Wie die Hungerepidemien der 1930er-Jahre die Ukraine veränderten: Anne Applebaums monumentales Zeugnis des Holodomors verleiht Millionen ukrainischen Opfern eine Stimme
Der gegenwärtige Krieg in der Ukraine ist ohne diese historische Last nicht zu verstehen – der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern 1932 und 1933, Holodomor genannt, war eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und sie hat Folgen bis heute – Stalins „Krieg gegen die Ukraine“ hat sich tief im kollektiven Bewusstsein der osteuropäischen Völker verankert.
Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum vereint in ihrer Darstellung auf eindrückliche Weise die Perspektive der Täter und jene der Opfer: Sie zeigt Stalins Terrorregime gegen die Ukraine, die Umstände der Vernichtungspolitik - und verleiht zugleich den hungernden Ukrainern eine Stimme. Ein gewaltiges Buch, erschütternd und erhellend zugleich.
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Stalins Terror Durch den Ukraine-Krieg hat dieses drei Jahre alte Buch an Aktualität gewonnen. Es beschreibt die Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert. Nach einer kurzen Phase der Unabhängigkeit im Ersten Weltkrieg wird das Land Teil der Sowjetunion. Dort gab es zunächst eine Zeit, in der selbst in der Schule Ukrainisch gesprochen wurde. Doch zunächst wurde die Intelligenz verfolgt, dann die reiche Bauern, „Kulaken“ genannt“, gejagt. Dank der Schwarzböden versprechen die ukrainischen Felder die beste Ernte, doch reiche Bauern sind im Kommunismus unerwünscht. Schon Anfang der 20er Jahre wurde versucht sie in Kolchosen einzugliedern. Doch der Erfolg dieser Maßnahme waren nur sinkende Ernteerträge. Lenin begann Ende der 20 Jahre mit einer neuen Wirtschaftsordnung, die Stalin solange fortsetzte, bis er seine innerparteilichen Gegner besiegt hatte. Dann schickte er 15.000 Anhänger auf das Land, die den Kulaken die Ernte wegnahmen, ja sogar das Saatgut mitnahmen. Die unabhängigen Bauern sollten Teil einer Kolchose werden. 1932 begann eine Hungersnot ohne Vorbild. Um zu überleben, aßen die Bauern Katzen und Hunde, ja selbst Beispiele von Kannibalismus werden im Buch ausführlich behandelt. Die Beispiele sind so extrem, dass sie selbst beim Lesen nur schwer erträglich sind. Manche Eltern fressen regelrecht ihre Kinder, andere Eltern tun alles, damit die Kinder von der Hungersnot erzählen. Acht Millionen Menschen starben oder wurde nicht geboren. Viele überlebten nur, weil sie eine Kuh für die tägliche Milch behalten durften. Die Kommunisten versuchten nämlich, diese Hungersnot geheimzuhalten. Wie Putin das Wort „Krieg“ verbietet, war es verboten, von Hungersnot zu sprechen. Kluge Diplomaten, wie vor allem der italienische Botschafter und andere, die das Land besuchten, bekamen den Terror dennoch mit. Glaubhafter erschien im Westen aber der Journalist der New York Times, der sich ans Regime heranschleimte, mit Stalin Interviews durchführte und wie Moskau es wünschte, nur von „Lebensmittelengpässen“ sprach. Die Frage, ob man von einem Völkermord sprechen kann, hat mich weniger interessiert. Während die Russen in Moskau von der Hungersnot nur wenig mitbekamen, waren neben der Ukraine auch der Nordkaukasus und Gebiete an der Wolga betroffen. Und während die Bauern hungerten, bekamen die Industriearbeiter in den Städten dank Zuteilungen des Staates davon wenig mit. Dieses Buch ist ein Dokument über ein Ereignis, das mir zuvor unbekannt war. 5 Sterne
Vergangenheit erklärt Gegenwart
Nicole Korzonnek aus Hamburg am 16.03.2022
Bewertungsnummer: 1676212
Bewertet: eBook (ePUB)
