Ein sardisches Dorf, Mitte der fünfziger Jahre: Als Dorfschneiderin ist Bonaria gewöhnt, Maß zu nehmen – mit ihren Augen, ihrem Verstand und dem Herzen. Die kleine Maria, die sie als fill’e anima, Kind des Herzens, aufnimmt, ist ihr ganzes Glück. Manchmal hört Maria ihre Ziehmutter, die Accabadora, wie sie sich nachts aus dem Haus stiehlt, und am nächsten Tag läutet die Totenglocke. Als Bonaria Jahre später im Sterben liegt, hält die alte »Schuld« sie umbarmherzig ans Leben gefesselt und Maria steht vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.
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„Es gibt Orte, an denen die Wahrheit gleichbedeutend ist mit der Meinung der Mehrheit und auf der geheimnisvollen Landkarte dieses Konsensprinzips war Soreni eine kleine moralische Hauptstadt.“ S.68
Ich war noch niemals auf Sardinien. Doch während ich diesen Roman lese, spüre ich den Boden der süditalienischen Insel unter mir. Ich tauche in das archaische Leben des kleinen Dorfes Soreni ein, in dem die Straßen nicht auf dem Reißbrett, sondern als schlingernde Verbindung zwischen Häusern entstanden sind. Ich werde Teil der Gemeinschaft, in der man zusammenkommt, um Traditionen zu pflegen, Geschichten zu erzählen, Gerüchte zu schüren und nach uraltem Brauch sardische Süßigkeiten herzustellen.
Eine der Traditionen, die hier schon seit langem gepflegt wird, ist die der fill’e anima (Kind des Herzens), einer inoffiziellen unbürokratischen Adoption, bei der im Einverständnis aller beteiligten Familien kinderlose Paare einer armen, kinderreichen Familie ein Kind „abnehmen“. Im besten Fall bleiben alle in engem Kontakt und einander zugeneigt.
Maria ist ein Kind, dass durch eine solche Adoption im Alter von 6 Jahren von Tzia Bonaria aufgenommen wird. Die schweigsame zurückgezogen lebende „Alte“ hat im großen Krieg ihren Mann verloren und ist kinderlos geblieben. Maria hat etwas in ihr geweckt, das sie bewogen hat, sie in ihre strenge, aber liebevolle Obhut zu nehmen und sie der Armut der Großfamilie, in der sie als jüngstes Kind kaum mehr als eine zusätzliche Belastung war, zu entreißen.
Wenn auch ohne Verständnis der Dorfgemeinschaft für die Entscheidung, in ihrem Alter, das irgendwo zwischen 50 und 60 liegen mag, noch ein Kind aufzunehmen, wächst Maria im Hause der Bonaria behütet und ohne Entbehrungen. Sie entwickelt sich zu einer aufgeweckten und interessierten jungen Frau. Als sie durch ein dramatisches Unglück auf ein dunkles Geheimnis ihrer Ziehmutter stößt, werden ihr Vertrauen und ihre Zuneigung bis in die Grundfeste erschüttert.
Es ist eine Geschichte wie ein Märchen, in dessen abgeschottete, traditionelle, von Aberglauben und Ritualen geprägte Welt etwas Neues einbricht. Sie erzählt von der Kraft der Gemeinschaft, aus der sich eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung erhebt.
Michela Murgias Schreibstil ist fesselnd, von poetischer Kraft, fließend, lakonisch. Weiblich. Die Kraft geht von den Frauen aus, sie tragen die Traditionen weiter und verbinden sie in der Gegenwart mit der Zukunft.
Die Geschichte hat mich geweckt, gefesselt, fasziniert und erneut bewiesen, dass es literarisch soooo viel zu entdecken gibt. Nach den DREI SCHALEN ist das mein zweites, aber zum Glück nicht mein letztes Buch der 2023 leider viel zu früh verstorbenen Autorin.
