Ein poetisches Debüt über die Unterdrückung von Frauenrechten. »Ein außergewöhnlicher Roman, der Körperlichkeit und Nicht-Zugehörigkeit in Sprache übersetzt.« Olga Grjasnowa»Ein unverheiratetes, unschuldiges Mädchen lässt sich leicht von einer verheirateten Frau unterscheiden: Der erste und wichtigste Unterschied sind die Augenbrauen.« Die aserbaidschanische Community, die in Russland in der Diaspora lebt, ist streng konservativ. Schon als Kind kann sich die Erzählerin schwer in die patriarchale muslimische Gesellschaft einfügen. Eine Krankheit drängt und befreit sie zugleich aus ihrer Rolle der schönen, heiratsfähigen Tochter …Jegana Dschabbarowa zeigt uns in ihrem ersten Roman eine verborgene Welt. Sie erzählt ihre eigene und die Geschichte der Frauen ihrer Familie ganz direkt und entlang ihres Körpers und verblüfft mit Eleganz und der poetischen Kraft ihres Erzählens.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Ein Einblick in eine andere Welt, die aserbaidschanische Diaspora in Russland. So poetisch, klug, feministisch. Konnte es nicht mehr aus der Hand legen und freue mich jetzt bereits auf weitere Werke der Autorin.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
12.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beherrschter Körper einer Frau
Ein ganz außergewöhnlicher Roman und zugleich ein tiefer Einblick in die aserbaidschanische Gesellschaft. Die Erzählerin beschreibt ihr Aufwachsen als Frau anhand verschiedener Körperteile, die die Kapitel des Buches ausmachen und vor allem den Unterschied zwischen verheirateter und Jungfrau betonen. Deutlich wird ein starres Rollenverständnis, das einer Frau nur den Status als Ehefrau und Mutter zubilligt. Die Erzählerin ist beides nicht und hat daher mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Sehr empfehlenswert.
ClaraVeritas
5/5
16.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein literarisches Mosaik weiblicher Erfahrung im Patriarchat
Jegana Dschabbarowa legt mit „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ ein literarisch starkes und ungewöhnliches Debüt vor. Es ist kein klassischer Roman mit Handlung und Spannungsbogen, sondern ein eindringliches literarisches Körperportrait. Jedes Kapitel widmet sich einem Körperteil – Schultern, Hände, Zunge, Rücken, Beine, Hals, Bauch – und verknüpft es mit kulturellen Erwartungen, familiären und eigenen Erinnerungen sowie den Einschränkungen durch Krankheit. So entsteht ein Mosaik aus persönlicher und kollektiver Geschichte.
Im Zentrum steht die Erfahrung der aserbaidschanischen Diaspora: Die Erzählerin lebt in Russland, doch die strengen patriarchalen Traditionen ihrer Herkunftsfamilie bestimmen weiterhin ihren Alltag. Dadurch wächst sie in zwei Welten auf – in keiner ganz zuhause, in beiden fremd. Diese kulturelle Zerrissenheit prägt den Blick auf den eigenen Körper.
Immer wieder wird deutlich, wie der weibliche Körper zum Austragungsort patriarchaler Erwartungen wird: Augenbrauen als Symbol der Unschuld, Haare als Zeichen von Vergangenheit und Familientradition, der Rücken als Last der Generationen. Tabuthemen wie Menstruation, Jungfräulichkeit, Gewalt in der Ehe oder die Sprachlosigkeit der Frauen werden offen und oft erschütternd angesprochen. Dschabbarowa zeigt, wie Frauen selbst das Patriarchat stützen, indem sie andere kontrollieren und ausschließen, wenn diese nicht in die Norm passen.
Besonders bemerkenswert ist, wie Krankheit hier zu einer paradoxen Form der Befreiung wird. Weil der Körper nicht den Erwartungen entspricht, entzieht er die Erzählerin dem Zwang zur Heirat – und zwingt sie zugleich, intensiver auf sich selbst zu hören. Krankheit eröffnet einen Raum der Selbstbestimmung: Sie erlaubt ihr, zu schreiben, die eigene Stimme zu finden und den Zugriff patriarchaler Strukturen teilweise zu umgehen.
Die Sprache ist poetisch, verdichtet und essayistisch; Spannung entsteht nicht durch Handlung, sondern durch Bilder, Symbolik und Reflexionen. Wer sich darauf einlässt, findet ein literarisches Werk, das persönliche Erfahrung, kollektive Erinnerung und kulturelle Reflexion meisterhaft miteinander verschränkt.
Nicht geeignet ist das Buch für Leser:innen, die einen klassischen Roman mit Handlung, Figurenentwicklung und Spannungsbogen suchen. Auch die intensiven Schilderungen von Krankheit und körperlichen Einschränkungen können fordernd sein.
