Mara, eine slowakische Pflegerin, tritt eine neue Stelle in Österreich an. Ihre Klientin Elvira war als Tänzerin und Choreografin auf dem Zenit ihrer Karriere, als sie die Diagnose der tödlichen Nervenkrankheit ALS erhielt. Nach drei Jahren ist ihr Körper vollständig gelähmt, der Geist aber ist wach. Trotz unterschiedlicher Herkunft und Lebenswelten entsteht zwischen den beiden Frauen und Elviras Vater, der ab und zu ins Haus kommt und bei der Pflege seiner Tochter hilft, eine unerwartete familiäre Harmonie.
Der Roman, eine Berg- und Talfahrt der Emotionen, zeigt, wie aus einem aussichtslosen Ende ein Neuanfang entstehen kann.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
29.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mara ist schwerkrank, tanzt im Kopf und findet nochmals Lebensqualität - lesenswert
Zdenka Becker: Tanzen im Kopf. Was für ein Buch - es wühlt auf, macht betroffen und irgendwie auch ein klein wenig glücklich. Kurz zusammengefasst: Elvira, noch keine 50, leidet unter einer chronisch fortschreitenden Nerven- und Muskelerkrankung (ALS). Sie ist ehemalige Tänzerin und kann sich zum Glück Unterstützung leisten- diese besteht aus einem liebevollen Vater, einer Freundin/Managerin und den alle zwei Wochen wechselnden Pflegepersonen aus der Slowakei. Für Mara, die neu als Pflegerin dazu kommt, sind die zweiwöchigen Schichten anfänglich hart - zu Hause wartet ja auch noch genügend Arbeit auf die über 60jährige Frau, die immer für alle da ist. So entwickelt sich zwischen Elvira und Mara eine Zuneigung, die vor allem darin besteht, die todkranken Frau mit noch möglichst viel Lebensqualität und Würde zu begleiten. Die trüben Gedanken werden "Schwarzer Vogel" genannt, dem es gilt, das Gefieder ab und zu bunt anzumalen: das können kleine Ausflüge sein, ein passender Lippenstift oder Schokolade. Mara muss sich innerhalb des Pflegeteams behaupten - diese Stelle berührt mich am meisten, weil ich sie so auch schon miterlebt habe: die Pflegenden Frauen sind sich uneinig, was "man" macht und was nicht ... In einem Minibus werden die Pflegerinnen alle zwei Wochen nach Hause gefahren und leben dort ihre ganz anderen, bescheidenen Leben. Sie putzen, kochen und pflegen auch dort ... Elvira darf mit prächtig angemaltem Gefieder noch ihren Geburtstag feiern und sich dann in die Lüfte erheben, Mara fährt nach Hause und trennt sich von ihrem alkoholkranken Mann - aber zum Glück hat das Schicksal noch eine sehr schöne Überraschung bereit. Zusammenfassend: ein schweres, anspruchsvolles Buch, einfühlsam geschrieben. Zdenka Becker bringt auch unangenehme Dinge wie Körperpflege zur Sprache, ohne Elvira ihre Würde zu nehmen. Ich empfehle das Buch sehr gerne, bin mir aber bewusst, dass dieses Buch zum richtigen Zeitpunkt zur richtigen Person gelangen muss (ich musste oft sehr leer schlucken) - dann kann es Hoffnung und Zuversicht verbreiten. Danke!
alem
aus Moosdorf
5/5
18.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
In der Ferne pflegen
Die 66-jährige ausgebildete Krankenschwester Mara aus der Slowakei arbeitet als 24-Stunden-Pflegerin bei der ehemaligen Tänzerin Elvira, die an ALS erkrankt ist. Die eigentlich bereits pensionierte Pflegefachkraft kann zum einen den Verdienst gut gebrauchen, zum anderen ist sie froh, wenn sie sich von ihrem alkoholkranken Ehemann eine Auszeit nehmen kann. Mit ihrem ausgeprägten Empathievermögen gewinnt Mara schnell das Vertrauen der knapp 50-jährigen, schwer kranken Frau und ihres an der häuslichen Pflege beteiligten Vaters.
Die Autorin stellt zwei starke Frauen in den Fokus ihrer biografisch anmutenden Erzählung: Elvira, die sich nach anfänglicher, heftiger Auflehnung nun in ihre unheilbare Krankheit gefügt hat und dem verbleibenden Leben dennoch schöne Momente abtrotzt. An ihrer Seite steht unerschütterlich ihre Pflegerin Mara, die trotz ihrer eigenen bedrückenden Lebenssituation beginnt versucht der mittlerweile sprechunfähigen Klientin jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Becker beleuchtet in ihrem Roman die oft unsichtbare Realität der 24-Stunden-Pflege: Sie erkämpfen sich ihre Freiheit, in dem sie ihre Heimat verlassen, um sich oftmals aber aber in der Ferne ihren Klienten und deren Angehörigen unterzuordnen.