Bewertung
5/5
06.12.2023
Buch (Taschenbuch)
Das Erbe Sardiniens
»Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen.« S.7
So beginnt die Geschichte von Maria Listru, die als viertes Kind einer verarmten, verwitweten Mutter mit sechs Jahren zu ihrer Ziehmutter Bonaria Urrai kommt – gegen ein paar Eier und Petersilie. Es sind die 50er Jahre, in denen Maria in Soreni, einem fiktiven Ort im ländlichen Sardinien aufwächst. War Maria bisher nur das ungeliebte Anhängsel, so lernt sie allmählich, was es bedeutet, beschützt und geliebt zu werden. Vor allem hält Bonaria das Geschwätz der Leute von ihr fern, denen es suspekt ist, dass eine so alte Frau ein kleines Kind zu sich holt. Maria wird pflichtbewusst und mit Liebe erzogen, kann sogar im Gegensatz zu ihren leiblichen Schwestern die Schule länger als nur drei Jahre besuchen. Sie wird zu einem aufgeweckten, intelligenten Kind, das seine Umwelt aufmerksam beobachtet und so entgeht ihr auch nicht, dass Tzia Bonaria immer wieder nachts verschwindet. Und sie sieht, dass die Dorfbewohner die alte Schneiderin mit einer gewissen Distanz behandel. Erst viele Jahre später wird Maria verstehen, was ihre Ziehmutter in diesen Nächten getan hat.
Murgia zeigt uns in ihrem Roman ihre Heimat, die wenig mit den Urlaubsbildern und -vorstellungen eines Sardiniens zu tun hat, das wir vielleicht kennen. Die raue, archaische Lebensweise der Landbevölkerung, die oft ungebildet ist und an altem Aberglauben festhält, scheint fast stoisch ihr Schicksal zu ertragen.
Doch im Mittelpunkt steht der Dienst von Bonaria Urrai, denn sie ist eine Accabadora – eine Frau, die Sterbehilfe leistet. Es ist nicht gesichert, ob es solche Frauen tatsächlich gegeben hat oder ob sie nur Teil zahlreicher sardischer Legenden sind.
Maria ist erschüttert, als sie erkennt, was ihre Ziehmutter macht und es gibt einen harten Bruch in ihrer Beziehung, mehr möchte ich aber nicht verraten.
Laut einer sardischen Tradition ist es wichtig, nicht allein auf die Welt zu kommen, aber auch nicht allein zu gehen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Strebehilfe, die tief in der traditionellen Ansichten verwurzelt ist, sowie den daraus resultierenden Generationenkonflikt schildert Murgia auf sehr behutsame und einfühlsame Weise. Sie urteilt und verurteilt nicht, sondern überlässt es uns Leser*innen, die Gedanken weiterzuführen.
Das alles bettet sie in eine wunderbare Geschichte ein, in der geheiratet und gestorben wird, alte Bräuche und Legenden aufleben, Land gestohlen wird, Menschen am Leben verzweifeln, aber sich auch verlieben. Hin und wieder versüßt Murgia uns das Lesen mit pabassinos und capigliette – typisch sardischen Spezialitäten, die zu einer Hochzeit gebacken werden.
Ich bin Maria beim Erwachsenwerden gern gefolgt, auch wenn ich immer eine gewisse Distanz gespürt habe. Accabadora ist sicher kein romantisierendes Wohlfühlbuch, aber eine ungewöhnliche Mutter-Tochter-Geschichte, die mich lange darüber nachdenken ließ, wie man mit Leben und Tod in unserer Gesellschaft umgeht.
Es war mein erstes Buch der Autorin, wird aber sicher nicht mein letztes sein. Leider starb Michela Mugia letztes Jahr im Alter von 51 Jahren.
Bewertung
5/5
23.07.2021
eBook (ePUB)
Dieses Buch ist eine Entdeckung. In einer hochpoetischen Sprache erzählt die 38-jährige Autorin von einer ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung auf Sardinien. Die alte Schneiderin Bonaria Urrai nimmt die 6-jährige Maria zu sich. Das kleine Mädchen fühlt sich wohl bei der Pflegemutter, doch mit der Zeit spürt sie auch, dass diese ein Geheimnis umgibt. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren, aber das Leben erscheint uns nahezu archaisch. Als Maria den wahren Beruf ihrer geliebten Tzia entdeckt, kommt es zum Bruch zwischen den beiden Frauen. Maria verlässt die Insel und erst als Bonnaria pflegebedürftig wird, kehrt sie zurück. Absolut lesenswert!
