Autistische Menschen sind männlich, gut in Mathe und verrückt nach Zügen? Nicht unbedingt! Anhand ihrer eigenen Erfahrungen schildert die Autorin, wie überholte Stereotype und staubige Klischees dazu führen können, dass jene, die ihnen nicht entsprechen, oft jahrelang nicht herausfinden, warum sie „irgendwie anders“ sind und welchen Schaden das anrichten kann.Humorvoll, kritisch und schonungslos offen räumt sie mit falschen Vorstellungen auf, beleuchtet unterschiedliche Aspekte ihrer autistischen Veranlagung und erklärt, warum sich der Weg zur richtigen Diagnose lohnen kann.
„Mis(s)understood“ ist ein Plädoyer für mehr Akzeptanz und Offenheit gegenüber neurodivergenten Menschen und richtet sich an all jene, die einen neuen Blick auf das Thema Autismus wagen wollen – weil es sich nicht nur für Betroffene und deren Umfeld, sondern für unsere ganze Gesellschaft lohnen kann, wenn Neurodiversität als Chance begriffen wird.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Nina Niedereder hat, wie viele autistische Frauen, erst im Erwachsenenalter ihre Autismus-Diagnose erhalten. Viel zu verbreitet ist nach wie vor das stereotype Bild des männlichen Autisten wie Rain Man oder eines kleinen Professors, doch an Mädchen und Frauen wird bei dem Thema nach wie vor von vielen Menschen kaum gedacht, sodass viele weibliche Autistinnen und ihre Potenziale, Herausforderungen und Bedürfnisse unsichtbar bleiben.
Lange dachte man auch in der Fachwelt, dass Autismus hauptsächlich das männliche Geschlecht beträfe. Doch auch aufgrund von Bewusstseinsbildung, die aus der engagierten und auch durch das Internet weltweit immer besser vernetzten autistischen Community (die für sich das Recht einfordert, selbst für sich zu sprechen) selbst kommt, wächst langsam ein Verständnis dafür, dass auch viele Mädchen und Frauen betroffen sind. Diese werden nur von den an kleinen Buben ausgerichteten Diagnosekriterien oft nicht erfasst und maskieren außerdem aufgrund der geschlechtsspezifischen weiblichen Rollensozialisation noch einmal anders und oft stärker als Männer, spielen also erfolgreich, aber unter hohen Kosten, eine Rolle, um sich an die Erwartungen einer nicht-autismusfreundlichen Welt anzupassen, oft bis zum Zusammenbruch.
Auch die Autorin musste erst einmal viele Fehldiagnosen wie etwa Borderline ertragen, bis die korrekte Diagnose gestellt werden konnte. Nun hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, über autistische Menschen und ihre Bedürfnisse aufzuklären und zwischen den Welten zu vermitteln. Dabei ist ein humorvolles, interessantes, zugängliches und zugleich sehr informatives Buch entstanden. Aufbauend auf ihrer eigenen persönlichen Erfahrung sowie einer fundierten Recherche zum Thema Autismus geht die Autorin auf verschiedene autismusspezifische Besonderheiten des Erlebens in der Welt ein.
Besonders gut hat mir dabei gefallen, dass es sich bei ihrer Sicht - im Gegensatz zu den meisten immer noch verbreiteten Diagnoseinstrumenten - nicht um eine Außenperspektive, sondern um die Innensicht der Betroffenen handelt: es geht nicht darum, auf welche Art und Weise autistische Menschen allistischen (sogenannten "normalen"/neurotypischen Menschen) sonderbar erscheinen und wie sich das zeigt, sondern wie sich das Leben eines autistischen Menschen konkret im Alltag anfühlt: wie reizüberflutend und überfordernd diese Welt sein kann, wie unverständlich menschliche Kommunikation, die voll von Sarkasmus, Ironie, Lügen und Ungesagtem ist, wie nicht einfach nur autistische Menschen ein Problem mit der Einfühlung in andere haben, sondern das ein wechselseitiges Thema ist (Double-Empathy-Problem) und auch sie von neurotypischen Menschen oft genauso wenig verstanden werden wie umgekehrt, aber sich mit anderen Autistinnen und Autisten gut verstehen, und vieles mehr.
