»Zsömle trage er im Herzen« – der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers
In »Zsömle ist weg« überrascht László Krasznahorkai mit einem Roman voll milder Melancholie, sarkastischem Humor und großer Seltsamkeit.
Wer vor der Politik flieht, den sucht sie heim. Onkel Józsi hat alles getan, um vor den Augen der Welt zu verschwinden, seine Familie und seine Herkunft hat er geheim gehalten: Er ist Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, die auf verschlungenen Wegen bis Dschingis Khan zurückreicht. Sogar Anspruch auf den ungarischen Thron könnte er erheben, aber er will sich nicht in die Politik einmischen und lebt, wie alle seine Vorfahren, im Verborgenen.
Bis er von einer merkwürdigen Schar vermeintlicher Anhänger aufgespürt wird – von unverbesserlichen Monarchisten und verschrobenen Archivaren. Mit Ungarn gehe es bergab, der Glanz sei dahin, alles sei verloren, da sind sich alle einig. Als sie ihre Pläne enthüllen, zerreißt das Gespinst. Die Nähte des Lebens sind verschlissen, die Gedanken jagen sich im Kreis, das Glück gibt es nur noch retrospektiv. Bleibt nur die Flucht …
In seiner episch-melodischen Sprache, die sich dem Schlusspunkt verweigert und wie ein fließender Strom voranschreitet, erzählt László Krasznahorkai in »Zsömle ist weg«, seinem neuen Roman, die Geschichte eines geheimen Thronfolgers, der im politischen Wirrwarr der ungarischen Gegenwart für stabile Verhältnisse sorgen soll – und der nicht bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen.
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Der Hund ist der treue Begleiter des Menschen und insbesondere der "treue Freund eines jeden Ungarn" (Buch S. 63). Zsömle ist weg. Onkel Joszi, so heißt die Hauptfigur des Romans, holt sich jedoch gleich nach dem Ableben des treuen Hundes einen neuen Welpen, den er ebenfalls Zsömle nennt. In dreiunddreißig Jahren hatten alle Hunde diesen Namen. Zsömle hat nur eine kurze Jugendzeit und muss dann an die Kette (in Ungarn werden meines Wissens die Hunde oft angekettet und bewachen das Haus). Sein Herrl läßt ihn aber manchmal frei laufen und verpflegt ihn liebevoll.
Onkel Joszi, Joszef Kada oder nach seiner Vorstellung bereits gekrönter und rechtmäßiger König der Ungarn, ist der Protagonist des Romans. Er stammt vom Geschlecht der Arpaden ab, eines Adelsgeschlechts, das in Ungarn von ca. 1000 bis 1300 (1301) regierte. In seiner Vorfahrenslinie sieht Onkel Joszi väterlicherseits auch eine Blutsverwandschaft zu Dschingis Khan. Onkel Joszi lebt in einem Dorf am Berg und ist ein gebildeter Mann. Er hat eine Tochter, zu der aber kaum ein Kontakt besteht. Eine Schar Aufständischer formiert sich um ihn. Sie wollen die regierenden Eliten stürzen und eine Monarchie ausrufen oder einfach einen Umsturz des Regimes hervorrufen. Es ist nicht so klar, ob sie Onkel Joszi als Führer und Herrscher ansehen oder eher als Repräsentationsfigur für ihr neues Reich. Onkel Joszi scheint Beziehungen zu höheren Kreisen zu haben und wird zum Missfallen seines "Drübennachbarn" mit Autos abgeholt bzw. trifft er Sondergesandte im Untergrund von Budapest. Als er realisiert, dass hier Waffengewalt im Spiel ist, lehnt er das strikt ab. Die Aktivitäten der Truppe werden vereitelt und die Rädelsführer landen zum Teil mit mehrjährigen Haftstrafen im Gefängnis. Auch Onkel Joszi trifft es hart und er wird mit Gefängnis und dann mit Abschottung in der Psychiatrie bestraft. Er ist ein Kämpfer, der sich im Krieg eine Verletzung am Kopf zugezogen hat. Ein bleibender Splitter stellt stets eine Gefahr für ihn dar. Er ist einige Unbillen des Lebens gewohnt. Die Haft kann er schließlich mit Geld und mit allmählich auftauchenden Besuchen etwas erleichtern (er ist jetzt bereits zumindest 91 Jahre alt). Der Wirt aus seinem Dorf und die Etelka, die er anbetet, finden ihn. Dann auch der Laci. Etelka erreicht schließlich auch, dass sein Hund Zsömle zu ihm kommen kann. Die Besuche der Menschen von außen werden aber immer rarer bis sie vollständig zum Erliegen kommen. War er anfangs schon in einer Art Endzeitstimmung (er wollte den Ofen nicht mehr einheizen), so ist jetzt sein Ende tatsächlich nah.
Ist Onkel Joszi ein Don Quijote? Ist er verrückt?
Der Roman hat eine sehr eigenwillige Sprache und eine poetische Form. Manche moderne Wörter werden in Lautschrift verfasst, was einem ein Schmunzeln, zuweilen sogar ein Lachen entlockt. Insgesamt gibt es in dem Roman aber nichts zu lachen. Das herrschende Regime ist grausam und korrupt, das andere wäre eventuell noch grausamer. Was machen die Umstände aus Menschen? Wer kommt in dem Roman menschlich gut weg? Wie erscheint das Leben? Wer hält zu dir? Was macht Überzeugtheit aus einem Menschen? Wer hält zusammen? Die Schar der Aufständischen verflüchtigt sich. Es bleiben ein paar Menschen übrig, die schlussendlich aber auch nicht mehr auftauchen. Mensch und Tier sind gefangen - innerlich und äußerlich. Etelka, seine Angebetete, eine sehr religiöse Frau, die ihn liebgewonnen hat, beschreibt zumindest einen Versuch, entkommen zu wollen. Sie ist es auch, die erwirkt, dass sein Hund Zsömle zu ihm kommen kann. Zum Schluss gelingt es dem Protagonisten auch noch, dass er einen Wärter für sich einnehmen kann und ihm seine Medaillensammlung und seine Auszeichnungen hinterlässt.