Bewertung
5/5
23.07.2021
eBook (ePUB)
In einem sardischen Dorf der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wird von einer archaischen und ländlichen Welt erzählt. Eine Mutter gibt ihre vierte Tochter Maria an die kinderlose Bonaria Urrai als fill´e anima. Bonaria Urrai ist eine Accabadora, also eine Frau, die des Nachts von der Familie herbeigerufen wird um den Sterbenden gewaltsam das Leben zu nehmen. Es ist die Geschichte vom Leben und Sterben und die Geschichte zweier Frauen.
Jenaer Universitätsbuchhandlung Thalia – EKZ Neue Mitte
Buchhändler*in
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5/5
21.05.2025
Buch (Taschenbuch)
Literarische Ergänzung zum Sardinien Reiseführer
Eine sardische Familien- und Dorfgeschichte, basierend auf tatsächlichen Traditionen und archaisch anmutenden Bräuchen. Atmosphärisch dicht und farbig erzählt Murgia vom ländlichen Sardinien der 50er Jahre. Eine wunderbare Lektüre für jeden Sardinien-Reisenden.
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5/5
20.09.2017
Buch (Taschenbuch)
Ich kann diesen Debütroman von Michela Murgia sehr empfehlen – das Buch wird Sie nicht loslassen!
Es ist gut, dass es immer wieder Bücher gibt, die den Leser im guten Sinn aus der Fassung bringen können. Dies ist ein solches Buch, dem ich viele „fassungslose“ Leser wünsche.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in Sardinien in den 50er Jahren. Die nicht mehr ganz junge, kinderlose und lebenskluge Schneiderin Bonaria Urrai nimmt dem alten Brauch der „fill`e anima“ gemäß die sechsjährige Maria als Adoptivtochter auf. Maria, die vierte Tochter einer armen Witwe, entwickelt eine enge Beziehung zu ihrer Tzia Bonaria. Darüber wird im Dorf immer wieder getuschelt ebenso wie darüber, dass die Schneiderin ein altes Gewerbe ausübt, über das aber niemand spricht. Sie ist eine „Accabadora“, gerufen von Angehörigen, um Sterbenden zu helfen, die Schwelle zu übertreten, jenes Zwischenreich, in dem die Grenzen verschwimmen. Die Figur der „Accabadora“ spielt eine zentrale Rolle in sardischen Legenden und Sagen. Die letzte Sterbehelferin soll noch 1952 gewirkt haben, historisch ist ihre Existenz aber nicht bewiesen. So lässt uns die Autorin teilhaben an uraltem Wissen, an Traditionen und Überlieferungen. Sie lässt uns in die Seele der Menschen blicken und uns auch etwas von der Würde des Todes ahnen. Dies alles weiß natürlich die kleine Maria nicht, sie wächst in der Dorfgemeinschaft zu einer jungen Frau heran. Allerdings ahnt sie, dass etwas Seltsames vor sich geht, denn im Laufe der Jahre verschwindet Bonaria nachts immer wieder und kehrt verschlossen und ich sich gekehrt zurück. Als eines Morgens im Dorf ein junger Mann tot aufgefunden wird, versteht Maria, dass ihre Ziehmutter eine „Accabadora“ ist. Entsetzt verlässt Maria das Haus, flüchtet aufs Festland nach Turin und wird Kindermädchen bei der gutbürgerlichen und reichen Familie Gentili. Sie möchte ein neues Leben anfangen, die Nabelschnur durchschneiden, doch immer wieder steigen Erinnerungen in ihr hoch. Als sie in einem Brief ihrer Schwester vom Schlaganfall der Bonaria Urrai erfährt, kehrt sie umgehend zurück, um diese hingebungsvoll zu pflegen. Sie erkennt die wahre Bedeutung des Satzes „Sag nicht niemals“, den Bonaria zu ihr sagte, als sie sich entsetzt von ihr abwandte und kann endlich ihren Frieden mit ihr machen.
Die Autorin erzählt sehr eindrucksvoll eine ungewöhnliche Mutter-Tochter-Geschichte, erzählt von zwei Generationen, von zwei unterschiedlichen Frauenleben, miteinander verwoben durch Archaisches und Modernes, Mythologie und Realität. Ich kann diesen Debütroman von Michela Murgia sehr empfehlen – das Buch wird Sie nicht loslassen!
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