Ein feinfühliges und respektvolles Buch mit großem Tiefgang. Einzig die Wortwahl bei den pflegerischen Tätigkeiten – wie z. B. „Füttern“ statt „Anreichen von Nahrung“ oder „Wickeln“ anstatt einer professionellen Inkontinenzversorgung – ist etwas unglücklich gewählt. Diese Begriffe stehen im Kontrast zur ansonsten sehr wertschätzenden Darstellung der beiden starken Frauen. Trotz dieses kleinen verbalen Ausrutscher (aus der Sicht professioneller Pflegepersonen) ist es ein absolut gelungener, lesenswerter und gesellschaftskritischer Roman, der 5 Sterne verdient.
Bellis-Perennis
aus Wien
5/5
01.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine klare Leseempfehlung!
Mara Balcovà hat bis zu ihrer Pensionierung in einem slowakischen Krankenhaus als Krankenschwester gearbeitet. Ihre Kinder sind erwachsen, der Ehemann ein Alkoholiker und die Pension gering. Sie macht nun das, was viele Frauen ihres Alters machen: Sie nimmt eine Stelle als 24-Stunden-Pflegekraft in Österreich an. Ihre neue Klientin ist Elvira, einst eine gefeierte Tänzerin und Choreografin, die vor drei Jahren die niederschmetternde Diagnos der tödlichen Nervenkrankheit ALS erhalten hat. Inzwischen ist ihr Körper vollständig gelähmt, dennoch nimmt sie rege an ihrer Umgebung teil. Sie kann nur mehr mit einen durch ihre Augenbewegungen gesteuerten Computer mit ihrer Umwelt kommunizieren, aber im Kopf tanzt sie noch immer.
„Ich habe einen Vogel im Kopf. Er flattert in meinem Schädel herum und bringt alles durcheinander. Und er frisst, was er findet. Er frisst mein Gehirn. Die Hände und Füße sind dann machtlos. Sie tun nicht das, was der Verstand will.“
Die Pflege von Elvira ist trotz aller technischer Hilfsmittel anspruchsvoll. Doch die beiden Frauen kommen einander näher, obwohl sie unter unterschiedlichen Vorraussetzungen aufgewachsen sind. Anders als ihre Kollegin Jolanka, mit der sich Mara alle zwei abwechselt, erzählt Mara Märchen, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Für Jolanka ist der „Aufwand, den Mara mit Elvira treibt, völlig unnötig“. Vor allem, dass Elvira ihr Aussehen wichtig ist und es genießt, geschminkt zu werden, findet Jolanka unpassend. Daher freut sie sich immer, wenn Mara für die nächsten zwei Wochen die Pflege übernimmt.
Mara und Fred, Elviras Vater, schenken Elvira, die Vivi genannt, wird schöne Stunden. So wird mit dem Twin City Liner auf der Donau nach Bratislava gefahren oder ein Ausflug in die Wachau organisiert. Vivi hat eine Bucket-List, die sie gerne erledigen möchte, bevor sie sich dem Unvermeidlichen stellt. Ein Punkt ist der Besuch einer Freundin, die nach einem Bühnenunfall auf den Rollstuhl angewiesen ist und in London lebt. Doch Fliegen lässt Vivs Gesundheitszustand, der noch dazu durch die aktuelle Covid-Pandemie bedroht ist, nicht zu.
Allerdings machen wir auch regelmäßig Abstecher in Maras Leben in ihrem Heimatort Modrany. Während sie zusätzlich Geld verdient, ergibt sich ihr Ehemann dem Alkohol. Als sie zu Weihnachten wegen des Dienstes nicht nach Hause kann, eskaliert die ohnehin angespannte Atmosphäre. Als dann wegen der Covid-Pandemie der mehrwöchige Lockdown verhängt wird, und Mara nicht nach Modrany fahren kann, fasst sie einen Entschluss ...
Meine Meinung:
Zdenka Becker spricht in diesem Roman gleich mehrere Themen an: Da ist z.B. die tägliche Arbeit der slowakischen Pflegekräfte bei ihren Klienten und Klientinnen, bei der sie häufig auch ausgenützt werden und zu Arbeiten herangezogen werden, die nicht im Vertrag stehen, oder die Entfremdung ihrer Ehemänner und Kinder in der Heimat. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie liebevoller und empathischer Umgang den Klienten und Klientinnen auch in aussichtlosen Fällen, ein wenig Lebensfreude schenken kann. Die rapide Verschlechterung Elviras Gesundheitszustandes betrübt auch Mara. Nicht nur, weil sie ihre Arbeit verlieren wird, sondern weil sie eine zutiefst empathische Person ist.
Man kann sich nur wünschen, eine Mara als Pflegekraft zu bekommen, wenn es einmal notwendig sein sollte.
Fazit:
Diesem berührenden Roman, der für mindestens eine Person ein neuer Anfang bedeutet, gebe ich gerne 5 Sterne und ein Leseempfehlung.
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