Fazit: Ein literarisch außergewöhnliches Debüt, das eindringlich zeigt, wie der weibliche Körper zum Schlachtfeld gesellschaftlicher Erwartungen wird – und den Blick öffnet auf weibliche Erfahrung zwischen den Welten: zwischen Aserbaidschan und Russland, zwischen Tradition und Selbstbehauptung, zwischen Schweigen und Stimme.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
31.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mir war ein vollkommen anderes Schicksal zugedacht
Jegana Dschabbarowas autobiografisch geprägter Debütroman „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ hatte mich vom Titel und Klappentext her sofort angesprochen.
Die Ich-Erzählerin wächst in Russland innerhalb einer streng konservativen muslimisch-aserbaidschanischen Community auf, in der die Rolle der Frau streng festgelegt ist: sie muss unberührt bleiben, heiraten und dem Ehemann gehorchen. Reden oder widersprechen dürfen die Frauen nicht.
„Der Mund war nicht zum Sprechen bestimmt: Alle Frauen, die ich um mich herum sah, sagten niemals, was sie wirklich sagen wollten, keine mischte sich je in die Gespräche der Männer ein, weil sich das für Frauen nicht gehörte. Der Mund war dazu da, Essen zu probieren, Essen zu verspeisen, Kinder in den Schlaf zu singen und Regeln auszusprechen.“
Als Mitglied der aserbaidschanischen Diaspora ist die Protagonistin wie ihre Famlie Rassismus, Unterdrückung und Diskriminierung ausgeliefert; dies prägt das Leben von klein auf.
„Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein.“
Eine schwere neurologische Krankheit (Dystonie) befreit die Protagonistin quasi von den gesellschaftlichen Erwartungen, die Rolle der schönen, heiratsfähigen Tochter zu erfüllen. Ihr Körper gilt nun als „mangelhafte Ware“ … und eröffnet ihr so die Möglichkeit zur Selbstbestimmtheit.
„Ich hatte gewusst, dass man mir die Haare abrasieren würde, ich hatte gewusst, dass es unvermeidlich war. Und dennoch fing ich an zu weinen, als ich mich mit dem rasierten Kopf im Spiegel sah.
Alles: meine Vergangenheit, die Vergangenheit der Frauen meiner Familie, die Geschichte eines einzelnen Körpers – das alles lag nun auf dem alten Boden des Behandlungsraums. Ich wusste, dass ich nie wieder ein Teil der Vergangenheit sein würde, nie mehr so leben würde wie bisher, mir nie mehr lange Zöpfe flechten würde wie meine Großmütter, mir war ein vollkommen anderes Schicksal zugedacht.“
Interessant fand ich hier vor allem die Umsetzung, denn erzählt wird nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern die Geschichte ist aufgegliedert in 11 Kapitel, die jeweils nach einem Körperteil (Haare, Augenbrauen, Mund, Hände, Zugen, Rücken, Bauch, Schultern, …) benannt sind. Anhand dieser Körperteile beschreibt die Protagonistin ihre eigene und die Geschichte der Frauen ihrer Familie: wie der weibliche Körper unter der patriarchalen Unterdrückung als Objekt der Kontrolle dient, innerhalb der Familie und innerhalb der Kultur.
„Die Hände der Frauen in meiner Familie sind nicht zum Schreiben bestimmt“ – doch die Autorin findet gerade in der Sprache und im Schreiben ein Werkzeug des Widerstands, sie prangert die misogynen Strukturen und die Doppeldiskriminierung (als Fremde in Russland sowie als Frau im Patriarchat) an.
