Benetzko im Riesengebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hier wachsen zwischen Regimewechseln und verheerenden Kriegen auch Zdenka und Anežka auf. Die eine tschechisch, die andere deutsch, werden sie beide eigensinnige Frauen, die im Laufe der Jahrzehnte mit so einigem kämpfen und hadern – wildernden Männern, keifenden Schwiegermüttern, desertierenden Kindern oder ihren Nationalitäten – und vieles verlieren, aber niemals ihre Freundschaft.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Ingrid
aus Düsseldorf
5/5
07.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Üppige Familien- und Zeitgeschichte
In ihrem Roman „Geteiltes Haus“ erzählt Alice Horáčková ein Stück Geschichte des Sudetenlandes, mit dem ihre eigene Familie eng verbunden ist. Die Handlung erstreckt sich vom Beginn des vorigen Jahrhundert an bis 1948 und spielt hauptsächlich in der kleinen Gemeinde Benetzko im westlichen Riesengebirge, am Westabhang des Heidelbergs. Während die politischen Zugehörigkeiten wechselten, lebten Tschechen und Deutsche Seite an Seite, lachten und weinten miteinander, heirateten untereinander und und gerieten ebenso häufig über vermeintliche oder tatsächliche Vorrechte aneinander.
Benetzko ist die Heimat des Vaters der in Prag geborenen Autorin. Da er nur wenig über seine Kindheit und Jugend erzählte, machte Alice Horáčková auf die Suche nach weiteren lebenden Verwandten, um mehr über ihre familiären Wurzeln zu erfahren. Im Rahmen einer umfangreichen Recherche sichtete sie Dokumente in Archive, bereiste die Gegend und sprach mit den Menschen vor Ort. Die Figuren ihres Romans sind fiktiv, tragen jedoch Eigenschaften und Wesenszüge, die von denen ihrer Familienmitglieder inspiriert sind.
Als die Tschechin Zdenka Honců und die Deutsche Anežka Braun sich als Kinder anfreunden, ahnen sie noch nicht, dass sie später beide in die Familie Hollmann aus Benetzko einheiraten werden. Obwohl ihre Ehemänner Brüder sind, unterscheiden sie sich in ihren Lebenszielen und ihrer Weltanschauung. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie ihre Haltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder daran ausrichten, welchen persönlichen Vorteil sie daraus ziehen können. Allerdings trägt auch ein Portion Glück zum Gelingen ihrer Anliegen bei.
Eine wichtige Rolle im Roman nimmt auch der Lehrer der tschechischen Schule im Ort ein. An seiner Anstellung und seines Ansehens lassen sich die Veränderungen im politischen Geschehen nachvollziehen. Zu ersten größeren Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Nordböhmens kommt es zu Beginn der ersten Tschechoslowakischen Republik im Herbst 1918. Das Münchner Abkommen, das eine Angliederung an das Deutsche Reich vorsah, führte zu Ressentiments gegenüber den Tschechen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hingegen die vorige Ordnung wieder hergestellt und die deutschsprachigen Bewohner vertrieben.
Alice Horáčková gestaltet ein lebendiges Miteinander der Einwohner im Randgebiet Böhmens, statt auf historische Daten zu schauen. Es finden sich wenige Geschichtszahlen im Text, die Handlung spricht für sich. Der Erzählstil der Autorin umfasst üppig ausgestaltete Szenen im Wandel der Zeiten, die Bilder im Kopf entstehen lassen, sodass man sich beinahe mitten im Geschehen wähnt. Sie schildert den Alltag, die beruflichen Verrichtungen, gleichwohl auch Gedanken der Hauptfiguren über ihre Mitmenschen und aktuellen Entwicklungen. Dabei eröffnet sie immer wieder neue Perspektiven auf die Personen und ihre Lebensumstände, sodass die Geschichte facettenreich und abwechslungsreich bleibt. Eine Vielzahl der auftretenden Personen ist unumgänglich, wobei die wichtigsten Figuren am Ende des Buches in einem Überblick zusammengestellt sind. Es hat mir gefallen, dass manches Kapitel mit einer kleinen Ausblick auf die Zukunft einer Person endet, von der diese noch nichts ahnt.
„Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková ist nicht nur ein Roman, der auf wahren Familienereignissen der Autorin beruht, sondern zugleich auch eine Dokumentation des Geschehens im Sudetenland in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Die Autorin zeigt, wie eng persönliche Lebenswege mit den politischen Umbrüchen ihrer Zeit verbunden sind und wie schwierig es für die Menschen sein konnte, zwischen nationaler Zugehörigkeit, persönlichen Überzeugungen und eigenen Interessen ihren Weg zu finden Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.
Bewertung
5/5
30.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Historischer Familienroman
Mit knapp 750 Seiten ist Geteiltes Haus ein umfangreicher Familienroman, der mich in seiner Anlage an Thomas Manns Buddenbrooks erinnert. Im Mittelpunkt stehen mehrere Familien, deren Beziehungen sich über Jahrzehnte hinweg entwickeln und sich durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts von Freundschaft zu Feindschaft verändern.
Besonders beeindruckt hat mich, wie eindringlich die Autorin das Leben der Menschen an der deutsch-tschechischen Grenze schildert. Sie zeigt, wie unterschiedlich die Identitäten der Bewohner waren und wie Nationalität, Politik und Krieg selbst engste Beziehungen zerstören konnten. Gerade die historischen Hintergründe machen deutlich, wie tief die Konflikte in den Alltag der Menschen eingriffen und welche tragischen Folgen selbst kleine Entscheidungen haben konnten.
Dass der Roman auf wahren Begebenheiten sowie auf umfangreichen Recherchen basiert, verleiht der Geschichte eine besondere Authentizität. Die historischen Ereignisse sind glaubwürdig und nachvollziehbar in die Handlung eingebunden. Auch der Sprachstil hat mir sehr gefallen: Er ist klar, angenehm zu lesen und die deutsche Übersetzung wirkt durchweg gelungen.
Allerdings ist das Buch aufgrund seines Umfangs und der Vielzahl an Figuren und Zeitebenen stellenweise etwas schwerfällig. Manche Abschnitte ziehen sich etwas in die Länge. Dennoch gelingt es der Autorin immer wieder, durch bewegende Schicksale und spannende Wendungen das Interesse aufrechtzuerhalten.
Insgesamt ist Geteiltes Haus eine eindrucksvolle und bewegende Familiensaga, die nicht nur unterhält, sondern auch ein wichtiges Stück deutsch-tschechischer Geschichte lebendig werden lässt. Wer historische Familienromane mit viel Tiefgang schätzt, wird an diesem Buch seine Freude haben.
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
23.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Freundschaft, die stärker ist als jede Grenze
Manchmal schlägt man ein Buch auf und denkt: Na super, knapp 900 Seiten, das wird ein Kaffee. Geteiltes Haus ist genau so ein Wälzer, bei dem man Respekt vor der Seitenzahl hat. Trotzdem hat mich Alice Horáčková schnell in dieses Dorf im Riesengebirge gezogen.
Im Mittelpunkt stehen Zdenka und Anežka, deren Freundschaft selbst dann nicht zerbricht, als Politik, Krieg, Herkunft und Familie dazwischenfunken. Gerade diese Freundschaft hat mich erwischt. Sie wirkt nicht kitschig, sondern wie das echte Leben: Man kann sich aneinander reiben und trotzdem füreinander da sein.
Spannend fand ich, wie die großen historischen Umbrüche plötzlich am Küchentisch sitzen. Nationalität wird zur Frage, die Familien spaltet, Entscheidungen haben Konsequenzen und aus Nachbarn können Gegner werden. Das bleibt.
Ein kleiner Haken bleibt: Die vielen Figuren und Perspektivwechsel verlangen Aufmerksamkeit, und zwischendurch nimmt sich die Geschichte mehr Zeit, als mein innerer Ungeduldsheini wollte. Dafür bekommt man eine atmosphärische Familiengeschichte mit Ecken, Kanten und Gewicht.
Hanna (text.reisen)
5/5
11.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine packende Familiengeschichte
Wer Familiengeschichten mit politischem Unterton mag, sollte dieses Buch auf jeden Fall lesen!
