Ein intensiver Roman über Glauben, Freiheit und die Suche nach dem eigenen Selbst. Rita wächst im katholisch geprägten Sizilien auf – zwischen Heiligenbildern, Schweigen und Machtstrukturen, die Frauen in der Gesellschaft auf ihren Platz verweisen. Erst als sie nach Deutschland emigriert, beginnt sie, diese Prägungen zu hinterfragen. Im Thomasevangelium entdeckt sie die Idee weiblicher Selbstermächtigung – und wagt den Schritt in eine Männerdomäne: die IT. Doch alte Sehnsüchte lassen sie nicht los.Zwischen einer Ehe, die von Kontrolle und Entfremdung bestimmt ist, und einer zerstörerischen Liebe zu einem Narzissten gerät Rita in ein Geflecht aus Abhängigkeit und Rebellion. Ihr Ringen zwischen Spiritualität und Selbstbestimmung wird zur Spiegelung einer ganzen Generation von Frauen.Ein literarisch kraftvoller Roman, der die psychologischen Brüche einer Frau sichtbar macht, die sich von überlieferten Rollenbildern befreien will und doch in den Verlockungen ihrer eigenen Illusionen gefangen bleibt.
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Das Ei tanzt mit dem Stein von Lidwina Schäfer ist ein Beziehungsroman. Die Autorin erzählt nicht beobachtend, sondern aus dem Innersten heraus, und genau dadurch entsteht eine intensive Nähe zwischen Leserin und Protagonistin Rita. Die Sprache wirkt wie ein Seismograf des Innenlebens: kurze Atemzüge, verdichtete Bilder, wiederkehrende Schlüsselwörter, Gedankenfragmente, innere Monologe - alles ist auf radikale Ehrlichkeit ausgerichtet. Man wird nicht über Gefühle informiert, man wird in sie hineingezogen.
Der Text ist roh, und gerade deshalb authentisch. Roh - aber niemals schlampig. Schäfer verzichtet konsequent auf künstliche Metaphern, übertriebene Poetik oder distanziertes Erzählen. Stattdessen gibt es unmittelbare Emotion, Schmerz ohne Filter und eine schonungslose Innenschau, die fast dokumentarisch wirkt. Dieses bewusst “unschöne” Erzählen ist moderne Literatur. Es erinnert an Autorinnen wie Annie Ernaux, als Vorreiterin der Autofiktion, Marie Cardinal, die sich schon früh mit der Beziehung zwischen Körper, Psyche und Erinnerung beschäftigt hat, an prosaische Passagen von Sylvia Plath, der Ikone der confessional poetry (Bekenntnislyrik) oder an Elena Ferrante, die emotionale Abhängigkeiten präzise und psychologisch realistisch darstellte.
Bei Schäfers Roman auffällig, ist der gezielte Einsatz von Wiederholungen: Zittern, Sehnsucht, Alleinsein, Körperbilder, der Verlust von Selbstwert. Das ist kein Stilbruch, sondern ein bewusstes Mittel, um Gedankenkreisen, Traumabindung und seelische Ausnahmezustände abzubilden. Psychologisch stimmig, literarisch sehr wirkungsvoll.
Besonders stark sind die konkreten Szenen - Begegnungen mit Moritz, Hypnosesitzungen, Momente tiefer Verzweiflung. Hier ist die Sprache klar, sensorisch, filmisch und körperlich präzise. Sie erzeugt Bilder, keine bloßen Behauptungen. Auch der Rhythmus der Sprache folgt dem emotionalen Zustand: Atemlose, kurze Sätze in der Angst, weichere Passagen in der Erinnerung, klare Formulierungen in Momenten von Erkenntnis. Das zeugt von großer sprachlicher Intuition und Reife.
Manchmal schrammt der Text bewusst an der Grenze zur Schonungslosigkeit und weicht keinen Schritt zurück. Er zeigt hässliche Gedanken, Bedürftigkeit, unidealisierten Körper und Sexualität, unverhüllte Angst. Diese radikale Ehrlichkeit ist die größte Stärke des autofiktionalen Erzählens.
Die Sprache ist nicht glatt - und genau deshalb wertvoll. Sie besteht aus Splittern, Rissen, Bruchkanten und Atemlosigkeit. So wie Rita ist. So wie die Erfahrung ist. So wie das Leben in diesem Moment ist.
Fazit: Eine starke, intime, psychologisch hochpräzise Sprache. Nicht “schön” im dekorativen Sinn, aber wahr im literarischen. Eine eigene Stimme - keine Nachahmung. Und das ist das höchste Gütesiegel für Literatur.
