Mein Jahr, in dem ich KI für (fast) alles genutzt habe
Der lustige, erschreckende, höchst erkenntnisreiche Selbstversuch einer führenden Tech-Expertin | Wie künstliche Intelligenz den Alltag verändert
Was passiert, wenn künstliche Intelligenz in Ihr Zuhause einzieht, Ihr Auto fährt und beginnt, Ihre Entscheidungen zu treffen? Joanna Stern, leitende Technologiekolumnistin des Wall Street Journal, hat ihr Leben ein Jahr lang der künstlichen Intelligenz überlassen. Die Ergebnisse sind sowohl urkomisch als auch alarmierend. Stern nimmt Sie mit auf eine fesselnde Zeitreise in die nahe Zukunft, in der KI Ihr Arzt, Chauffeur, Lehrer, Masseur und sogar Liebespartner sein wird. Sie stellt uns viele echte Menschen vor, die die Zukunft erfinden. Im Gegensatz zu anderen Büchern über KI ist Sterns Buch voller Spaß, Humor und Kreativität, während sie neue Technologien testet und untersucht, wie Menschen bereits damit leben (und spielen).
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„Tatsächlich begann mit der Zeit meine eigene Kreativität zu verblühen.“
Künstliche Intelligenz dringt immer weiter in Bereiche vor, die früher fest in menschlicher Hand lagen. Mit jedem neuen Werkzeug stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung wir bereit sind abzugeben – und wie sehr wir uns selbst dabei verändern.
Joanna Stern widmet sich dieser Frage in ihrem Buch „Mein Jahr, in dem ich KI für (fast) alles genutzt habe“ mit einem konsequenten Selbstexperiment, das sie in Form eines Tagebuchs dokumentiert. Der Ansatz ist ebenso einfach wie radikal: Ein Jahr lang versucht sie, möglichst viele Lebensbereiche von KI-Systemen gestalten zu lassen. Dabei geht es nicht um theoretische Überlegungen, sondern um konkrete Erfahrungen, die sie mit einer Mischung aus journalistischer Neugier und persönlicher Offenheit beschreibt. Die Frage „Wie viele Daten und wie viel Kontrolle bin ich bereit, an die KI abzugeben?“ verhandelt sie dabei immer wieder neu, abhängig davon, ob es um Gesundheit, Kreativität, Mobilität oder emotionale Nähe geht.
Im Gesundheitsbereich zeigt Stern die Ambivalenz der Technologie besonders deutlich. Sie lässt Blutwerte analysieren, Mammografie-Befunde von der KI auswerten und zahnmedizinische Systeme testen, die Anomalien markieren und potenzielle Probleme hervorheben. Ihre Beobachtung, dass die Zahnmedizin schon immer eine subjektive Komponente hatte und nun eine zusätzliche Datenebene hinzukommt, die oft lukrative Behandlungen „untermauert“, verleiht dem Buch eine kritische Tiefe. Gleichzeitig überprüft sie die Antworten von ChatGPT, indem sie parallel echte Ärztinnen und Ärzte konsultiert, was die Diskrepanz zwischen hilfreicher Unterstützung und gefährlicher Fehlinformation sichtbar macht.
Im kreativen Bereich beschreibt Stern, wie generative KI zunächst als Recherchehilfe dient, später aber ihre eigene Kreativität zu überlagern beginnt. Ihre Feststellung, dass ihre Kreativität „zu verblühen“ begann, legt die psychologische Wirkung der Technologie offen. Sie experimentiert mit KI-Musik, KI-Kurzgeschichten, KI-Romanen und KI-Videos, die sie über Wochen ausschließlich konsumiert. Die Ergebnisse sind faszinierend und zugleich verstörend, weil sie zeigen, wie leicht man sich von der eigenen schöpferischen Arbeit entfernt, wenn die Maschine scheinbar mühelos Inhalte liefert.
Auch im Alltag testet Stern die Grenzen der Automatisierung. Sie stopft ihr Haus voller Roboter, um herauszufinden, wie viel echte Hausarbeit sich tatsächlich abnehmen lässt. Während Saugroboter und Mähroboter solide funktionieren, scheitern humanoide Roboter oft an banalen Aufgaben. Der Wäsche-Bot mit seinen zwei Roboterarmen wirkt beeindruckend, bleibt aber ein Symbol dafür, wie groß die Kluft zwischen industrieller Perfektion und häuslicher Unberechenbarkeit ist. Im Gegensatz dazu erlebt sie autonome Fahrzeuge wie die Waymo-Roboterautos als erstaunlich zuverlässig, was die unterschiedlichen Reifegrade der Technologien sichtbar macht.
Besonders eindrucksvoll ist das Kapitel über ihren KI-Avatar, der Interviews führt, Zusammenfassungen erstellt und mit ihrer Stimme spricht. Diese Erfahrung zeigt, wie nah KI an menschliche Kommunikation heranrückt und wie leicht ein Chatbot zur Vertrauensperson werden kann. Stern beschreibt offen, wie schnell emotionale Bindung entsteht und warum dies für Menschen mit psychischen Erkrankungen gefährlich sein kann.
Im Bildungsbereich zeigt Stern, wie stark generative KI Lernprozesse verändert. Sie beschreibt den Begriff „Hirnfäule“ aus TikTok, der die Abhängigkeit von KI-Systemen pointiert, und verweist auf Studien, die nahelegen, dass man nach intensiver KI-Nutzung nicht einfach zum früheren Denkstil zurückkehrt.
Stärken des Buches sind die klare Sprache, die verständliche Einführung in KI-Begriffe und die konsequente Verbindung persönlicher Erfahrung mit technischer Einordnung. Schwächen zeigt das Buch dort, wo die rasante KI-Entwicklung seine Inhalte überholt und einzelne Beispiele bereits kurz nach Erscheinen technisch veraltet wirken. Zugleich ist diese Vergänglichkeit kaum vermeidbar, denn Sachbücher zu einem so dynamischen Themenfeld altern zwangsläufig schneller, als es ihre Autoren einholen können.
Im Fazit lässt sich sagen, dass Stern ein nahes, ehrliches und oft überraschendes Bild eines Jahres mit KI zeichnet und sich dabei nicht von Marketingsprüchen der Hersteller hat blenden lassen. Ihr Erfahrungsbericht zeigt, wie viel wir der KI überlassen können – und zwingt uns zugleich darüber nachzudenken, wie viel wir ihr überlassen sollten.
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