand. „Unsere Romane, unsere Gedichte, unsere Dramen, sie mögen gut sein - aber sie definieren den Roman, das Gedicht, das Drama nicht mehr um.“ Nun, vermutlich blickt das heute so erfolglose Abendland nach Osten in das Morgenland, auf die dort sichtbaren aufklärerischen Eingebungen hoffend? Hesse plädierte in "Glasperlenspiel" an eine neue Innerlichkeit, die insbesondere Elemente des bürgerlichen Konfizianismus aufnehmen sollte. Den Mensch von Innen her ändern, ohne religiöse oder ideologische Scheuklappen, um damit das Kriegerische und Oberflächliche zu überwinden, das war sein Anliegen, weit davon entfernt, prophetische Voraussagen treffen zu wollen. Man lese dazu den sehr klugen Artikel von Fabian Nicolay: "Von Glasperlen und Bildungsidealen." Zum Buch von Ewald Said „Orientalismus“ steuert Andreas Eckert seine Gedanken bei. Ich sehe es anders, der vorgeführte Schauprozess Said’s im Rahmen einer höheren Moral war wenig wissenschaftlich und hilfreich. Heute darf über kulturelle Unterschiede gar nicht mehr geredet werden. Hier wäre das Buch von Siegfried Kohlhammer zu empfehlen: Islam und Toleranz. Von angenehmen Märchen und unangenehmen Tatsachen. Das Beste für die Zukunft ist selbst Nachdenken darüber. Dies hat dieses Buch bei mir tatsächlich erreicht. Allein, mein Lieblingsbuch wurde nicht behandelt: Prentice Mulford, Unfug des Lebens und des Sterbens. Die Kernaussage erbaut ganz einfach und trägt weitreichend in die Zukunft: "Immer den Mut wie eine Flamme vor sich tragen, nichts fürchten und nichts unmöglich nennen, niemanden hassen, aber seinen Irrtum meiden, alle lieben, aber das Vertrauen vorsichtig und weise verteilen." Ideologen und Schwarz-Weiß Denker*innen wie Thunberg - sie sind für mich suspekt, alle, die ein abgeschlossenes Weltbild haben und sicher sind. Dieses Buch macht unsicher, nachdenklich und wirkt gegen religiöse und ideologische Verzückungen: » Immer noch haben jene die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen.“ (Hölderlin)
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