„Auf allen Familienfotos ist mein Gesicht zuverlässig hinter Büchern verborgen, vielleicht nannte mich bibi deswegen einen “russischen Professor”. Jedes Mal wenn Verwandte bei Tisch meine Schwester und mich rus bala nannten, brach etwas in mir, ich verstand nicht, warum sie uns für russische Kinder hielten, führte uns doch jeder Tag in Russland das Gegenteil vor Augen: Wir waren keine russischen Kinder - genau das missfiel unseren Klassenkameraden und allen anderen. Wo war dann zu Hause, wenn man uns hier als Fremde betrachtete, uns nicht als Teil der Welt ansah? Offenbar passen wir, wie fehlerhafte Puzzleteile, in keine der beiden Welten. Was passiert mit den Teilen eines Puzzles, die nicht passen, wie man sie auch dreht und wendet, gibt es einen Ort für sie? Wo ist so einem Fall die “Heimat”? Vielleicht waren wir wirklich rus bala geworden, schrieben und lasen wir doch auf Russisch, wie kam es, dass die einzige Sprache, in der ich mich ausdrücken konnte, keine liebevollen Worte für mich hatte - sie schleuderte mir Beleidigungen entgegen wie tote Maiskörner, erinnerte mich daran, dass ich schwarz, anders, Affe, Ausländer, Kanacke, eine Fremde war. Ich war Teil dieser Sprache geworden, aber sie vergiftete mich wie kontaminiertes Wasser …“
„Wir haben einander lange genug mit dem tödlichen Griff der Angst die Kehlen zugedrückt: Was, wenn jemand es sieht, was, wenn jemand es erfährt, was werden die Leute sagen, was werden deine Verwandten denken, was wird dein Vater tun, wenn er davon erfährt – jahrelang hatten wir die feste Kette der Angst um den Hals, die uns die Luft abschnürte, wie mir die Dystonie.“
„Die Hände der Frauen in meiner Familie sind nicht zum Schreiben bestimmt“ ist ein berührender, außergewöhnlicher Roman über das Gefühl, nicht dazuzugehören und über Körperlichkeit, der mir noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben wird.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
08.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Frauenunterdrückung, Fremd-Sein und Krankheit in Körperteilen erzählt
Die Hände der Frauen in Jegana Dschabbarowas Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, sondern zum Arbeiten, Kochen, Nähen, Sticken und Kinder-Wiegen. Und doch, sie schreibt schon seit ihrer Kindheit und hat mit diesem autofiktionalen Roman ihr Debüt veröffentlicht, im Original auf Russisch, hier ins Deutsche übersetzt von Maria Rajer.
Die Kapitel sind jeweils nach Körperteilen benannt, so geht es beispielsweise um die Bäuche von Frauen und um das Schwanger-Werden und Gebären. Um die Münder, die bei den aserbaidschanischen Frauen in der Familie der Autorin nicht viel sprechen sollen und niemals einem Mann widersprechen: "Für eine Frau gehört es sich nicht zu sprechen, für eine Frau gehört es sich nicht zu widersprechen, eine Frau darf nie vergessen, dass sie Objekt, nicht Subjekt eines Satzes ist, doch das Wichtigste, das uns seine Fäuste lehrten, war zu schweigen, unsere Hoffnungen und Träume für uns zu behalten, unsere schrecklichen Geheimnisse niemals jemandem anzuvertrauen." (S. 29)
Um die Augenbrauen, durch die sich verheiratete von "unschuldigen", ledigen Frauen unterscheiden: nur erstere haben das Privileg, sie sich zupfen zu dürfen. Um die Schultern, die so viel tragen müssen: harte Arbeit, aber auch das Fremd-Sein, beschimpft und mit dem Leben bedroht werden als sichtbar nicht-russisch aussehende Menschen in Russland: "... ich weiß nur noch, wie meine Schultern von dem schweren Rucksack wehtaten, wie er gegen meinen unteren Rücken knallte, wie ich nach Luft rang, was für eine Angst ich hatte. Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein." (S. 52)
Das Buch folgt keinem strikten Spannungsbogen, stattdessen nähert es sich in einzelnen Erzählepisoden, die eben jeweils von einem Körperteil inspiriert sind, drei großen Themen an: dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der aserbaidschanischen Familie der Autorin, der damit einhergehenden Unterdrückung der Frauen und dem engen Korsett an gesellschaftlicher Kontrolle und Verhaltensregeln, um die Ehre zu bewahren. Dem Aserbaidschanisch-Sein und als fremd wahrgenommen werden, während man in Russland lebt und sich bemüht, sich sprachlich und kulturell an die russische Gesellschaft anzupassen und gleichzeitig die eigenen kulturellen Wurzeln zu bewahren. Und einer degenerativen Muskelerkrankung, die dazu führt, dass die Ich-Erzählerin immer mehr die Kontrolle über ihren eigenen Körper verliert... aber gleichzeitig auf einer anderen Ebene an Freiheit dazu gewinnt, weil von ihr dadurch weniger erwartet wird, zu heiraten und Kinder zu kriegen.
Es ist ein interessant und gut geschriebenes Buch über eine fremde Kultur, die vielen Leserinnen und Lesern im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt sein dürfte. Ich habe beim Lesen viele wertvolle Einblicke gewonnen, ein bisschen haben mir allerdings ein roter Faden und eine noch tiefergreifende Figurencharakterisierung und -entwicklung abseits der ganz persönlichen Eindrücke gefehlt.
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5/5
11.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Aserbaidschanisch, russisch -
Unglaublich berührend und poetisch malt die Protagonistin ein Bild ihrer Familie und erkundet, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert Teil einer stark religiösen Gemeinschaft in der Diaspora zu sein. Es wird in Körperlichkeit gesprochen und jedes Verbot, jede Zurückweisung hinterlässt einen Kratzer auf der Membran zwischen Leser:in und Erzählerin. Geht nur zu verschlingen!
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