Die Ukraine kennt den Hunger! Ausgerechnet die Kornkammer Europas! So wird das derzeit vom Krieg terrorisierte Land ja gerne genannt. Zur Zeiten der Sowjetunion war die Ukraine indes die Kornkammer Russlands. Bereits unter Lenin fand 1922/23 eine große Hungersnot statt. Doch Lenin ließ internationale Hilfe ins Land, sodass allein die Amerikaner mit ihren Lebensmittelversorgungen 11 Millionen Ukrainern das Leben retten konnten. Stalin indes ging 1932/33 - also genau zehn Jahre später - anders vor. Nachdem die ukrainischen Bauern von ihm zwangskollektiviert wurden, presste er sie aus. Die Kornabgaben waren gigantisch. Schließlich wollte Stalin in der Sowjetunion die Industrialisierung vorantreiben. Missernten wurden von ihm nicht beachtet. Irgendwann mussten die Bauern in den Kolchosen sogar ihr Saatgut abgeben, damit ausländische Aufträge erfüllt werden konnten. Es war also eine Hungersnot mit Anlauf und kreischender Ansage. Statt dann aber dem Ausland zu gestatten, den Ukrainern zu helfen, wurden die Grenzen in alle Richtungen dicht gemacht. Knapp 4 Millionen Menschen starben in der Ukraine. Diese Hungersnot ist dort dementsprechend als Holomodor - Tötung durch Hunger - in die Geschichte eingegangen.
Jedenfalls in die Geschichte der Ukraine. Denn Russland leugnet den Holomodor nach wie vor. Und weigert sich dementsprechend auch, von einem Genozid am urkainischen Volk zu sprechen. Anne Applebaums Buch widmet sich zentral diesem Holomodor, geht tatsächlich aber weit darüber hinaus. Denn sie setzt diese Hungersnot in einen geschichtlichen Kontext, widmet sich zuerst der Historie des Landes. Polen, Russland, Polen, Russland - die Ukraine war nie so richtig ein souveräner Staat, gehörte entweder zu dem einen Land oder dem anderen Reich. Während die Polen die kulturellen Unterschiede akzeptierten, versuchte die Sowjetunion eben diese auszumerzen. Ukrainisch wurde ebenso verboten, wie Kunst und Kultur “russisiert” wurden. Bereits Lenin verfolgte Intellektuelle, Dichter und Denker der Ukraine - Stalin führte sein Werk fort. Und zwar gründlich.
Applebaum spannt hier also einen ganz weiten Bogen. In der Mitte dann eingebettet: der Holomodor. Genau diese Passagen nagten bei mir ziemlich an der Substanz. Die Steigerung des Leids bricht einem das Herz: erst betteln, dann Eicheln und Gräser essen. Und dann? Sterben. Oder auch Kannibalismus. Wobei diese große Verzweiflungstat tatsächlich die Ausnahme war. Doch der Hunger entmenschlichte auch auf vielen anderen Ebenen, wie Applebaums sorgfältig zusammengesuchte Augenzeugenberichte belegen. Das ist alles ebenso intensiv wie erschreckend.
Und dann geht Applebaum weiter. Bis ins Jahr 2015. Sie spannt den historischen Kontext weiter, bettet ihn ein. Zum Beispiel, dass der Begriff Holomodor bis heute nicht anerkannt ist. Oder dass die russische Regierung jeden als Nazi (aha!) beschimpft, der ihn verwendet. Oder dass das Hungersnot-Denkmal auf der Krim gezielt von den Russen 2014/15 durch Bomben zerstört wurde. Letztlich geht das Buch dann weit über den Hunger hinaus, denn es macht greifbarer, warum Putin gerade seinen terroristischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit einer solch irrsinnigen Verbissenheit führt. Und warum die Ukrainer derart leidenschaftlich dagegenhalten. Ein großes Buch, das derzeit aktueller denn je ist - auch wenn es sich mit der Vergangenheit beschäftigt.
Meinung aus der Buchhandlung
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Wenn Sie mehr über die Zusammenhänge des Dilemmas zwischen Russland und der Ukraine wissen und mehr Hintergrundinformationen dazu haben möchten, dann empfehle ich Ihnen unbedingt „Roter Hunger“.
Anne Applebaum führt uns in flüssig und sehr interessant zu lesender Weise umfassend durch dieses schwierige Thema.
Unbedingte Leseempfehlung.
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