Keine einfache, eine nachdenklich stimmende und sehr politische wie auch melancholische Lektüre.
Zwischen Wahnsinn und Realität
Bories vom Berg aus München am 23.02.2026
Bewertungsnummer: 3055362
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der ungarische Schriftsteller Lásló Krasznahorkai wurde 2025 mit dem Nobelpreis des Jahres ausgezeichnet «für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Macht der Kunst bekräftigt». Passend dazu erschien im gleichen Jahr auch sein neuester Roman unter dem kryptischen Titel «Zsömle ist weg», der, als politische Satire angelegt, eine aberwitzige Geschichte erzählt, die vor sarkastischem Humor geradezu strotzt, wobei sie aber auch mit einem Schleier der Melancholie überzogen ist. Der Plot regt immer wieder zum Nachdenken an in Hinblick auf die politischen Realitäten der Jetztzeit, in denen er angesiedelt ist, und zwar im autokratisch regierten Ungarn eines Viktor Orbán. «Er wolle eigentlich über Hoffnung sprechen», sagte der Autor in Stockholm anlässlich der Verleihung des Nobelpreises, «… aber meine Vorräte an Hoffnung sind eindeutig an ihr Ende gekommen». Gleichwohl, er nimmt es mit Galgenhumor, das beweist eindrucksvoll dieser neue Roman!
Der 91jährige József Kada, ein ehemaliger Elektriker, der als Witwer etwas abseits von seiner Gemeinde mit seinem Hund Zsömle (sic) einsam auf einem Berg wohnt, erhält eines Tages überraschend Besuch von einer bunten Truppe von Royalisten, die ihn nach langen Recherchen als Nachfolger der 1301 verschwundenen Dynastie der Arpaden, und damit als legitimer Anwärter auf dem ungarischen Thron, ausfindig gemacht haben. Er allein, so ihre Überzeugung, könne in die korrupte und machtgeile, autokratische Gegenwarts-Politik des Landes so etwas wie Moral zurückbringen als Oberhaupt eines neu auszurufenden Königreichs Ungarn. Wenig erfreut über die Störung seines beschaulichen Rentnerlebens erklärt er den Royalisten: «Ich möchte Sie bitten, dass das, was Sie entdeckt haben, also dass es mich gibt und wir uns hier treffen, ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, niemand, verstehen Sie, niemand darf wissen, wer ich bin und wo ich zu finden bin». Nach weiteren Treffen mit seiner stetig wachsenden Anhängerschar, die ihn inzwischen nur noch liebevoll als Onkel Józsi anredet, weil er sich «Majestät» als Anrede verbeten hat, willigt er schließlich zögernd ein, dieses Amt zu übernehmen, wenn es denn an ihn herangetragen würde. Als ihm die Monarchisten aber ein geheimes Waffenlager zeigen, dass sie für einen Putsch bereits angelegt haben, will er davon nichts wissen, - er möchte nur auf politisch korrekte Weise König werden, sonst verzichte er gerne.
Man muss Einiges wissen oder nachschlagen über die ungarische Geschichte, um all die Anspielungen im Roman verstehen zu können. Onkel Józsi versinkt immer mehr in Träume von den guten alten Zeiten, von dem völkischen Schriftsteller Albert Wass beispielsweise, der unter Viktor Orbán, als Ersatz für das Holocaust-Opfer Imre Kertész, als ungarischer Schriftsteller zur Pflichtlektüre an den Schulen bestimmt wurde. Oder er schwärmt von der ungarischen Sängerin Zita Szeleczky, die als glühende Faschistin zeitweise auch mit Wass liiert war und deren Lieder ihn damals zutiefst berührt haben. Er sei auch, sagt Onkel Józsi, mit vielen Persönlichkeiten in Deutschland gut befreundet, «… mit ‹Heinrich XIII Prinz von Reuß›, vor allem mit dem, ich spreche perfekt Deutsch, wir verstehen uns also in jeder Hinsicht gut, er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere».
Schon im Roman «Baron Wenckheim kehrt zurück» findet sich das Motiv des politischen Hoffnungsträgers, eine Figur, die übrigens auch in diesem Roman eine Gastrolle hat. Erzählt wird in dem für Lásló Krasznahorkai typischen Stil als ununterbrochener Gedankenstrom, also hier in elf Langsätzen, in denen sich sprunghaft Geschehen und Dialoge abwechseln, und die erst am Schluss des jeweiligen Teils mit einem Punkt beendet werden, ein endloses Palaver also, das leider auch einige Längen und Wiederholungen aufweist. «Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle» ist stilistisch das Motto des Autors, wie er betont hat. Er lotet narrativ gerne die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität aus, was hier aber nicht parabelartig endet, ganz im Gegenteil!
Meinung aus der Buchhandlung
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Monarchismus Satire auf hohem literarischem Niveau
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman schafft es zwar durchaus einen Sog aufzubauen und ist von einem rein literarischen Standpunkt aus wirklich lesenswert. Ich muss leider sagen, dass die Satire auf den Monarchismus mich ziemlich kalt gelassen hat. Dies mag einem Mangel an Berührungspunkten mit diesem geschuldet sein, hat aber mein Interesse an der Handlung doch deutlich geschmälert.
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