Die Geschichte spielt im deutsch-tschechischen Grenzgebiet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen einerseits Zdenka und Anežka, deren Briefwechsel auch den Rahmen für die Erzählung bildet, andererseits aber auch die drei Hollmann-Brüder Emil, Vinzenz und Hans. Die Autorin zeigt so nicht nur weibliche Lebensrealitäten in schwierigen politischen Situationen auf, sondern auch wie sich die zwei Weltkriege sowie der aufkommenden Nationalsozialismus ganz unterschiedlich auf den Werdegang der Männer auswirken. Die Kapitel sind kurz und prägnant, laden dabei aber immer zum Weiterlesen ein, so dass ich dieses doch recht umfangreiche Buch wie im Nu durchgelesen habe; auch die große Zahl an Figuren macht es sehr abwechslungsreich und ermöglicht es viele unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen kennenzulernen. Besonders gut gefallen hat mir, wie feinfühlig und nuanciert die Autorin vorführt, wie sich Nationalismus und Patriotismus vor allem in einem Grenzgebiet ad absurdum führen und auch Konflikte innerhalb der Familie verursachen. Nachdem ich an einer vom Diogenes Verlag organisierten Online-Lesung mit Alice Horáčková teilgenommen habe, in der sie u. a. über ihre Recherchearbeit und die Inspiration durch ihre eigene Familiengeschichte gesprochen hat, konnte ich die erzählte Geschichte sogar noch mehr wertschätzen. Keine Wunder, dass sie so authentische wirkt und mich tatsächlich auch sehr berührt hat. Ganz große Leseempfehlung!
leukam
aus Baden-Baden
5/5
10.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tschechisch-deutsche Geschichte erlebbar gemacht
Der Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr führt dazu, dass über hundert tschechische Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Das ist erfreulich, denn so können deutsche Leser und Leserinnen viele literarische Entdeckungen machen. Eine davon ist dieses wunderbare Epos, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen.
Die 1980 geborene tschechische Autorin Alice Horáčková hat die Geschichte ihrer Vorfahren zu einem äußerst lesenswerten Schmöker - im besten Sinne des Wortes - verarbeitet. Dafür hat sie an die zehn Jahre recherchiert, in Archiven, in Gemeinde- und Pfarrchroniken, und mit Zeitzeugen gesprochen
Die Handlung erstreckt sich über fünf Jahrzehnte, von der K.-u.-K.-Monarchie bis Ende der 1940er Jahre. Schauplatz ist vorwiegend das kleine Bergdorf Benetzko im westlichen Siebengebirge, im tschechisch - deutschen Grenzgebiet. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung im Dorf sind Deutsche.
Jahrhundertelang lebten Deutsche und Tschechen friedlich zusammen. Doch nach dem Niedergang der Habsburger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kommt es zu ersten Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen. Mit der Annexion des Sudetenlandes 1938 durch die Nationalsozialisten beginnt die brutale Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung. Die rächt sich nach der Befreiung 1945, in dem sie mehr als drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertreibt.
Das ist der historische Hintergrund, vor dem dieser Roman spielt.
Im Zentrum stehen die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka, die eine ist Tschechin, die andere Deutsche, beide wachsen hier zusammen auf. Die Freundschaft der Frauen überdauert Krisen, Krieg und Vertreibung, auch persönliche Differenzen. Zu einer ersten Bewährungsprobe kommt es, als Anežka Hans Hollmann heiratet, den Mann, den Zdenka schon lange liebt und von dem sie ein Kind hat. Zdenka heiratet daraufhin Vinzenz Hollmann, einen Bruder von Hans.
Neben den beiden eigenwilligen Frauen und der Hollmann-Sippe bevölkern noch zahlreiche andere Figuren den Roman, so z.B. der neue tschechische Dorflehrer Alois Tomek, der an einer Dorfchronik arbeitet.
Gerade weil die Autorin ihren Fokus auch mal weg von den Hauptfiguren lenkt, bekommt man einen sehr detaillierten und vielfältigen Eindruck der Verhältnisse.
