Unterschiedlicher könnten die Zwillingsschwestern Judith und Rebecca nicht sein. Dennoch sind sie natürliche Verbündete. Isoliert von der Außenwelt wachsen sie in einem streng religiösen Elternhaus auf. Statt in die Schule zu gehen, lernen sie Latein beim Vikar ihres Vaters, der seiner Position als erster fremder Mann in ihrem Leben nicht gewachsen ist. Kein Wunder, dass sie im Alter von fünfzehn Jahren die Gelegenheit zur Flucht ergreifen. Ziel der Reise ist Rom, schließlich spricht man dort Latein. Stattdessen geraten sie in ein skurriles Dorf in Portugal. Mit einer ungesunden Portion Naivität machen sie sich auf, die Welt zu entdecken und entdecken vor allem sich selbst.
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Sehr gelungen
Ben @Buchkomet am 16.01.2025
Bewertungsnummer: 2387829
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Manchmal liest man ein Buch, das sich anfühlt wie eine Reise – nicht durch Länder, sondern durch die Köpfe und Herzen der Figuren. Freak Sisters von Christine Sterly-Paulsen ist so ein Buch. Es erzählt die Geschichte der Zwillingsschwestern Judith und Rebecca, die in einem strengen, religiösen Elternhaus aufwachsen und schließlich beschließen, ihrem einengenden Leben zu entfliehen. Was wie ein naiver Plan beginnt – nach Rom zu reisen, weil man dort Latein spricht – wird schnell zu einer turbulenten und manchmal verstörenden Reise in die große, unbekannte Welt.
Was dieses Buch besonders macht, ist der Blick auf die beiden Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch untrennbar miteinander verbunden sind. Die Autorin nimmt sich Zeit, um uns ihre inneren Kämpfe zu zeigen: ihre Unsicherheiten, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Suche nach dem eigenen Platz in einer Welt, die oft hart und ungerecht ist. Dabei werden auch schwere Themen nicht ausgespart – Isolation, Gewalt und das Fehlen von (Selbst)-Akzeptanz sind allgegenwärtig, aber sie werden auf eine behutsame und nachvollziehbare Weise erzählt.
Die Reise der Schwestern führt sie zwar nicht wie geplant nach Rom, sondern in ein skurriles Dorf in Portugal, doch genau dort entfaltet die Geschichte ihren Zauber. Die Begegnungen, die die beiden erleben, sind manchmal schmerzhaft, manchmal kurios, und immer lehrreich. Sie lernen nicht nur die Welt kennen, sondern auch sich selbst – und genau das ist der Kern dieser Geschichte. Es ist schön zu sehen, wie die beiden Stück für Stück wachsen, wie sie an ihren Erlebnissen reifen und langsam entdecken, was sie wirklich wollen und brauchen.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist der Schreibstil. Sterly-Paulsen schreibt mit einer Ruhe, die man in unserer hektischen Welt nur selten findet. Zwischen den Zeilen steckt so viel Lehrreiches, so viel Leben, dass man das Buch nicht einfach nur liest, sondern regelrecht darin versinkt. Man fiebert mit den Schwestern mit, wünscht ihnen nichts sehnlicher, als dass sie endlich ankommen – bei sich selbst und im Leben.
Freak Sisters ist kein klassischer Wohlfühlroman. Dafür sind die Themen zu ernst, die Erlebnisse zu rau. Aber es ist ein Buch, das Hoffnung macht. Hoffnung darauf, dass man nach allem Schmerz, nach aller Unsicherheit, seinen Weg finden kann. Es zeigt, dass es okay ist, Fehler zu machen, dass es okay ist, Zeit zu brauchen, um herauszufinden, wer man wirklich ist.
Ein Roman über das Suchen und Finden, über Schwesternschaft, Selbstakzeptanz und die kleinen Wunder des Lebens. Für alle, die Geschichten lieben, die das Herz berühren und den Blick auf die Welt ein kleines bisschen verändern. Sehr lesenswert.
10/10
Jeder hat doch irgendetwas…
DeviJi aus Hamburg am 08.10.2024
Bewertungsnummer: 2920701
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Jeder hat doch irgendetwas Hilfreiches aus seinem Elternhaus mitgenommen, so meint man. Jeder? Bei den Freak Sisters reduziert sich dies auf die Information, dass ein Mix aus klaren Schnäpsen abtreibend wirkt, und auf fließende Lateinkenntnisse. Dieser Roman verwandelt ein modernes doppeltes Wolfskind-Experiment, in dem überhaupt nichts zum anderen passen mag, in eine Reise des tiefen Vertrauens, vom Leben irgendwie getragen zu sein. Den Freak Sisters bleibt es vollständig erspart, von dem Wahnsinn gestutzt und gemästet zu werden, den wir gemeinhin Gesellschaft nennen. Sie haben die Chance, das Leben und ihre genialen Talente frei fliegend zu entdecken, nicht zwischen Eltern, von denen irgendetwas anzunehmen nicht einmal sie verrückt genug sind. Aber in einer anarchischen Gesellschaft von Aussteigern, die ihnen schenken, was jedes Kind bräuchte: Anregungen, ein Durcheinander ungebundener Lebenswelten und einen, dem sie vertrauen können. Und siehe da: Es braucht gar keine Kontrolettis, pädagogischen Konzepte, nicht einmal einen Ponyhof: Die kleinen Wildgänse lernen, das zu entfalten, was in ihnen steckt. Für den Leser ist es dabei gut, dass das Buch aus Seiten und Druckerfarbe besteht, denn besonders gut waschen tun sich die Schwestern dabei nicht. Passend zu den von ihr erschaffenen Antiheldinnen beglückt Christine Sterly-Paulsen den Leser damit, keinerlei literarischen Kaugummiblasen aus Creative-Writing-Kursen auf ihn loszulassen. Die Erzählung entfaltet sich von innen heraus, und Wendepunkte entstehen aus dem, was eben in diesen Leben geschieht. Die Freak Sisters, das ist deutlich, führen ein höchst eigenwilliges Eigenleben, das Sterly-Paulsen versucht, in den Rahmen von Sprache und Buchstaben zu fügen. Ein Buch für alle, die als Kinder an der Bushaltestelle darauf gewartet haben, von ihren wirklichen Eltern, vielleicht Außerirdischen, abgeholt zu werden. Für alle, die denken: Keine Macht für niemand. Und für alle, die außergewöhnliche Geschichten lieben. Danke, genial!
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