Bewertung
5/5
16.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein wertvoller Anstoß für Frauen und Männer
Ein Buch, das trifft auch dort, wo man es nicht erwartet. Auch als Mann habe ich von diesem Buch unwahrscheinlich profitiert
Für mich war dieser Roman keine leichte, aber eine sehr lohnende Lektüre. Er hat Dinge berührt, die tief sitzen. Da sind Schichten, die man im Alltag gern bedeckt hält. Ritas Ringen um Freiheit und Selbstbestimmung ist nicht nur eine Frauengeschichte. Es ist eine menschliche Geschichte. Beim Lesen bin ich immer wieder bei Moritz hängengeblieben. Diese Figur hat etwas von einem Mantel aus Fellstücken. Das sind Bruchstücke von Erfahrungen, Verletzungen, Überlebensstrategien. Man erkennt etwas, aber nie das Ganze. Vielleicht, weil kein Mensch ganz durchschaubar ist. Zum Glück. Ich habe solche Fellstücke auch.
Als ich von Moritz’ anfänglicher Impotenz las,im Umgang mit Rita, wurde mir klar: Dahinter steckt oft mehr als ein körperliches Symptom. Worte können lähmen. Wenn ein Anderer, hier seine Exfrau, ihm immer wieder das handwerkliche Können abspricht, ist das mehr als Kritik. Es kann sein Fundament erschüttern. Ich kenne dieses Gefühl. Mein Vater hat mir von klein auf vermittelt, dass ich „zwei linke Hände“ habe. Diese Stimmen haben sich eingebrannt. Später, wenn es beruflich schwierig wurde, habe ich oft aufgegeben und bin geflüchtet. Ich bin gerade in Behandlung, aber das Buch hat mir wieder gezeigt, wie tief solche Erfahrungen reichen. Was mich an diesem Roman besonders beeindruckt hat, ist seine Ehrlichkeit. Er zeigt die Machtstrukturen, die Frauen fesseln, aber auch, wie Männer durch andere Prägungen verletzt werden und wie beides miteinander verwoben ist. Es ist kein Wohlfühlbuch. Aber ein Buch, das etwas aufbricht. Etwas, das man vielleicht lange unter dem eigenen Fell verborgen hat. Damit wird es zu einem sehr guten Buch, denn es bewegt und bewirkt etwas. Der Schreibstil der Autorin ist sehr gut, ich habe das Buch am Stück lesen können und es war sehr angenehm ihren Gedanken zu folgen.
Israelfreund
5/5
16.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch für Frauen und…
Ein Buch für Frauen und Männer Ein Buch, das trifft auch dort, wo man es nicht erwartet. Auch als Mann habe ich von diesem Buch unwahrscheinlich profitiert Für mich war dieser Roman keine leichte, aber eine sehr lohnende Lektüre. Er hat Dinge berührt, die tief sitzen. Da sind Schichten, die man im Alltag gern bedeckt hält. Ritas Ringen um Freiheit und Selbstbestimmung ist nicht nur eine Frauengeschichte. Es ist eine menschliche Geschichte. Beim Lesen bin ich immer wieder bei Moritz hängengeblieben. Diese Figur hat etwas von einem Mantel aus Fellstücken. Das sind Bruchstücke von Erfahrungen, Verletzungen, Überlebensstrategien. Man erkennt etwas, aber nie das Ganze. Vielleicht, weil kein Mensch ganz durchschaubar ist. Zum Glück. Ich habe solche Fellstücke auch. Als ich von Moritz’ anfänglicher Impotenz las,im Umgang mit Rita, wurde mir klar: Dahinter steckt oft mehr als ein körperliches Symptom. Worte können lähmen. Wenn ein Anderer, hier seine Exfrau, ihm immer wieder das handwerkliche Können abspricht, ist das mehr als Kritik. Es kann sein Fundament erschüttern. Ich kenne dieses Gefühl. Mein Vater hat mir von klein auf vermittelt, dass ich „zwei linke Hände“ habe. Diese Stimmen haben sich eingebrannt. Später, wenn es beruflich schwierig wurde, habe ich oft aufgegeben und bin geflüchtet. Ich bin gerade in Behandlung, aber das Buch hat mir wieder gezeigt, wie tief solche Erfahrungen reichen. Was mich an diesem Roman besonders beeindruckt hat, ist seine Ehrlichkeit. Er zeigt die Machtstrukturen, die Frauen fesseln, aber auch, wie Männer durch andere Prägungen verletzt werden und wie beides miteinander verwoben ist. Es ist kein Wohlfühlbuch. Aber ein Buch, das etwas aufbricht. Etwas, das man vielleicht lange unter dem eigenen Fell verborgen hat. Damit wird es zu einem sehr guten Buch, denn es bewegt und bewirkt etwas. Der Schreibstil der Autorin ist sehr gut, ich habe das Buch am Stück lesen können und es war sehr angenehm ihren Gedanken zu folgen.
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