Interessant ist vor allem, ob und wie sich die Charaktere unter dem Einfluss der NS-Herrschaft verändern. Da gibt es die strammen Mitläufer wie Vinzenz oder die Nutznießer wie Hans, der von den neuen Verhältnissen finanziell profitiert. Er ist der typische Opportunist, der die Gunst der Stunde nutzt.
Das gesamte dörfliche Gefüge zerbricht unter den veränderten Bedingungen. Menschen, die zuvor friedlich miteinander gelebt hatten, werden plötzlich zu Feinden. Ein Riss geht nicht nur durch das Dorf, sondern spaltet auch die Familien.
Die Autorin entfaltet ihre Geschichte auf beinahe 900 Seiten, von denen mir keine zu viel war. Sie erzählt linear und chronologisch, in zahlreichen kurzen Kapiteln, die unterschiedlichen Figuren folgen. Eingerahmt wird die Handlung von einem Briefwechsel zwischen den beiden Freundinnen. Anežka schreibt aus Bayern, wohin sie vertrieben wurde an Zdenka, die noch immer in Benetzko lebt.
Alice Horáčková erzählt anfangs von den dörflichen Strukturen, vom Alltag der Dorfbewohner, von den Sitten und Gebräuchen, von alten Mythen und natürlich von den Eigenheiten der Charaktere und ihren Beziehungen untereinander. Dabei gelingt es ihr, alle Fäden souverän in der Hand zu behalten und nie die Übersicht über ihr großes, fein herausgearbeitetes Figurenensemble zu verlieren. Hilfreich für den Lesenden ist das angehängte Personenverzeichnis, das man aber nur anfangs benötigt. Die Charaktere werden so plastisch und lebendig beschrieben, dass man mit Interesse und Empathie ihre Lebenswege verfolgt.
Im Laufe der Handlung wird aber das Poltische immer bedeutsamer und hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Figuren. Die Autorin macht diese historischen Veränderungen immer auf der persönlichen Ebene erfahrbar. Da wirkt nichts dozierend oder aus Wikepedia abgeschrieben, sondern alles wird organisch in die Schicksale der Figuren eingebunden.
Fazit:
„Geteiltes Haus“ ist ein detailreicher, unterhaltsamer Roman, der gekonnt Privates mit Politischem verknüpft und dabei ein wichtiges Kapitel tschechisch - deutscher Geschichte lebendig werden lässt.
Gleichzeitig zeigt uns das Buch lehrstückmäßig , wie innerhalb einer Gemeinschaft plötzlich das Trennende bestimmend wird, so dass ein friedvolles Zusammenleben unmöglich ist.
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5/5
23.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die schwierige Tschechisch-Deutsche Geschichte
Dieses Jahr ist Tschechien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Gerade rechtzeitig wurde neu ein Buch ins Deutsche übersetzt, das die Tschechisch-Deutsche Geschichte in der Zeit zwischen der K.-und-K.-Monarchie und dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschreibt. In diesem Roman erzählt die tschechische Autorin Alice Horáckova eine tschechisch-deutsche Familiensaga aus dem Riesengebirge über drei Generationen hinweg, basierend auf einer wahren Geschichte. Dieser außergewöhnlich gute und lehrreiche Roman, der sowohl die tschechische als auch die "sudetendeutsche" Sicht beleuchtet, beweist am Ende, dass Freundschaft wichtiger ist, als das Festhalten an Nationalitäten. Sehr lesenswert!
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5/5
17.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nationalismus und seine Folgen
Dies ist eine Geschichte der Bewohner des Dorfes Bentezko im Riesengebirge im Sudetenland. Zu Beginn sind die deutsch- und tschechischstämmigen Bewohner Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie und sie leben mehr oder weniger friedlich mit den üblichen Vorurteilen miteinander. Das ändert sich nach dem Ersten und vor allem mit Beginn des Zweiten Weltkriegs. Auf beiden Seiten bricht sich der Nationalismus Bahn und es wird der Hass auf die "Anderen" geschürt, Lügen verbreitet, Menschen willkürlich verhaftet. Die Autorin erzählt das Schicksal zweier Familien vor dem Hintergrund der Weltgeschichte. Ein beeindruckendes Buch
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