Ausgerechnet eine winterliche Kleingartenanlage wird für zwei Frauen, die nicht verschiedener sein könnten, zum Ort der Zuflucht und des unerwarteten Zusammenhalts. Marianne landet in „Neu-Amerika“, weil sie nach dem Tod ihres Mannes auch noch Haus und Geschäft verliert. Die rebellische Didi flieht wieder einmal vor dem gewalttätigen Freund ihrer Mutter in die Gartenanlage am Fluss. Deren Obmann, Herr Gregor, kämpft zwischen Giersch und Tomaten bald um die Aufmerksamkeit Mariannes – und gegen die Umwidmung des Geländes in Bauland. Sensibel und mit trockenem Witz erzählt Christina Walker von Improvisation und Solidarität, von Selbstbestimmung und einer Natur, die sich immer weniger bezähmen lässt.
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Marianne verlässt heimlich ihre Wohnung. Sie will nicht, dass Grete weiß, dass sie das Haus nicht mehr halten kann. Sie hat ihr Fahrrad mit dem nötigsten gesattelt: dicke Decken, zwei Warmhalteplatten, eine Camping-Leuchte und macht sich auf den Weg in die winterliche Kleingartenanlage „Neu-Amerika. Das ist alles, was Carl ihr vermacht hat. Die Bäckerei und das Haus gehen an die Bank und mit viel Glück ist Marianne dann wenigstens schuldenfrei. Grete hatte sie gewarnt, sowohl sie als auch ihr Sohn hatten Carl mehrfach aus einer Spielothek kommen sehen. Zuerst hat es die Bäckerei getroffen, dann das Haus, weil Carl die Spielautomaten mit ihren Hypotheken gefüttert hat. Als er immer stiller wurde, dachte Marianne, er hätte eine andere. Gretas Warnungen hatte sie in den Wind geschossen.
In der Anlage angekommen funzelt die Außenbeleuchtung trüb im Nieselregen. Parzelle 34 der Gartensiedlung ist offenbar auch bewohnt, zumindest brennt hinter den Fenstern Licht. Das Wasser ist abgestellt und in den Waschräumen fließt es kalt und spärlich. Am nächsten Morgen bei Licht betrachtet, liegt der Garten im Nebel und sieht genauso trostlos aus, wie Marianne sich fühlte. Sie erinnert sich an den Platzwart, den alle Herr Gregor nannten, weil sein Nachname so viele Konsonanten enthält, dass sich kein Pächter traute, ihn auszusprechen. Sie wusste, dass er die Anlage zwischen November und März deutlich seltener kontrolliert, sein Rheuma fesselt ihn an die Heizkörper seiner Wohnung.
Was Marianne noch nicht weiß, ist, dass Parzelle 1, gleich neben dem Haupttor von dem Bachmann-Mädchen bewohnt wird. Der Dauerbewohner Richard allerdings hatte das groß gewachsene Mädchen mit der blauen Mütze und den Doc Martens längst bemerkt, als sie auf der rostigen Schaukel ihrer Parzelle saß und Richard beobachtete, der zum Fluss ging, um Aale zu fangen.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Christina Walker hat eine unterhaltsame Tragikomödie geschaffen. Ihre zwei Hauptdarstellerinnen verschlägt die Not in die Gartenanlage. Die jugendliche Didi flieht vor dem gewalttätigen Stiefvater und Marianne vor der Altersarmut. Didi schlägt sich neben der Schule mit mehr oder weniger legalen Jobs durch und Marianne sucht und findet einen Nebenjob. Die friedliebende Marianne trifft auf die kampferfahrene Didi und die ungleichen Frauen unterstützen sich gegenseitig. Beide haben Verehrer. Der korrekte, aber vereinsamte, weil verwitwete Obmann Herr Gregor wirft ein Auge auf Marianne und Didis Stiefvater stellt Didi nach. Zu Anfang fand ich die Geschichte trotz der harten Themen ziemlich amüsant. Irgendwann hat mich der lakonische Ton gestört. Die Idee allerdings eine unbequeme Gartenanlage zum Setting zu machen, finde ich wiederum sehr gelungen. Besser kann man kaum zeigen, wie beschwerlich und zermürbend das Leben werden kann, wenn die Umstände sich gegen einen verschwören. Die beiden Frauen sind gut gezeichnete Charaktere, die die Welt ein bisschen besser machen. Didis Stiefvater und auch deren Mutter sind ebenfalls grandios ausgearbeitet. Solche Typen sind nicht selten. Die Tonalität macht die krassen Szenen erträglicher und die Geschichte letztendlich sehr unterhaltsam.
Jürg K.
4/5
12.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Warmherzige Geschichte mit Tiefe
In einem hinreissenden Gruppenbild mit Garten feiert Christina Walker Solidarität, Anarchie und den Mut, sich neu zu erfinden. Dieser Roman hat mich sofort berührt, weil er zeigt, wie unerwartete Orte zu Zufluchtsräumen werden können und wie Menschen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, plötzlich einander Halt geben. Die winterliche Kleingartenanlage «Neu-Amerika» ist ein wunderbar ungewöhnlicher Schauplatz, karg, improvisiert, ein bisschen anarchisch. Genau dort landen Marianne und Didi, zwei Frauen, deren Leben aus völlig unterschiedlichen Gründen aus den Fugen geraten ist. Marianne, die nach dem Tod ihres Mannes alles verliert, und Didi, die vor Gewalt flieht, finden in diesem provisorischen Gartenparadies eine Art Zwischenwelt, in der sie neu atmen können. Christina Walker erzählt mit trockenem Witz und grosser Sensibilität von Solidarität, die nicht laut ist, sondern entsteht, weil Menschen sich gegenseitig ansehen und ernst nehmen. Herr Gregor, der Obmann, ist dabei eine herrlich schrullige Figur, die zwischen Tomaten und Giersch um Aufmerksamkeit und gegen die drohende Umwidmung kämpft. Die politischen und sozialen Spannungen rund um das Bauland verleihen dem Roman eine zusätzliche Tiefe. Für mich ist es ein warmherziges, kluges Buch über Zusammenhalt, Neubeginn und die stille Kraft von Orten, die man nicht geplant hat, aber dringend braucht.
Bewertung
aus Buchen
4/5
11.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Neu-Amerika
Der Roman Verteidigung eines Gartens der Österreichischen Schriftstellerin Christina Walker erzählt von zwei Frauen, die sich in einer Kleingartenanlage begegnen. Die junge Didi, die sich hierhin vor dem miesen Freund ihrer Mutter geflüchtet hat und Marianne, die nach dem Tod ihres Mannes alles verloren hat und nur noch im Gartenhaus Zuflucht findet.
Jeder kann in eine schwierige Lage kommen, daher ist man als Leser dicht bei den Figuren und der Situation.
Mit dem Obmann der Gartenanlage Neu-Amerika gibt es Unterstützung. Und doch sind noch Eskalationen zu erwarten.
Verteidigung eines Gartens ist ein Buch, das ich mit Interesse gelesen habe.
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