Sehr betroffen hat mich, wie die Autorin aufzeigt, wie sehr viele nach wie vor gängige Diagnose- und Therapiemethoden nur einen Blick von außen darstellen, die Perspektive der Betroffenen nicht berücksichtigen und diese nur einseitig an die Erwartungen der allistischen Welt anpassen wollen, oft zum Schaden der autistischen Menschen. Dazu bringt die Autorin etwa ein Beispiel von jugendlichen, nicht sprechenden Autisten mit normalen oder sogar überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten, mit denen manchmal immer noch gesprochen und umgegangen werde, als ob sie kleine Kinder seien, nur weil sie sich nicht mündlich äußern würden.
Geschickt spielt die Autorin im Titel und auch in den Kapiteln mit jeweils zwei Perspektiven auf ein Thema: einerseits geht es darum, zu wie vielen Missdiagnosen, Missverständnissen usw. es kommen kann und wie man autistische Menschen mit ihren Herausforderungen besser verstehen kann.
Andererseits zeigt sie auch auf, welche spezifischen Qualitäten und einzigartigen Perspektiven auf die Welt autistische Menschen haben können und stellt darauf aufbauend viele Ideen vor, wie man eine Welt gestalten könnte, die vielleicht nicht nur für Autistinnen und Autisten, sondern auch für viele andere eine lebenswertere wäre, etwa mit Ruhezonen, mehr Toleranz bezüglich individueller Kleiderwahl, mehr Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die Kommunikation, stärkere Verbreitung von Homeoffice für alle, die es sich wünschen und brauchen, Reduktion von Großraumbüros und vieles mehr. Dabei zeigt sich, dass vieles, was autistischen Menschen gut tun würde, auch anderen, die zum Beispiel hochsensibel oder auch einfach nur überlastet von ihrem Alltag sind, sehr entgegen kommen könnte.
Insgesamt ist es ein Buch, das aufzeigt, mit welchen Herausforderungen und welchem Nicht-Verstanden-Werden viele autistische Menschen im Alltag zu kämpfen haben und dass die meisten davon tatsächlich gar nicht mit ihrer Neurodivergenz an sich zu tun haben, sondern daraus resultieren, dass sie in einer Welt leben müssen, die überhaupt nicht an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Damit sensibilisiert es auf äußerst wertvolle Art und Weise dafür, was wir alle - autistisch oder nicht - konkret machen könnten, um eine freundlichere Umgebung zu gestalten, in der möglichst viele Menschen ihr Leben genießen und ihre Potenziale entfalten können.
Allen, die sich für einen modernen, innovativen und speziell weiblichen, inklusiven Blick auf Autismus, aber auch weit darüber hinaus auf das Thema Individualität und Ideen für eine bessere Welt, interessieren - ob Betroffene, Angehörige, Freundinnen und Freunde, Fachkräfte im psychosozialen, therapeutischen und medizinischen Bereich, aber besonders auch Politikerinnen und Politiker sowie Entscheidungsträger in Unternehmen - möchte ich dieses wertvolle, leicht zugängliche und humorvolle geschriebene und dabei äußerst informative Buch wärmstens ans Herz legen und eine Leseempfehlung dafür aussprechen!
S.W.
aus Wien
4/5
22.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Autismus besser verstehen
Nina Niedereder ist autistisch und beschreibt in ihrem Buch, wie es ist mit der Diagnose zu leben. Sie schreibt über ihre Schwierigkeiten und was ihr in bestimmten Situationen hilft, bzw. helfen würde, wenn unsere Welt Neurodivergenz-freundlicher wäre. Das Buch hat mir geholfen, sowohl mich, als auch meine Tochter besser zu verstehen und uns in dem einen oder anderen wiederzuerkennen. Was mir besonders gut gefallen hat, war die Auflistung am Schluss, wie man die Welt für Autisten reizärmer gestalten könnte (was auch neurotypischen Menschen zugute kommen würde). Außerdem hat man noch einmal alle Wörter in Bezug auf Neurodivergenz gesammelt erklärt. Das Buch ist eine Empfehlung für alle, die selbst autistisch sind oder die Welt der Autisten verstehen wollen.
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