Zu Unterordnung und Anpassung erzogen, gewöhnt Jule sich daran, keine Fragen zu stellen, nicht zu verstehen. Die Schatten des Krieges lasten noch auf den Menschen und deren Sprache. Die Kindheit spielt kaum eine Rolle in der Öffentlichkeit und in den Familien. Sie sucht ihren eigenen Weg ohne die Unterstützung durch Erwachsene, auf dem sie eine tragische Erfahrung machen muss, an der sie zu verzweifeln droht. Depressionen werden verheimlicht, als Schwäche Einzelner betrachtet, die sich nicht zusammenreißen können. Ihre Geschichte ist nicht nur eine ergreifende Erzählung über den Mut, sich selbst zu finden. Sie ist auch das Spiegelbild einer Gesellschaft im Wandel, die versucht, die Geister der Vergangenheit zu vertreiben.
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Was machen die denn da? Warum tun sie das? Günter und Gerda quälen ein altersschwaches Motorrad durch die holprige Schneelandschaft irgendwo in Ostfriesland. Erst ein paar Seiten später verstehen wir, was hier vor sich geht und warum das erste Kapitel dieses Romans von Jutta Böttcher "Abbruch" heißt.
Es ist das Jahr 1951, eine Zeit der bigotten Prüderie und verlogenen Doppelmoral im Nachkriegsdeutschland. Gerda ist ungewollt schwanger und versucht mit so verzweifelten wie grotesken Mitteln, die Schwangerschaft abzubrechen. Sie ist mit Mutter und Kind aus Schlesien geflohen und lebt nun in einer Vertriebenensiedlung auf engstem Raum. Ihr Mann, einst stolzer SS-Offizier, ist jetzt ein magerer, wortkarger Mensch mit zitternden Händen, der ein schmales Einkommen als Torfstecher nach Hause bringt. In dieser Lage wäre ein drittes Kind zu viel. Aber weil die Abtreibungsversuche scheitern, kommt Jule schließlich doch zur Welt. "Ich brauche erstmal einen Schnaps", sagt Gerda, die "Tatsachenmutter", nach der Geburt. Bei aller Tragik hat der Roman immer wieder humorvolle und komische Momente.
Ein ungenannter Erzähler begleitet uns auch durch den zweiten Teil des Romans "Was bleibt – und was nicht". Er ist kein allwissender Erzähler, der seine Figuren formt und die Fäden zieht. Vielmehr ist er szenischer Beobachter, der sich nicht einmischt, nicht bewertet, seinen Protagonisten den Vortritt lässt. Er zeigt die Personen – in ihrem Alltag, in ihren Dialogen und Selbstgesprächen, im Umgang miteinander und im Spiegel der anderen.
Der zweite Teil erzählt aus dem Leben der kleinen Jule und ihrer Familie in Ostfriesland, der neuen Unterkunft, die nie wirklich zur Heimat werden wird. Die Realität in der Fremde mit den drei Kindern und einem Mann, der ihr ebenso fremd geworden ist, überfordert die Mutter. Sie ist dann auch schon mal gereizt und wimmelt die Kinder ab. Da kommen ihr die zeittypischen Sprüche wie "Schreien kräftigt die Lungen" und "Auf keinen Fall darf das Kind verwöhnt werden" gerade recht. Stolz zitiert sie den Bestseller "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind": Man habe Kinder zu füttern und zu wickeln, ansonsten in Ruhe zu lassen und nicht durch Liebe zu verweichlichen.
Jule ist von Anfang an auf sich allein gestellt. Das kleine Mädchen muss mit Anfeindungen in der Siedlung, sexuellen Übergriffen und einem schweren Unfall zurechtkommen, ohne die beschützende Unterstützung von ihren Eltern. Auch später, als es um Schulbildung und Studium geht, wirken Vater und Mutter teilnahmslos und desinteressiert. Sie sind jedoch nicht ablehnend oder gefühllos, nur hilf- und ratlos in einem Leben, das sie sich einmal ganz anders vorgestellt hatten.
Die 50er Jahre sind die "bleierne Zeit" in Deutschland. Man will sich nicht erinnern und schweigt über die nationalsozialistische Vergangenheit. Auch Jules Eltern weichen aus und flüchten sich in Erinnerungen. Gerda träumt sich zurück in ihr Leben vor dem Krieg in Schlesien, als es noch schöne Kleider gab und man sich schick beim Sonntagsspaziergang zeigte. Der Vater streichelt selbstvergessen seinen sorgsam aufbewahrten Militärmantel mit den vielen Aufnähern und Orden. Das Vertrauen in die Kriegsgeneration bröckelt.
Die 50er Jahre sind aber auch die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, es geht aufwärts. Jules Familie profitiert wie alle anderen vom Aufschwung, der Vater ist jetzt in einem Bekleidungsgeschäft angestellt und kann sich einen Ford Taunus leisten. Und er wird seiner Tochter sogar ein Studium finanzieren, wozu er sich erst nach einigem Zögern durchringt – schließlich liegt die Adenauer-Ära nicht lange zurück, in der die Frau ihre Berufung als Ehefrau und Mutter zu finden hatte.
Im dritten Teil wechselt die Erzählperspektive. Jetzt ist Jule die Ich-Erzählerin. Sie lebt und studiert in Hamburg in den frühen 70er Jahren, die geprägt sind von der 68er-Bewegung und politischer Agitation. Jule steht den politischen K-Gruppen zwiespältig gegenüber. Ihr Vater wettert über die langhaarigen Krawallmacher und sie widerspricht nicht, weil sie sich im Spiegel des Vaters noch immer für dumm hält. Sie weiß sich aber dann sehr wohl zu emanzipieren von den politischen Aktivisten mit ihrer Propagandasprache, die sie anödet, die sie zu dogmatisch findet und selbstgerecht.
Ihr Leben nimmt eine Wende, als sie Wolfram kennenlernt. Er ist Kunststudent, sie heiraten. "Wir waren so eng miteinander" wird sie später sagen, als sie den verzweifelten Kampf um ihn verloren hat. Seine Krankheit kommt in Wellen. Auch Jules beständige Fürsorge und Hilfsbereitschaft kann die depressiven Episoden nicht mildern. Das Gespräch mit einem Psychiater endet ergebnislos. Jule ist wieder allein.
Der Roman ist bodenständig und unsentimental geschrieben – und sehr bewegend zu lesen. Am meisten berührt hat mich die ungeschönte, offene Annäherung an die Menschen, die von Diktatur und Krieg geprägt sind und sich irgendwie in der Zusammenbruchsgesellschaft einrichten müssen. Wie ihnen das mehr oder weniger gelingt, zeigt dieses Buch mit viel Zeitkolorit. So entfaltet sich, wie im Vorbeigehen, ein schlaglichtartiges Panorama der Bundesrepublik der fünfziger bis achtziger Jahre.
Nach einer langen Zeit der Trauer sagt Jule am Ende: "Ich bin wieder zurück". Das lässt auf eine Fortsetzung des Romans hoffen.
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