»Pazifismus ist nur etwas für Friedenszeiten? Ja, dann brauchen wir ihn auch nicht.« Eine schallende Antwort auf die allgemeine Kriegsrhetorik Was heißt die »Zeitenwende« gerade für linkes Denken, das sich doch vor Kurzem noch für Fürsorge, Gewaltkritik und Friedenspolitik starkmachte? Wenn Pazifismus inzwischen als lächerlich, verantwortungslos oder querdenkerisch gilt, sollten wir uns Sorgen um die Grundlagen unseres Miteinanders machen. Mit kluger Schärfe und liebevoller Fassungslosigkeit stellt Mithu Sanyal unbequeme Fragen, ohne die globalen Aggressionen zu verharmlosen. Überaus notwendig erinnert ihr Buch daran, dass eine Welt ohne Gewalt kein fernes Ideal ist – sondern die drängendste unserer Aufgaben.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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In ihrem neuen Buch „Nein: Gegen die Militarisierung der Gegenwart“ setzt sich Mithu Sanyal kritisch mit der zunehmenden „Normalisierung“ von Militär, Krieg und Gewalt in der aktuellen Gesellschaft auseinander.
„Deshalb ist es so bedenklich, dass unsere Politikerinnen und Politiker und der laut zu hörende Teil der Gesellschaft im Moment in Bezug auf Sicherheitspolitik, auf Wehrpflicht, Waffenlieferungen, Verteidigung mit geradezu dröhnender Eindeutigkeit argumentieren. Dabei sprechen sie nahezu ausschließlich moralisch, als gäbe es keine weiteren Gründe für politisches Handeln. Nichts gegen Moral — okay, lieber nichts gegen Ethik —, natürlich müssen wir uns mit ethischen Abwägungen auseinandersetzen. Aber wenn wir über politische Entscheidungen nur noch als gut, richtig und vor allem alternativlos sprechen, dann folgt daraus, dass jeder, der widerspricht, nicht nur eine andere Meinung hat, sondern eine falsche — sprich, eine gefährliche. Und Menschen mit ‘gefährlichen Meinungen’ mutieren in der öffentlichen Wahrnehmung rasant zu ‘gefährlichen Menschen’.
Deshalb bin ich inzwischen der Ansicht, dass wir den berühmten Satz von Marshall McLuhan erweitern müssen. Nicht nur ‘the medium is the message’, sondern ‘the method is the message’. Das bedeutet: die Art, in der wir als Gesellschaft über Krieg und Frieden reden, ist mindestens genauso wichtig wie das, was wir über Krieg und Frieden sagen.“
Die Autorin erläutert, wie der Begriff „Zeitenwende“ die politische Landschaft bzw. vor allem linke Strömungen verändert hat. Wer früher für Frieden, Fürsorge und gegen Gewalt eintrat, muss sich heute plötzlich rechtfertigen. Sie kritisiert, dass Pazifismus heutzutage oft als naiv, unverantwortlich oder gar als „querdenkerisch“ gebrandmarkt wird:
„Aber was ist mit [insert Krieg here]? Es ist schließlich eine Tatsache, dass dort Völkerrechtsverletzungen und massive Verbrechen begangen werden, gegen die wir vorgehen müssen!
Ja, und dieser Einwand weist auf ein ernst zu nehmendes Dilemma hin. Mehr dazu in Kapitel 8: Dilemma. Doch macht die Tatsache, dass es Kriege und Kriegstreiber auf dieser Welt gibt, es nur umso dringender, über Alternativen zu sprechen, anstatt immer weiter Krieg mit Krieg zu bekämpfen und Blut mit Blut wegzuwaschen (das stammt natürlich von Bertha von Suttner).
Ich bin nicht naiv und denke, es reicht, sich einfach nur Frieden zu wünschen, und alles wird gut. Aber ich finde es noch naiver zu glauben, dass mehr geistige und militärische Aufrüstung Frieden bringen könnten.“
Mithu Sanyal ist eine kluge Beobachterin und stellt gleichermaßen fundamentale wie unbequeme Fragen zum gesellschaftlichen Miteinander. Ihre Analyse der Mechanismen der Militarisierung verliert dabei nicht die Realität globaler Aggressionen und Kriege aus den Augen.
„Kriege hören nicht nach dem Krieg auf. Sie leben in den Menschen weiter. Und Trauma macht nicht vor Schuld oder Unschuld halt. Trauma verwüstet Gesellschaften und sorgt dafür, dass wir immer weiter in Kriegslogiken denken. Ich hätte dieses Buch auch Trauma nennen können. Doch all die Traumata beenden wir nicht, indem wir ihnen immer noch mehr Pistolen an den Kopf halten. Traumata beenden wir, indem wir sie aufarbeiten.
‘Dazu bedarf es eines anderen Menschenbildes, als es derzeit in Politik und Medien vorherrscht’, erklärt Sabine Schiffer, Professorin für Medienverantwortung. ‘Das, was den Kern der Menschenrechte ausmacht, nämlich die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Berechtigung, ein menschenwürdiges Leben zu führen, beginnt mit dem Schutz des Lebens überhaupt. Und deshalb sollten wir uns alle folgende Erkenntnis einprägen: Kriege sind nicht humanitär!’ Regierungen mögen besser oder schlechter sein, freiheitlicher oder faschistischer, libertärer oder autoritärer. Aber in einem Krieg kämpfen wir nicht gegen Regierungen, wir kämpfen gegen Menschen. Und die Menschen in einem anderen Land sind genau wie wir. Und sie leiden genau wie wir. Im Ersten Weltkrieg waren 10 Prozent aller Getöteten Frauen und Kinder und 90 Prozent Soldaten. Im Zweiten Weltkrieg waren es bereits 50 Prozent. Heute sind 90 Prozent aller Kriegsopfer Zivilisten. Nichts kann das rechtfertigen. Keine abstrakten Werte wie Freiheit, Demokratie und Wohlstand, den diese Menschen niemals mehr erleben werden.“
Vor allem aber macht die Autorin deutlich, dass eine Welt ohne Gewalt keine unrealistische Utopie ist, sondern die überlebenswichtigste und drängendste Aufgabe unserer Zeit.
„Wenn ich zu guter Letzt die große Frage nach Resilienz und Widerstand gegen gegenwärtige und zukünftige Kriegsdiskurse ebenso wie diesen Essay in einem einzigen Satz zusammenfassen sollte, dann wäre mein Wunsch:
Anders denken!
Anders denken, denn Frieden ist nicht nur möglich, sondern deutlich realistischer als Krieg. Ich habe das Rad hier ja alles andere als neu erfunden. Sondern will mit diesem Buch nur darauf hinweisen, dass andere es bereits erfunden haben. Mehrfach! Vielfach! Immer wieder! Es gibt so viele Erkenntnisse der Friedensbewegung, Friedensforschung, Friedenspolitik, es gibt so viele Menschen, die keinesfalls mitmachen wollten und wollen beim alles durchdringenden Schlagen der Kriegstrommeln. Lasst uns all die Theorien und Praktiken und Lebenshaltungen nutzen. Oder mit den Worten von John Lennon und Yoko Ono:
‚WAR IS OVER. If you want it.‘“
„Nein: Gegen die Militarisierung der Gegenwart“ ist ein hochaktueller, wichtiger Essay und ein Plädoyer gegen die zunehmende Kriegsrhetorik: Für eine Welt ohne Gewalt.
„Zusammen verändern wir die Welt!“
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!
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